Frankfurt/Main 2017 (Westend Verlag GmbH)
Einleitung
Das bisherige System permanenter Akkumulation von Reichtum und Macht in de Händen einiger weniger ist an seine Grenzen gestoßen. Aus eben diesem Grund arbeiten mächtige Think-Tanks und andere Kreise weltweit uns sehr gezielt daran, öffentliches Eigentum sowie auch die Ressourcen fremder Länder den Reichen und Mächtigen zu übereignen. (9)
Zur Verteidigung der mit rationalen Argumenten nicht mehr zu rechtfertigenden gesellschaftlichen Zustände sind die Eliten - unter dem Deckmantel verschleierter Begrifflichkeiten und überschüttet vom Applaus eines Großteils der Medien - momentan ganz offen dabei, Dinge wie Zensur und Gesinnungsprüfung für Journalisten - unter dem Label Qualitätssicherung und Kampf gegen Fake News - aus der Mottenkiste der Geschichte hervorzuholen. (14/15)
Ja, lügen die Medien denn nun oder nicht?
Ein Interview mit Walter van Rossum
Wenn es in den fast schon grotesken Wirren des Syrienkriegs zu einem Giftgasanschlag kommt, dann haben unsere Qualitätsjournalisten allerdings keiner Mühe damit, binnen Sekunden den Täter zu ermitteln und ein Urteil zu sprechen. Das ist billigster Erregungsjournalismus, der wahrhaft erschütternde Ausmaße angenommen hat. (23)
Im Übrigen beruht auch das Betriebssystem unserer Gesellschaft als solcher auf einem nahezu geschlossenen Konformismus - die meisten Menschen tun den lieben langen Tag Dinge, die sie eigentlich gar nicht tun wollen, und begründen und rechtfertigen das vor sich und andern dann tagein, tagaus. Sie arbeiten in dämlichen Betrieben, drehen andern Leuten irgendeinen Quatsch an, uns alles fließt nur, wenn alle genau die Codes und Regeln befolgen, die man gerade als Kultur oder Konvention beschreibt, die aber nichts anderes sind als die Manifestationen von Herrschaft ... Manifeste und internalisierte Ideologie, die niemand mehr infrage stellt und die den Interessen einiger weniger entspricht. (...)
Im Gegensatz zu früheren Herrschaftsformen ist der bürgerliche Mensch inzwischen mit seiner eigenen Unterdrückung regelrecht identifiziert. Und dass der Journalismus dabei die letzte Bastion unkontrollierter Freiheit sein soll, nur weil das in irgendwelchen Gesetzen steht, mutet doch ziemlich phantastisch an. (25)
Im Zuge dieser Entwicklung sollte man sich zunächst einmal von der Vorstellung verabschieden, dass die meisten Journalisten überhaupt noch über so etwas wie eine eigenständige Auffassung vom Lauf der Dinge verfügen - von eigensinnig mal ganz zu schweigen. (26)
Wenn Regierungen lügen und Medien mitmachen
Ein Interview mit David Goeßmann
Im Frühling 2015 kommt der unabhängige Wahrheitsausschuss unter der Leitung des führenden Schuldenexperten Eric Toussaint, eingesetzt vom griechischen Parlament, in einem Schuldenaudit zu dem Ergebnis, dass aller griechischen Schulden illegitim, illegal und nach internationalem Recht verwerflich sind und daher gestrichen werden müssen. Das Audit und die Schlussfolgerungen basieren auf einem enormen Fundus an Material und Dokumentation. So geht ein Großteil der griechischen Schulden etwa zurück auf Kredite der Millitärdiktatur zwischen 1967 und 1974 . Diese sind nach internationalem Recht odious und müssen nicht zurückbezahlt werden. (36)
Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten
Ein Interview mit Ulrich Teusch
(...) im Mainstream, (...), Folgendes zu beachten: Erstens werden Nachrichten in ganz bestimmter Weise gewichtet. Zweitens werden Nachrichten gezielt unterdrückt. Drittens werden Nachrichten in tendenziöser Weise bewertet, das heißt, es wird mit zweierlei Maß gemessen, es gibt Doppelstandards. (...)
