Aarau 2000 (AT Verlag, Schweiz)
Wie sesshafte Pflanzervölker und Hackbauernkulturen anderswo in der Welt waren auch die vorindoeuropäischen Kulturen eher mutterrechtlich organisiert. (32)
Hirtenvölker wie die Urkelten und ihre indoeuropäischen Verwandten sind dagegen fast durchwegs vaterrechtlich organisiert. Die Erbfolge geht durch die männliche Linie, Frauen ziehen ins Lager ihrer Ehegatten. Das (…) ist eine ökologische Anpassung an die Bedürfnisse der Tierherden(...). (34)
Für die Pflanzervölker ist die Sonne oft (...) eine Frau, ein mütterliches Wesen. Für die Hirtenvölker dagegen ist die Sonne ein Krieger, (...).
Für den Indoeuropäer war das Pferd, dem er seine Siege und Eroberungen zu verdanken hatte, das heiligste Tier. (35)
Für die Kelten ist Eisen absolut heilig. Es vertreibt Feinde und feindlichen Zauber. (...)
Ein Hufeisen über der Tür gehängt, fängt das Glück auf oder schüttet es herab. Eisen vertreibt auch die Pflanzengeister - Heilpflanzen wurden deswegen sine ferrum (ohen Eisenwerkzeuge) gesammelt. (36-37)
Auf diese Weise entstand allmählich im Laufe der frühen Eisenzeit - der Hallstattzeit zwischen 800 und 500 v.u.Z. - in Mitteleuropa und dann später im Balkan, in Frankreich, Nordspanien, Norditalien und Britannien jene Bauernkultur, die mehr oder wenige bis in die Neuzeit, bis zur industriellen Revolution, das Gesicht unserer Landschaft prägte. Erst von der Hallstattzeit an kann man von wirklichen Kelten sprechen. Erst durch die Synthese der matrifokalen Ureinwohner und der Indoeuropäer entsteht die ländliche europäische Volkskultur mit ihren unverkennbaren Zügen. (40)
In den Gebirgsregionen trieben die Kelten im Sommer ihre Rinder auf die Hochweide: Alp oder Alm sind ursprünglich keltische Worte, wie auch das Wort für den Melker, den Senn. (43)
Im Gegensatz zur biblischen Schöpfungsgeschichte treten Mann und Frau gleichzeitig und gleichrangig aus dem Stamm des Weltenbaums hervor. Diese grundsätzliche Gleichheit zeigt sich auch darin, dass beide, Mann und Frau, eine Mitgift in die Ehe einbrachten. (46)
In der späteren Eisenzeit. der La-Téne-Zeit, verlief die südliche Grenze der germanischen Stämme entlang der Linie Holland-Leipzig-Breslau. (...)
Mit dem Zusammenbruch des römischen Imperiums kam es zur Völkerwanderung. Die Germanen, die ihrerseits dem Druck wandernder slawischer Völkerschaften ausgesetzt waren, drängten weiter nach Süden und überlagerten die romanisierten keltischen Restvölker. (58)
Das heutige Europa kennt keine sauber getrennten Völker oder Rassen, (...). Man kann nur grob sagen, gegen Norden nimmt das germanische Element zu, gegen Osten das slawische und baltische, gegen Westen das keltische und gegen Süden das romanische. (59)
Aus dem heiligen Wald, aus den Bäumen sind - nach keltischer Auffassung - die ersten Menschen entstanden, der Mann aus der Eberesche, die Frau aus der Erle (bei den Nordgermanen waren sie aus der Esche und der Ulme hervorgegangen). (66)
Der Wald ist also Vater und Mutter der Druiden und ihrer Weisheit. (68)
Ähnlich wie die US-Regierung die Büffelherden der weiten Prärie vernichten ließ, um der indianischen Urbevölkerung die physische und spirituelle Lebensgrundlage zu nehmen, so zerstörten römische Imperialisten und später die kirchlichen Glaubensfanatiker den Wald als Träger der keltischen Spiritualität. (70)
Zudem ist die Eiche der Baum des Königs, unter dem er bei wichtigsten Stammesangelegenheiten und Ratsversammlungen seinen Sitz nahm, so dass die Götter durch ihn reden konnten. (72)
In der taufrischen Dämmerung des frühen Morgens, wenn die Nacht noch nicht ganz verflogen, der Tag noch nicht voll angebrochen ist, wenn die Vögel beginne, die aufgehende Sonne mit ihrem fröhlichen Gezwitscher zu begrüßen, dann ist die beste Zeit, Leben bringende Heilkräuter zu pflücken. (73)
Die dünne Mondsichel ist sozusagen ein himmlisches Zeichen, dass die Kräuter geschnitten werden können. Heilkräuter wurden keinesfalls bei Vollmond gesammelt, (...).
