Sherry Turkle: Verloren unter 100 Freunden

Veröffentlicht von

Rieman Verlag München, 2012

Sherry Turkle ist ausgebildete Psychoanalytikerin und beschäftigt sich seit 40 Jahren mit der Wirkung von Computerprogrammen (ELIZA) auf Menschen. Insgesamt 450 Personen hat Turkle befragt, 300 Kinder und 150 Erwachsene. Es handelt sich streng genommen um eine wissenschaftliche Studie. Das Buch liest sich jedoch nicht zuletzt wegen der zahlreichen Beispiele, mit der sie ihre Thesen belegt, sehr flüssig. Im Mittelpunkt von Turkles Analysen stehen zwei Themen: Soziale Roboter (Teil 1: "Die Stunde des Roboters") sowie die stetig zunehmende Vernetzung (Teil 2: "Vernetzt).

Alle Zitate aus der deutschen Erstausgabe:

Vorwort/Einführung

  • "Wir scheinen fest entschlossen, Objekten menschliche Eigenschaften zu verleihen, und begnügen uns selbst damit, einander wie Objekte zu behandeln." (17/18)
  • "Die Technologie ist verführerisch, wenn das, was sie anbietet, auf unsere menschlichen Schwachstellen trifft.Und wie wir wissen, haben wir viele Schwachstellen. Wir sind einsam, aber wir fürchten uns vor Nähe. Computergestützte Verbindungen und soziale Roboter suggerieren uns, unter Freunden zu sein, ohne die Anforderungen einer Freundschaft erfüllen zu müssen. Unser virtuelles Leben erlaubt es, sich voreinander zu verstecken, obwohl wir gleichzeitig alle an der virtuellen Nabelschnur hängen." (24)
  • "Ich begegne ständig Menschen, die ernsthaft gewillt sind, Roboter nicht nur als Haustiere, sondern als Freunde, Vertraute und sogar als Intimpartner in Betracht zu ziehen. (...) Wir stehen kurz davor, uns dem Leblosen hinzugeben. Da kommt einem der Begriff technologische Promiskuität in den Sinn. (...) Die Idee vom sozialen Roboter deutet darauf hin, dass wir versuchen könnten, Nähe zu spüren, indem wir sie vermeiden." (38)
  • "Konnektivitätstechnologien haben einst verheißen, uns mehr Zeit zu schenken. Aber seit Handy und Smartphone die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit auflösen, ist uns plötzlich alle Zeit der Welt nicht mehr genug. Selbst wenn wir nicht bei der Arbeit sind, erleben wir uns doch immer als betriebsbereit, unfähig, uns der Allgegenwart der Konnektivität zu entziehen." (44)
  • "Anwesenheit, ohne anwesend zu sein. (...) offenkundig, dass Menschen sich in öffentlichen Räumen vor allem wünschen, mit ihren persönlichen Netzwerken allein zu sein." (46)

Teil 1: Die Stund des Roboters (Neue Freunde in der Einsamkeit)

  • "Soziale Robotik beruht auf dem Grundgedanken, dass ein Roboter-Körper Menschen dazu bringt, Maschinen als Subjekte zu betrachten, als schmerzempfindliche Wesen. Das selbst der primitivste Tamagochi derlei Gefühle zu erwecken vermag, demonstriert, dass Objekte diese Grenze nicht wegen ihrer Fortschrittlichkeit überschreiten, sondern aufgrund des Bindungsgefühls, das sie hervorrufen." (94)
  • "Unsere gegenwärtige therapeutische Kultur wendet sich vom Innenleben ab und richtet den Fokus auf die Verhaltensmechanik, auf etwas, das Menschen und Roboter gemeinsam haben könnten." (103)
  • "Die Abhängigkeit von einem Roboter mutet zunächst einmal ungefährlich an. Aber wenn man sich einmal an die Gesellschaft ohne Anforderungen gewöhnt hat, könnte einen der Umgang mit seinen Mitmenschen überfordern." (130)
  • "Viele der Kinder, mit denen ich arbeite, kehren nach der Schule in eine leere Wohnung zurück und warten darauf, dass ein Elternteil oder ein älteres Familienmitglied von der Arbeit nach Hause kommt. Die einzige Ablenkung bieten oft der Fernseher oder ein Computerspiel, deshalb wirkt im Vergleich dazu ein Roboter wie die bessere Alternative." (135)
  • "Wenn ein Roboter uns in die Augen schaut, lässt unsere evolutionäre Prägung uns denken, dass der Roboter an uns interessiert sei. Wir spüren in einem solchen Moment die Möglichkeit einer tieferen  Verbundenheit. Wir möchten, dass es dazu kommt. (...) Roboter versprechen Zufriedenheit, selbst wenn sie nur eingebildet ist." (160)
  • "Der japanische Roboter Wandakum, Ende der Neunzigerjahre entwickelt, ist ein kuscheliger Koalabär, der auf Streicheln mit Singen und Schnurren reagiert und ein paar Sätze spricht. Nach einem einjährigen Pilotprojekt, bei dem das Geschöpf an Bewohner eines japanischen Altenheims verteilt worden war, sagte ein vierundsiebzig Jahre alter Heimbewohner: Als ich in Wandakuns große braune Augen schaute, habe ich mich nach Jahren der Einsamkeit auf der Stelle verliebt. (...) Von dem Pilotprojekt ermutigt, begannen japanische Forscher, künstliche Gefährten als Heilmittel gegen die Unannehmlichkeiten und die Einsamkeit des Alters zu betrachten." (191/192)
  • "Natürlich weiß ich, dass der Roboter nicht aus eigenem Antrieb handelt, denn ich habe ihm sein Verhalten ja einprogrammiert. Ab und zu aber sind seine Handlungen derart komplex, dass ich ...nun, dann sieht es so aus, als täte er es ebendoch aus eigenem Antrieb ... und das erwische einen dann völlig unvorbereitet." (233)

