Stefan Klein: Das All und das Nichts

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Von der Schönheit des Universums - Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017

Wir sind dem Traum des Marquis Pierre Simon Laplace erstaunlich nahe gekommen. Im Jahr 1814 spekulierte dieser Pariser Astronom über eine perfekte Intelligenz, die breit genug wäre, alle Daten einer Analyse zu unterziehen. Einem solchen Weltgeist, bekannt als Laplace'scher Dämon, bliebe nichts verborgen. (...)
Der Dämon war ein metaphysisches Wesen, erdacht, um die Macht der Naturgesetze zu demonstrieren und den nach freien Stücken waltenden Gott von seinem Thron zu stürzen. (...)
Der Dämon hat seine Heimat in den Prozessoren gefunden, und da sich deren Leistung alle anderthalbe Jahre verdoppelt, scheint uns nichts daran zu hindern, immer genauer in die Zukuft zu sehen. (60-61)

Ist es ein Wunder, dass die Forschung so viele Menschen verängstigt? Hinter dem Unbehagen steht die Sorge, die erklärte Welt würde ihren Zauber verlieren - und die Menschen ihre Freiheit. Wir wollen berechenbar sein.
Die Behauptung, dass sich alles Geschehen in der Welt auf einige wenige Gesetze zurückführen und daher wenigstens grundsätzlich  berechnen lasse, nennt man Reduktionismus. Der Reduktionismus ist so etwas wie das Glaubensbekenntnis der modernen Naturwissenschaft. (62)

Wir konnten uns eine künstliche Welt voller Computer und Laser schaffen, seit wir mit den Gleichungen der Quantenphysik die Dynamik der Atome verstehen. Solche Erfolge ließen das Vertrauen in den Reduktionismus ins Unermessliche wachsen.
Wen stört es da, dass wir noch nicht einmal das Verhalten einer Ameise anhand der Naturgesetze vorhersagen können? (63)

Diese Formel, die Schrödingergleichung, ist die Weltformel für den Alltag. (...) Die Schrödingergleichung enthält nichts weiter als die Abstände, die Massen und elektrischen Ladungen der Atomkerne und Elektronen, außerdem eine Naturkonstante. Ihre Genauigkeit ist gleichwohl über alle Zweifel erhaben: Präzisionsmessungen haben sie auf mindestens 18 Nachkommastellen bestätigt. Was hindert uns daran, Supercomputer das Wetter in drei Wochen oder im übernächsten Sommer ausrechnen zu lassen? (...)
Mehr als 65 Prozent der Gewitter, vor denen der Deutsche Wetterdienst warnt, finden nie statt. Und was private Wetterfirmen als Vorhersage über mehr als eine Woche verkaufen, ist selten besser als Würfeln. Obwohl alles nach einfachen und bekannten Regeln geschieht, versagt die Prognose. (64)

Aus dem Wissen um die Regeln allein konnte Elias keine sinnvollen Züge ableiten. Niemand kann das. Man muss das Spiel [Schach] spielen und in Tausend Partien seine Möglichkeiten erkunden. (...) Der Laplace'sche Dämon wäre im Schach unbesiegbar; da er mit seiner perfekten Intelligenz jeden möglichen Spielverlauf berechnen könnte, würde er immer den optimalen Zug wählen. Allerdings haben die Spiele in jeder Position die Wahl zwischen ungefähr 30 erlaubten Zügen, und in einer typischen Partie sind Schwarz und Weiß je 40 Mal an der Reihe. So kommt man auf die enorme Zahl von 10 hoch 120 möglichen Spielverläufen: Dies ist eine 1 mit 120 Nullen. Um alle denkbaren Spielverläufe zu bestimmen, müssten selbst heutige Supercomputer 10 hoch 90 Jahre lang rechnen, also viele Milliarden länger, als das Universum seit dem Urknall besteht. So viel Zeit würde als vergehen, bevor ein grundsätzlich unbesiegbarer Schachcomputer zum ersten Mal zieht. (66)

