In drei Teilen erzählt Márei letztlich "dieselbe" Geschichte aus der Sicht der 3 Protagonisten: Péters erster Frau, Péter selbst und schließlich aus der Sicht seiner zweiten Frau Judith Aldozo. Dabei beginnen die beiden ersten Teile jeweils exakt mit demselben Satz: "Du, schau dir mal den Mann dort an" (Teil 1) bzw. "Du, schau dir mal die Frau dort an." (Teil 2). Was dann folgt, ist die schonungslose Darstellung der Ehe aus der Sicht der ersten Frau Péters im ersten Teil. Im zweiten Teil erzählt Péter einem Freund über seine beiden Ehen. Im dritten Teil berichtet Judith Aldozo (Peters zweite Frau) schließlich ihrem Liebhaber über ihre Ehe mit Péter.
Alle drei Teile enthalten nun z.T. dieselben Vorkommnisse. Allerdings ergeben sich aus der Unterschiedlichkeit der Sichtweisen völlig unterschiedliche Einsichten. Für mich eines der faszinierendsten Bücher der letzten Jahre. Sándor Márai für mich eine große Entdeckung!
Aus der Vielzahl an Wahninns-Stellen hier eine kleine Auswahl:
Teil 1: Péters erste Frau
"Es war der Augenblick, im dritten Jahr unserer Ehe, als mir zum erstenmal bewußt wurde, daß ich meinen Mann nicht kannte. Ich lebte mit einem Menschen zusamen und kannte ihn nicht. Hatte manchmal gedacht, alles von ihm zu wissen, und dann stellte sich heraus, daß ich von seinen wirklichen Freuden, Vorlieben und Sehnsüchten keine Ahnung hatte." (17)
- "Es ist immer eine Sünde, wenn wir uns nicht mit dem begnügen, was uns die Welt von sich aus gibt, oder mit dem, was ein Mensch uns freiwillig bietet, es ist immer eine Sünde, wenn wir mit gieriger Hand nach dem Geheimnis eines anderen Menschen greifen." (67)
- "Schau, Liebes, mich hat Gott damit gestraft, und beschenkt, daß ich es erfahren und ausgehalten habe. Was ich erfahren habe? ... Das Liebes: daß es die Richtige und den Richtigen nicht gibt.
Eines Tage bin ich erwacht, habe mich im Bett aufgesetzt und gelächelt. Es tat nichts mehr weh, und ich begriff auf einmal, daß es die Richtigen nicht gibt. Weder auf Erden noch im Himmel. Es gibt ihn nicht, jenen einzigen. Es gibt nur Menschen, und in jedem Menschen ist eine Prise vom Richtigen, aber in keinem gibt es das, was wir vom anderen erwarten und erhoffen. Es gibt keinen vollkommenen Menschen, und jener einzige, Wunderbare, Beglückende existiert nicht. Nur Menschen, in denen es soviel Schutt wie Licht gibt ..."(149)
Teil 2: Péter
- "Die großen Unternehmen des Lebens lassen sich nicht mit Buchhalterweisheiten beurteilen. Es geht nicht darum, ob sich etwas lohnt oder nicht gelohnt hat, sondern darum, daß man etwas tun muß, weil es das Schicksal oder die Umstände oder das Temperament oder die Funktion der Drüsen so befehlen..Wahrscheinlich spielt das alles ineinander ... und daß man dann nicht feig ist, sonder es tut. Nur das zählt. Der Rest ist Theorie." (194)
- "Man weiß im voraus, zu welcher Stunde man sich anziehen, frühstücken, arbeiten, Liebe machen, ausspannen, sich bilden wird. Die ideale Ordnung. Und in dieser großen Ordnung gefriert allmählich das Leben um einen herum; so wie um eine Expedition, die in blühende, weit entfernte Gegenden hätte führen sollen, auf einmal die Welt und das Meer zu Eis werden und es keine Pläne und Absichten mehr geben kann, sondern nur Kälte und Erstarrung." (206)
- "Und im allerletzten Augenblick, da man die Augen schließt, versteht man? Was hat man voneinander gewollt? Man hat bloß gehorcht, einem großen, blinden Gesetz, das mit dem Hauche der Liebe seinen Befehl durchsetzt, der lautet, daß die Welt erneuert werde, mit Hilfe von sich paarenden Männern und Frauen, zum Weiterbestehen der Gattung." (235)
- "Jeder Mensch hat das Recht, sich allein, in heiliger Stille auf den Abschied und den Tod vorzubereiten. Seine Seele noch einmal zu leeren, sie so leer und ehrfürchtig werden zu lassen, wie sie zu Anfang der Zeiten gewesen ist, in der Kindheit." (260)
- "Lieben heißt die Freude voll und ganz zu kennen und dann zugrunde gehen. Aber so viele Menschen erhoffen von ihrem Geliebten nichts als Hilfe, Mitleid, Zärtlichkeit, Geduld, Verstehen, Gekuschel. Und sie wissen nicht, daß das alles wertlos ist, daß nur sie selbst geben können, bedingungslos, denn das ist der Sinn dieses Spiels." (290)
Teil 3: Judit Aldozo
- "Und doch ist es hier in diesem Hotel besser, hier mit dir. Du kommst mir bekannter vor. Und alles, was mit dir und um dich herum ist, hat was Vertrautes. Ja, auch dein Geruch ist vertrauenerweckender. In dieser stinkigen Maschinenwelt, die man Zivilisation nennt, vermögen die Menschen gar nicht mehr zu riechen, es heißt, ihre Nasen seien verkümmert. Aber ich bin noch zwischen Tieren geboren, und ich habe den Geruchssinn geschenkt bekommen, den die Reichen nicht mehr haben." (336)
- "Denn eines Tage fällt meinem Mann, diesem wahren Gentleman, plötzlich auf, daß das Leben nicht vollständig ist, da die Familie auf dem Friedhof in Buda kein Grabgewölbe hat." (353)
- "Später, als er zu ahnen begann, daß ihm etwas fehlte, verlor er die Beherrschung wie ein Schwerkranker, der eines Tage den berühmten Ärzten und Wissenschaftlern nicht mehr glaubt, sondern zur Quacksalberin rennt, weil die vielleicht noch helfen kann. Auf diese Art kam er zu mir, von seiner Frau und seinem alten Leben. Er dachte, für ihn sei ich die Quacksalberin. Aber ich konnte ihm keine heilenden Kräuter kochen." (362)
- "Das ist eine der großen Gemeinheiten, die es unter den Menschen geben kann, dieses herrschaftliche Lächeln. Die wahre Sünde der Reichen.. Die man nicht vergeben kann. Denn ich verstehe es, wenn jemand schlägt und mordet, um sich zu wehren. Aber wenn einer nur schweigt und lächelt, was kann man da noch machen?" (365)
- "Und jetzt entdeckten wir, dass Körperreinigung nicht so wichtig war. Es ging uns auf, daß es wichtiger war, die wasserartige Flüssigkeit im Eimer, eine verdächtige Brühe, zum Kartoffelkochen zu verwenden. Und da wir jeden einzelnen Eimer Wasser persönlich in die oberen Stockwerke schleppen mußten, begriffen wir plötzlich, wie wertvoll Wasser ist. So wertvoll, dass man es nicht zum Händewaschen verschwenden sollte, nicht einmal nach schmutziger Arbeit." (389)
Alle Zitate aus: "Wandlungen einer Ehe" - Aus dem Ungarischen von Christina Viragh
Piper, München, 7. Auflage 2003