Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014
Plot: Die Geschichte der letzten Kriegsjahre in Estland und was aus den Einzelschicksalen später (60iger Jahre) geworden ist: Zu Beginn sehen wir Roland und seinen Vetter Edgar 1941 im Kampf gegen die anrückenden Russen. Roland ist der Widerstandskämpfer, Edgar der reine Opportunist. Als dann später die Deutschen kommen - was scheinbar von vielen Esten zunächst als Befreiung empfunden wurde - schlägt sich Edgar sofort auf die Seite der Deutschen und macht eine "kleine" Karriere. Seine Frau Judith ist derweil froh darüber, dass Edgar nicht mehr aus dem Krieg zurückgekommen ist und geht ihre eigenen Wege. Roland taucht unter und geht ebenfalls seine Wege. Bis sich die Wege von Roland und Judith wieder schicksalhaft kreuzen!
Kommentar: Sehr schönes Buch von Oksanen, die in Zeitsprüngen (40iger und 60iger Jahre) die Handelnden zeigt. Durch den ständigen Wechsel der Zeitperspektive bleibt es spannend. Erst ganz am lüftet sich so das Geheimnis um Rosalis Tod!
"Ihr Mann war gleich zu Beginn der Bolschewikenherrschaft mit den andern vor der Mobilisierung auf die Dachböden von Villen und Häusern geflüchtet, und Juudit war erleichtert gewesen. So hatte sie das Bett ganz für sich allein, dachte aber doch daran, die Stirn in schickliche Falten zu legen und die besorgte Ehefrau zu spielen. Als er auf einer Lebensmittelbeschaffungstour geschnappt und in einen scharzen SIS der Tschekisten verfrachtet wurde, schaffte Juudit es, ihre grauen Augen mit Tränen zu füllen, weil es sich so gehörte. Sie hoffte damals, es würde die letzte Reise ihres Mannes sein, für so viele schon hatte ein SIS-Auto das Ende bedeutet, und gleichzeitig erschrak sie vor ihrer eigenen Hoffnung, vor der wilden Freude über die Möglichkeiten, die der Krieg mit sich brachte. (...) Sie konnte niemand erzählen, wie sehr sie das Bett genoss, in dem der Hausherr fehlte." (35)
"Leonida und Anna wählten sorgfältig die passenden Stücke aus, die für den Sommer auf den Boden des Fasses kommen sollten, legten die Stücke der ersten Schicht, die eingesalzen werden sollten, in die Schüssel, die Rippchen für die Soße, das Filet für die Pfanne, drückten die Eisbeine mit den Finger in die Fleischschicht, die Ostern erreicht werden würde, und legten obendrauf den Schwanz für die winterliche Sauerkrautsuppe. Die Frauen schafften es, um die Neuigkeiten aus dem Dorf so viel Trara zu machen, dass Rosalie und Juudits Schweigen gar nicht auffiel." (74)
"Ich erkannte die Telegrafenmasten und die Umrisse der Häuser, aus den Küchen drangen die Geräusche häuslicher Arbeiten auf die Straße, Hammerschläge und das Miauen der Katze. Geräusche von Menschen, die ein Zuhause hatten. Von Menschen, die jemand hatten, mit dem sie die abendlichen Verrichtungen teilen konnten. Mir war all das genommen worden. Die Qual krümmte die äußeren Teile meines Körpers wie das Feuer ein an der Ecke entzündetes Blatt Papier, aber das musste ich zulassen." (87)
"Juudit schwieg. Ihre Lider zuckten, von diesem Zucken ging ein Geräusch aus wie vom Flügel eines Vogels, wenn er die Oberfläche eines Sees berührt. In meinen Augen breiteten sich Wasserringe aus.
Sie wurde außerhalb des Friedhos begraben. Das haben die Deutschen getan.