Die Nachrichtenauswahl und Kommentierung wird immer ähnlicher und ist bei bestimmten wichtigen Themen kaum noch unterscheidbar. (47)
Aus Mainstream- werden Establishment-Medien. Eine empirische Studie der London School of Economics hat das am Beispiel de total einseitigen Berichterstattung über den neuen linken Labour-Chef Jeremy Corbyn, der praktisch den ganzen Mainstream gegen sich hat und eine Kampagne nach der anderen über sich ergehen lassen muss, eindrucksvoll belegt. (48)
Und das heißt: Der Mainstream wird weiter erodieren; er wird sich zwar noch Mainstream nennen oder so genannt werden, aber es nicht mehr sein. Ähnlich wie die Volksparteien, die sich noch so nennen, aber es nicht mehr sind. (...)
Historisch gesehen gab es wahrscheinlich noch nie so umfassende Informations- und Recherchemöglichkeiten wie heute. Sie setzen allerdings den aktiven Nutzer voraus, als Menschen mit ausreichend Kompetenz und Zeit, um sich das alles zu erschließen. (53)
Öffentlich-rechtlicher Gesinnungsjournalismus
Ein Interview mit Volker Bräutigam
Selbst der Programmbeirat der ARD hat der Tagesschau und den Tagesthemen im Juni 2014 ein mieses Zeugnis ausgestellt: Tendenziös, russlandfeindlich, voreingenommen, unkritisch (...). (55)
Im Ukraine-Konflikt setzte der WDR im Spätsommer 2014 den Zuschauern Bilder von einem Einsatz russischer Panzer im Georgienkrieg 2008 als Beleg für deren angeblichen Einsatz in der Ostukraine vor. (56)
Für ihr Unwesen würde ich sie allerdings nicht Lügenpresse nennen, denn das wäre mir zu allgemein und milde. Als Kriegshetzer würde ich sie gegebenenfalls bezeichnen, als journalistische Friedensverräter, Beschöniger von Völkerrechtsverbrechen, als Wasserträger von Bonzen und Magnaten, je nachdem, was trifft. (62)
Der Mythos der freien Presse
Von Noam Chomsky
Bei der Untersuchung der Medien stellt man (...) zunächst die Frage zu ihrer inneren Struktur. Man muss herausfinden, wie sie in der Gesellschaft verankert sind: In welcher Beziehung stehen sie zu anderen Systemen von Macht und Autorität? (107)
Die Massenmedien im eigentlichen Sinn haben im Wesentlichen die Funktion, die Leute von Wichtigerem fernzuhalten. (...) Es ist egal, wofür die Leute sich interessieren, solange es nichts Wichtiges ist. Die wichtigsten Angelegenheiten bleiben den großen Tieren vorbehalten: Wir kümmern uns darum. (109)
Es gibt alle möglichen Artgen von Filtermechanismen, um Leute loszuwerden, die lästig sind und unabhängig denken. Jeder, der studiert hat, weiß, dass das Bildungssystem darauf ausgerichtet ist, Konformität und Gehorsam zu belohnen. Wer sich dem verweigert, ist also ein Querulant. Das Bildungssystem ist also eine Art Filtervorrichtung, die nur diejenigen durchlässt, die die Glaubensgrundsätze und die sie umgebende Machtstruktur in der Gesellschaft wirklich und wahrhaftig verinnerlicht hat. (110)
Nehmen wir als Beispiel die New York Times - ein Unternehmen, das ein Produkt verkauft. Das Produkt sind die Leser. Ein solches Unternehmen verdient sein Geld nicht mit dem Verkauf von Zeitungen (...). Nein, die Leser sind das Produkt. (...)
Ob beim Fernsehen oder bei Zeitungen - sie verkaufen ein Publikum. Und im Fall der Elitemedien handelt es sich dabei um Großunternehmen. (112)
In leitende Funktion kommt man nur mit entsprechender Sozialisierung und entsprechendem Training. Wer das Falsche denkt, ist von vornherein von gewissen Machtpositionen ausgeschlossen. (...)
(...) drei Säulen des Systems. Erstens um die PR-Branche, also die wichtigste Propagandabranche der Wirtschaft. (...)
(...) zweitens die sogenannten Intellektuellen im öffentlichen Raum, die großen Denker (...).
Und drittens muss man einen Blick auf den Universitätsbetrieb werfen, insbesondere auf die Politikwissenschaften (...).
Die führenden Leute in diesen drei Bereichen sagen alle, ich zitiere sinngemäß: Die Masse der Bevölkerung besteht aus ahnungslosen und lästigen Außenseitern. (113)
Also haben wir einerseits die qualifizierte Schicht derer, die dazu berufen sind, das Heft in der Hand zu halten, und dann noch den Rest, der draußen bleiben soll. (...)
