Ralf Rothmann: Feuer brennt nicht

Veröffentlicht von

Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2009

Leider konnte der Roman nach Rothmanns Erzählungen nicht wirklich überzeugen. Die Beziehungen eines 50-jährigen Schriftsteller (Wolf) zu seiner gut 10 Jahre jüngeren Lebensgefährtin (Alina) wird überwiegend aus der Sicht von ihm erzählt. Natürlich gibt es äußerst brillante Stellen. Vor allem dann, wenn Rothmann aus der Sicht der Freuen Wolfs Liebesleben darstellt, läuft er zur Hochform auf.

  • "Damals hielt er sich zwar nicht für humorlos, doch sicher fehlte ihm der Sinn für das Spielerische, das möglich und manchmal auch nötig ist zwischen den Geschlechtern.  Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre, als ihm klar wurde, dass er trotz seiner Scheu auf Frauen wirkte - es warn nie viel zu tun, er musste nur ihren Blicken standhalten -, war man schneller miteinander intim, als man sich kennenlernte, und aus dieser Zeit ist ihm vermutlich ein Mangel an Einfühlsamkeit und Geduld geblieben. Umwerbung ist seine Sache nicht, dazu steht ihm sein Stolz im Weg, und außerdem macht es ihm Mühe, Achtung aufzubringen für eine Frau, die Wert auf dieses ganze Balztheater legt." (24)
  • "... so käme sie auch kaum auf den Gedanken sich selbst schuldig zu fühlen für den Wunsch nach einem Glück, für das der Körper nur ein schönes Mittel darstellt.
    - Wolfs Triebkraft dagegen kommt aus dem Tabu, was ihr zwar eine gewisse Vehemenz und Gelenkigkeit verleiht, ihm aber nur selten über die Grenzen des Körpers hinaushilft. Dank der katholischen Kirche und ihrer verlogenen Erziehung in der Schule und im Jugendheim ist er aufs Herrlichste versaut und für beinahe alles bereit; aber letztlich, so gegoutant er den Ausdruck auch findet, macht er nur Liebe. Alina ist Liebe." (38)
  • "Neben den erwähnten Alten leben hier zunehmend junge, offenbar aus dem Westen stammende Paare, für die die Entdeckung des Ortes der willkommene Anlass ist, endlich die Boheme-Zeit hinter sich zu lassen. Die meisten chauffieren die statistischen zwei Kinder hinter den Plastikfenstern ihrer Fahrradanhänger durch die Straßen, und denen, die noch keine haben, sieht man das Wort Familienplanung an." (68)
  • "Er will sie nicht verlassen, das steht von vornherein fest. Er will etwas freier an Alinas Seite bleiben, das ist alles. Obwohl er natürlich nicht weiß, wie er reagieren würde, wenn sie einen Geliebten hätte, hat er eine Vorstellung von einem Zusammensein, in dem jedem Raum bleibt für Eigenes und Geheimnisse die Wahrheit nicht aushöhlen, sondern bereichern. Er möchte mir ihr altern, ohne wie Herr und Frau Grauling zu werden; denn obwohl die jünger sind als er, sieht er in den stillschweigend und ohne jeden Eros zelebrierten Gewohnheiten dieser Menschen bereits die Metastasen einer Trägheit, die auf Erloschenes schließen lässt und für ihn das Ende wäre." (149)
  • "Und als Wolf ihr die Hand ihr die Hand auf die Stirn legte, schloss sie die Augen und sagte leise: Tust du mir einen Gefallen? Ihre Stimme war völlig verändert, aufgeraut und matt, und in dem Glauben, sie würde ihn um Wasser bitten oder ein Aspirin, nickte er stumm und neigte das Ohr vor ihrem Mund. Sie schluckte mehrmals, räusperte sich und verhakte die Finger ineinander, löste sie wieder und drehte an dem Ring. Versprichst du mir,  mich nicht gleich zu küssen, nachdem du mit ihr geschlafen hast?" (212)
  • "Ich gebe dir sehr viel, sagte sie endlich und schluckt; die Stimme klingt brüchig, fast alt. Ich gebe dir mehr, als du weißt, du egoistischer Hund. Sie muss husten und drückt die Zigarette wieder aus; ihre Finger zittern. Dann verschränkt sie die Arme vor der Brust. Ohne mich würde deinem Dasein genau das fehlen, was sich vor dumpfer Resignation und Piefigkeit bewahrt. Ich bin nämlich der Lichtblick in deiner Enge; ohne mich wäre dein gepflegtes Zuhause nichts, der Schatten von nichts, wenn du verstehst, was ich meine. Und als er das trotzig verneint, das Kinn hebt und sie bittet, sich und ihre Bedeutung in seinem Leben nicht zu überschätzen, braust sie nur noch heftiger auf. Ohne unser Versteck hier wärst du doch längst verkümmert in deinem kleinkarierten Vorort voller Ost-Idioten und Ökomöbel! Du hast dich im Nötigsten verkrochen, weil du Angst hast vor dem Möglichen. Ich schlucke dein Sperma, aber in Wahrheit spritzt du Tränen. Ich bin es, die deinem Eros Feuer gibt, damit du Sätze schreibst, die man ohne Gähnkrämpfe lesen kann. Ich strecke dir den Arsch hin, und ohne die Abwechslung, die ich dir schenke, ohne die Wäsche, die du zerreißen und die Schweinereien, die du mit mir anstellen darfst, hättest du schon längst keine Lust mehr auf deine ach so verständige Frau zu Hause, und sie würde wie alle vor der Glotze vertrocknen. Ich halte eure Beziehung lebendig, das überleg dir mal, mein Freund. Und jetzt möchte ich allein sein."

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