Es handelt sich zwar noch um eine gewöhnliche Zahl, die aber so riesig ist, dass sich jede Rechnung mit so vielen Möglichkeiten verbietet. Wir werden dem Googol noch öfter begegnen. (67)

Der umfangreichste Speicher, den man sich vorstellen kann, ist das sichtbare Weltall - jener Teil des Universums, dessen Licht uns erreicht. Zufällig entspricht die Datenmenge, die sämtliche im Weltalle existierenden Teilchen aufnehmen können, in etwas der Zahl der  möglichen Spielverläufe im Schach.
Darum kann der Laplace'sche Dämon nicht Schach spielen, darum wird es nie einen perfekten Schachrechner geben. Die existierenden Programme verfolgen bescheidenere Ziele. Statt alle Möglichkeiten zu berechnen, erkunden sie nur die aussichtsreichsten Züge. Das geht viel schneller. Allerdings benötigen sie ein Vorwissen darüber, was üblicherweise im Schach funktioniert. (...)
Das Programm verzichtet also auf eine sichere Prognose und nimmt dafür mit Wahrscheinlichkeiten vorlieb.  Dadurch wird es verwundbar, denn in manchen Situationen führt ein Erfahrungswert in die Irre. Schachcomputer, die menschliche Weltmeister schlagen, sind die Einäugigen unter den Blinden. Diese Rechner können keine perfekte Prognose abgeben, bloß ist der menschliche Verstand noch weniger als sie imstande, die Komplexität des Spiels zu erfassen. Verglichen mit dem Wetter ist Schach übersichtlich. Die Welt des des Spiels besteht nur aus 32 Figuren und 64 Feldern. Bereits dieses erlauben Billionen von Kombinationen. Aber in der Atmosphäre geschieht unermesslich viel mehr.  (67-68)

Die Vielfalt der Natur erschließt sich nur, wenn man sie sieht. (...)
Der Reduktionismus ist ein Papiertiger, wenn das ganze Universum als Rechner nicht ausreicht, um aus den elementaren Tatsachen brauchbare Schlüsse zu ziehen. (70)

Jede Messung enthält Fehler. Das Geschehen in der Atmosphäre exakt zu bestimmen ist noch nicht einmal theoretisch möglich, weil das ganze Universum dafür nicht genug Rechenkapazität bietet. Selbst wenn der Lplace'sche Dämong nur einen Regenschauer voraussagen wollte, wäre das Weltall für ihn zu klein.
Damit ist das Dilemma unausweichlich: Die vollständigen Informationen können wir nicht verarbeiten, aber unvollständige Daten erlauben keine perfekte Prognose.
Uns bleibt nur, mit der Unschärfe zu leben und sie zu verringern. (76)

Das menschliche Gehirn enthält 10 hoch 14 Synapsen, tausendmal mehr Verknüpfungen zwischen Gehirnzellen also, als Sterne in der ganzen Milchstraße funkeln. (77)

Aber es ist ausgeschlossen, alle möglichen Proteininformationen, alle Genkombinationen vorherzusagen. Die Ketten sind nämlich so lang, dass für diese Aufgabe wieder einmal das ganze Universum als Computer nicht ausreichen würde - als hätte die Natur dafür gesorgt, dass sie sich immer wieder selbst überrascht. Mir scheint, gerade diese Unberechenbarkeit markiert die Grenze zwischen Leben und Tod. (78)

Weil sie [Soho-Banditen] rein zufällig handeln, sind sie euch überlegen. (86)