Hör auf, die Deutschen zu beschuldigen." (100)
"Das Profil, das sich aus dem Tagebuch ergab, entsprach nicht völlig der Person, die Parts gekannt hatte. (...) Parts erinnerte sich gut an die fiebrige Zwangsvorstellung, mit der Menschen in Sibirien ihre Lebensgeschichten und Erinnerungen in Glasflaschen gestopft hatten, diese Schriften enthalten Angaben übe die Verbrechen der Bolschewiken für künftige Generationen, irgendwelche Zettel, die heimlich an demselben Ort vergraben werden sollten wie ihre Verfasser, in anonymen Gräbern." (140)
"Nach dem Sieg von Sewastopol wurde am Erfolg der Deutschen nicht gezweifelt und auch nicht daran, dass nur Deutschland uns vor neuerlichem Terror der Bolschewiken bewahren konnte, aber unsere Truppe glaubte an Churchill und die Atlantik-Charta, an die Wiederherstellung der Selbständigkeit nach dem Krieg und daran, dass territoriale Veränderungen nicht gegen den Willen des Volkes vorgenommen würden." (176)
"Vor den Augen all dieser Menschen - Bengels, Schrotthändler und Straßenkehrer - benahm der SS-Hauptsturmführer sich in dieser Weise, ließ die Frau im Negligé auf die Straße rennen, ließ sie zum Auto renen, weil sie sich von ihm verabschieden wollte, obwohl der Wind ihr das Nachthemd an die Schenkel klebte, er ließ ihr die Seide von den Schultern gleiten und belohnte diese Entblößung, indem er ihr Ohr berührte. Ein solches Ausmaß an Anstößigkeit, ein solches Ausmaß an Gesten, die zwischen die Bettlaken gehört hätte, in private Boudoirs, ein solches Ausmaß an Gesten, verschwendet an ein Flittchen! Edgar hatte gesehen, wie mit Kriegsbräuten umgegangen wurde, doch darum ging es hier nicht. Solche Gesten behielt jeder Mensch in seinem Leben nur einer einzigen Person vor, vielen werden sie niemals zuteil. (225/226)
(....) und das Licht ihre Autos verdunkelt auf der Straße den Tag, es wird zum Leuchtturm in einem schwarzen Meer, und sie bemerken es nicht einmal, weil sie die Welt ringsum nicht sehen, sie brauchen sie nicht, sondern entzünden einander, der Mann berührt das Ohrläppchen der Frau, das Licht flammt auf, ihr Licht." (227)
"Ich habe auf dich gewartet. Es ist etwas passiert, flüsterte Juudit und erzählte. Ihre Härchen sträubten sich wie das Federkleid eines Vogels bei Frost, so nahe war Roland." (279)
"Noch könnte er sich umdrehen, die Arme um sein Taubenauge legen, und das würde sich nicht sträuben, das wusste Roland, und sie könnten gemeinsam fliehen, aber seine Hand hob sich nicht zu Juudit hin, sondern zum verabredeten Klopfzeichen an der Tür." (280)
"Am leichtesten ließ sich immer die farbloseste Person einer Gruppe anwerben: das Mädchen, das nie zum Tanz aufgefordert wrude, oder der junge Mann, an dessen Namen sich niemand erinnerte, die Frau, die immer dasselbe wie die anderen bestellte, und der Mann, den sie Motte nannten, weil niemand sich seinen richtigen Namen merken konnte. Das Mädchen, dessen eingebaute Angst nur einer kleinen Aktivierung bedurfte. Unter den Mohren, die die Zielperson umschwärmten, hatte Parts schone viele potentielle Informanten ausgemacht. " (344)
"Genau diese Art von Material sammelte das Kontor: Es notierte die rezeptfreien und die verschreibunngspflichtigen Medikamente, die Arztbesuche und die Schnapskäufe, und bastelte daraus Geschichten, die die Unzuverlässigkeit der Zielperson oder ihre potenzielle Schwachstelle bewiesen, und es schuf die Mittel, mit denen die Loyalität des Mitarbeiters garantiert oder die Zielperson dazu gebracht wurden, so zu handeln, wie das Kontor es verlangte." (353)
"Die Zerbrechlichkeit des Gemüts würde ihn zu Erinnerungen zurückführen, in den das Feuer Schädel entblößte und Beinknochen, zu Geschehnissen, die er vergessen musste und die schon vergessen waren, bis die zerfallende Seele sie zurückbrachte und wahr werden ließ, (...). (355)
"Der rankende Hopfen und der abgestorbene Baum vor dem Fenster waren mit der reglosen Dunkelheit verschmolzen, er selbst bewegte sich schon auf gefährlichem Terrain." (369)
"(...) und dorthin würde auch sie bald fahren, dorthin würde man sie bringen, das Knirschen ihrer Zähne war das Knirschen der Schienen, und in diesem Knirschen spannte die Angst ihren Rücken, bereit, sich tief in Evelins Rücken zu schlagen, die Karde in ihr Fleisch zu versenken, aber noch nicht, noch nicht, zuerst nach Hause, sie wollte ihr Zuhause sehen, bevor sie kamen, denn kommen würden sie, sie kamen immer." (391)
"Parts hinterließ auf dem Tisch des Oberarztes eine Schachtel Kalev-Pralinen und ein Einkausnetz mit Apfelsinen. Er würde niemals vorschlagen, seine Frau wieder zu entlassen. Seitdem in seinem Haus Stille herrschte, war sein Denken klarer, durchsichtig wie Glas geworden. Er war allzu sentimental, zu vorsichtig gewesen, er hätte dies schon viel früher tun sollen." (407)