Kindle Ausgabe 2012
Ein unglaubliche amüsantes und gleichzeitig subtiles Buch. Kurzweilige Geschichten mit Tiefgang. Unglaublich, mit welcher Leichtigkeit Rothmann in die die verschiedensten Figuren schlüpft, darunter häufig auch Frauen. Eine Sammlung von insgesamt 8 Erzählungen, die Lust auf mehr von Rothmann machten...
"Othello für Anfänger": Eine wunderbare Geschichte über zwei Freundinnen, die zusammen Urlaub machen. Die eine mit lesbischen Ambitionen, die andere zunächst unentschieden, sich dann aber doch dem anderen Geschlecht mehr hingezogen fühlt.
- Ich ließ meine Haare in Avignon ... Vielleicht wird das mal ein Lied. Der Salon war voller Chrom, und der Lüster unter der Decke funkelte in der Morgensonne, während die Schere um meine Ohren zwitscherte. Immer mehr Strähnen fielen auf das Parkett mit dieser gespenstischen Lautlosigkeit, und Dinah wendete sich ab, als sie mein Lächeln im Spiegel bemerkte, trank etwas Kaffee." (Pos. 105)
- "Als wir damals den Othello probten, hatte ich mir ein paar Bücher über die Elisabethanische Epoche und ihr Theater ausgeliehen, und in einer dieser Abhandlungen stand, dass es in der modernen Zeit und ihrer blutleeren Dramenliteratur keine Helden mehr gebe, ganz anders als beim großen Skakespear zum Beispiel. Es war eine ziemlich steif geschriebene Schwarte aus den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg, und statt Helden stand meist Hühnen - ein Wort, das mir bis dahin kaum untergekommen war. Deswegen las ich immer Hühner und kapierte erstmal nichts.
Doch nach einem Blick in den Duden fand ich, dass meine Schusseligkeit auch ihre Logik hatte, denn angesichts der Sorgen und Nöte seiner Gestalten, die ihre finsteren Schicksale wie riesige Kreuze mit sich herumschleppen, sind wir eigentlich nur Hühner, oder? Shakespears Hühner. Wir machen ein unglaubliches Gegacker um lauter Kram - Prüfungen, Lockenstäbe, Handymarken, Geld - und wissen insgeheim doch alle, dass es nicht das Wahre ist. Dass nichts das Wahre sein kann hinterm Hühnerdraht." (Pos. 341) - "So warte doch, rief ich, und das schmerzte in der Kehle. General! Ich bitte Euch dringend, gönnt mir noch ein Wort! Wir bleiben Freunde, nicht wahr?
Den Türgriff in der Hand, blickte sie zu Boden und schüttelte kaum merklich den Kopf, als wäre sie irgendwie amüsiert darüber, wie sentimental ich war. Aber schließlich warf sie die Locken zurück und schenkte mir ihr schönstes Lächeln, und es lag wohl an dem Licht dieser Gegend, dem herrlichen Himmel, oder vielleicht auch an dem Schatten des silbernen Tellers, dass es mir so strahlend vorkam wie in der Zeit, als sie sich mit Kohle schwärzte. Ein Windstoß klappt ihren Kragen um. Ich scheiß auf deine Freundschaft, sagte sie leise und ging hinaus. (Pos. 401)
In "Tempelschlaf" geht es um den Meditations-Urlaub eines Paares:
- "Und doch: Der Ernst der Meditierenden, ihre vor Konzentration oder Andacht fast finsteren Gesichter, die den Eindruck vermittelten, hier würde mit aller Kraft und Entschiedenheit am wahrhaftigsten Augenblick des Tages gearbeitet, ließen schon den Wunsch, das Ganze abzubrechen und aus dem Raum zu humpeln, armselig erscheinen. Es wäre etwas für immer Falsches, dachte sie - und wunderte sich zugleich über diesen Gedanken." (Pos. 1069)
In "Sterne tief unten" geht es um einen eigenwilligen Krankenhausangestellten, der schließlich in der Pathologie landet...
