Frankfurt am Main 2018 (Westend Verlag)
Hier also liegt der Schlüssel zu unserer Untersuchung. Wir werden behaupten, dass alles, was der Mensch tut, nicht auf unmittelbarem und sicherem Wissen beruht, sondern auf Bildern, die er sich selbst geschaffen oder die man ihm gegeben hat. (72)
Aber was ist Propaganda, wenn nicht die Bemühung, das Bild zu ändern, auf das die Menschen reagieren, das heißt ein Gesellschaftsmodell durch ein anderes zu ersetzen? Was ist denn Klassenbewußtsein anderes als eine Art, die Welt zu erkennen? (73)
Die Welt, mit der wir es in politischer Hinsicht zu tun haben, liegt außer Reichweite, außer Sicht, außerhalb unseres Geistes. (75)
Diejenigen Bilder, nach denen ganze Gruppen von Menschen oder Individuen im Namen von Gruppen handeln, sind die Öffentliche Meinung, geschrieben in Großbuchstaben. (76)
Ich behaupte, dass ein repräsentatives Regime weder in dem, was gewöhnliche Politik genannt wird, noch in der Industrie erfolgreich funktionieren kann, gleichgültig, wie das Wahlsystem aussieht, wenn es nicht eine unabhängige, sachkundige Organisation gibt, welche die ungesehenen Tatsachen für diejenigen verständlich macht, die die Entscheidungen zu treffen haben. (...)
Die Zeitungen werden von den Demokraten als Universalheilmittel für ihre eigenen Fehler betrachtet, wohingegen die Analyse der Nachrichten und die wirtschaftliche Basis des Journalismus eher zu zeigen scheinen, dass die Zeitungen notwendig und unvermeidlich den mangelhaften Aufbau der öffentlichen Meinung widerspiegeln und daher mehr oder weniger noch verstärken. (77)
Statt also die Öffentlichkeit alle Tatsachen wissen zu lassen, wie sie die Generäle kannten, gaben die Verantwortlichen nur gewisse Fakten bekannt und diese nur in einer Weise, die das Volk wahrscheinlich in seiner Haltung bestärken würde. (81)
Wir haben gelernt, das Propaganda zu nennen. Eine Gruppe von Menschen, die der Öffentlichkeit den ungehinderten Zugang zu den Ereignissen verwehren kann, arrangiert die Nachrichten, damit sie ihren Zwecken dienen. (84)
Ohne eine gewisse Form der Zensur ist Propaganda im strengen Sinne nicht möglich. Um Propaganda zu betreiben, muss eine gewisse Schranke zwischen Öffentlichkeit und Ereignis errichtet werden. Der Zugang zu der wirklichen Umwelt muss begrenzt werden, ehe jemand eine Pseudoumwelt errichten kann, die er für klug oder wünschenswert hält. (85)
Es ist daher oft aufschlussreich, sich selbst zu fragen, wie man zu den Fakten gelangt ist, auf denen die eigenen Meinung basiert. Wer sah, hörte, fühlte, erzählte, erwähnte die Angelegenheit, zu der man eine Meinung hat. (86)
Es gibt nämlich sehr klare Grenzen für die Verbreitung von Gedanken. Von dem Aufwand, der nötig ist, um jedermann zu erreichen, kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man die Propaganda der amerikanischen Regierung während des Weltkrieges studiert. (87)
Wir müssen lediglich die bedeutende Rolle im Auge behalten, die die Gesellschaftsschicht bei unserem geistigen Kontakt mir der Welt spielt, wie sie dazu neigt, festzulegen, was zulässig ist, und zu bestimmen, wie es beurteilt werden soll. (94)
Bei wahrhaft wirksamen Denken jedoch ist es primär notwendig, Urteile zu liquidieren, die Unbefangenheit wieder zu gewinnen, Gefühle zu entwirren, neugierig und aufgeschlossen zu sein. (95)
Unsere Meinungen erfassen naturgemäß einen größeren Raum, eine längere Zeitspanne, eine größere Anzahl von Gegenständen, als wir mit eigenen Augen beobachten können. Sie müssen daher aus den Schilderungen anderer Leute und aus unseren inneren Vorstellungen zusammengesetzt werden.
Doch selbst der Augenzeuge bringt keine unvoreingenommenes Bild vom Schauplatz des Vorgangs mit. (109)
Denn die akzeptierten Typen, die geläufigen Denkschemata, die Standardversionen fangen die Informationen auf ihrem Weg zum Bewusstsein ab. (113)
Im ganzen Erfahrungsbereich der Menschheit hat bisher kein dem Kino vergleichbares Mittel der Verbildlichung existiert. (118)
Die Stereotypensysteme stellen vielleicht den Kern unserer persönlichen Gepflogenheiten und den Schutz unserer gesellschaftlichen Stellung dar. Sie sind ein geordnetes, mehr oder minder beständiges Weltbild, dem sich unsere Gewohnheiten, unser Geschmack, unsere Fähigkeiten, unser Trost und unsere Hoffnung angepasst haben. (...)