(...) französische Physiker Alain Aspect. Er zeigte mit einem berühmten Versuch im Jahr 1982, dass zwischen Ereignissen an unterschiedlichen Orten tatsächlich eine innere Verbindung bestehen kann, die sich wer auf vorherige Absprachen noch auf den Austausch von Signalen zurückführen lässt. (...)
Das Experiment ist eines der dramatischten Beispiele dafür, dass die Wirklichkeit der gewohnten Logik zuwiderläuft. Was sich dabei zuträgt, folgt den Gesetzen der Quantenmechanik, die das fundamentale Verhalten von Energie und Materie bestimmen. Aspect untersuchte in seinem Versuch Paare von Photonen, die Elementarteilchen des Lichts. (99-100)

Viele Physiker in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts waren zutiefst bestürzt, dass die Natur unbestimmte ist. Aber nur Einstein erkannte eine folge der Quantenmechanik, die noch befremdlicher ist: Die Theorie verlangt, dass zwei Teilchen, die einmal miteinander in Wechselwirkung getreten sind, für immer verknüpft sind. Denn die Information über die gemeinsame Vergangenheit geht nicht verloren. (...)
Eine solche Verknüpfung nennt man Verschränkung. Ihr Wesen liegt in unzerstörbarer Information über die Geschichte der Teilchen. (103-104)

[Irische Teilchenphysiker John Bell, 1964:] Ein verborgener Plan würde Spuren hinterlassen. Und um diese Spuren zu entdecken, brauche man lediglich zu zählen. Wenn es nämlich einen solchen Plan gäbe, dann müsste dieser zwangsläufig die Häufigkeit verändern, mit denen bestimmte Ereignisse gemeinsam auftreten. (105)

Und seitdem neu Experimente die letzten Zweifel ausgeräumt haben, steht fest: Einen verborgenen Plan, der das Schicksal eines jeden Teilchens festschreibt, kann es nicht geben. Es sind tatsächlich Zufälle, die an entfernten Orten gleichzeitig wirken. Einstein hatte sich geirrt.  (106)

Verschränkte Gegenstände an verschiedenen Orten verhalten sich so, als läge zwischen ihnen kein Raum. Wenn ein Partner bei einer Messung eine zufällige Antwort liefert, gibt der andere im selben Moment die entsprechende Antwort, ganz gleich, ob er sich nun einen Millimeter oder Hundert Kilometer weit weg befindet. (...)
Sind nah und fern nur Orientierungshilfen für uns, aber auf einer tieferen Ebene der Wirklichkeit ohne Belang? (...)
Und viel spricht dafür, dass Bewusstsein aus dem Zusammenwirken von Milliarden Neuronen entsteht. Warum sollten als gerade der Raum fundamental sein?
Möglicherweise ist das, was wir als Raum erleben, nur ein grobes Abbild der Beziehung zwischen den Dingen. (108)

Elementarteilchen sind keine Kugeln, sondern Energiezustände, ein plötzliches Aufflackern im leeren Raum. (120)

Der Kern und die Elektronen in der Atomhülle tauschen Photonen aus, die Elementarteilchen des Lichts. Photonen sind reine Energie. Sie vermitteln die elektromagnetische Kraft. (...) So sind Atomkern und Elektronen miteinander verbunden, indem sie Photonen austauschen. (121)

Die Energie der Bindung von Elektronen und Atomkern zum Beispiel steckt in den Photonen, die beide zusammenhalten. Und wie Einstein die Menschen gelehrt hat, entspricht jeder Energie eine Masse. Geistern, die sich verbinden, wächst Masse zu.
Die mit Abstand stärksten Bindungen wirken im Atomkern. Dort pendeln Gluonen, Klebeteilchen, zwischen den Quarks - so, wie die Photonen zwischen dem Atomkern und den Elektronen vermitteln. (123)

Fast 85 Prozent des Kosmos bestehen aus einer völlig unbekannten Substanz. (134)

