Frankfurt/Main 2017 (Westend Verlag)
Dieser jahrtausendealte Wunsch ist nicht der nach eigener staatlicher Macht, sondern nach Wiedererrichtung des zentralen Tempels. (65)
Demnach war Stammvater Abraham ein Iraker. Er kam von jenseits des Flusses, nämlich des Euphrats. (...) Abrahams Enkel Ja'akow wanderte aber mit seiner Familie aus diesem Lande wieder aus, weiter nach Westen, nach Ägypten - (66)
Jakob führe den Beinamen Jissrael, eingedeutscht Israel - der Gottesreiter (...) Daher nannte sich seine Sippe in Ägypten die Kinder Israels. (...)
Sieben Wochen nach ihrer Auswanderung standen die Kinder Israels in der Wüste am Fuß des Berges Sinai. Moses stiege hinauf und kam mit den zehn Geboten wieder. (67)
Die jüdischen Weisen hatten guten Grund zu dieser Skepsis gegenüber dem jüdischen Staat. Kaum an der Macht, übernahmen die Makabäer die bekämpfte griechische Lebensart, brachten sich in Intrigen um die Erbfolge gegenseitig um, führten bewaffnete Auseinandersetzungen gegeneinander und ermöglichten es so im Jahre 63 vor Jesus dem Römischen Reich, Jerusalem zu erobern und sich Judäa als Provinz einzuverleiben. Dies war das Endes eines selbständigen jüdischen Staates. (71-72)
Längst waren die Juden nicht mehr nur in Judäa ansässig. Es gab große jüdische Gruppen in den Nachbarländern Ägypten, Mesopotamien, Persien, Zypern, Kleinasien. Selbst bis nach Germanien kamen Juden, sodass es (...) kaum ein Land gab, in dem nicht auch Juden lebten. Wollten sich diese Juden noch weiterhin als zusammengehörig definieren, so brauchten sie ein einigendes Band, ein großes gemeinsames Projekt. (...)
Das jüdische Projekt bestand darin, durch Einhaltung der Gebote Erlösung zu erreichen (...). (73)
(...) die strikte Trennung von Milch- und Fleischprodukten beim Kochen und Essen zur Verpflichtung erklärten: Diese Trennung von milchigem und fleischigem Essgeschirr, bis hin zu zwei Spülbecken, zwei Besteckschubladen, zwei Arten von Töpfen in jüdischen Haushalten, sogar möglichst mit einer milchigen und fleischigen Spülmaschine - all dies ist nichts als der Zaun um das Gebot, das Zicklein nicht in der Mich seiner Mutter zu braten. (77)
Für den Zionismus, die Ausarbeitung der Balfour-Deklaration und die Gründung Israels wesentlich waren die jüdischen Untertanen des russischen Zarenreichs. Um 1880 waren die ungefähr vier Millionen Menschen und damit rund die Hälfte aller Juden der Welt. (...)
Jüdische Heimstätte Polen-Litauen bis 1795
Es fehlten Handwerker, Handelsleute, Menschen mit Kontakten in die Zentren der Zivilisation. Daher empfing zu Beginn des zwölften Jahrhunderts der polnische Herrscher Boleslaw III. (1085 bis 1138), genannt Schiemund, Juden mit offenen Armen. (85)
Beispielsweise wurden im Jahre 1096 die meisten der circa 1000 Mainzer Juden, bei insgesamt 7000 Einwohnern, vom deutschen Bauernkreuzzug umgebracht. (...)
Eine Wanderung von Südosten nach Polen anzunehmen liegt aus verschiedenen Gründen nahe: Juden lebten lange Zeit unbehelligt im Perserreich der Sassaniden.(...)
Die Einwanderer bildeten eine neue Mittelschicht von Händlern und Handwerkern in einem Land ohne Infrastruktur, in dem sonst fast nur Bauern und adlige Grundherren lebten, und waren somit entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung. (86)
Als um 1350 ungefähr ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas an der großen Pestepidemie starb und Demagogen die Schuld an diesem damals unerklärlichen Sterben jüdischen Brunnenvergiftern gaben, sodass in vielen west- und mitteleuropäischen Städten die jüdische Bevölkerung ermordet wurde wie zweihundertfünfzig Jahre zuvor beim ersten Kreuzzug. lud Kasimir I. [König von Polen] die Juden in sein wundersamerweise weitgehend pestfrei gebliebenes Reich ein. (87)
In der Folge entwickelten sich Polen und das litauische Reich zum Zentrum jüdischen Wohlstands und geistig-religiöser Kultur im christlichen Europa. Das litauische Wilna wurde zum Jerusalem des Nordens. Die Jeschiwe (Talmudhochschule) in Lublin wurde 1517 gegründet, war also über vierhundert Jahre alt, als mein Onkel Inchas Elijahu in den 1920ern dort lernte und lehrte. (...)
