Sebastian Haffner: Die deutsche Revolution 1918/19

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Köln 2008 (Annaconda Verlag)

Die deutsche Revolution von 1918 war eine sozialdemokratische Revolution, die von den sozialdemokratischen Führern niedergeschlagen wurde: ein Vorgang, der in der Weltgeschichte kaum seinesgleichen hat. (10)

Niemand, nicht einmal die Revisionisten, sprach es offen aus, aber in Wahrheit war die SPD von 1914 bereits eine parlamentarische Partei, keine revolutionäre mehr. Sie wollte den bestehenden Staat nicht mehr umstürzen, sie wollte, im Bündnis mit anderen parlamentarischen Parteien, mit den Liberalen, dem Zentrum, in ihn hineinwachsen. (17)

Aber als dann der Kriege wirklich da war, galt nichts mehr von alledem: Mit 96 gegen 14 Stimmen beschloss die Reichstagsfraktion, die Kriegskredite zu bewilligen; und die vierzehn Dissidenten beugten sich ausnahmslos der Mehrheit (unter ihnen auch, für diesmal noch, Karl Liebknecht, der Linkeste der Linken). (18)

Die sozialdemokratische Mehrheitspartei der Kriegsjahre war zwar nicht in die wirkliche Macht hineingewachsen, wohl aber in die Atmosphäre der Macht. Sie gehörte jetzt, wenn auch einstweilen noch in der Oppositionsrolle, zum Establishment. (22)

Vertrauen stirbt nicht so schnell. Die Massen vertrauten immer noch ihren altgewohnten Führern - denen von der SPD kaum wenige als denen von der USPD. Diese Führer waren alles, was sie hatten. Bei der großen Streikbewegung vom Januar 2018 wählten die Streikenden auch die SPD-Führer in die Streikleitung - und ließen sich von Ihnen nach wenigen Tagen zum Abbruch des Streiks überreden. Schließlich war immer noch Krieg, und der Krieg musst wohl durchgestanden werden. Nach dem Krieg erhofften die meisten eine Wiedervereinigung der Partei. (24)

Ludendorffs Macht war in den letzten zwei Jahren des Krieges fast unbeschränkt geworden, und nie zeigte sich ihre Schrankenlosigkeit so grell wie an diesem Tage, da er sie weggab und ihr Instrument zerbrach. Es war eine Macht, wie sie kein anderer Deutscher vor Hitler je besessen hat, auch Bismarck nicht: diktatorische Macht. (28)

Denn jetzt konnte Ludendorff wieder planen. Jetzt plante er die Niederlage.
Er plante sie, wie er vorher den Sieg geplant hatte: als Militär, als General, nicht als Politker. Im Angesicht der Niederlage konzentrierte er sich auf das eine Ziel: die Armee zu retten. (33)

Damit die Reichtagsmehrheit sich bereit fände, unter so furchtbaren Bedingungen die Regierungsverantwortung zu übernehmen, musste man ihr etwas bieten: Das bedeutete den Verfassungsumbau, an dem ihr so viel lag, den Übergang zur parlamentarischen Regierungsform. (34)

Die verfassungsmäßigen Gewalten des Kaiserreichs hatten an diesem 29. September 1918 kampflos kapituliert; sie hatten in gewissen Sinne schon abgedankt. Nicht ganz so kampflos vollzog sich in den folgenden Tagen die Bildung der parlamentarischen Regierung in Berlin (...) (40)

Der Ausweg, den Ludendorff sah und der ihn völlig ruhig und milde bleiben ließ, war nichts anderes als das Abwälzen der Verantwortung für die Niederlage, auf der sich später die Dolchstoßlegende aufbauen sollte. (43)

Er bot den Parteien der Reichtagsmehrheit, was sie in ihren kühnsten Träumen nicht erwartet hatten: die volle Parlamentarisierung, die ganze Macht. (44)

Und so erfuhr Deutschland am Morgen des 5. Oktober [2018]m dass es von jetzt ab eine parlamentarische Demokratie sei; (45)

Von Mitte Oktober an fand sich Ludendorff wieder in der Lage, die heroische Rolle des unbesiegten und kampfwilligen Soldaten zu spielen, der sich einer friedenssüchtigen, kapitulationswilligen Regierung von knieweichen Demokraten mannhaft widersetzt. (49)

Der Entschluss zur Seeschlacht war daher, (...), ein hochpolitischer Entschluss, und zwar einer, der der Regierungspolitik direkt ins Gesicht schlug. (...) Und dieser Offiziersmeuterei antwortete nunmehr eine Mannschaftsmeuterei. (61)

Am Morgen des Montag, des 4. November, wählten alle Matrosen des Dritten Geschwaders Soldatenräte, entwaffneten ihre Offiziere, bewaffneten sich selbst und hissten auf den Schiffen die rote Fahne.
Am Abend des 4. November war Kiel in der Hand von vierzigtausend aufständischen Matrosen und Marinesoldaten. (64-65)