Es ist daher kein Wunder, dass jede Störung der Sterotypen uns wie ein Angriff auf die Grundfeste des Universums vorkommt. (120)
Eine Welt, in der die von uns geachteten Personen sich als unwürdig erweisen und die von uns verachteten als edel, ist nervenzermürbend. (...)
Ein Stereotypenmuster ist nicht nicht neutral. (...) Es ist die Garantie unser Selbstachtung; (...) Sie sind die Festung unserer Tradition. Hinter ihre Verteidigungsanlagen können wir uns weiterhin in der von uns gehaltenen Stellung sicher fühlen. (121)
Es ist ihr [Perfekte Stereotype] Merkmal, das sie dem Gebrauch der Vernunft vorausgeht; sie ist eine Form der Wahrnehmung und drängt den Gegebenheiten, die unserer Sinne aufnehmen, gewisse Merkmale auf, bevor diese Gegebenheiten den Verstand erreichen. (...)
Sie bestimmt die Wertung eines Gegenstands bereits im Moment seiner Wahrnehmung. (123)
Die letztere [Evolutionstheorie] wurde aus einer ursprünglich technisch-biologischen Hypothese zu einem inspirierenden Leitfaden für Forscher in praktisch jedem Wissenschaftszweig: Sitten und Gewohnheiten, sittliche Grundsätze, Religionen, Philosophien, Künste, Dampfmaschinen, elektrische Straßenbahnen - alles und jedes hatte sich entwickelt. Evolution wurde ein sehr allgemeiner Begriff; er wurde auch ungenau, bis in vielen Fällen die ursprünglich, scharf umrissene Bedeutung des Wortes verloren war und die Theorie, zu deren Darstellung der Begriff evoziert worden war, missverstanden wurde (128).
Evolution war, zuerst bei Darwin selbst und dann ausführlicher bei Herbert Spencer, ein Fortschritt in Richtung Vollkommenheit. (129)
Die durch solche Wörter wie Fortschritt und Vollkommenheit wiedergegebene Stereotype beruhte hauptsächlich auf den technischen Erfindungen. (...)
Ein Amerikaner wird nahezu jede Kränkung einstecken, ausgenommen den Vorwurf, er sei nicht fortschrittlich. (...) (130
Und doch ist dieses Modell eine sehr einseitige und unzulängliche Weise, die Welt abzubilden. Das gewohnheitsmäßige Denken an den Fortschritt als an die Entwicklung bedeutete, dass viele Aspekte der Umwelt einfach vernachlässigt wurden. (131)
Die Fortschritts-Stereotype, die mächtig zur Arbeit anreizt, entwertet fast völlig den Versuch einer Entscheidung darüber, welche Arbeit zu tun und warum sie zu tun ist. (133)
Folglich spart uns die Stereotype nicht nur Zeit in einem geschäftigen Leben und ist ein Schutz für unsere Stellung in der Gesellschaft, sondern will uns vor all den bestürzenden Folgen des Versuchs bewahren, die Welt kontinuierlich zu sehen und sie vollständig zu sehen. (134)
Doch ist ein Volk ohne Vorurteile, ein Volk mit völlig neutraler Haltung, in jeder erdenklichen Zivilisation so unvorstellbar, dass auf einem solchen Ideal kein Erziehungsplan basieren könnte. Vorurteile können bloßgestellt, verkleinert und verfeinert werden, aber solange wie endliche Menschen sich mit einer nur kurzen schulischen Vorbereitung auf eine ungeheuer vielschichtige Zivilisation begnügen müssen, schleppen sie deren Bilder mit sich herum und haben Vorurteile. (138)
Nur wenn wir die Gewohnheit haben, unsere Meinungen als eine partielle Erfahrung zu erkennen, die wir durch unsere Stereotypen sehen, werden wir gegen unseren Gegner wirklich tolerant werden. (...) Denn während die Menschen einer Frage gerne zwei Seiten konzedieren, billigen sie diese zwei Seiten nicht dem zu, was sie für Tatsachen halten. (143-144)
Der menschliche Geist ist kein Film, der jeden Eindruck ein für alle Mal festhält, der seine Verschlüsse und Linsen passiert. Der menschliche Geist ist unendlich und ausdauernd schöpferisch. (...) Wir setzen die Schwerpunkte und nehmen an der Handlung teil. (167)
Ein klarer Denker ist fast immer jemand, der etwas gut visualisieren kann. Aber gerade weil er filmisch empfindet, ist er oberflächlich und unempfindlich. (169)
Damit die entfernte Situation nicht ein graues Flackern am Rande der Aufmerksamkeit wird, sollte sie in Bildern umgesetzt werden können, in denen die Möglichkeit zur Identifikation erkennbar ist. Geschieht dies nicht, so wird sie nur wenige Leute für kurze Zeit interessieren. (172)