Durch die Kosakenaufstände und Begehrlichkeiten der Nachbarstaaten geschwächt wurde das vergleichsweise liberale Polen-Litauen so lange aufgeteilt, bis 1795 praktisch nichts mehr von ihm übrig blieb. Die relativ wenigen Juden im äußersten Westen Polens und in Krakaus wurden Österreich-Ungarn, aber die meisten Juden im Osten Polens und im Gebiet des ehemaligen Groß-LItauen wurden Untertanen der russischen Zaren. (88)
Das Zarenreich und die Juden ab 1795: Reformversuche in verkrusteten Strukturen
So kamen also die jüdischen Bewohner im ehemaligen Polen und Litauen zu Millionen am Endes des 18. Jahrhunderts in ein Reich, das sie bis dahin nicht gewollt hatte. (...)
Der Juraprofessor Konstantin Pobedonoszew (...) umschrieb 1885 die politische Linie zum Umgang mit den Juden so: Ein Drittel wird sterben, ein Drittel wird auswandern, und das letzte Drittel wird im im russischen Volk völlig assimiliert werden. Das ist der Ursprung der modernen Judenfrage, von hier führt ein gerader Weg zur Balfour-Deklaration und zur Gründung des Staats Israel. (91)
Als Ergebnis all dieser Ereignisse nahm die jüdische Emigration aus dem Zarenreich dramatisch zu: 1905 bis 1907 emigrierten allein in die USA 240 000 Juden. (107)
(...) versuchten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Zaren Alexander I. und Nikolaus I. mit Reformen und der Letztere auch mit Zwangsmaßnahmen, die geschlossenen Strukturen der jüdischen Gemeinden aufzubrechen. (...)
Juden, die etwas anderes lernen wollten als die überkommenen heiligen Schriften und ihre Auslegungen, müssten nicht nur eine andere Sprache, sondern dafür zuerst eine andere Schrift erlernen (...). (113)
1863 gründete sich die Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Russlands und brachte in der Folge Bücher auf Russisch heraus, darunter eine Übersetzung der Torah, natürlich von erbitterten Protesten der Orthodoxie begleitet - fast hundert Jahre nach der Übersetzung der Torah ins Deutsche von Moses Mendelssohn.
Ein Schwerpunkt dieser russisch-jüdischen Morgenröte wurde Odessa am Schwarzen Meer, das als eisfreie Hafenstadt Russlands ein wichtiges Handelszentrum wurde, mit einem großen jüdischen Bevölkerungsanteil und offen für kulturelle Einflüsse aus dem Ausland. (115)
Ein jüdisches Großbürgertum entwickelte sich aus dem Handel mit landwirtschaftlichen Produkten wie Getreide oder Holz und aus der weiterverarbeitenden Industrie, etwa Zucker, Branntwein, Leder, Möbel oder Tabak. Der sich entwickelnde Handel brauchte Transportmöglichkeiten, es wurden Lizenzen für Eisenbahnen vergeben, einige kamen dabei zu großen Reichtum. (...)
So bildeten jüdische Bürger die Mehrheit der Mitglieder der liberalen Bewegung Konstitutionelle Demokraten, die ab 1905 in der Duma eine wichtige Rolle spielte. (117)
An diesen revolutionären Zirkeln orientierte sich auch ein Teil der jungen jüdischen Intelligenz. Juden im Zarenreich wurden aus zwei Gründen in die Revolte getrieben: einerseits wegen Revolte gegen die nichtjüdische Umwelt, durch die andauernde Diskriminierung und Unsicherheit ihres Status auf die Spitze getrieben in den Progromen 1881 nach der Ermordung des Zaren, andererseits wegen ihrer Revolte gegen ihre jüdischen Herkunftswelt, in der immer die religiöse-klerikale Enge den Ton angab. (...)