Wie aus der Meuterei die Revolte geworden war, so musste jetzt aus der Revolte die Revolution werden: Das heißt, die Rebellen mussten, wie in Kiel so überall im Lande, die Macht an sich reißen, wenn sie nicht in Kiel eingekreist, niedergeschlagen und grausam bestraft werden wollten. Sie mussten ausschwärmen und die Revolution ins Land tragen. (...) Überall, wohin die Matrosen kamen, schlossen sich ihnen die Soldaten der Garnisonen und die Arbeiter der Fabriken an, als ob sie auf sie gewartet hätten; fast nirgends gab es ernsthaften Widerstand; überall riss die bestehende Ordnung wie mürber Zunder. (65-66)

Überall geschah wie auf stillschweigende Verabredung dasselbe: Die Soldaten der Garnisonen wählten Soldatenräte, die Arbeiter wählten Arbeiterräte, die Militärbehörden kapitulierten, ergaben sich oder flohen, die zivilen Behörden erkannten erschrocken und verschüchtert die neue Oberhoheit der Arbeiter- und Soldatenräte an. (66)

Widerstand, Gewalt und Blutvergießen gab es wenig. Das charakteristische Gefühl in diesen Revolutionstagen war Verblüffung: Verblüffung der Autoritäten über ihre plötzliche ungeahnte Machtlosigkeit, Verblüffung der Revolutionäre über ihre plötzlich ungeahnte Macht. (...) Der siegreichen Masse hilft es wenig, gutmütig zu sein; die besiegten Herren verzeihen ihr den Sieg nicht. (67)

In dieser Woche verwandelte sich das westliche Deutschland aus einer Militärdiktatur in eine Räterepublik. Die Massen, die sich erhoben, schufen kein Chaos, sie schufen überall die rauen und ungehobelten, aber klar erkennbaren Elemente einer neuen Ordnung. (...)
An das private Eigentum rührte die Revolution nicht. (...)
Die Revolution war nicht sozialistisch oder kommunistisch. Sie war - mein einer gewissen unausgesprochenen Selbstverständlichkeit, fast nebenbei - republikanisch und pazifistisch; bewusst und vor allem aber war sie antimilitaristisch. (68)

Die Massen, die sich das neue Führungs- und Staatsorgan der Arbeiter- und Soldatenräte schufen, waren keine Spartakisten oder Bolschewisten. Sie waren Sozialdemokraten. (...)
Rosa Luxemburg zum Beispiel durchlebte diese ganze Woche noch, fiebernd vor Ungeduld, im Breslauer Stadtgefängnis und kam erst am 9. November nach jahrelanger Haft wieder in Freiheit; und Karl Liebknecht, seit dem 23. Oktober aus dem Zuchthaus entlassen, hielt sich in Berlin auf und erfuhr von dem, was sich in der Revolutionswoche im Reich abspielte, nur aus den Zeitungen.
Das russische Beispiel mochte eine anfeuernde Fernwirkung haben, aber russische Emissäre, die die Revolution hätten lenken können, gab es nirgends. (69)

Die Revolution von unten wollte die Revolution von oben nicht kassieren, sondern ergänzen, beleben, vorwärtstreiben, recht eigentlich erst zur Wirklichkeit machen. Wogegen sie sich richtete, das war nicht die neue parlamentarische Reichsregierung, sondern die immer noch mit Belagerungszustand, Zensur und Schutzhaft als Nebenregierung funktionierende Militärdiktatur. (71)

Wer schließlich erzwang, dass etwas geschah, das war die Führung der SPD und insbesondere ihr Vorsitzender Friedrich Ebert, (...). Er war kein Gegner der Regierung, der er ins Leben geholfen (...) hatte; auch kein grundsätzlicher Gegner der staatliche Ordnung (...).
Es ging ihm genauso wie Groner und Prinz Max darum, den Staat zu retten und die Revolution abzufangen. (75)

Für die fernere Zukunft waren das Wegschleichen des Kaisers und der lautlose Einsturz der deutschen Monarchie, den es bedeutete, ein ungeheures Ereignis. Es nahm den deutschen Oberklassen ihre Tradition und ihren Halt; es gab ihrer kommenden Gegenrevolution den desperaten und nihilistischen Zug, den sie als monarchistische Restaurationsbewegung schwerlich gehabt hätte;  es hinterließ ein Vakuum, das dann schließlich zu Hitler führte. (94)

Aber auch andere Gäste stürmten in den Reichstag - unbekannte, ungebetene, manchmal ganze Züge mit roten Fahnen. Es war ein ewiges Kommen und Gehen.  Die Straßen der Berliner Innenstadt glichen an diesem Nachmittag des 9. November einem wogenden Ozean von Menschen, und immer wieder einmal schlug aus diesem Ozean eine überbrandende Welle in den Reichstag hinein. (98)

