ebook Suhrkamp Verlag Berlin 2010
Drei wunderbare Erzählungen von Ndiaye:
I
Plot: Norah besucht ihren Vater in Afrika, in Daresalam, weil er sie in einer dringenden Angelegenheit um Hilfe gebeten hatte. Norah hasst ihren Vater, weil er ihre Mutter verlassen und ihren kleinen Bruder vor vielen Jahren mit nach Afrika genommen hat. So nach und nach wird klar, was Nora, die Anwältin geworden ist, hier soll: Ihr Bruder sitzt im Knast wegen Mordes an seiner Stiefmutter und Norah soll in verteidigen.
"Ob dieser Geruch von den üppigen, erschlafften Blüten des großen gelben Flammenbaums herrührte, der seine Äste über das flache Dach des Hauses breitete und zwischen dessen Blättern dieser verschlossene, überhebliche Mann sich vielleicht eingenistet hatte, wie Norah unangenehm berührt dachte, und auf jedes kleinste Geräusch am Gartentor lauerte, um sich hinabzuschwingen und hart auf der Schwelle seines großen Hauses aus Rohbeton zu landen, oder ob er, dieser Geruch, vom Körper oder von den Kleidern ihres Vaters ausging, von seiner alten, faltigen, aschfahlen Haut, das wußte sie nicht, das hätte sie nicht sagen können." (11 / P43)
"Der Ärmste, wer hätte gedacht, er würde einmal ein beleibter alter Vogel werden, der ungeschickt flog und stark roch?" (19 / P142)
"Sie stand auf, hörte sich irgend etwas stammeln und stellte sich hinter ihn, wußte jedoch nicht, was sie mit ihren Händen anfangen sollte, denn sie war noch nie in der Situation gewesen, ihren Vater zu trösten oder ihm etwas anders zu zeigen als förmliche, gezwungene, vom Groll durchzogene Zeichen der Achtung." (23 / P197)
"Sie hatte die Tür geöffnet, und das Böse war hereingekommen, lächelnd, sanft und starrsinnig.
Nach Jahren des Mißtrauens, nachdem sie Lucies Vater verlassen und diese Wohnung gekauft hatte, nach harten Jahren des Aufbaus einer achtbaren Existenz, hatte sie der Vernichtung dieser Existenz die Tür geöffnet.
Schach über sie" (30 / 287)
"Welcher Mensch, der einmal Zärtlichkeit erfahren hat, kann von sich aus darauf verzichten?" (33 / 320)
"Ihr Vater, dieser erledigte Mann, erstrahlte in einem fahlen Licht.
Was für ein böses Omen?
Sie wollte aus diesem unseligen Haus so schnell wie möglich fliehen, doch sie hatte das Gefühl, sie habe sich, da sie akzeptiert hatte, hierherzukommen und den Baum ausfindig machen konnte, auf dem ihr Vater nistete, schon zu weit eingelassen, um einfach den Blick abzuwenden und nach Hause zurückzukehren." (41 / P415)
"Und sie spürte erneut, wie ihr Herz anschwoll vor sinnlosem Zorn auf ihren Vater, diesen unbesonnenen Mann, der nach so vielen Fehlschlägen nichts Besseres zu tun hatte, als erneut eine Frau zu nehmen und Kinder in die Welt zu setzen, mit denen er nicht anfangen konnte, (...)
Aber wozu hatte er sich eine neue Familie zulegen müssen, dieser mitleidlose, unvollständige, gleichgültige Mann?" (43 / P4308)
"(...) als sie beschlossen hatte, frei zu sein, sich freizumachen von jedem Bestreben, ihrem Vater zu gefallen, der sie nicht liebte.
Und das war nun aus ihm geworden, er versank im Fett." (62 / P666)
"Wer waren dies drei Personen tatsächlich, die sie auf der Terrasse des großen Hotels gesehen hatte?
Sie selbst, Norahh, und ihre Schwester als Kinder, in Begleitung irgendeines Fremden?
Oh, nein, sie war sich sicher, daß es ihre Tochter und Grete mit Jakob waren, (...) (64 / P689)
"Konnte sie Sony zubrüllen; Und das alles, weil dein Vater dich uns weggenommen hat, als du fünf Jahre alt warst!
Nein, das konnte sie nicht, sie konnte zu diesem verstörten Gesicht nichts sagen, zu diesen hohlen, toten Augen über den trockenen Lippen, die nichts zu tun hatten mir ihrem eigenen Lächeln.
Die Besuchszeit war zu Ende." (66)
"Eine Welle von Zorn auf ihren Vater durchfuhr sie so gewaltsam, daß sie mit den Zähnen klapperte.
Was hatte er aus Sony gemacht?
Was hatte er aus ihnen allen gemacht?