Die Menschen wechseln sehr rasch von einer Position zur anderen, und ich habe den Verdacht, das liegt daran, dass es sich im Grunde um denselben Standpunkt handelt. Es erfordert keine besonders große Umstellung, sondern man ändert nur seine Einschätzung darüber, wo die Macht liegt. (...)
Wie hat sich das alles so entwickelt? Das ist eine interessante Geschichte. Sie nimmt zum großen Teil ihren Ausgang im Ersten Weltkrieg, einem wichtigen Wendepunkt. (114)
Die USA waren außerordentlich reich und Ende des 19. Jahrhunderts die bei weitem stärkste Wirtschaftsmacht der Welt. Aber die Vereinigten Staaten waren kein großer Spieler auf der Weltbühne. (...)
Im ersten Weltkrieg kann man erstmals von einer sorgfältig organisierten Staatspropaganda sprechen. (115)
Wie bringt man die pazifistische Bevölkerung dazu, sich in deutschlandfeindliche Fanatiker zu verwandeln, die die Deutschen am liebsten allesamt umbringen wollen? Dazu braucht man Propaganda. Also schuf man die erste und einzige große Staatspropagandaagentur in der US-amerikanischen Geschichte. Sie nannte sich (...) Komitee für Öffentlichkeitsinformation oder, nach dem Mann, der sie leitete, auch Creel-Komission. (...)
Viele Menschen waren beeindruckt von dieser erfolgreichen Propaganda. Einer davon war (...) Hitler. In Mein Kampf schlussfolgerte er nicht zu Unrecht, dass Deutschland im Ersten Weltkrieg eine Niederlage erlitt, weil es die Propagandaschlacht verloren hatte. (...)
Hitler schwor, dass Deutschland das nächste Mal mit einem eigenen Propagandasystem gewappnet sein würde. (116)
(...) aber die riesenhafte modere PR-Industrie in ihren gigantischen heutigen Dimensionen wurde erst damals in den USA erfunden und war ein direktes Resultat des Ersten Weltkriegs. Ihre führende Köpfe waren Leute der Creel-Kommision. Der wichtigste von Ihnen war Edward Bernays.
Der Begriff Propaganda hatte damals übrigens noch nicht den negativen Klang wie heute. Erst im Zweiten Weltkrieg wurde der Begriff zum Tabu, weil er mit Deutschland in Verbindung gebracht wurde. Doch zuvor bedeutete er einfach so etwas wie Information.
1928 veröffentlichte Bernays ein Buch mit den Titel Propaganda. (...)
Die systematische Propaganda unter anderem der Kommission, der er angehörte, zeigte, dass es möglich sei, die öffentliche Meinung genauso herumzukommandieren wie die Armee ihre Soldaten. (...)
Ein andere Mitglied der Creel-Kommision war Walter Lippmann, (...). (117)
Massenmediale Ideologieproduktion
Ein Interview mit Rainer Mausfeld
Damit ist insgesamt hinsichtlich der Beurteilung der Medien eine wachsende Polarisierung der Bevölkerung zu beobachten. (135)
Die gegenwärtigen Formen repräsentativer Demokratien sind Elitedemokratien, also de facto Wahloligarchien. Seit ihren historischen Anfängen wurde die Idee eine repräsentativen Demokratie mit der Absicht entwickelt, das als irrational, infantil und launenhaft angesehene dumme Volk von politischer Macht und Einfluss fernzuhalten. Die Etablierung einer repräsentativen Demokratie war also explizit dazu gedacht, eine wirkliche Demokratie im Sinne der Ermöglichung einer angemessenen Teilhabe, also Partizipation, der Bürger am Gemeinwesen und einer Volkssouveränität zu verhindern. (137)
Folglich spiegeln Medien bestehende Machtstrukturen nicht nur wider, sondern werden zunehmend selbst zu politischen Akteuren zur Stabilisierung und Erweiterung dieser Strukturen. Entgegen ihrer Selbstidealisierung als vierte Gewalt üben sie durch ihre politischen und ökonomischen Verflechtungen mit den herrschenden Eliten gegenüber den politischen Zentren keine wirksame Kontrollfunktion aus; sie sind keine Wachhunde des öffentlichen Interesses gegenüber den Zentren der Macht, sondern vielmehr ihre Schutzhunde. (138)
Das gesamte Mediensystem ist (...) so aufgebaut, das es gar keiner gezielten personellen Steuerung bedarf. Seine Konformität zur herrschenden Ideologie ergibt sich bereits aus Filtermechanismen, die eine direkte Folge der strukturellen ökonomischen Machtbeziehungen sind, in die die Medien eingebettet sind. (...)
