Matthes & Seitz, Berlin 2008, 1. Band der Werkausgabe
Warlam Schalamows versammelt in diesem Buch über 30 Erzählungen, die zum Teil nur wenige Seiten umfassen. So wie Herta Müller in ihrer "Atemschaukel" hat auch Schalamov eine eigene Sprache erschaffen, um den grausamen Lageralltag in Worte zu fassen. Neben vieler absolut schrecklicher Episoden beschreibt er aber auch in faszinierender Art und Weise die Natur in der extremen Landschaft Sibiriens.
- "Da, sagte Bagrezow. Er hatte einen menschlichen Zeh berührt. Ein großer Zeh schaute aus den Steinen hervor - im Mondlicht war er genau zu sehen. Der Zeh sah anders aus als Glebows oder Bagrezows Zehen, nicht, weil er steif und leblos war - da war der Unterschied gering. An diesem toten Zeh waren die Nägel geschnitten, und er war fleischiger und weicher als Glebows Zeh. Sie warfen schnell die Steine beiseite, mit denen der Leichnam bedeckt war. Noch ganz jung, sagte Bagrezow. Mit Mühe zerrten sie die Leiche zu zweit an den Beinen heraus.Ist der schwer, sagte Glebow keuchend.Wenn er nicht so schwer wäre, sagte Bagrezow, hätten sie ihn so beerdigt wie uns, dann hätten wir gar nicht herkommen brauchen." (20/21)
- "Über Nacht bekamen wir unsere Steppjacken nicht trocken, die Blusen und Hosen trockneten wir nachts am eigenen Körper, und sie wurden fast trocken. Ausgehungert und erbitter, wußte ich doch, daß mich nichts auf der Welt veranlassen würde, mich umzubringen. Gerade damals erschloß sich mir auch das Wesen des großen Lebensinstinktes - eben jener Eigenschaft, die der Mensch in höchstem Grade besitzt. Ich sah, wie unsere Pferde von Kräften kamen und starben - ich kann es nicht anders ausdrücken, keine anderen Verben benutzen. Die Pferde unterschieden sich in nichts von den Menschen. Sie starben am Norden, an der die Kräfte übersteigenden Arbeit, der schlechten Kost und den Schlägen. und obwohl sie von all dem tausendmal weniger abbekamen als die Mensche, starben sie vor den Menschen. Und ich verstand das Wichtigste, daß der Mensch nicht darum zum Menschen geworden ist, weil er Gottes Geschöpf ist, und auch nicht, weil er an jeder Hand einen bemerkenswerten Daumen hat. Sondern weil er physisch kräftiger und zäher war als alle Tiere, und später dann, weil er seine geistige Seite erfolgreich dazu nutzte, der physischen Seite zu dienen." (41)
- "Der gefallene Schnee war längst vom Wind verweht. Das kalte bereifte Gras fühlte sich rutschig an und wechselte bei der Berührung einer menschlichen Hand die Farbe. Auf den Erdhöckern erstarrte die niedrige Berghagebutte, ihre dunkelvioletten gefrorenen Früchte waren von erstaunlichem Aroma. Noch schmackhafter als die Hagebutte war die Preiselbeere, vom Frost berührt, überreif, graublau .... An kurzen geraden Zweiglein hingen Heidelbeeren, von einem kräftigen Dunkelblau, runzlig wie ein leeres Lederportemonnaie, doch noch immer voller dunklem, blauschwarzem Saft von unbeschreibbarem Geschmack.
In dieser Zeit, wenn sie Frost bekommen, unterscheiden sich die Beeren sehr von den Beeren der Reife, den Beeren der saftigen Zeit. Ihr Geschmack ist wesentlich feiner." (84) - "Das Gesicht des Ehrengastes hatte einen gelangweilten Eindruck, doch mit jedem Gläschen Wodka (als Russe noch dazu aus dem Norden, nahm der Ehrengast keine anderen Spirituosen zu sich) belebte es sich immer mehr, und der Gast schaute immer öfter die medizinischen Damen an, die ihn umgaben, und mischte sich immer häufiger in die Gespräche ein, die bei Ertönen seines brüchigen Tenors unweigerlich verstummten.
Als der Stimmungspegel die gebührende Höhe erreicht hatte, erhob sich der Ehrengast vom Tisch, wobei er eine Ärztin anstieß, die nicht rechtzeitig ausgewichen war, krempelte die Ärmel hoch und ging daran, die schweren Lärchenstühle zu stemmen, wobei er mit einer Hand ein Vorderbein packte, mal mit der rechten und mal mit der linken, und so das Ebenmaß seiner körperlichen Konstitution demonstrierte." (204/205) - "Nein es ist nicht nur ein Wetterprophet. Das Krummholz ist der Baum der Hoffnungen, der einzige immergrüne Baum des hohen Nordens. Mitten im weißen Schneegeglitzer sprechen seine mattgrünen Nadeltatzen vom Süden, von der Wärme, vom Leben. Im Sommer ist es bescheiden und unscheinbar - ringsum blüht alles eilig, bemüht, den kurzen nördlichen Sommer über in Blüte zu stehen. Frühlings-, Sommer- und Herbstblüten wetteifern miteinander in hemmungslosem ungestümen Blühen. Doch der Herbst naht, und schon rieseln die gelben feinen Nadeln und entblößen die Lärchen, das strohgelbe Gras rollt sich ein und verdorrt, der Wald verödet, und dann sieht man von weitem, wie im blaßgelben Gras und grauen Moos inmitten des Waldes die riesigen grünen Fackeln des Krummholzes brennen.
Für mich war das Krummholz immer der poetischte russische Baum, schöner als die vielgerühmten Trauerweiden, Platanen und Zypressen. Und sein Holz gibt mehr Hitze." (224)