Er war überall zu Hause, vollkommen ungestraft in jedem von ihnen, und selbst tot, würde er ihnen immer noch schaden und sie quälen." (67 / P734)
"Was sie anging, oh, da war gewiß noch nichts entschieden, es war möglich, daß sie noch nicht begriffen hatte, was ihr zugedacht war, ihr oder Lucie, möglich auch, daß sie den Dämon auf ihren eigenen Bauch noch nicht wahrgenommen hatte, wie er dasaß und auf seine Stunde lauerte." (69 / P754)
"In der Nacht stand sie auf, ohne Jakob zu wecken, und verließ das bedrückende Haus, obwohl sie wußte, daß sie auch draußen keinen Frieden finden würde, da er da war und von seinem Flammenbaum herab lauerte." (82 / P917)
"Ihr war, als könnte sie dem Dämon, der sich auf den Bauch ihres Bruders gesetzt hatte, endlich in die Augen blicken, sie dachte: Ich werde ihn alles ausspeien lassen - aber worum handelte es sich, und wer würde je zurückgeben können, was jahrelang genommen worden war?
Worum handelte es sich?" (86 / P966)
"(...) und sie akzeptierte die Vorstellung, zehn Jahre zuvor vielleicht in ebendiesem Zimmer geschlafen zu haben, denn es war inzwischen einfacher für sie, eine solche Möglichkeit offenen Herzens anzunehmen, als sie erschrocken und zornig zurückzuweisen, weshalb sie ohne Furcht ein Déjà-vu-Gefühl zuließ, das freilich genauso gut daher rühren konnte, daß sie bereits im Traum gesehen hatte, was sie in der Gegenwart erlebte." (91 / P10279
"Er empfand keinen Unmut: Seine Tocher Norah war da, in seiner Nähe, irgendwo zwischen nunmehr blütenlosen Ästen, im säuerlichen Geruch der kleinen Blätter, sie hockte da, dunkel in ihrem lindgrünen Kleid, in vorsichtiger Distanz zur Phosphoreszenz ihres Vaters, und warum sollte sie sich im Flammenbaum eingenistet haben, wenn nicht, um eine endgültige Eintracht herzustellen? Sein Herz war träge, sein Geist teilnahmslos. Er hörte den Atem seiner Tochter und empfand deswegen keinen Unmut." (Schluss: 97 / P1097)
II
Plot: Bevor Rudy am morgen in die Arbeit fährt, kommt es zu einem Streit zwischen ihn und seiner Frau Fanta. Er verliert die Fassung und spricht von der Möglichkeit, dass sie ja gehen könne, wenn sie dies wolle. Während der Fahrt in die Arbeit bereut er zutiefst, was er Fanta gesagt hat und reflektiert dabei sein bisheriges Leben.
"Beim bloßen Gedanken, sie könnte diese entsetzlichen Worte befolgen, strömte ihm Schweiß über Gesicht und Hals." (117 / P1296)
"Was hinderte ihn daran, so schlau zu sein wie die anderen, da er doch nicht dümmer war?" (118 / P1313)
"Und nach ihrem Vorbild lebte auch das Kind in dem Haus wie ein unentschlossener kleiner Geist, der streifte den Fliesenboden nur ganz leicht mit den Füßen, schien manchmal sogar über den Boden zu schweben, als scheute er die Berührung mit dem Haus seines Vaters, genauso, dachte Rudy, wie er sich von seinem Vater selbst vorsichtig fernhielt." (123 / P1379)
"Viel wahrscheinlicher, säuselte ihm eine höhnische kleine Stimme zu, wünscht sie den Klang deiner Stimme bis zum Abend nicht mehr zu hören, und im übrigen ist ihr klar, daß du dich schuldig fühlst und auf die eine oder andere Art versuchst, Abbitte zu leisten, obwohl du dir doch gerade diese Manie abgewöhnen wolltest, die ganze Last der Verantwortung für eure Auseinandersetzungen auf deinen armen Buckel zu nehmen, da sie dich dafür wahrscheinlich auch nicht mehr schätzt und vielleicht sogar etwas dafür verachtet, wenn du Schwäche zeigst, nachdem du fürchterlich warst, Entschuldigung und Trost suchst bei ihr, die du beleidigt hast mit der Aufforderung, ist das denn wirklich vorstellbar, dahin zurückzugehen, wo sie herkommt, ist das wirklich vorstellbar." (143 / P1616)
"Er ging leichtfüßig über den Parkplatz, als plötzlich eine undeutliche Erinnerung an ein ähnliches Gefühl in ihm aufstieg, an eine Zeit in seinem Leben, in der er immer so gegangen war, locker und im Frieden mit sich - ja, immer auf diese Weise, uns so hatte er auch sein Gesicht der Welt dargeboten: gelassen und wohlwollend." (151 / P1713)
"Mußte Manille sich beim Klang dieser grellen Kopfstimme nicht ungläubig fragen, wie es sein könnte, daß Fanta ihm diesen schmalen, schlaksigen, verbitterten und leidenden Mann vorgezogen hatte, wie es sein konnte, daß sie zu ihm zurückgekehrt war, diesem Rudy Descas, der schon lange jede Ehre verloren hatte?" (167 / P1912)
"Alle beide, Mama und Manille, hatten diese heimliche Erinnerung geteilt, hinter Rudys Rücken - aber zu welchem Zweck, guter Gott?" (171 / P 1954)
"Sie sind unter uns!