Die Struktur des Mediensystems ist bereits durch seine Einbindung in Machtstrukturen so beschaffen, dass personelle Absprachen und Verschwörungen im traditionellen Sinn weitgehend überflüssig sind. (139)
Das hat zur Folge, dass die Medien Fakten, die nicht in dieses Weltbild passen, immer hemmungsloser verschweigen oder verzerren. So erschaffen sie medial eine gesellschaftliche eine gesellschaftliche und soziale Realität, in der die wichtigsten Fragen gar nicht erst vorkommen und die tatsächlichen Konflikte vernebelt und verschleiert werden. (...)
Viel mehr ist inzwischen der gesamte Bereich der öffentlichen Meinung - von den Medien hin zu Schulen und Universitäten - längst so tief und flächendeckend von Mechanismen der Ideologievermittlung durchzogen, dass sich die Tiefenindoktrination nunmehr selbstreferentiell und autonom aus der bestehenden sozialen Ordnung selbst zu nähren vermag. (...)
Wir schwimmen in der herrschenden Ideologie wie Fische im Wasser und bemerken sie daher gar nicht mehr. Die ideologische Rahmenerzählungen sind mittlerweile so tief in unserer Kultur verankert, dass wir sie als ideologische Elemente gar nicht mehr bemerken. (140)
Beispielsweise die meritokratische Ideologie einer Leistungsgesellschaft, in der der soziale Status eines Menschen durch seine individuell erbrachten Leistungen bestimmt werde. (...) Der meritokratische Zirkelschluss der Erfolgszuschreibung lautet: Wer oben ist, ist zu Recht oben, denn sonst wäre er ja nicht ober. Wer unten ist, ist zu Recht unten, denn hätte er sich wirklich angestrengt, wäre er ja weiter oben (...). Das ist die Basisideologie unserer Gesellschaft. (...)
Weitere Beispiele der vielen ideologischen Elemente, die unsere Gesellschaft durchziehen und die wir kaum mehr als Ideologien bemerken, sind die neoliberale Ideologie eines freien Marktes oder die neoimperialistische Idee einer westlichen Wertegemeinschaft, deren Taten von wohlwollenden und hehren Idealen geleitet seien. Für all diese Dinge gilt die Wittgensteinsche Bemerkung, dass wir es - also diese Ideologien und ihre inhumane Wirkungen - gar nicht sehen können, weil wir es immer vor Augen haben: Diese Ideologien sind in unserer Gesellschaft zu kaum mehr hinterfragbaren Selbstverständlichkeiten geworden. (141)
Für die Planung und Ausführung solcher Korrekturen an der öffentlichen Meinung gibt es tatsächlich eine Art gesteuerter Industrie in Form von global agierenden PR-Agenturen, Think-Tanks, transatlantischen Netzwerken und geeigneten NGOs - eine Industrie zur Kontrolle der öffentlichen Meinung, die über Jahrzehnte systematisch auf uns ausgebaut worden ist. (142)
[Armutsrisiko älterer Menschen] Die Medien tragen wesentlich dazu bei, dass derartige Fakten für die Betroffenen nicht mehr verstehbar sind und aus ihnen keine politischen Schlussfolgerungen gezogen werden können. Gleichwohl sind diese Fakten in der eigenen sozialen Existenz der Betroffenen spürbar. Da die Medien sie jedoch als Wirkungen undurchschaubarer und mit gesetzhafter Notwendigkeit operierender Marktkräfte darstellen, kann natürlich niemand für sie die politische Verantwortung tragen. Individuelle Not hat dann keine strukturellen gesellschaftlichen Ursachen mehr, und niemand außer dem Individuum selbst ist für sie verantwortlich. Marktkräfte kann man nun einmal nicht abwählen, man kann sich ihnen nur anpassen und unterwerfen. Das gerade ist der wesentliche ideologische Trick der neoliberalen Indoktrination, durch den sich die neoliberale Revolution von oben mit ihrer radikalen Umverteilung von unten nach oben überhaupt erst vollziehen ließ. (...)
So wurden sie [die Medien] propagandistische Massenvernichtungswaffen zur systematischen Zerstörung sozialstaatlicher Errungenschaften und zugleich der Idee von Gemeinschaft, Solidarität und sozialer Gerechtigkeit.
Eine solche planmäßige Zerstörung des Sozialstaates wäre ohne eine planmäßige Vergiftung der Sprache und des Denkens nicht möglich gewesen. (...)
