Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main, Mai 2012
- Originalausgabe: "Corazón tan blanco", Editorial Anagrama, Barcelona 1992
Der Titel des Romans ist ein Skakespeare-Zitat aus Macbeth und taucht immer wieder an entscheidenden Stellen im Buch auf. Der Roman beginnt schockierend mit dem Selbstmord der jungverheirateten (Teresa) nach der Hochzeitsreise. Schnell wird klar, dass der Ich-Erzähler (Juan) der Neffe der auf so tragische Weise aus dem Leben geschiedenen ist. Sein Vater (Ranz) heiratete nach dem Tod von Teresa die Schwester (Juans Mutter). Juan ist Dolmetscher und reist viel. Auch er heiratet und schon während der Hochzeitsreise wird klar, dass irgendetwas auf Juan schwer lastet. Juans Frau Luisa hilft ihm letztlich dabei, dass Geheimnis um den Tod seiner Tante zu lüften.
Marías Stil ist sehr involvierend und manchmal sehr sezierend. Juans Wahrnehmungen werden ausführlichst dargestellt. Insgesamt ein beeindruckender Roman, der mir an manchen Stellen allerdings zu kopflastig ist.
- "Jetzt bin ich selbst verheiratet, und es ist noch kein Jahr her, dass ich von meiner Hochzeitsreise mit Luisa, meiner Frau, zurückgekehrt bin, die ich erst seit zweiundzwanzig Monaten kenne, eine rasche Heirat, ziemlich rasch, wenn man bedenkt, wie lange man sich das angeblich überlegen soll, selbst in diesen schnelllebigen Zeiten (...) ganz zu Schweigen vom Tod, dem Tod von eigener Hand, wie der Tod jener Person, die meine Tante Teresa gewesen sein muss und es doch niemals gewesen sein konnte und nur Teresa Aguilera war, von der ich nach und nach erfahren habe, niemals durch ihre jüngere Schwester, meiner Mutter, die fast immer schwieg während meiner Kindheit und Jugend und dann ebenfalls starb und für immer verstummte, sondern durch entfernte oder zufällige Personen und schließlich durch Ranz, den Ehemann der beiden und auch einer anderen ausländischen Frau, mit der ich nicht verwandt bin." (15)
- "Die Vernichtung des anderen, die Vernichtung dessen, den man kennengelernt und mit dem man sich getroffen und den man geliebt hat, geht mit dem Verschwinden der jeweiligen Wohnungen einher oder wird dadurch symbolisiert." (19)
- "Viele Jahre lang, als Kind und auch später, als Heranwachsender und noch sehr jung (...) wusste ich nur, dass mein Vater vor meiner Mutter mit der älteren Schwester meiner Mutter verheiratet gewesen war, zuerst mit Teresa Aguilera und dann mit ihrer Schwester Juana, die beiden Mädchen, auf die sich manchmal meine Großmutter bezog, wenn sie Anekdoten aus der Vergangenheit erzählte, oder sich sagte eigentlich nur die Mädchen, um sie von deren Brüdern zu unterscheiden, die sie hingegen die Burschen nannte." (141)
- "Kindern erzählt man geschönte Versionen von dem, was passiert oder passiert ist, ich nehme an, später ist es dann zu schwierig, ihnen die Illusion zu nehmen. Man findet wahrscheinlich nicht den Moment, wo sie aufhören, Kinder zu sein, es ist schwer, eine Linie zu ziehen wann es spät genug ist, um eine alter Lüge zuzugeben oder eine verborgene Wahrheit zu enthüllen. Man lässt die Zeit vorbeigehen, nehme ich an, und wer die Lüge gesagt hat, glaube nach einer Weile selbst daran oder vergisst sie, bis jemand wie du einen Bock schießt und das wohl durchdachte Schweigen eines ganzen Lebens zum Teufel gehen lässt." (159)
- "Ich drehte mich um und wandte ihr den Rücken zu, wir hatten uns nicht Gute Nacht gesagt, aber vielleicht würde es nicht nötig sein, dass wir uns immer Gute Nacht sagten, jeden Abend im Lauf künftiger Jahre. Aber an jenem Abend vielleicht doch, noch.
Gute Nacht, sagte ich.
Gute Nacht, antwortete sie. (179) - "Ich habe die Tat getan, wagte Macbeth zu sagen, er sagte es unmittelbar, nachdem er sie getan hatte, wer würde so etwas wagen, nicht so sehr, nicht so sehr, es zu tun, als es zu sagen, das Leben und die künftigen Jahre hängen nicht davon ab, was man tut, sondern davon, was man von einem weiß, was man weiß, dass er getan hat, und was man nicht weiß, weil es keine Zeugen gab und er geschwiegen hat." (250)
- "Vielleicht erzählt Ranz jetzt sein jahrelang gehütetes Geheimnis, damit wir uns nicht die unseren erzählen, dachte ich, die vergangenen und die gegenwärtigen und die künftigen, oder damit wir danach trachten, keine haben zu müssen. (317)
- "Du siehst, das eigenen Leben hängt nicht von den eigenen Handlungen ab, davon, was man tut, sondern davon, was die anderen von einem wissen, was sie wissen, das man getan hat." (323)