Josef Bierbichler: MITTELREICH

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Bierbichler erzählt 100 Jahre "bayerischer" Geschichte anhand der Familienchronik des "Seewirts". Seine Sprache ist mächtig, manchmal hatte ich fast den Eindruck, er verwendet eine "Axt" um seine Geschichten in den Text zu hauen. Für mich eine große Entdeckung! Egal wie autobiographisch der Text ist, ohne Herzblut und wahrscheinlich unendlich viel Leid, ist sowas nicht zu schreiben.

Nach einem kurzen Start im "Jetzt", springt Bierbichler sofort ins "letzte Quartal des vorletzten Jahrhunderts", um dann bereits nach ein paar Seiten im Jahre 1914 zu landen. Vom "alten" Seewirt und seinen Kindern bis zu seinem Sohn Pangratz , der den Hof irgendwann übernimmt, und schließlich bis zu Semi, der Sohn von Pankratz, spannt sich der erzählerische Bogen.

Bierbichler lässt seinen Figuren am Ende zwar noch eine gewisse Einsicht, zu retten gibt es dann aber bereits nichts mehr.

  • "Theresa war inzwischen fünfzehn Jahre alt geworden und arbeitete bereits so zuverlässig wie ihre noch auf dem Hof lebenden älteren Schwestern. Die Maria, die älteste, hatte ein paar Jahre zuvor einen Bauern aus dem Nachbardorf geheiratet. Sie war zwar bei der Hochzeit erst achtzehn gewesen und hätte sich ein paar ungebundene Jahre noch gerne gegönnt, aber die Auswahl an Männern war immer noch gering. Noch wirkte die Dezimierung nach, mit der der Krieg [1. Weltkrieg] das Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen durcheinandergebracht hatte. Es war nicht sicher, später eine gute Partie zu machen. Der Mann war Erbe eines großen Hofes, und vielleicht liebte sie ihn sogar. Was soll's? Jedenfalls war der Heiratsmarkt auf dem Lothof in Eichenkam eröffnet. Das Haus war in den kommenden Jahren stark frequentiert. An den Wochenenden kamen die Brautwerber teilweise aus entlegenen Gegenden mit ihren Pferdechaisen daher und wurden auf dem Hofgelände bewirtet. Die Töchter hatten ihre bäuerliche Schüchternheit abgelegt, als sie begriffen hatten, wie begehrt sie waren, und behielten davon nur noch einen schicklichen Rest als Dekoration. Mittendrin stand der Alte und ließ sich aus den fernen Ortschaften das Neueste berichten. Auch aus den umliegenden Dörfern kamen die einschlägig Absichtsvollen und lernten so ihre Kollegen aus den fremden Gemeinden kennen.(...) und so kam es, dass seine sechs Töchter im Lauf der Jahre alle unter die Haube kamen und dass durch den Rummel, der auf dem Lothof eine Zeit lang herrschte, höchst seltene Kontakte über die bis dahin geltenden, natürlichen Reisebedingungen durch den See im Westen und den großen Fluss im Osten hinaus entstanden und die einheimischen Jungbauern ebenfalls zu ausgedehnten Reisen auf der Suche nach einer Braut aufgestachelt wurden. Ja, ja. Und dadurch kam auch das jahrhundertealte Problem der bäuerlichen Inzucht nach und nach zum Erliegen." (42/43)