- "Trotz der Schimmelflecken an den Wänden war der Geruch in der alten, kurz nach dem letzten Weltkrieg erbauten Pathologie nicht sehr speziell. Aber gerade weil er sich kaum von dem siner gewöhnlichen Fleischerei unterschied, blieb er auch nach dem flüchtigstem Aufenthalt sehr lange in der Nase. Die Verstorbenen wurden nicht, wie es heute in jedem zweiten Krimi zu sehen ist, in nummerierten Edelstahlboxen mit leichtgängigen Schubladen aufbewahrt. man legte sie in Zinkblechwannen und schob die in rostige, aus alten Schienen zusammengeschweißte Regale, und öffnete jemand zum ersten Male die Kühlkammern - es gab eine für männliche und eine für weibliche Leichen -, mochte er einen Lidschlag lang denken, in Schlafräumen voller Etagenbetten zu blicken." (Pos. 1242)
- "Am nächsten Tage, einem heißen Sonntag Ende August, kaufte Oswald sich am Klinik-Kiosk ein paar Brötchen, zwei Frikadellen und eine Literflasche Cola und ging ins Freibad, wo er einen Sonnenschirm mietete und in der Bild-Zeitung las, die er aus dem Papierkorb gezogen hatte. Einmal versuchte er, eine Runde zu schwimmen, doch das Becken war voll. Die kreischenden Kinder, Ertrinkende simulierend, klammerten sich ungeniert an den großen Mann und waren entzückt, wenn er sie mit gespieltem Monstergebrüll abschüttelte." (Pos. 1313)
- "Eine Woche später, nachdem er gut ein Dutzend Tote in die Kühlräume gelegt hatte - auch Kinder dieses Mal, und ein junger, offenbar gerade verunglückter Mann hatte noch nach Rasierwasser gerochen -, setzte er sich auf die Terrasse. Es war gegen drei Uhr am Nachmittag; über ihm, zwischen Wand und Traufe, schliefen Fledermäuse, eine lange Reihe, und er öffnete eine Flasche Pils aus dem Kasten der Sektionsgehilfen und blätterte in einem der Magazine, die stapelweise in ihrem Waschraum lagen." (Pos. 1323)
- "Oswald steckte sich eine Zigarette an, und lange sprachen sie nichts und vermieden es, einander in die Augen zu sehen, eine seltsame Scham schien, sie zu lähmen. Als müsste der Zeit, die sie durch ihren beherzten Schritt übersprungen hatten, die Gelegenheit gegeben werden, langsam wieder in den Raum zu finden, starrten sie auf das Flämmchen der Kerze und hörten der Musik zu." (Pos. 1560)
In der "Hunger der Vergesslichkeit" ist der Protagonist ein Bauleiter, der von seiner Firma nach Berlin versetzt wird, nachdem ihm Prokura und der Vorsitz in der Planungsabteilung entzogen wurden. Dort wohnt er bei seiner Tante und lässt sich auf ein homoerotisches Abenteuer mit dem Statiker der Baustelle ein.
- "Eine seltsam graue Aura umgab ihn, was nicht nur an den Haaren lag; die große Hornbrille mit den deutlich abgeteilten Lesefenstern setzte dem Gesicht ein paar ernste Halbschatten auf, aund auch sein schmallippiger an einem Winkel tief herabgezogener Mund war wie ein Schrägstrich durch die Vorstellung, er könnte je einen Hauch von Humor gehabt haben." (Pos. 1623)
- "Er stellte sich mit Doktortitel vor, was ich eigentlich geschmacklos finde; ich denke dann immer an die Kindheit, an unseren Sheriffstern aus Stroh." (Pos. 1647)
- "Dann schob er das Geschirr weg und zog mich noch einmal ins Bett, wo er mir mit frechem Witz und eleganter Hemmungslosigkeit wie nebenbei die dumme Angewohnheit nahm, meine Wünsche auf das Maß ihrer Erfüllbarkeit herunterzukochen. Und gibt es etwas heilsameres für einen Mann, als sich als einen guten und starken Liebhaber zu erfahren?" (Pos. 1707)
- "Mit Fakten hatte ich schließlich den ganzen Tag zu tun, Fakten sind bestenfalls die Wirklichkeit; sie mögen hart oder unumstößlich oder nicht von der Hand zu weisen sein, aber am Ende kühlen sie einen aus. Die Wahrheit liegt woanders." (Pos. 1820)