Es scheint mir, (...) dass jüdische Tradition und sozialistische Ideologie einige Gemeinsamkeiten haben und deswegen Juden dafür prädestiniert waren, sich in der sozialistischen Bewegung zu engagieren (...). (119)
Früher musste man die Gebote einhalten, um sich als Jude zu definieren. Heute haben wird den Staat Israel. Da brauchen wir die Gebote nicht mehr. Jude sein heißt, zu Israel zu halten. Das ist die Botschaft des Zionismus: Nationalismus als Ersatz der Religion, als das neue Bindeglied, das die in alle Welt verstreute Judenheit zusammenhält. (133)
(...) organisierte Herzl 1897 den ersten Zionistenkongress, auf dem er nicht weniger als die Zionistische Weltorganisation gründete und natürlich deren Präsident wurde. (144)
Damit war die Organisation vorhanden, die in Gestalt von Chaim Weimann 1917 zum Ansprechpartner für die britische Regierung werden konnte. (145)
(...) die zugänglichen Schätzungen machen es wahrscheinlich, dass zwischen 1881 und 1914 ungefähr 1,5 Millionen Juden aus dem Zarenreich in die USA auswanderten. (...) insgesamt ein Bevölkerungszuwachs von rund drei Millionen Menschen zwischen 1889 uns 1920. (...)
Knapp 80 Prozent der Juden, die 1881 bis 1914 Russland verlassen hatten, gingen in die USA. (147)
Die USA brauchten zum Aufbau des Landes Menschen. Im Grunde war die Situation ähnlich dem polnischen Staat im frühen Mittelalter, der Juden gerne ins Land ließ, um Wirtschaft und Infrastruktur zu entwickeln. (149)
Die große Auswanderung aus dem Zarenreich endete 1914, mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, da sowohl die innereuropäischen Verkehrswege blockiert waren als auch mit fortschreitenden Kriegsverlauf die Transatlantikroute. (...) Insgesamt war die jüdische Auswanderung in die USA eine Erfolgsgeschichte. Es leben dort jetzt sechs bis sieben Millionen Juden, ungefähr ebenso viel wie in Israel, (...). (151)
Trotz dieser Gemeinsamkeiten trennte Bund und Zionisten ein tiefer Graben. In den Augen des Bund war das zionistische Ziel schlicht Eskapismus: Statt sich dem Kampf hier und jetzt zu stellen, haut man einfach ab und sucht sich ein anderes Land, wo es selbstverständlich ebenso Probleme geben wird, die man noch gar nicht richtig abschätzen kann. Da bleibt man lieber hier in der Heimat, und ficht die Probleme ein für allemal durch. Das war die Meinung des Bund damals, und genau dies ist auch heute mein Lebensgefühl und meine Überzeugung. (156-157)
Genuin jüdische Bewegungen im Zarenreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts waren nicht nur die Aufklärung, der nationale Zionismus, der religiöse Zionismus, der Bundismus, der religiöse Konservatismus, sonder auch der Sozialismus. (164)
Diese Regierung fasste nach monatelangen Beratungen und öffentlicher Diskussion einen Beschluss, den Außenminister Arthur Balfour am 2. November 2017 als Erklärung in einem Brief unterschrieb. Diese Balfour-Deklaration führte zur Einrichtung des Britischen Mandatsgebiet Palästina - mit offiziellem Mandat des Völkerbunds im Jahr 1922 - und war damit im weiteren Verlauf ausschlaggebend zur Gründung des Staates Israel 1948 auf einem Teilgebiet des Mandats. (171)
Churchill schlug vor, den jüdischen Bolschewismus mit einer andern jüdischen Ideologie, dem Zionismus, zu bekämpfen, Hitler dagegen wollte alle Juden umbringen.