Das erforderliche neoliberale Indokrinationsvokabular wurde und wird von Think-Tanks und Stiftungen wie der vermeintlich gemeinnützigen Bertelsmann-Stiftung sorgfältig entwickelt und kontinuierlich evaluiert und verfeinert. (143)
Mit solchen begrifflichen Vergiftungen des Denkens ist für die Bevölkerung nicht mehr erkennbar, dass der Neoliberalismus gerade darauf angewiesen ist, soziale und ökonomische Unsicherheit zu einem Dauerzustand zu machen und das hervorzubringen, was Christoph Butterwegge die Prekarisierung der Lohnarbeit nennt. Durch die auf diese Weise erzeugten Abstiegsängste lässt sich dann zugleich auch die Mittelschicht disziplinieren. (...) Armut und Armutsängste sind der beste Garant der gewünschten politischen Lethargie der Bevölkerung (...). (144)
In seiner meritokratischen Haltung teilt der Neoliberalismus nämlich die sozialdarwinistische Verachtung der Schwachen. Eine solche zutiefst inhumane Ideologie erzeugt gerade bei den Schwachen Scham über ihre eigene Situation und eine verstärkte Neigung, sich mit den Erfolgreichen und Mächtigen zu identifizieren. (145)
Auf ideologisch-psychologischer Ebene liegt das vorrangige Ziel des Neoliberalismus darin, eine radikal entpolitisierte und sozial atomisierte Gesellschaft zu erzeugen. (148)
Sofern überhaupt Vorstellungen einer kollektiven Identität entstehen, sollen sie sich auf Aspekte des Konsumbereichs und des Bereichs individueller Life Styles beziehen. Die so erreichte Entpolitisierung hat eine Reihe von machtpolitisch erwünschten Konsequenzen: Sie wirkt entsolidarisierend, entwurzelt das Individuum von der sozialen Erfahrungsgeschichte der eigenen sozialen Klasse und lässt es, hoffnungslos auf sich selbst gestellt, mit Gefühlen der Hilflosigkeit uns Resignation zurück. (...)
Die Perfektion der neoliberalen Herrschaft über das gesamte Bildungssystem ist in nahezu totalitärer Weise organisiert worden, und es gibt mittlerweile praktisch keine Konzeption von Bildung als emanzipatorisches Unterfangen mehr.
Eine der folgenschwersten Konsequenzen der systematische betriebenen radikalen Entpolitisierung der Gesellschaft ist die Fragmentierung und Zersetzung emanzipatorischer und sozialer Bewegungen und der politischen Linken allgemein. (149)
So ist, wie insbesondere Noam Chomsky und Pierre Bourdieu beklagen, der Typ des emanzipatorischen Intellektuellen inzwischen weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. (150)
Der Neoliberalismus konnte nur in dem Maße erfolgreich werden, wie es ihm gelang, die Gesellschaft zu entpolitisieren. Daraus ergibt sich umgekehrt, dass der Kampf gegen den Neoliberalismus nur in dem Maße erfolgreich sein kann, wie es gelingt, eine umfassende Re-Politisierung auf allen Ebenen der Gesellschaft zu erreichen. (...) Dies wiederum ist nur arbeitsteilig möglich und bedarf der Unterstützung intellektueller Vermittler. (151)
Demokratie ist vielmehr ein kontinuierlicher Prozess der Bändigung und Einhegung von Macht durch die ebenso kontinuierliche Schaffung von Organisationsformen, in denen Menschen ohne Macht - also die Mehrheit der Bevölkerung - zueinanderfinden und ihre Interessen in den öffentlichen Raum einbringen können. (152)
Wie globale Nachrichtenagenturen und westliche Medien Propaganda verbreiten
Ein Beitrag der Forschungsgruppe zu Propaganda in Schweizer Medien
Wer also sind die Agenturen, die immer an der Quelle der Nachricht zu finden sind? Globale Agenturen gibt es inzwischen nur noch drei: (S. 155)
- AP [amerikanische Associated Press] - Nachrichten werden von rund 12.000 Medien genutzt und erreichen dadurch täglich mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. (...)
- Die quasi französische Agence France-Presse (AFP) mit Sitz in Paris (...).
- Die britische Reuters in London, die privatwirtschaftlich organisiert ist (...).
Reuters wurde 2008 vom kanadischen Medienunternehmer Thomson - einer der 25 reichsten Menschen der Welt - gekauft und zu Thomson-Reuters mit Sitz in New York fusioniert.