Bei Vollmond nicht die wägbare Masse, die Wässrigkeit, der Pflanzen zu; (74)
Kräuterkunde ist kein aktiv erkämpftes Wissen. Es wird empfangen. Es ist eine Gabe ein Geschenk der Anderswelt. Es kann nicht gegen den Willen der Göttin mit Gewalt erobert und in Besitz genommen werden. (118)
Kräuterkunde ist feminin, weil das Finden und Sammeln von Nahrungs- und Heilpflanzen während der Steinzeit - die immerhin 98 Prozent unserer Entwicklungsgeschichte als Menschen ausmacht - Frauenangelegenheit war, ebenso wie der Umgang mit Tieren, das Jagen und Töten Männersache war. Das soll aber nicht bedeuten, dass nur Frauen Kräuterkunde betreiben dürfen. Ach Männer können weibliche Intuition entwickeln. (119)
Ein Aufguss von Klettenlabkraut hilft, Harngrieß und Nierensteine auszuscheiden, und erweist sich als günstig bei Harnwegsinfektionen. Als Blutreiniger regt der Tee die Lymphgefäße an, Gifte und Abfallstoffe auszuscheiden, und ist ein wirksames Diuretikum bei Psoriasis, Ekzemen, Arthritis und Skrofeln. Bei Lymphdrüsenkrebs hilft der Tee als Unterstützungstherapie. John Gerhard (1596) berichtet, dass die Engländerinnen Klettenlabkraut kochten, um eine gute Figur zu behalten und abzuspecken. (127)
Überall, wo der würzige Korbblütler (Beifuß) wächst, wird er als Frauen- und Geburtskraut hoch geschätzt. Artemisia ist Bestandteil der weiblichen Mysterien in Eurasien und Nordamerika. Eine Abkochung wurde benutzt, um eine verzögerte oder ausbleibende Menstruation in Gang zu bringen. Somit war das der Götting (Holle, Brigit, Artemis) geweihte Beifußkraut ein Mittel der Geburtenregelung. (132)
In der heutigen Phytotherapie wird die Wegwarte zur Entgiftung das Leber und Bauchspeicheldrüse verwendet. Durch Kationenbindung bindet Wegwarte Schwermetalle (...), so dass diese Stoffe in geringeren Mengen ins Blut gelangen und leichter ausgeschieden werden. Das gilt auch für den Zichoriensalat (...). (137)
Der Purpurweiderich enthält das Glykosid Salicarin, das eine antibakterielle Wirkung im Darm entwickelt (...). In der Volksheilkunde galt die rot-purpurne Blüte schon immer als Signatur der blutstillenden Kraft der Pflanze. Wegen der reichlich vorhanden Gerbsäure ist sie tatsächlich ein gutes Hämostatikum für frische Wunden und innerlich ein Mittel bei Druchfall, Ruhr, Thyphus, bei Blut- und Schleimfluss aus dem Darm und bei Darmentzündung. Dafür wurde seit dem Altertum die Wurzel verwendet. (139)
Im Gegensatz zu unseren Stunden waren die keltischen Stunden beweglich. Bei Sonnenuntergang oder, genauer, in dem Augenblick, in dem der Flug der Schwalben dem der Fledermäuse weicht, ist das nächsten Tages Beginn. (143)
Zu Halloween (engl. = heiliger Abend, Allerheiligen) dem Abend vor dem Samainfest, hebt sich der Nebel, die Menschen können die Eingänge zu den Feenhügeln finden. Eine Gans als Zeichen des magischen Flugs der Seele wird geopfert und mit dem würzigen Beifußkraut geweiht. (...) Kerzen werden angezündet und als Wegleuchte für die Geister in ausgehöhlte Kohlrüben gesteckt, in die man eine Fratze geschnitzt hat. In jüngster Zeit wurden sie durch die viel größeren gelben aus Amerika stammenden Kürbisse ersetzt. (147)