Ihre Gravitation aber, die das Licht verbiegt, verrät die dunkle Materie. Aus der Stärke der kosmischen Lupe, der Gestalt der sonst unerklärlichen Lichtringe und den Geisterbildern lässt sich errechnen, wo sich die unsichtbare Masse verbirgt. Jede einzelne Galaxie im Haufen Abell 1689 ist demnach von einem Halo aus dunkler Materie umgeben, einer Art Wolke, die zehnmal, hundertmal, gelegentlich auch tausendmal schwerer wiegt als alle Sterne zusammen. Und schließlich steckt auch der ganze Galaxienhaufen einem Halo aus dunkler Materie.
Dieser Wolke verdankt Abell 1689 seine Existenz. Ohne ihn hätte sich der Galaxienhaufen längst aufgelöst, wäre er vermutlich gar nicht entstanden. Die Galaxien, aus denen Abell 1689 besteht, bewegen sich nämlich zueinander so schnell, das enorme Fliehkräfte wirken. Sie hätten sich längst in alle Richtungen des Weltraums verteilt, hielte sich nicht die Wolke der dunklen Materie mit ihrer Schwerkraft zusammen. (139)

Nur weil die dunkle Materie die leuchtende Materie zusammenhält, gibt es überhaupt Strukturen im Weltraum. Die dunkle Materie ist kosmischer Kitt. Jede Galaxie, auch die unsere, wird von ihr umhüllt. (140)

Und Licht ist nichts anderes als elektromagnetische Strahlung. Die dunkle Materie dagegen spricht auf elektromagnetische Kräfte nicht an. Daher bleibt sie unbemerkt; dunkle Teilchen können, wie Geister, alles Sichtbare ungehindert durchdringen. Nach manche Schätzungen rasen in jeder Sekunde Milliarden solcher Teilchen durch unsere Körper, ohne dass wir davon erfahren. Für dunkle Materie sind wir eigentlich gar nicht vorhanden.
Und doch übt die Schattenwelt der dunklen Materie kosmische Einflüsse aus, weil sie mit ihrer Masse andere Massen anzieht. Die dunkle Materie wirkt auf uns allein durch ihre Gravitation. Damit verleiht sie nicht nur unserer Milchstraße die vertraute, spiralförmige Struktur, sondern nimmt mitunter möglicherweise ganz unmittelbar Einfluss auf das irdische Geschehen. (141)

Nur durch die Gravitation, die von den dunklen Massen ausging, konnte sich die sichtbare Materie, die nach dem Urknall gleichmäßig verteilt durch das Weltall waberte, zu Galaxien zusammenziehen, konnten Sterne zünden. Ohne die dunkle Materie gäbe es unser Sonnensystem nicht, wären wir nicht da. Dieser großen Unbekannten im All verdanken wir unsere Existenz. (143)

Unerforscht ist nämlich auch der größte Teil der Energie, die den Kosmos erfüllt. Denn alle vertrauten Formen der Energie werden von einer unbekannten weit übertroffen. Dass diese exotische Energie existiert und das Schicksal des Universums bestimmt, steht außer Frage. Über ihre Natur wissen wir nichts. (147)

Das Universum macht überhaupt keine Anstalten, sich zur Ruhe zu setzen oder gar wieder in sich zusammenzufallen. Im Gegenteil beschleunigt sich sein Ausdehnung sogar: Etwas Unbekanntes wirkt der Gravitation , die alle Massen zusammenzieht, entgegen.
Dunkle Energie nannte der Amerikaner Michael Turner dies Kraft, die das Universum immer schneller anwachsen lässt. (148)

Sämtliche vier Kräfte der bekannten Physik - die starke, die schwache, die elektromagnetische Kraft und die Gravitation - wirken anziehend. Die dunkle Energie dagegen treibt alles auseinander. (149)

Die unerklärlichen Massen und Energien im Universum mögen Wissenschaftler zur Verzweiflung bringen, doch ihre Existenz ist  nichts weniger als ein Glücksfall für die Menschheit. Denn die sichtbare Materie reicht nicht aus, um eine Welt zu bilden, die uns Heimat sein kann. Ohne die dunkle Materie gäbe es im ganzen Universum keine Himmelskörper, auf denen sich Leben ansiedeln könnte. (...) Und fiele das Verhältnis der dunklen Energie den übrigen Naturkräften geringfügig anders aus, hätten sich nicht einmal derartige Gaswolken gebildet. Ein Universum mit einer stärkeren dunklen Energie wäre so schnell auseinandergeflogen, dass sich die Materie unendlich dünn verteilt hätte. (150)