Daneben gibt es noch diverse kleine, nationale Nachrichtenagenturen. In den deutschsprachigen Ländern sind dies insbesondere:
- Die Deutsche Presse-Agentur (DPA), die als semi-globale Agentur über rund 1000 journalistische Mitarbeiter in circa hundert Ländern verfügt. Die DPA ist im Besitz von deutschen Medienverlagen und Rundfunkanstalten und hat ihre Hauptredaktion seit 2010 im Axel-Springer-Haus in Berlin.
Tatsächlich stammen nicht nur die Texte, sondern auch die Bilder, Ton und Videoaufnahmen, denen man in unseren Medien Tag für Tag begegnet, zumeist von denselben Agenturen. Was für das uneingeweihte Publikum wie ein Beitrag der lokalen Zeitung, des bevorzugten Radiosenders oder der vertrauten Tagesschau aussieht, sind in Wirklichkeit (übersetzte) Meldungen aus NewYourk, London, Paris und Berlin. (...)
Im Endeffekt entsteht durch diese Abhängigkeit von den globalen Agenturen eine frappierende Gleichartigkeit in der internationalen Berichterstattung (...). (159)
Der typische Korrespondent kann im Allgemeinen keine eigenständige Recherche betreiben, sondern bearbeitet und verstärkt vor allem diejenigen Themen, die von den Nachrichtenagenturen ohnehin vorgegeben werden - der berühmte Mainstream-Effekt. (161)
Je mehr sich unsere Medien auf die Agenturen verlassen, desto episodenhafter gerät mithin ihre eigene Berichterstattung. (162)
Die Spezial-Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit im Pentagon und in den Geheimdiensten sind zu Kombattanten im Informationskrieg geworden. (164)
Doch ohne die zentrale Rolle der globalen Agenturen wäre die weltweit synchronisierte Verbreitung von Propaganda und Desinformation unmöglich so effizient realisierbar. (165)
Auf jedem Fall aber führt die verbreitete Orientierung an den angelsächsischen Publikationen zu einer weiteren Angleichung in der geopolitischen Berichterstattung unserer Medien. (166)
Wie ersichtlich brachten die Welt, die Süddeutsche Zeitung, die NZZ, der Zürcher Tages-Anzeiger und der österreichische Kurier ausschließlich USA/NATO-freundliche Meinungs- und Gastbeiträge, die FAZ mit Ausnahme einer neutralen/ausgewogenen Beitrags ebenfalls. (...) In einer weiteren Analyse wurde mittels einer Volltext-Stichwortsuche nach Propaganda (und Wortkombinationen damit) untersucht, in welchen Fällen die untersuchten Zeitungen selbst Propaganda bei einer der beiden geopolitischen Konfliktparteien USA/NATO oder Russland identifizierten (...). Die nächst Abbildung zeigt das Ergebnis: Demnach wurde in 85 Prozent der Fälle die Propaganda auf Seiten der Konfliktpartei Russland identifiziert, (...). (176)
Die Resultate bestätigen die hohe Abhängigkeit der geopolitischen Berichterstattung von den globalen Nachrichtenagenturen (63 bis 90 Prozent; ohne Kommentare und Interviews) bei gleichzeitigem Fehlen von eigenen investigativer Recherche, sowie die einseitige Kommentierung der Ereignisse zugunsten der Konfliktpartei USA/NATO (82 Prozent positiv versus 2 Prozent kritisch), (...). (177)
Wie die Public-Relations-Industrie mitregiert
Ein Interview mit Jörg Becker
(...) zur Kenntnis nehmen, dass heute selbst seriöse PR-Agenturen NGOs und Bürgerinitiativen eigenständig gründen und Demonstranten für jede x-beliebige Demonstration anmieten. (...) Die PR-Agenturen nennen dieses Vorgehen Astroturfing und täuschen hierdurch das Aufkommen sozialer Bewegungen und Kommunikation von unten vor. (...)
Unter den PR-Gruppen ist Omnicon weltweit und eindeutig die mächtigste im Geschäft. (...)
Der zweite wichtige Akteur ist die englische WPP-Gruppe (...)
Zur französischen Gruppe Publicis, dem global drittwichtigsten PR-Akteur (...).