Wie sollte man wissen, fragte er sich, ob dieses Paar, das sich für eine komplette Küche aus dunklem Holz interessierte, mit schmiedeeisernen Griffen und falschen Holzwurmlöchern, nicht zu den Engeln gehörte, von denen Mama überzeugt war, sie besuchten uns regelmäßig und wir könnten sie, wenn unsere Seele vorbereitet war (dank Mamas Broschüren), erkennen?" (175 / P 2001)
"Die Flügel über die ganze Breite der Windschutzscheibe ausgebreitet, den Kopf zur Seite gedreht, fixierte er ihn mit seinen fürchterlich strengen, gelben Auge.
Rudi hupte.
Der gesamte Brustkorb des Bussards erschauerte, doch er schien sich noch fester zu krallen, und ohne seinen kalt anklagende Blick von Rudys Gesicht zu wenden, stieß er einen Schrei aus, ähnlich dem einer wütenden Katze.
Langsam stieg Rudy aus.
Er ließ die Tür offen und wagte es nicht, sich dem Vogel zu nähern, der seinen Kopf etwas bewegt hatte, um ihn weiter beobachten zu können, und ihn jetzt hartknäckig, eisig mit dem anderen Auge betrachtete." (196 / P2264)
"Sie hatte Rudy gezeigt, wie sie an der Seite des Hauses schon mit einer riesigen Klettertrompete abgerechnet hatte, die so unverfroren gewesen war, ihr wildes Gewirr von orangeroten Blüten am grauen Verputz hochwuchern zu lassen." (199 / P2457)
"Er wußte auch, daß er um die acht oder neun Jahre alt war und daß er in den drei Jahren, seit Mama und er Abel nach Dara Salam gefolgt waren, eine einzige Angst sein Glück manchmal trübte, nämlich die, eines Tage vielleicht wieder zurückkehren zu müssen, auch wenn Mama ihm versicherte, dies würde nicht geschehen, nach Frankreich, in jenes kleine Haus, wo jeden Mittwoch ein großer Junge mit geraden, glatten Beinen, zwei jungen Buchenstämmen gleich, Mamas Aufmerksamkeit, ihre Liebe, ihr Lachen an sich gerissen und Rudy durch seine bloße anbetungsürdige Gegenwart in die Nichtigkeit seiner fünf Jahre zurückgestoßen hatte." (222 / P2580)
"Er ging nur aus dem Haus, um das Kind spazierenzuführen und in der unmittelbaren Nachbarschaft einzukaufen, denn er war überzeugt, daß alle Welt von seiner Schande, seiner Blamage wußte.
War damals nicht auch, fragte er sich, seine nie zugegebene Abneigung gegen das Kind entstanden, die er damals weit von sich gewiesen hätte?" (234 / P2727)
"Und konnte sie das, von der erhabenen Warte aus, auf der sie stand und von der aus sie in der Lage war, die Angriffe eines ihr ergebenen Vogels auf ihn zu lenken, konnte sie das nicht verstehen?" (236 / P2752)
"Ob er jemals, fragte er sich, ob er jemals wieder aus seinem Auto steigen könnte, ohne daß der rächende Vogel über ihn herfiel, um ihn für sein altes Unrecht bezahlen zu lassen?" (241 / P2816)
"Warum war das Kind unfähig zu verstehen, daß sein Vater nur versuchte, ihm näherzukommen?
Warum unternahm es seinerseits keinerlei Anstrengung in diese Richtung?" (248 / P2902)
"Er setzte sich ans Steuer und ließ den Motor an.
Nach Hause! rief er schwungvoll.
Das Auto setzte sich in Bewegung.
Es rollte über etwas Großes, Kompaktes, Weiches, so daß es leicht aus dem Gleichgewicht geriet.
Was war das? fragte Djibril.
Nach ein paar Metern hielt Rudy an.
Mein Gott, mein Gott, meint Gott, murmelte er.
Das Kind hatte sich umgedreht und schaute aus dem Rückfenster.
Wir haben einen Vogel überfahren, sagte er mit seiner frischen Stimme.
