Hamburg 2017, 5. Auflage, Rowohlt Verlage
Kommentar: Ein Buch, das mit einer faszinierenden Geschichte (Schuhe) beginnt und Tyll scheinbar bereits auf der Höhe seiner Kunst zeigt. In Rückblenden wird dann z.T. Tylls Kindheit (sein Vater wurde als Ketzer verurteilt und geköpft) und sein Werdegang erzählt. Ab der Hälfte verliert man dann allerdings öfter mal den Überblick. Es ist häufig nicht klar, aus welcher Zeit genau die Geschichten stammen und wie der Zusammenhang zu Tyll sein soll. Schade.
Allmählich begreift er, wie man es machen kann. Seine Knie verstehen, die Schultern halten sich anders. Man muss dem Schwanken nachgeben, muss weich werden in Knien und Hüften, muss dem Sturz einen Schritt zuvorkommen. Die Schwere greift nach einem, aber schon ist man weiter. Seiltanz: dem Fallen davonlaufen. (34)
Der richtige Augenblick ist schnell versäumt, aber wenn man aufmerksam ist, kann man ihn spüren. Dann könnte ein Einhorn durchs Zimmer laufen, ohne dass die anderen es bemerken würden. (42)
Keiner wird von dir wissen, denkt sie. Keiner sich erinnern, nur ich, deine Mutter, und ich vergesse nicht, weil ich nicht vergessen darf. Denn alle anderen werden dich vergessen. (65)
(...) wärst du nicht hier, so wärst du anderswo, und alles wäre gerade ebenso seltsam. wirklich Sorgen bereitet ihm allerdings die Frage, ob man wohl in die Hölle kommt, wenn man so viele Bücher gestohlen hat.
Aber man muss das Wissen nun mal packen, wo es sich finden lässt, man ist doch nicht bestimmt dafür, ahnungslos zu vegetieren. (70)
Es ist doch ein guter Brauch, sagt er [Claus, Tylls Vater] sich, die eignen Kinder nicht zu früh zu lieben. (77)
Erinnerung ist etwas Eigenartiges: Sie kommt und geht nicht einfach, wie sie will, sondern man kann sie hell machen und wieder löschen wie einen Kienspan. (89)
Wer da, im Namen Gottes? Alle wissen, dass man nie herein sagen darf, bevor der draußen seinen Namen ausgesprochen hat. Die bösen Geister sind mächtig, aber die allermeisten können nur über die Schwelle, wenn man sie einlädt. (97)
Mit dem Verstand verhält es sich wie mit den Augen, sie sehen, was vor ihnen liegt, aber worauf sie sich richten, kannst du bestimmen. (117)
Dunkel ist es. Aber anders dunkel aus droben. Wenn es dunkel ist, sieht man ja sonst immer noch etwas. Man weiß nicht recht, was man sieht, aber das ist nicht nichts; du bewegst den Kopf, das Dunkel ist nicht überall gleich, und wenn du dich dran gewöhnt hast, entstehen Umrisse. Hier aber nicht. Das Dunkel bleibt. Zeit vergeht, und als mehr Zeit vergangen ist und sie schon nicht mehr die Luft anhalten können und vorsichtig wieder Atemzüge machen, ist es immer noch so dunkel, als hätte Gott alles Licht der Welt ausgelöscht. (398)