An vierter Stelle schließlich rangiert die Interpublic Gruppe in New York (...)
sei der Hinweis erlaubt, dass allein die Jahresumsätze dieser Agenturen den Staatshaushalt vieler Staaten übertreffen. (179)
(...) die CEOs dieser Agenturen sind essentialer Bestandteil westlicher Elitenetzwerke - man sieht und trifft sich, beispielsweise auf dem jährlichen Weltwirtschaftsforum in Davos. So ist zum Beispiel Lévy, CEO von Publics, gleichzeitig Präsident der französischen Arbeitgeber und sitzt in den USA im Beirat des mächtigen Council of Foreign Relations. (...)
Arbeiten denn alle Regierungen mit PF-Agenturen zusammen?
Davon ist in der Tat auszugehen.
(180)
Zweitens muss man nüchtern festhalten, dass die internationalen russischen und chinesischen PR-Kampagnen reaktiver und nicht aktiver Natur sind. Ein russischer TV-Sender wie Russia Today etwa ist chronologisch und kausal nur als Reaktion auf viele sogenannte bunte Revolutionen in Osteuropa wie zum Beispiel in der Ukraine oder in Georgien zu begreifen, die mit vielen Hunderten von Millionen US-Dollar - etwas von der Soros-Stiftung oder National Endownment for Democracy - sus den USA finanziert wurden. (183)
Mitten im Bosnienkrieg, genauer gesagt am 5. August 1992, veröffentlichte die New York Times ein ganzseitige, also riesige Anzeige der drei wichtigsten jüdischen Verbände in den USA (....). Wo alle ernstzunehmenden jüdischen Stimmen von der Einzigartigkeit von Auschwitz sprechen, behaupteten nun auf einmal drei große jüdische Verbände, das sich im Bosnien-Krieg Ausschwitz ein zweites Mal ereigne. (...)
Namentlich machen die drei Verbände die Serben für ein zweites Auschwitz verantwortlich. Damit wurde Auschwitz zu einer jederzeit von PR-Agenturen käuflichen Ware verwandelt und in den übelsten Dreck gezogen, um jemand anderen mit der stärksten Waffe, die man im Westen kennt, zu verteufeln, ihn zu entmenschlichen, einen Krieg gegen ihn nicht nur gutzuheißen, sondern diesen gar zur befreienden Pflicht zu erklären. (185)
(...) längst gibt es in Deutschland sehr viel mehr Vollzeitarbeitskräfte in der PR-Indstrie als etwa im Journalismus. War die PR 1950 noch der Bittsteller des Journalismus, so ist der Journalismus inzwischen zum Bitsteller und zum Knecht der PR herabgesunken. Und während die Studierendenzahl im Bereich Kommunikationswissenschaft fällt, steigt sie in den Studiengängen der PR seit Langem kontinuierlich an. (186)
[Ende September 2016 veröffentlichter Bericht des Goverment Accountability Office] Er zeigt auf, das die US-Regierung jährlich den stolzen Betrag von 1,5 Milliarden US-Dollar für Werbung und PR ausgibt! (...)
Man kann diesem Bericht des US-amerikanischen Rechnungsprüfungsausschuss im Übrigen auch lesen, das ein Großteil der Regierungsausgaben bei PR und Werbung sich auf die neuen sogenannten sozialen Medien im Netz beziehen. (187)
Die ach so berühmten PISA-Tests kommen nur scheinbar von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Paris - vielmehr gehören sie dem Australien Council for Educational Research. Und dieser Council ist eben kein öffentliches Institut, sondern arbeitet als privatwirtschaftliches Unternehmen, das mittels dieser Tests ganz eigennützige Interessen forciert. (190)
[über die Tätigkeit von PR-Agenturen in den Balkankriegen] Die Botschaften der PR-Agenturen von oben erhielten ihr Echo aus gleichlautenden Botschaften von NGOs von unten, im konkreten FAlls also Frauen- und Menschenrechtsgruppen. Eingebettet in ein geschlossenes Kommunikationssystem sprachen Militärs, Politiker, Journalisten, PR-Leute, Consultants und NGOs nur mit sich selbst. (194)
Es gibt nur ganz wenige Güter, die man nicht kommerzialisieren kann. Eines dieser sehr selten gewordenen Güter ist das Gut Glaubwürdigkeit. (195)
Die symbolische Dekonstruktion des Sozialstaates als elitäres PR-Projekt
Ein Interview mit Michael Walter
Organisationen wie die Initiative Soziale Marktwirtschaft und zahlreiche andere arbeiten unter Aufwendung hoher Summen und wissenschaftlicher Expertise daran, Sozialabbau als Modernisierung, Verarmung als notwendig und gerecht und Privatisierung als gut für alle zu erklären; (196)