In fast jeder Geschichte, die uns fesselt, werden wir selbst zu einer Figur und stellen diese Rolle in einer eigenen Pantomime dar. (175)
Wo alle Fakten außerhalb unserer konkreten Wahrnehmung liegen, klingen ein wahrer Bericht und ein verständlicher Irrtum ähnlich, lesen sich ähnlich, fühlen sich ähnlich an. Außer bei wenigen Themen, wo unserer Spezialwissen groß ist, können wir nicht zwischen wahren und falschen Berichten unterscheiden. Deshalb wählen wir zwischen vertrauenswürdigen und unzuverlässigen Berichterstattern. (212)
Denn noch so viele Abstimmungen können es nicht verhindern, dass eine echte Entscheidungsfrage notwendig ist - sei es zu einer Maßnahme oder einem Kandidaten -, bei der die Wähler ja oder nein sagen können. So etwas wie eine direkte Gesetzgebung existiert tatsächlich nicht. (219)
Wenn jedoch schnelle Resultate erforderlich sind, kann die Manipulation der Masse durch Symbole das einzige effiziente Mittel sein, um eine brenzlige Situation zu meistern. Es ist oft wichtiger zu handeln als zu begreifen. (222)
Wenn daher eine neue politische Linie eingeschlagen werden soll, appelliert man zuerst an die Gemeinsamkeit der Empfindungen (...). Im ersten Abschnitt gibt der Politiker der in der Masse vorherrschenden Meinung Ausdruck. (228)
Zustimmung zu gewinnen ist keine neue Kunst. Sie ist im Gegenteil sehr alt, doch hielt man sie mit dem Erscheinen der Demokratie für tot. Sie ist jedoch keineswegs tot, sondern hat im Gegenteil ihre Technik ungemein verbessert, weil sie sich heute eher auf einer Analyse als auf eine Faustregel gründet. Daher hat die Praxis der Demokratie, als Ergebnis der psychologischen Forschung und gekoppelt mit den modernen Kommunikationsmitteln, einen Schritt vorwärts getan. Eine Revolution findet statt, der unendlich größere Bedeutung zukommt als einer Verschiebung der wirtschaftlichen Macht. (231)
So haben die frühen Demokraten behauptet, eine vernunftgemäße Rechtschaffenheit entspringe spontan aus der Masse der Menschen. (...) Wenn die öffentliche Meinung nicht spontan entstand, so hätte zu jener Zeit niemand geglaubt, dass sie überhaupt entstand. (235)
Die demokratische Tradition versucht daher ständig eine Welt zu sehen, in der sich die Menschen ausschließlich mit Angelegenheiten befassen, deren Ursachen und Wirkungen alle innerhalb des Gebietes liegen, das sie bewohnen. Niemals hat sich die demokratische Theorie im Zusammenhang einer weiten und unvorhersehbaren Umwelt sehen können. (...) Wenn die Demokratie unmittelbar sein soll, müssen die Interessen der Demokratie ebenfalls einfach und greifbar bleiben. (...) Die Umwelt muss sich auf den direkten und zuverlässigen Erkenntnisbereich des Menschen beschränken. (244)
Die Zusammenstöße und Misserfolge der konkaven Demokratie, in der Menschen alle ihre eigenen Angelegenheiten unmittelbar erledigten, standen ihnen lebhaft vor Augen. Wie sie das Problem sahen, ging es darum, die Regierung gleichsam gegen die Demokratie wiederherzustellen. (250)
Als die Verfassung niedergeschrieben wurde, konnte Politik noch durch Konferenzen und Übereinkünfte unter Gentlemen gemacht werden, und Hamilton wandte sich einer Regierung wegen an die vermögende Oberschicht. (251)
Die Verfassung war ein offenherziger Versuch, den Umfang der Volksregierung zu begrenzen; (252)
Das amerikanische Volk begann zu glauben, das seine Verfassung ein Instrument der Demokratie sei, und behandelte es als solches. Dieses Fiktion geht auf den Sieg Jeffersons zurück, (...). (254)
Der Ämterwechsel präsentierte sich also augenscheinlich als die Theorie, in der Praxis hingegen wanderten die Ämter zwischen Kunkjunkturrittern hin und her. Die Amtszeit braucht keine Dauermonopol zu sein, aber der Berufspolitiker besaß Dauerhaftigkeit. (256)
Der Hauptgrund für diesen weltweiten Vertrauensschwund ist meines Erachtens in der Tatsache zu suchen, dass ein Kongress von Volksvertretern im Wesentlichen eine Gruppe von Blinden in einer riesigen, großen, unbekannten Welt ist. (257)