Berücksichtigt man, dass nach Einstein Masse und Energie äquivalent sind, besteht das heutige Universum zu fast 70 Prozent aus dunkler Energie. Sie reißt alles auseinander, zerstört im Laufe der Zeit jede Gestalt. Und doch ist sie fein genug austariert, um Galaxien, Sterne, Planeten und letztlich uns Menschen entstehen zu lassen. Dies perfekte Abstimmung der Kräfte zählt zu den großen Rätseln unserer Daseins. (151)

Die Trennung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kommt uns so unumstößlich vor, dass man ein Naturgesetz dahinter vermutet. Aber ein solches Gesetz wurde niemals gefunden. (...) Weder die Relativitätstheorie, nach der sich der Kosmus entwickelt, noch die Quantentheorie, welche die Vorgänge im Allerkleinsten beschreibt, unterscheiden zwischen Vergangenheit und Zukunft. Alles, was gestern war, kann morgen wieder so sein. (158)

Entropie

Die unwahrscheinlichen Zustände verschwinden zugunsten der wahrscheinlicheren. Je unwahrscheinlicher ein Zustand, desto flüchtiger ist er. Je wahrscheinlicher ein Zustand, desto beständiger muss er sein und desto seltener wird er sich umkehren. Wo es aber ein Vorwärts, doch kein Rückwärts mehr gibt, erleben wir das Vergehen der Zeit. (...) Ein allmächtiges Wesen würde tatsächlich außerhalb der Zeit existieren. (...)
Hinter dem Rätsel der Zeit steht also der Zufall - der unvorhersehbare Tanz der Atome. (165)

Je größter die Entropie ist, desto mehr Information fehlt uns; umso schwerer fällt es, die Vergangenheit wiederaufleben zu lassen; umso mehr sind wir der Zeit unterworfen..
Wenn wir keine Kontrolle ausüben können, steht zur erwarten, das die Dinge den Weg von unwahrscheinlichen zum wahrscheinlichen Zustand nehmen, aber nicht anders herum. (166)

[Zweiter Hauptsatz der ThermodynamikNimmt man alle Gegenstände zusammen, die an einem Vorgang beteiligt sind, so kann deren Entropie niemals sinken. (...) Das Unwahrscheinlichere macht auf Dauer dem Wahrscheinlicheren Platz. Noch nie wurde auch nur ein einziger Vorgang entdeckt, der dies Regel verletzt. (...)
Schließlich ist der heutige Kosmos, in dem Sterne leuchten und Planeten sich drehen, eine ganz besondere Anordnung der Materie. Und das Besondere vergeht. Viel wahrscheinlicher ist das größte anzunehmende Durcheinander. (167)

Wir halten den eigenen Verfall nur auf, indem wir anderswo noch größere Unordnung anrichten. Wir essen und atmen. Brot und Äpfel sind geordnetere Zustände als menschliche Ausscheidungen. (168)

Mit jedem Tag, den wir auf der Welt sind, vermehren wir die Entropie in unserer Umgebung. (169)

Die Sonne gibt es nur, weil sich der ganze Weltraum in einem sehr unwahrscheinlichen Zustand befindet. Das Weltall enthält riesige Massen, Massen ziehen einander an: Warum also ist die Materie nicht längst in sich zusammengestürzt? Weshalb steht kein schwarzes Loch, sondern ein leuchtender Stern im Zentrum unseres Planetensystems?
Es gibt nur eine einzige mögliche Antwort: Weil sich die Materie lange vor der Entstehung der Sonne in einem geradezu phantastisch unwahrscheinlichen Zustand befand. (170)