Teil 2: Vernetzt (Neue Einsamkeit unter Freunden)

  • "In diesem neuen System ist ein Bahnhof (ebenso wie ein Flughafen, ein Café oder ein Park) kein kommunaler Ort mehr, sondern nur noch einer des räumlichen Zusammentreffens: Die Leute kommen zusammen, reden aber nicht miteinander. Jeder hängt an einem mobilen Gerät und ist mit den Menschen und Orten verbunden, zu denen es ihm Zugang verschafft. (...) Wenn die Leute in der Öffentlichkeit telefonieren, ist ihr Bedürfnis nach Privatheit von der Annahme getragen, ihre Umgebung werde nicht nur weghören, sondern sie gar nicht wahrnehmen. (...) Aber vielleicht ist es sinnvoller, die Sache umgekehrt zu sehen: Es sind die Telefonierer, die sich als abwesend verstehen." (267)
  • "Eine Örtlichkeit pflegte früher einen physischen Raum un die darin befindlichen Menschen zu umfassen. Was ist eine Örtlichkeit, wenn jene, die dort körperlich anwesend sind, ihre Aufmerksamkeit auf Abwesende richten? (268)
  • "Aber es sind die profaneren Beispiele von Aufmerksamkeitsspaltung die die Struktur des täglichen Lebens verändern. Ekern checken beim Kinderwagenschieben ihre E-Mails. Kinder und Eltern schreiben beim Mittagessen Textnachrichten." (270)
  • "Psychologen, die sich das Multitasking näher ansahen, fanden heraus, dass es alles andere als ein Erfolgsrezept ist. Vielmehr zeigt sich, dass Multitasker bei keiner der Aufgaben, die sie erledigen, richtig gut sind. Aber Multitasking fühlt sich gut an, denn der Körper schüttet dabei chemische Subastanzen aus, die ein Multitasking-Hoch erzeugen. Dieses Hoch suggeriert den Mulktitaskern, sie seien besonders produktiv." (280)
  • "Wenn die elektronischen Medien immer da sind und darauf warten, gebraucht zu werden, dann verlieren die Menschen ihren Sinn für Kommunikation." (281)
  • "Beruflich stark eingespannte Eltern sind häufig mit dem beschäftigt, was sich auf ihrem Smartphones abspielt. Wenn die Kinder nach Hause kommen, dann oft in ein Haus, das leer ist, bis Mutter und Vater von der Arbeit kommen. In all diesen Situationen bieten Computer und Mobilgeräte jungen Leuten Gemeinschaft an, während ihre Eltern nicht da sind. (305)
  • "Teenager wissen, dass sie, wenn sie mit Instant Messages kommunizieren, mit vielen anderen Fenstern auf einem Computerbildschirm konkurrieren. Ihnen ist klar, wie wenig Aufmerksamkeit sie erhalten, weil sie wissen, wie wenig Aufmerksamkeit sie selbst ihren erhaltenen Instant Messages schenken." (447)
  • "Junge Menschen sehnen sich nach ungeteilter Aufmerksamkeit. Sie sind mit Eltern aufgewachsen, die auf dem Weg zum Spielplatz in ihre Handys sprachen und Nachrichten durchscrollten. Die Eltern schreiben mit einer Hand eine SMS, während sie mit der anderen die Schaukel anstießen; sie blickten aufs Klettergerüst und erledigten dabei ihre Telefonate. (...) Von Kindesbeinen an assoziierten diese jungen Menschen Technologie mit geteilter Aufmerksamkeit." (448)
  • "In einer Diskussion über das Online-Leben von Schülern der Fillmore School sagt Brendan, im Grunde sei er ganz schön einsam. Er erzählt scherzhaft: Mein Leben dreht sich darum, Kurznachrichten zu schicken und auf Antworten zu warten. Manchmal dauert es eine Viertelstunde, manchmal etwas länger. Sobald ich die Antwort erhalte, versuche ich meinerseits zu antworten. Jetzt wird er ernster: Das ewige Hin und Her deprimiere ihn. Er empfindet keine Nähe zu den Leuten und glaubt, dadurch von Dingen abgehalten zu werden, die dies Nähe erzeugen könnten." (454)
  • "Die sozialen Netzwerke instruieren uns, etwas zu verkünden, sobald es uns in den Sinn kommt, egal, wie ignorant oder schlecht durchdacht es ist, und es dem größtmöglichen Publikum zugänglich zu machen. Jeden Tag wird jeder von uns mit den willkürlichen Gedanken andere Menschen bombardiert. Wir beginnen dies Sturzflut als natürlich zu empfinden. (...)Anschließend wird man weggespült. (464)
  • "Die Bande, die wir im Internet knüpfen, sind letztlich nicht die Bande, die uns aneinander binden. Aber sie beschäftigen uns fortwährend. (...) Wenn diese Menschen abends zusammenkommen, bilden sie oftmals etwas, das als postfamiliale Familie bezeichnet wird. Jeder der Familienmitglieder sitzt allein in seinem Zimmer an einem vernetzten Computer oder mit einem internetfähigen Handy. Wir sind online, weil es uns Spaß macht, aber letztlich verbringen wir mehr Zeit mit Technologien als miteinander." (469)
  • "Bei einer Therapie verschwinden die Symptome, weil sie irrelevant werden. Der Patient beginnt sich mehr für das zu interessieren, was die Symptome verschleiern (...). Wenn wir also die Technologie als Symptom und Traum betrachten, verschieben wir unser Augenmerk von der Technologie auf uns selbst." (474)

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