Hermann Knoflacher: Virus Auto

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Der Professor für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien legt sich mit diesem Buch mächtig ins Zeug und unternimmt den waghalsigen Versuch, gegen ein Heiligtum anzuschreiben: Das Auto!!! Knoflacher liefert zahlreiche Argumente und Erklärungen, warum die allermeisten der Faszination Auto erliegen und dadurch die Zerstörung nicht erkennen, die im Namen der "Freien Fahrt" angerichtet wurde.Leider erscheint die Aussicht auf eine Genesung vom Virus Auto gering, auch wenn Knoflacher radikale Maßnahmen fordert. Wer bzw. welche Partei sollte sich in unserer Auto-Gesellschaft dafür stark machen? Am Ende schreibe er:

  • "Das Auto, das die menschliche Gesellschaft spaltet, muss physisch durch die Neuorganisation des Parkens so weit von allen menschlichen Aktivitäten entfernt werden, dass sich lokale Strukturen ansiedeln können und soziale Netzwerke der Nähe entstehen, die Generationen, soziale Schichten und Kulturen wieder miteinander verbinden. Der Weg zum und vom Auto muss länger sein als der Weg zur Haltestelle des öffentlichen Verkehrs, zu den Geschäften des täglichen Bedarfs." (221)

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  • Thema Fahrbahnbreite: "Es ist gerade eine Bosheitsakte: Man baut Fahrbahnen, die zum Schnellfahren verleitenverleiten, um Autofahrer anschließend zu bestrafen, wenn sie sich dieser gebauten Umwelt im Geschwindigkeitsverhalten anpassen. Tempo 50 im Ortsgebiet erfordert Fahrbahnbreiten von 4,80 m bis 5,20 m. Gebaut werden aber Fahrbahnen mit mindestens 6 m und 6,50 m. Dafür fehlt der Platz für die Fußgänger." (112)
  • Relation Gehen - Autofahren: " Trotz dieses enormen Körperenergieaufwandes wird nur eine Geschwindigkeit von 3-4 km/h erreicht. Will man schneller sein, steige der Energieaufwand proportional zur Geschwindigkeit.Da kann man sich annähernd vorstellen, was in unserem Hirn beim Autofahren vor sich geht. Man braucht weniger als die Hälfte der Körperenergie pro Zeiteinheit und kann sich mit einer für Fußgänger unvorstellbaren Geschwindigkeit von 30 km/h, 50 km/h, 100 km/h, 130 km/h und schneller auf das Angenehmste fortbewegen. Die erste Information, man braucht weniger Körperenergie, stammt aus dem Inneren, die zweite, das Dahineilen, von außen. Beide werden mit Exponentialfunktionen positiv rückgekoppelt und nicht wie beim Fußgänger, wenn er sich schneller bewegen will, negativ im Hirn verrechnet. Dass daraus ein atemberaubendes, berauschendes Überlegenheitsgefühl entstanden ist, das die Menschen von den Füßen gerissen hat, ist nicht verwunderlich. Denn die externe Energie, die dazu aufgewendet werden muss, hat mit dem unmittelbaren Erleben des Autofahrens ja nichts zu tun; sie geht nicht in die erlebten Empfindungen ein. Für 1 Joule eingesparter Körperenergie des Autofahrers werden im System 200-400 Joule oder noch mehr aufgewendet, allerdings ohne Wahrnehmung und Rückkoppelung  aus unsere Sinne. Würden nämlich die Verbrennungsabgase, die beim Autofahren entstehen, über unseren Organismus direkt verrechnet, würde kein Mensch auch nur das Starten eines Autos überleben. Die Lunge und die Leber wären hoffnungslos überfordert. Dank der Technik ist das aber nicht der Fall. Alle schädlichen Wirkungen werden auf die Allgemeinheit, die Natur, die nächsten Generationen verlagert. Und da man dies Wirkungen sinnlich nicht wahrnehmen kann, hat kaum jemand ein schlechtes Gewissen dabei." (121/122)
  • Autofahrer eine neue Spezies (126 f)  : "Es hat nahezu zwei Jahrzehnte gedauert, bis ich verstanden hatte, dass der Zugriff des Autos auf die energetische Ebene des Menschen ein Zugriff auf die älteste Evolutionsschicht im Hypothalamus bedeutet. (...) In dem Augenblick, in dem sich der Mensch mit dem Auto verbindet, geistig und physisch, erfolgt diese grundlegende Wesensveränderung. Diese Änderung ist eine physische, sie kann nicht durch psychische, finanzielle oder andere Einflüsse aufgehoben werden.
    Lebewesen, die sich auf der Ebene der Energieverrechnung grundlegend voneinander unterscheiden - wie Mensch und Autofahrer - sind von der Art her unterschiedlicher als etwas Menschen und Insekten. Menschen und Insekten bewegen sich mit eigener Körperkraft. Autofahrer bewegen sich nicht mit eigener Körperkraft, sondern mit externer Energie. Insekten und Menschen verteidigen den Lebensraum ihrer Nachkommen und versuchen diesen sicher zu gestalten. Autofahrer verteidigen nicht den Lebensraum ihrer menschlichen Nachkommen, sondern den ihrer Fahrzeuge. (...) Autofahrer sind eine neue mächtige Spezies, die sich dank fossiler Energie mühelos gegen die Menschen durchgesetzt hat und damit auch gegen die Macht des Großhirns und den Verstand. (...) Nicht nur das individuelle Gehirn wird durch das Auto zerstört, sonder auch das gemeinschaftliche, gesellschaftliche, die Solidarität in der Familie, die Solidarität in der Gemeinschaft, die Solidarität im Dorf und jene in der Stadt."
  • Das Autovirus befällt das Gehirn (166): "Um einen Menschen von 60 oder auch 100 kg Körpermasse zu bewegen, wird ein Gegenstand gebaut, der das 20-, 30- und Mehrfache nicht nur an Masse, sonder auch an Platz benötigt, um zwei Zehnerpotenzen  mehr Energie verbraucht und zudem kanzerogene und mutagene Abgase absondert und den Lebensraum der Menschen in einer bisher unbekannten Art und Weise Tag und Nacht belastet und zerstört. Die Menschheit toleriert, dass der einst öffentliche Raum von Siedlungen zur tödlichen Gefahrenzone wurde. Dies alles widerspricht der Ratio des Menschen, nicht aber offensichtlich der Ratio der vom Autovirus befallenen Gesellschaft.. Wäre das der Fall, gäbe es den Autoverkehr in der Form, wie er heute existiert, nicht."
  • Zerstörung sozialer Netzwerke (180): " Auch die viel beklagte, oft bis zur sucht gesteigert Leidenschaft Jugendlicher für Computerspiele resultiert aus dem Zwang zur Immobilität der Jugendlichen, denen die freie Entfaltung ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten im öffentlich Raum durch das Auto genommen wurde.

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