Ein Abgrund an Unwahrscheinlichkeit tut sich auf. Die erstaunliche Tatsache, dass es uns gibt, lässt sich allein mit noch erstaunlicheren Verhältnissen in früheren Zeiten erklären. Und je weiter man in die Vergangenheit zurückblickt, umso unwahrscheinlicher werden die Zustände. (...)
Das heutige Universum ging nicht aus einem wahrscheinlichen Zustand hervor, also aus dem Chaos, sondern aus einem geradezu unfassbar unwahrscheinlichen. Das Chaos hätte in schwarzen Löchern geendet. Am Anfang war überall Ordnung. (171)

Denn die Ordnung, die wir heute wahrnehmen, ist nur ein sehr schwacher Abglanz jener viel größeren Regelmäßigkeit, die ganz am Anfang geherrscht haben muss. Die Strukturen nämlich, durch die uns die Welt heute mancherorts als organisiert vorkommt, wären ohne diese anfängliche Ordnung niemals entstanden. Sie bildeten sich nur um den Preis, dass anderswo die Unordnung zunahm. In der Summe nimmt die Entropie mit der Zeit zu, entwickelt sich der Kosmos als Ganzes von einem anfangs extrem unwahrscheinlichen zu einem wahrscheinlicheren und daher weniger geordneten Zustand.
Der Mathematiker Roger Penrose aus Oxford hat einmal berechnet, wie unwahrscheinlich es war, das ein Kosmos wie der unsere entstand. Er kam auf das unvorstellbare Ergebnis von 1 zu 10 hoch 10 hoch 123. (172)

Der Ursprung der Ordnung, der wir alles verdanken, ist uns völlig unerklärlich. (173)

Die Fluchtbewegung aller Sterne beweist, dass es tatsächlich einen Anfang gegeben hat. (...)
Träfe die Vorstellung zu, dass das Universum ein sich ausdehnender Ball ist, dann hätte das Weltall eine Grenze - die Hülle des Balles. Und das ist unmöglich. (183)

Denn zu den erstaunlichsten Einsichten der modernen Kosmologie gehört, dass wir zwar den Anfang des Universums bis auf wenige Millionen Jahre genau datieren können, nicht aber seine Größe herauszufinden vermögen. (187)

Und woher kam der Mond? Dass unser kleiner Planet solch einen Begleiter besitzt, ist phänomenal. Mir ihrer Schwerkraft hätte die Erde den Mond niemals selbst einfangen können. Vielmehr bescherte eine gewaltige Kollision ihr diesen Trabanten. Kurz nach ihrer Entstehung, vor 4,5 Milliarden Jahren, stieß sie mit einem Protoplaneten namens Theia zusammen. Man vermutet, dass Theia so groß wie der Mars war. Aus den Trümmern des Aufpralls entstand der Mond. (200)

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich intelligentes Leben auf unserem Planeten durchsetzen konnte, dürfte also weit über Franks uns Sullivans Schwellenwert von 10 hoch -24 liegen.
Folglich müssen wir davon ausgehen, dass das Universum so gut wie zwangsläufig intelligentes Leben hervorgebracht hat. (207)

Die Gleichförmigkeit des Kosmos legt nahe, das die Erde kein kosmischer Sonderfall ist. Überall kreisen Planeten und Sterne, überall gelten dieselben Naturgesetze, überall herrschten dieselben Bedingungen auch in der Vergangenheit. (211)

Wenn uns heute das Licht von einer Galaxie zehn Milliarden Lichtjahre im Osten und das Licht von einer anderen Galaxie zehn Milliarden Lichtjahre im Westen erreicht, dann sind diese beiden Galaxien 20 Milliarden Lichtjahre voneinander entfernt. Da aber das Universum nur 13,8 Milliarden Jahre alt ist, hatte das Licht in der gesamten Lebensdauer der Weltalls nicht genug Zeit, von der einen Galaxie zur anderen zu kommen. Da nichts schneller reisen kann als Licht, ist jeglicher Austausch zwischen diesen beiden Orten ausgeschlossen - und war es schon immer. (212)