  • "Eine interessante Form, bemerkte der Maler und Stahlbildhauer Lassberg, der sich vor ein paar Jahren am Kalvarienberg ein Haus hatte hinbauen lassen, noch einmal bevor er den Brandort wieder verließ, nachdem er zuvor den niedergeschlagenen vor dem Inferno stehenden Seewirt gebeten hatte, einen Inspektionsgang durch die Ruinen machen zu dürfen.Man ist ja schließlich Künstler, hatte er gesagt, und neugierig auf alles, was Formen bildet. (...) Nehmen Sie's also nicht zu tragisch. - Da hatte sich der Seewirt aber schon ganz nah vor ihm aufgebaut und ihn drohend angeschaut und gesagt: In so einem Moment reden Sie mir von der Kunst! Gut, dann red ich auch davon: Kunst mir nicht 50 000 Reichsmark leihen, Herr Lassberg? Dann könnt ich nämlich das Ganze wieder aufbauen. Un zwar ganz untragisch. Wenn aber nicht: Kunst mich dann vielleicht am Arsch lecken, Herr Lassberg? Weil ich muss jetzt wieder an die Arbeit. hier hat's nämlich grad brennt." (51)
  • "Einen Buben haben wir!, rief die Alte Mare Anfang Oktober sechsundvierzig vom ersten Stock aus, wo im seeseitigen Eckzimmer das Wochenbett der jungen Seewirtin stand, ins Treppenhaus hinunter, so laut, dass es alle im Haus hören konnten, und da war allen klar, dass nun die alte Zeit vorbei war.
    Diesmal ist es ein Madl!, rief sie ein gutes Jahr später, im November 47,  (...) Und als mitten im Advent 1949 dann von der Mare: Diesmal ist es halt schon wieder ein Madl!, gerufen wurde, da hatte man schon gar nichts anderes mehr erwartet, denn es ging immer noch mit Riesenschritten bergauf. (...) Der neue Staat war auch gerade fertig gegründet worden, Konrad hieß der neue Adolf, und die neue Mark begann nach und nach ein glänzendes Fett anzusetzen." (101)
  • "Meine Wünsche haben mich geprägt, nicht meine Herkunft, denkt er, man kann sich nicht verstellen und so tun, als ob man etwas könnte, was man gar nicht will, selbst wenn man es bekommen hat. Ich bin für diesen Auftrag nicht geeignet. Verfluchtes Erbe, schreit er, verfluchter Zwang, ich will der Knecht nicht sein von diesem alten Krempel, den ihr verfluchten Ahnen hier gebündelt habt, mehr als hunderte von Jahren lang. Ich hasse dieses Haus und diesen ganzen Heimatkram. Ich will heraus, heraus aus allem, was ich muss. Ich will nur noch machen, was ich kann." (169)
  •  "Es war ein bisschen so, wie wenn die Katze geworfen hatte, ihre Jungen aber gut versteckt und unauffindbar waren. Dann suchte die Kinder tagelang und beobachteten die Katze, wohin sie sich nach der Nahrungsaufnahme verzog. Auf der Suche nach der verschwundenen Mare jedoch gab es niemand, dem man folgen konnte, um fündig zu werden." (217)
  • "In der Küche, aufgelöst in Tränen, sitzt um Beistand heischend Kirsten, die ohne eigene Schuld geschiedene Frau des Rotenbucher, und findet aus ihrer Verzweiflung kein Hinaus. So scheint es. Vom aufgehäuften Seelenmüll noch gemeiner zugerichtet wirkt der Seewirt, der ihr voll Unbehagen gegenübersitzt und hilflos schweigt." (275)
  • "Reich war der Viktor dadurch nicht, das wusste er genau, aber ein Hungerleider war er auch nicht mehr. Er war jetzt mittelreich. Damit konnte er gut leben." (303)
  • "Weißte, ich glaube, so richtig angenommen bei der Bevölkerung waren die meisten von uns Flüchtlingen erst, als die Gastarbeiter sind gekommen, die Türken. Anfangs die Italiener und ein paar Griechen, danach ein paar Jugoslawen. Aber dann kamen da schon die Türken. Das waren dann die Flüchtlinge nicht mehr so schlecht angesehen, die wurden dann unauffälliger, möchte ich mal sagen. Die waren dann bereits drinne in der Gemeinschaft von die Deutschen, als die Gastarbeiter sind gekommen. Da waren die dann die Fremden." (389)

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