Das begann 2001 mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die im Auftrag des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall den Boden für eine wirtschafts- und sozialpolitische Neuausrichtung der Bundesrepublik bereiten sollte. (...) man kann anhand der Öffentlichkeitsarbeit der genannten Reforminitiativen beobachten, wie eine versammelte Elite in für die Geschichte der Bundesrepublik beispielloser Weise versuchte, mit Mitteln des politischen Marketings eine neue Gesellschafts- und Wirtschaftsdordnung zu etablieren. (197)
Mit eingängigen Reformbildern versuchte man, wie es der damalige Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall Hans Werner Busch ausdrückte, die Notwendigkeit von Reformen in die Köpfe der Bürger zu bringen. (198)
(...) sozial- und wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel einfordert, dem zufolge nicht mehr der Staat, sondern jeder Einzelne für das ökonomische Wohlergehen des Gemeinwesens verantwortlich zu sein hat. (200)
Unter Führung der Bertelsmann AG entwickelte man daher zur Vermittlung der Botschaften der Initiative eine Publikumskampagne, die für den einfache Bürger gemacht war. Daraus entstand der bekannte zweiminütig Du bist Deutschland- Werbespot, in dem prominente und nichtprominente Personen die Bürger in einer Art Hurra-Patriotismus zu mehr Eigenaktivität animieren wollten. (201)
Das bereits angesprochene Aktivierungsdogma, das Ende der 1990er Jahr zum Leitbild der Reformer wurde, beruht ja auf einem grundsätzliche negativen Menschenbild, das in aller Deutlichkeit bereits in Roman Herzogs berühmter Ruck-Rede artikuliert wurde, (...):
Der Mensch ist von sich aus ein träges Wesen, dessen Antriebskräfte durch den, wie Herzog es formuliert, überbordenden Sozialstaat über die Jahre erlahmt sind. (202)
Die Riester-Rente beispielsweise wirkte wie ein Konjunkturprogramm für die Finanzwirtschaft, die übrigens an der Ausarbeitung maßgeblich beteiligt war. Ähnliches lässt sich auch für die Harz-Reformen sagen, von denen unter anderem die privaten Arbeitsvermittlungsagenturen profitierten. (...)
Alle politischen Akteure arbeiten beim Ringen um Hegemonie in der politischen Arena mit sogenannten Psychotechniken, also mit Mitteln der sprachlichen und bildlichen Suggestion. (206)
Diese Negative Camaigning ist ganz typisch für die INSM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft], aber auch generell den Reformdiskurs der frühen 2000er Jahre. Es geht darum, die vorherrschenden Bilder zu delegitimieren und dekonstruieren, die mit dem alten Sozialstaatsmodell verbunden waren, um so Bann des Sozialstaats zu brechen, wie es mal ein englischer Think-Tank im Bezug auf den Thatcherismus auf den Punkt brachte. (210)
Es ist meiner Meinung nach angesichts dieses allgegenwärtigen Kampagnenjournalismus essenziell, eine journalistische Kultur zu etablieren oder, wenn man will, wierzubeleben, in der sich Medien und Journalisten nicht als Akteure verstehen, die am politischen Tisch sitzen und mitregieren, sondern dies es als ihre Kernaufgabe begreifen, demokratische Debatten und die darin vertretenen unterschiedlichen Ansichten in die Öffentlichkeit zu transportieren, kritisch zu kommentieren und einzuordnen. (211)
Es begann mit einer Lüge
Ein Interview mit Kurt Gritsch
Auffallend war, dass alle fünf untersuchten Zeitungen zu keinem Zeitpunkt deeskalierend berichtet haben, wie dies beispielsweise die UNESCO-Mediendeklaration von 1978 verlangt, sondern stattdessen ein militärisches Eingreifen der NATO forderten. (239)
Von einem Bürgerkrieg mit Verbrechen auf beiden Seiten wollten viele deutsche Medien lange nicht viel wissen. Sonst hätten sie auch Scharpings Hufeisenplan nicht so unkritisch übernommen (...). (241)
Die NATO hat nicht aus humanitären Gründen oder gar aus Altruismus in den Kosovo-Konflikt eingegriffen. (...) Später hat Clark [Wesley Clark, NATO-Oberkommandierende] den wahren Grund für das Eingreifen genannt, indem er zugab, dass der Angriff ein entscheidender Präzedenzfall für das 21. Jahrhundert war: Die Out-of-Area-Strategie, (...). (243)