Alle Orte, die wir heute Milliarden von Lichtjahren voneinander entfernt am Nachthimmel sehen, lagen damals dicht nebeneinander. (...) Dann wurden die Nachbarn schlagartig auseinandergerissen. Das geschah in einer Phase, in der das Universum unmittelbar nach seiner Entstehung rasend schnell an Volumen gewann - der Inflation.
Die Inflation eine Explosion des Weltalls zu nennen, wäre weit untertrieben. (...)
Die Inflation hatte kein Zentrum, sonder der gesamte Raum dehnte sich aus. Das Ganze dauerte weniger als eine milliardstel milliardstel milliardstel Sekunde, und in dieser unvorstellbar kurzen Zeit beschleunigte sich die Ausdehnung so sehr, dass sich das Universum schlagartig auf mindestens das Milliarden Milliarden Milliardenfache seiner ursprünglichen Grö0e ausdehnte. (213)

Vor der Inflation war das All mikroskopisch. Der ganze Weltraum, den wir heute sehen, drängte sich auf einem Volumen sehr viel kleiner als ein Atomkern. (214)

Seitdem gibt es keine gemeinsame Gegenwart mehr. Es bleibt aber die Vergangenheit, die alles im sichtbaren Universum miteinander verbindet: Jeder Punkt am Nachthimmel war einmal Teil derselben mikroskopischen Welt. Darum sind die Verhältnisse im Kosmos überall gleich. (...) Die Spuren des Mikrokosmos, aus dem sich das All entfaltete, haben sich nämlich bis heute erhalten. Sie zeigen sich in der kosmischen Hintergrundstrahlung. (215)

Doch die Inflationstheorie mache eine merkwürdige Voraussage: Sie erlaubt es, dass durch verschiedene Fluktuationen immer wieder neue Gebilde entstehen, die zu kosmischen Dimensionen anwachsen können. Jedes dieser Gebilde ist ein Universum für sich. Und jedes von unterschiedlicher Beschaffenheit. Möglicherweise herrschen in den Universen, die aus verschiedenen Fluktuationen hervorgingen, sogar unterschiedliche Naturgesetze. (217)

Die Versammlung von Universen wird Multiuniversum genannt. Unser eigenes Universum wäre im Multiuniversum nur ein winziger Teil, eine Schneeflocke, die in der Winterlandschaft verschwindet. (...)
Ob es wirklich andere Universen gibt, ob diese Voraussage der Inflationstheorie zutrifft, wissen wir nicht. (...)
Die größten Bereiche des Weltalls sind uns verborgen. Wie also sollten wir erfahren, was außerhalb liegt?
Kann es überhaupt ein Außerhalb geben? Das hängt davon ab, was man unter Universum versteht. Wenn mit diesem Wort alles gemeint ist, was existiert, dann ist außerhalb des Universums widersprüchlich in sich.
Aber man kann mir Universum auch ein zusammenhängendes Ganzes von Raum, Zeit, Energie und Materie bezeichnen. Solche Gebilde könnten immer wieder entstanden sein. Vielleicht gibt es andere Universen neben dem unseren. Vielleicht war der Urknall, auf den unser Weltall zurückgeht, nicht der Anfang aller Dinge. Vielleicht wurde unser Universum aus einem früheren Kosmos wiedergeboren: Wir wissen es nicht. (219)

Auch uns umgibt ein Horizont, hinter dem eine umfassender Wirklichkeit liegt. Auf diesen Horizont gehen wir zu. Solange die Menschheit klug genug ist, dafür zu sorgen, dass sie selbst weiter besteht, sind wir imstande, uns dem Geheimnis zu nähern und zu erfahren, woher wir kommen. (220)