Das ist nicht schlimm, flüsterte Rudy, das bedeutet jetzt nichts mehr." (262 / P3073)
III
Plot: Kaddys Mann stirbt unverhergesehen, nachdem sie jahrelang versucht hatten, ein Kind zu bekommen. Kaddy zieht daraufhin zu ihren Schwiegerelten. Nach geraumer Zeit wird sie weggeschickt, um der Famile aus der finanziellen Notsituation, in die sie nach dem Tod ihres Sohnes gekommen war, herauszuhelfen. Sie versucht mit der Hilfe von Schleppern nach Europa zu kommen und lernte dabei einen neuen Mann kennen.
"Wäre er nicht berechtigt gewesen, sich darüber zu beklagen, mit wie wenig Rücksicht sie ihn nachts an sich zog oder abwies, je nachdem, ob sie seinen Samen zu diesem Zeitpunkt für dienlich hielt oder nicht, darüber, wie wenig behutsam sie ihm zu verstehen gab, sie wolle nicht mit ihm schlagen, wenn der Moment unfruchtbar war, als könne solch eine sinnlose Verausgabung dem einzigen Ziel abträglich sein, das sie damals hatte, als stelle der Samen ihres Mannes eine einmalige, kostbare Reserve dar, deren Hüterin sie war und aus der man auf keinem Fall um der bloßen Lust willen schöpfen durfte?" ("68 / P3108)
"Da überkam sie tiefer Kummer, Reue und beinahe Haß auf diesen besessenen Willen, sich schwängern zu lassen, der sie beherrscht, der sie blind gemacht hatte für alles, was diesem Willen nicht diente, insbesondere für das Übel, an dem ihr Mann gelitten hatte." (269 / P3119)
"Sie hatte nur am Rande den Namen von Fanta aufgeschnappt, einer Kusine, die einen Weißen geheiratet hatte und jetzt in Frankreich lebte." (278 / P3221)
"Kaddy lächelte innerlich.
Dieses winzige, biestige Mädchen, das war sie.
Sie faßte sich unwillkürlich an ihr rechtes Ohr und lächelte erneut, als sie unter ihren Fingern die beiden Teile ihres durchtrennten Ohrläppchens spürte: Ein Kind hatte sich im Unterricht auf sie gestürzt und ihr den Ohrring abgerissen.
Oh, nein, sie hatte in der Schule nie irgend etwas verstanden oder gelernt." (289 / P3361)
"Verbarg er hinter seinen spiegelnden Gläsern die runden, harten und starren kleinen Augen der Raben, verbarg er unter seinem karierten, seltsamerweise bis zum Hals zugeknöpften Hemd jenen Schild con weißlichen Federn, den sie alle auf der Brust hatten?" (292 / 3390)
"Sie wußte das alles genau, sie verstand und akzeptierte es - diese Kränkung, die seinen Blick leer, die ihn selbst unzugänglich machte, so anders als den lebhaften, herzlichen Jungen, der er gewesen war.
Und da sie es verstand, nahm sie es ihm nicht übel." (325 / P3799)
"Wenn sie den früher so dynamischen Lamine sah, wie er nun in einer Ecke hockte und mit seinem Löffel den Teller auskratzte, war es ihr, als würden alle ihre Schmerzen sie einholen.
Denn was konnte sie der heillosen Scham des Jungen entgegensetzen außer des etwa müden Selbstverständlichkeit ihrer eigenen, für immer unantastbaren Ehre, außer dem etwas müden Bewußtsein ihrer unwiderruflichen Würde? (330 / P3863)
"Wie die anderen trug sie ihre Leiter, und diese so leicht sie auch war, kam ihr schwerer vor als sie selbst, auf absurde Weise, so wie in einem Traum Dinge manchmal bleischwer werden, und dennoch kam sie voran, hinkend und nicht weniger schnell als ihre Gefährten, und spürte in dem winzigen Knochenkäfig ihrer zarten, brennenden Brust das Pochen ihres riesigen Herzens." (340 / P3977)
"(...) und dann gab sie auf, ließ los, fiel sanft nach hinten und dachte dabei, es sei sicher das Wesen von Khady Demba, weniger alse ein Hauch, eine winzige Luftbewegung, nicht auf der Erde zu landen, sondern in der Schwebe zu bleiben, ewig, kostbar, zu flüchtig, um je zu zerschellen in der blendenden, eisigen Helle der Scheinwerfer.
Das bin ich, Khady Demba, dachte sie noch in dem Augenblick, da ihr Schädel auf den Boden aufschlug uns sie mit weitgeöffneten Augen hoch über dem Zaun einen Vogel mit langen, grauen Flügeln ruhig kreisen sah - das bin ich, Khady Demba, dachte sie im Schwindel dieser Offenbarung, wissend, daß sie dieser Vogel war und daß der Vogel es wußte." (341 / P3993)