Zwölft Nächte dauerte das Wintersonnwendfest. In diesen Rauch- oder Rauchnächten wurden Haus und Stall mit duftenden, Heil bringenden Kräutern - Beifuß, Wachholder, Mariengras, Tannenharz - ausgeräuchert. (150)
Am Vorabend zum letzten der zwölft Tage hielt man in England ein Zechgelage (...) An dem Tag wurde ein Kuchen gebacken, in dem ein Bohne [Acker- Saubohne!] versteckt war. Wer das Stück mit der Bohne bekam, wurde zum Bohnenkönig gekürt und herrschte mit närrischem Regiment. Es wurden dumme, dreiste, obszöne Bohnenlieder gesungen und ein orgiastisches Bohnenfest gefeiert. (151)
Die keltischen Pflanzen der Wintersonnenwende sind Mistel, Stechpalme und Beifuß, auf die wir später zu sprechen kommen. Die Tanne, dieser immergrüne, harzgetränkte Lichtbaum, untet dem wir noch heute die Krippe mit dem Christ-(Sonnen-)Kind aufstellen, ist der Baum dieser Weihenächte. (152)
Bei den nordeuropäischen und sibirischen Stämmen reinigte man sich in Schwitzbädern und schlug den Körper mit Birkenruten. Die Birke ist der Baum der Lichtgöttin und steht für jeden Neuanfang. (...) Das Schneeglöckchen (...) ist das Lichtmessblümchen. (153)
Das Mittsommerfeuer war ein Freuden- und Dankesfeuer, vor allem aber war es ein Heidenspass, eine Zeit der Liebe und des Rausches. (...) Erst spät im Mittelalter wurde der Sinn des Johannifeuers als Abwehr gegen böse Dämonen umgedeutet. (161)
Der rotbackige Apfel ist wie nichts anderes das Zeichen dieser Zeit. Der Apfel gehört dem zur Neige gehenden Jahr. Er ist die Frucht des Westens, des Sonnenuntergangs. Die Apfelernte steht symbolisch für die Lebensernte. Die Frucht weist in die Anderswelt, in das Apfelland, welches die Kelten Avalon nannten. Äpfel und Haselnüsse, die nun geerntet werden, weisen als Totenspeise in die nächste Pahse des Zyklus. (168)
Was wir brauchen, sind nicht gekünstelte Systeme, sondern der direkte Zugang zur Natur. Das rustikale keltische oder steinzeitliche Stammesleben ist längst wieder in die Traumzeit verschwunden, aber auch als Großstädter können wir täglich beobachtende Naturspaziergänge unternehmen. (183)
Die Hagedornhecke hinderte das Eindringen reißender Wölfe, Bären und andere wilder Tiere ebenso wie der wilden Männer und Frauen, die noch als Wildbeuter im Urwald lebten. (186)
Der Tee [Weißdorn] aus getrockneten Blättern, Blüten und den roten Beeren wirkt vorbeugend oder als Heilmittel bei degenerativen Herzkrankheiten. (...) Der Tee ist ohne Nebenwirkungen und kann über Jahre hinweg genommen werden. (193)
