Maja Haderlap: Engel des Vergessens

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Wallstein Verag, 2011

Roman über das Schicksal der slowenischen Minderheit in Österreich. Der Roman erzählt zunächst alles aus der Perspektive eines kleinen Mädchens. Die Großmutter erscheint als faszinierende Person und steht eigentlich immer wieder bis zu ihrem Tod im Mittelpunkt der Betrachtungen des Mädchens. Dann wird die Ich-Erzählerin allmählich erwachsen. Der Vater tritt stärker in den Mittelpunkt. Es gibt wunderbare Schilderungen vom Leben auf dem Land. Auch die Nazizeit wird ausführlich thematisiert. Viele Slowenen scheinen sich damals dem Widerstand gegen Hitler angeschossen zu haben. An vielen Stellen spürt man Haderlaps Nähe zur Lyrik, aber wohl auch die bewusste Zweisprachigkeit führen bei ihr zu einem sehr eigenwilligen Sprachgebrauch.

Alle Zitate aus dem Kindle eBook mit Positionangaben:

  • "In ihrer Schürzentasche lagern Brotkrümel und alte Brotrinden.Wenn Sie über den Hof geht und in den Stall, verteilt sid das Brot an die Tiere, Den Hühnern wirft sie im großen Bogen die Krumen zu, den Kühnen und Schweinen stopft sie die Rinde ins Maul. Man müsse mit dem Brot auch die Tiere bedenken, sagt Großmutter, denn das Brot, das du vereist, kommt wieder zurück.(Pos.82-85)
  • "Die dampfenden Kuhfladen warten nur darauf, aus der Kotrinne gehoben und in nahezu unveränderter Form auf den Misthaufen befördert zu werden. Am Mistflug ist zu erkennen, in welcher Laune Vater ist. Wirft er den Mist im hohen Bogen auf die Hinterseite des Misthaufens, ist er zuversichtlich, werden die Kuhfladen mit Wucht gegen die vordere Mistwand geklatscht, ist er zornig." (Pos. 163-65)
  • "Die kleine schwarze Öffnung in meinem Inneren verströmt Bäche von Dunkelheit." (Pos.1205)
  • "Heimliche Gedanken werden eitler. Im Kopf beginnen blank geputzte, zaghafte Wünsche zu kreisen. Sie duften nach Maiglöckchen und wirken, als seien sie gerade dem Schönheitsbad entstiegen. Sie tragen Prinzessinnenkleidung und mit Fell gefütterte Stöckelschuhe." (Pos. 1257-59)
  • "Dem Tod wird es auf unserem Hof  bald zu eng und zu lauf. Er findet Unterschlupf auf dem Auprich-Hof, wo er in Deckung geht und eine Zeitlang übersehen wird. bis ihn der Bauer, ein Freund meines Vaters, aufstört und sich Monate später erschießt. Am Morgen, als uns erzählt wird, dass Franz sich mit einem Gewehr in den Kopf geschossen habe, aber schlecht gezielt und sich deshalb die Augen aus dem Kopf gesprengt habe, spüre ich, das es enge wird, dass der Tod den Angriff auf meinen Vater nicht abgeblasen hat, dass er nur einen Umweg genommen hat, um ihm näher zu kommen, um aus dem Hinterhalt zuschlagen zu können." (Pos. 1390-94)
  • "Am Abende bleibt das Kind hinter dem Haus auf der Wiese stehen, am geöffneten Tor zur Nacht, die als Königspalast aufgeht über der Landschaft mit klingendem Sterngefunkel, mit dem Atem des Waldes und dem Plätschern des Baches am Grabengrund." (Pos. 1652-53)
  • "Ich überlege, ob die Weinenden nicht doch auch um sich selber weinten. Die Aufgebahrte ermöglicht es ihnen zu klagen, ohne aufzufallen, Trauer zu zeigen, ohne sich lächerlich zu machen." (Pos. 1884-85)
  • "Zwischen der behaupteten und der tatsächlichen Geschichte Österreichs erstreckt sich ein Niemandsland, in dem man verloren gehen kann. Ich sehe ich zwischen einem dunklen, vergessenen Kellerabteil des Hauses Österreich und seinen hellen, reich ausgestatteten Räumlichkeiten hin- und herpendeln. Niemand in den hellen Räumen scheint zu ahnen oder vermag es sich vorzustellen, dass es in diesem Gebäude Menschen gibt, die von der Politik in den Vergangenheitskeller gesperrt worden sind, wo sie von ihren eigenen Erinnerungen attackiert und vergiftet werden." (Pos. 2327-31)
  • "Dabei habe Österreich nichts mit den Nazis zu tun, es sei selber Opfer, es verstehe nicht, es war nicht  dabei, nicht da gewesen in schwerer Zeit. Niemand in diesem verstellungsseligen Land habe die Nazis willkommen geheißen, niemand das Großdeutsche Reich ersehnt, niemand Schuld auf sich geladen, niemand die Endlösung betrieben, nur ein wenig mitgetan, mitgeschossen, mitgemordet, mitvergast, aber das zählt nicht, nichts zählt." (Pos. 3117-20)
  • "Nur langsam werden sich die Anwesen aus der Umklammerung des Kriegs befreien. Langsam werden die Wiesen  und Felder bereits sein, ihrer Toten herzugeben, werden die Lichtungen und die Waldränder ihre Leichen auswerfen. Die Wiesen werden ihre Tote ausgebrütet haben, die sich in ihnen einnisteten wie seltsame, schimmlige Raupen. Die Waldraine werden endlich wieder zu Waldrainen werden, die Wiesen zu Wiesen und die Äcker zu Äckern. Die bergende Landschaft wir genug von jenen haben, die sich in ihr verborgen hielten, sie wir ihre Bergrücken freilegen und ihre nackten Abhänge der Sonne entgegenstrecken. Die Stille der Landschaft wir ihren Bewohnern vom Frieden künden." (Pos. 3125-30)
  • "Der Sarg wird zum Wohnzimmerfenster hinausgeschoben und auf die Hausschwelle gelegt. Der Tote wird aufgefordert, sich von seinem Heim und von seiner Familie zu trennen. Mit langsamen Schritten wird der über den Hof getragen und wieder wird er aufgefordert, sich von seinen Wiesen, Äckern und Hängen loszusagen." (Pos. 3419-21)

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