Man kann sich aber schon fragen, warum der Churchill, (...), nicht 1942 wenigstens den Versuch unternahm, die Eisenbahngleise nach Auschwitz durch Bombenabwürfe unbenutzbar zu machen. Meinte er, dass in Auschwitz doch auch die Richtigen umgebracht würden. (180)
(...), das als Kriegsziel aus den Gebieten des Osmanischen Reichs in Palästina ein jüdischer Staat entstehen sollte, dass das aber noch nicht sinnvoll zu machen sei, das die muslimische Bevölkerungsmehrheit nicht von einer jüdischen Minderheit regiert werden könne, und dass daher eine britische Oberhoheit über dieses Land sinnvoll sei, bis so viel Juden eingewandert seien, das sie Autonomie bekommen könnten. (182/183)
Großbritannien bekam 1922 in der folge der Deklaration wie gewünscht das Mandat des Völkerbunds für die Verwaltung Palästinas und begann gegen heftigen arabischen Widerstand mit der Umsetzung des Heimstättenprojekts. (...)
Zermürbt von den Auseinandersetzungen im Mandatsgebiet, geschwächt durch den zweiten Weltkrieg und als Empire demontiert durch Indiens Unabhängigkeit entschied sich Großbritannien 1947 für die Rückgabe des Mandats. Die Vereinten Nationen beschlossen die Teilung des Mandatsgebiets in einen jüdischen Staat, einen arabischen Staat und Jerusalem als Sonderzone. Dementsprechend gründete sich 1948 Israel, verdrängte dabei mehr als 700 000 arabische Einwohner, verweigerte ihnen die Rückkehr und enteignete sie enschädigungslos. Neunzehn Jahre später, nach dem Sechstagekrieg von 1967, besetzte Israel den Rest des Mandatsgebiets und etablierte im Westjordanland ein Apartheidsregime, mit Militärrechte gegenüber den Palästinensern und Förderung jüdischer Besiedlung auf beschlagnahmtem Land. (189)
Montagu schrieb, Zionismus und Antisemitismus seien zwei Seiten derselben Medaille (...)
Wenn man den Juden sagt, ihr Heimatland sei Palästina, dann wird sofort jedes Land danach trachten, seine jüdischen Bürger loszuwerden. ... eine britische Regierung möchte ich um genügend Toleranz bitten, dass sie einen Beschluss ablehnt, der aus all ihren jüdischen Mitbürgern Fremde und Ausländer per Implikation macht. .... (190)
Zionisten hatte das Interesse, Juden aus den Ländern, in denen sie wohnten, herauszubekommen, und zwar nach Palästina. Antisemiten hatten das Interesse, erstens Juden gar nicht erst weiter in ihr Land hereinzulassen, zweitens Juden, wenn sie denn schon da waren, aus dem Land wieder hinauszubekommen (...). (192)
Insgesamt sorgte dieses Ha'awarah- Abkomen dafür, dass annähernd 60 000 deutsch-jüdische Auswanderer deutsche Waren im Wert von ca. 140 Millionen Reichsmark nach Palästina exportierten; das dürfte ungefähr einem Wert von 500 Millionen Euro entsprechen. Ohne diese Aufbauhilfe wäre das zionistische Projekt in seiner Existenz gefährdet gewesen. (195)
Und selbst als Stalin 1924 den Juden Trotzki und dessen Konzept von der permanenten Weltrevolution abservierte und den Aufbau des Sozialismus nur in einem Land, der Sowjetunion, verkündete, verschwand in den Augen vieler entsetzter Konservativer nicht die Verbindung von Judentum, Internationalismus und Revolution. (198)
Wer weiß, was passiert wäre, wenn die jüdischen Überlebenden der Konzentrationslager wieder alle in ihre osteuropäischen Heimatländer zurückgekehrt wären. Viele waren in Deutschland gestrandet, weil der NS-Staat die KZ-Häftlinge auf den Todesmärschen weg von den befreiten Gebieten der Roten Armee ins Reich zurückgetrieben hatte. (...)