Wegen der kräftigen, geraden Stecken und Pfosten, die sich aus dem Strauch schneiden lassen, und vor allem wegen der nahrhaften Nüsse, ist die Haselstaude eines der wichtigsten einheimischen Heckengehölze. Aber nicht nur deswegen. Die Kelten waren überzeugt, dass das Haselgehölz auch Schutz gegen die chaotischen Kräfte und Energien des Jenseits - gegen Blitzschlag, Feuer, Schlangen, wilde Tiere, Krankheiten und bösen Zauber - bietet. (194)
Kein Wunder, dass die Nonne Hildegard von Bingen nicht sonderlich gut auf die Hasel zu sprechen ist: Der Haselbaum ist ein Sinnbild der Wollust, zu Heilzwecken taugt er kaum - se sei denn als Mittel gegen Impotenz. Bei Kinderlosigkeit wurde damals ein Haselzweig über das Bett der Eheleute gehängt, (...). (205)
Nach keltischer Auffassung liegt es im Wesen der Haselstaude, dem Menschen beim Finden des richtigen Lebenspartners behilflich zu sein. (208)
Die modernere Phytotherapie kennt die Blütenkätzchen [der Hasel], die schon im frühesten Frühjahr blühen, als schweißtreibendes Mittel. (211)
Aus den zur Sommersonnwende gesammelten Blüten [des Hollers] brauten die Großmütter einen das Immunsystem stärkenden, schweiß- und harntreibenden Tee, der bei Grippe, Erkältung, Rheuma, Masern und Scharlach getrunken wurde. (221)
Die Wände der keltischen Häuser bestanden aus Weidenflechtwerk: Wie beim Korbflechten wurden die biegsamen Weidenruten um aufrecht gestellte Haselstäbe gewunden und dann mit Lehm verschmiert. (230)
Weidenrinde wurde bei kalten Siechtümern verwendet, bei Erkältungen, Grippe, Kopfweh, Rheuma, Hexenschuss, Gicht, Arthritis und auch als Mittel zum Gurgeln bei Mandelschwellungen. (236)
Tatsächlich gilt die Weide in der modernen Phytotherapie als schmerzstillend, fiebersenkend, entzündungshemmend, blutverdünnend, desinfizierend sowie entwässernd (schweiß- und harnteibend). (237)
Es heißt in der Sage, dass die runde Tafel, um die König Artus, der legendäre Herrscher der Inselkelten, seine Ritter versammelte, aus dem Stamm einer einzigen Eiche geschnitten war. Dieser Eichentisch ist sozusagen das Urbild des Stammtisches, (...). (242)
Der Tee aus getrockneten Beeren [Vogelbeeren] ist ein hervorragendes Mittel bei Lymphflussstörungen. Dazu Heinz Knieriemen: Das wichtigste Heilmittel bei Lymphflussstörungen, Lymphödemen und lymphatischen Anschwellungen, häufigen Begleiterscheinungen verschiedener Grunderkrankungen, die das Immunsystem herausfordern, ist jedoch die Vogelbeertinktur. (...) Zur Herstellung werden die frisch gesammelten und getrockneten Vogelbeeren mit 70% Trinkalkohol bedeckt und nach etwa 3 Wochen abgepresst und filtriert. Der Blütentee wirkt im Frühjahr reinigend und aufbauend. (274)
Auch die alten trafen sich unter der Dorflinde, um zu plaudern, sich zu beraten und - wenn notwendig - Dorfgericht zu halten. Die Linde verhält sich zur Eiche wie die Frau zum Mann oder, wie die Chinesen sagen würden, wie Yin zu Yang. (287)
Zusammen mit der Weide, Erle und dem Holunder ist die Pappel einer der Hexen- und Totenbäume. Die Knospen dieses als besonders magisch geltenden Baumes kamen auf jeden Fall mit in die Hexensalben. (290)