Aber selbst, wenn die Theorie angewendet würde und die Wahlbezirke stets nur ihre klügsten Männer entsendeten, wäre die Summe oder eine Verbindung der lokalen Eindrücke noch keine genügend breite Basis für eine nationale Politik und überhaupt keine Basis für die Kontrolle der Außenpolitik. (258)
Wenn Bildung und Institutionen fehlen, die die Umgebung derart erfolgreich widerspiegeln, dass die Realität des öffentlichen Lebens sich scharf gegen die ichbezogene Meinung abheben, entziehen sich die Gemeininteressen weitgehend der öffentlichen Meinung und können nur von einer spezialisierten Schicht wahrgenommen werden, deren persönliche Interessen über ihre lokale Situation hinausgehen. (273)
Man macht aber die Menschen würde nicht von der einen Behauptung hinsichtlich der Selbstregierung abhängig, sondern vertritt die Ansicht, dass die Würde des Menschen einen Lebensstandard erfordert, bei dem sich seine Fähigkeiten richtig entfalten können, so ändert sich das ganze Problem. (275)
In keiner uns vorstellbaren Zeit besteht die Aussicht, dass die ganze unsichtbare Umwelt allen Menschen so klar wein wird, dass sie spontan zu vernünftigen öffentlichen Meinungen zum Gesamtkomplex des Regierungsgeschäftes gelangen werden. (276)
Hinter dieser klassischen Freiheitsdoktrin, wie sie amerikanische Demokraten in ihrer Bill of Rights aufgenommen haben, stehen tatsächlich mehrere verschiedene Theorien über den Ursprung der Wahrheit. Eine davon ist die Anschauung, dass im Wettstreit der Meinungen die wahrhaftigste gewinnen wird, weil der Wahrheit eine besondere Stärke innewohnt. Diese Ansicht ist wahrscheinlich vernünftig, wenn man den Wettstreit genügend lange andauern lässt. (278)
Die Wahrheit über entlegene oder komplexe Angelegenheiten liegt nicht offen zutage, und der Apparat zum Einholen von Informationen ist eine technische und kostspielige Angelegenheit. (279)
Der Bürger ist bereit, für seinen Fernsprechanschluss, seine Reisen mit der Eisenbahn, für seinen Wagen und sein Vergnügen Geld anzulegen. Aber er bezahlt nicht gern für seine Nachrichten. (281)
Aber dieses wirtschaftliche Prinzip herrscht im Journalismus mit solch ausgesprochener Härte, dass das Einholen von Nachrichten bei weitem nicht jene Anzahl erfahrener und fähiger Leute anzieht, wie es seine Bedeutung für die Öffentlichkeit zu erfordern scheint. (289)
Allmählich haben daher die stärker erleuchteten Köpfe Fachleute berufen, die geschult waren oder sich selbst geschult hatten, damit sie Teile dieser Großen Gesellschaft denen, die sie lenken, greifbar machten. (313)
Der Gedanke, dass der Fachmann eine einflusslose Person ist, weil er andere die Entscheidungen fällen lässt, entspricht nicht der Erfahrung. Je feinsinniger die Elemente, die zur Entscheidung beitragen, desto mehr Macht übt der Fachmann aus, ohne dabei die Verantwortung zu tragen. (...) Aber die Fachleute werden Menschen bleiben. (...) Kurzum, sie werden danach trachten, eine Bürokratie zu werden. (322)
Ich glaube, wir werden in einiger Zeit erkennen, dass die Berichtsapparaturen von den Direktoren und Aktionären unabhängig sein müssen, wenn wir die Industrie unter gesellschaftlicher Kontrolle bringen wollen. (323)
Wenn die Analyse der öffentlichen Meinung und der demokratischen Theorien in ihrem Verhältnis zur modernen Umwelt grundsätzlich vernünftig erscheint, dann sehe ich nicht ein, wie man der Tatsache ausweichen kann, dass solche Informationsarbeit der Schlüssel zur Besserung ist. (331)
In erster Linie ist der Informationsdienst ein Mittel der handelnden Männer, der mit Entscheidungen befassten Volksvertreter und des Arbeiters bei seiner Arbeit. (...)
Ziel ist also nicht, jeden Bürger mit Spezialmeinungen über alle Fragen zu belasten, sondern diese Bürde von ihm auf den verantwortlichen Verwaltungsfachmann abzuschieben. (333)
Nur wenn eine gewisse Stabilität über einen langen Zeitraum vorausgesetzt werden kann, können die Menschen hoffen, der Methode der Vernunft zu folgen. (345)