Unter dem Eindruck der Bilder der ausgemergelten Überlebenden, die auf dem Schiff Exodus von der britischen Armee zurück ins Mörderland Deutschland eskortiert wurden, stimmte die UN-Vollversammlung 1947 für die Teilung des Mandatsgebiets Palästina in einen jüdischen Staat und einen palästinensischen Teil, der zum Königreich Jordanien hinzugefügt wurde. Und so wurde durch Hitlers Morde, Stalins Brutalität und die Attraktion des neuen zionistischen Staats der ehemalige Ansiedlungsrayon nahezu judenrein: Der Antisemitismus des 20. Jahrhunderts hatte sein Ziel erreicht und sich nun erledigt. (201)
Da Israel gezielt und geplant durch Vertreibung und Landraub an der arabischen Bevölkerung entstanden ist (...), sind nun also auch Vertreibung und Landraub deutsche Staatsräson. Das ist grotesk, schließlich ist die Bundesrepublik Deutschland aus den Trümmern eines Reichs erwachsen, in dem Verbrechen aller Art inklusive Vertreibung und Landraub Staatsräson waren, und hat den Wunsch und den Auftrag, die Staatsräson also, solche Verbrechen nie mehr zu begehen und zuzulassen. Und nun soll die Vertreibung der Palästinenser und der Raub ihre Landes deutsche Staatsräson sein? (207)
Juden in Irak, Jemen, Ägypten, Syrien, Libanon und Marokko wurden damals aufgrund eines nationalistisch-antisemitischen Aufschreis wegen der Staatsgründung Israels mit einem Schlag zu Fremden im eigenen Land. Die Gründung Israels wurde als Niederlage der gemeinsamen arabischen Sache gesehen, und daher wurden vielerorts auch diese Juden als Verräter der nationalen Sache gesehen. Allein zwischen 1948 und 1951 wanderten 260 000 Juden aus arabischen Ländern nach Israel ein. (211)
Bei Israels Staatsgründung wurden über 700 000 arabische Einwohner vertrieben oder flüchteten vor den israelischen Milizen. (...)
Das von den Flüchtlingen und Vertriebenen verlassene Land wurde ersatzlos durch Beschluss des israelischen Parlaments enteignet und ihre Rückkehr mit Gewalt unterbunden. (222)
Was ist Judentum: eine Religionsgemeinschaft, eine Nation, etwas anderes? Montagu hatte dazu eine klare Meinung.
Ich mache geltend, dass es eine jüdische Nation nicht gibt. Meine Familienmitglieder zum Beispiel, die seit Generationen in diesem Land sind, haben keine Art und Weise der Gemeinsamkeit von Ansichten oder Wünschen mit einer jüdischen Familie in irgendeinem anderen Land über die Tatsache hinaus, das sie sich in größerem oder kleinerem Maß zu derselben Religion bekennen. Die Aussage, dass jüdischer Engländer und ein jüdischer Maure aus derselben Nation sind, ist nicht wahrer, als dass ein christlicher Engländer und christlicher Franzose aus derselben Nation sind (...).
Das ist der klassische Standpunkt des jüdischen Bürgertums im Mittel- und Westeuropa im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Für deutsche Juden galt Rabbiner Leo Baecks Darstellung des Judentums als die Religion der Nächstenliebe und tätigen Moral. Sie definierten sich als Deutsche, nicht nur politisch als gute Staatsbürger, sonder auch kulturell, mit Verehrung für Lessing, Goethe, Schiller, Beethoven. Da blieb kein Raum für eine jüdische Nation. (226)
(...) hatten Juden im frühen Mittelalter, ab dem 8. Jahrhundert, eine wichtige Rolle als Händler, besonders als Netzwerk von Import-Export-Kaufleuten im Handel der Seidenstraße (...). Diese Händlergemeinschaft brauchte wegen des gefährlichen und riskanten Warentransports tiefergehende Solidarität; Juden waren dafür prädestiniert wegen ihrer gemeinsamen Religion, ihrer Stellung als Minderheit und der Beherrschung einer eigenen, gemeinsamen hebräischen Sprache und Schrift. (...) Im Folgenden bildete sich das große jüdische Zentrum in Polen-Litauen, in dem Juden durch ihre Stellung zwischen Bauernschaft und Adel definiert waren als Händler, Kaufleute, Schankwirte und Handwerker. (227)
Heute, hundert Jahre nach der Balfour-Deklaration und nach dem Ende des Zarenreichs, nach der Vertreibung und Vernichtung des jüdischen Zentrums in Osteuropa, sind zwei jüdische Zentren entstanden, eines in Israel und eines in den USA - beide jeweils mit circa sieben Millionen sich zum Judentum bekennende Menschen.
In Israel (...) ergibt sich folgendes Bild:
- Ungefähr zehn Prozent der israelischen Juden sind orthodox (...) (229)
- Die große Mehrheit der Juden in Israel wie auch in anderen Ländern hält sich nicht an die traditionellen Vorschriften für Essen, Schabbat-Ruhe, Lebensführung. (230)