Und dann geschah nichts! Die Brüder schossen wirklich nicht, sie öffneten selbst die Kasernen, sie halfen selbst die roten Fahnen hissen, sie schlossen sich den Massen an, (...).
Man war so verblüfft, dass man Gassen bildete, um die Polizisten unbehelligt nach Hause gehen zu lassen; nicht einmal Schmährufe wurden laut. Die Revolution in Berlin war so gutmütig, wie sie überall gewesen war. (99)

Karl Liebknecht war in diesen Tagen ein großer Name - vielleicht der größte Name in Deutschland. Jeder wusste von ihm, und keinem war er gleichgültig: Er erregte heißestes Liebe und glühendsten Hass. Aber er war eine Symbolfigur, keine Macht. (100)

Der 9. November 1918 ging zu ende. Er hatte den Sturz der Monarchie gebracht, aber noch nicht den Sieg der Revolution. Ihr Schicksal hing in der Nacht vom 9. zum 10. November noch in der Schwebe. Erst der nächste Tag konnte es entscheiden. (108)

Gegen diese Verbrüderungswelle war nicht anzukommen. Gewiss, die Kandidaten der Revolutionären Obleute kamen meist ebenfalls durch, aber ein großer Teil der neu gewählten Arbeiterräte, darüber wurden sich die Obleute mittags zähneknirschend klar, waren Ebert-Anhänger. (111)

In Wirklichkeit war der Staat kaum angekratzt. Dieselben Beamten gingen am Montag nach dem Revolutionswochenende wieder in dieselben Ämter, und auch die Schutzmänner (...) waren ein paar Tage später wieder da; in den Feldheeren im Westen und Osten führten immer noch dieselben Generale und Offiziere das Kommando, und selbst die Reichsregierung war im Grunde die alte (...).  (122-123)

Ihre Tragödie - oder Tragikomödie - war, dass sie das nicht sahen. Sie sahen nicht oder wollten nicht sehen, dass sie seit dem 9. November Millionen Feinde - Todfeinde - auf der Rechten hatten; sie sahen nur ihre alten Intimfeinde auf der Linken. (125)

Wenn man den damaligen SPD-Politikern und den späteren SPD-Historikern zuhört, so ging es um die Frage: Rätediktatur oder parlamentarische Demokratie; um die Abwehr des Bolschewismus und die Wahl einer verfassungsgebenden Nationalversammlung. (...)
In Wahrheit ging es um die Frage: Revolution oder Gegenrevolution. (128)

Die Arbeiter und Soldaten, die die Revolution gemacht hatten, wussten instinktiv: Solange die alten Bürokratie und das alte Offizierkorps ihre macht behielten, war die Revolution verloren, auch mit der schönsten Verfassung und dem schönsten Parlament. (129)

Tatsächlich gab es in den Räten kaum Spartakisten (...) vielmehr hatte die SPD von Anfang an in fast allen örtlichen Räten die Mehrheit, (...). (130)

Der Ebert-Groener'sche Plan sollte vom 10. bis 15. Dezember durchgeführt werden. Für den 16. war in Berlin der erste Reichsrätekongress anberaumt. Ihm sollte die Wiederherstellung der Ordnung durch zehn Divisionen der zurückkehrenden Feldarmee offenbar zuvorkommen. (134)

In den Morgenstunden des 24. Dezember 1918 lieferten sich Revolution und Gegenrevolution auf dem Schlossplatz in Berlin eine blutige Schlacht. Die Revolution gewann. Dann verschenkte sie den Sieg. Man kann sagen: Sie schenkte ihn der Gegenrevolution zu Weihnachten. (139)

Am 30. Dezember [1918] trennte sich die Spartakustruppe endgültig von der USPD und konstituierte sich als Kommunistische Partei. Zugleich verkrachte sie sich mit den Revolutionären Obleuten, (...). (152)

Aber während so die politische Führung der Linken zerfiel, bildete sich unter den Arbeitermassen in diesen Weihnachtstagen eine neue Revolutionsstimmung. Im November hatten die Massen geglaubt, gesiegt zu haben. Seit Weihnachten fühlten sie sich verraten, um ihren Sieg betrogen - aber noch nicht besiegt. Man musste eben noch einmal nachfassen. (153)

Das Schicksal der deutschen Revolution entschied sich in Berlin in der Woche vom 5. bis 12. Januar 1919. (...) Was in dieser Woche vor sich ging, war keine kommunistischer Aufstand gegen die sozialdemokratische Regierung. Es war ein Versuch der Berliner Arbeitermassen, das am 9. und 10. November Errungene und inzwischen schon halb Verlorene noch einmal zu erringen, und zwar auf dieselbe Weise wie damals. Der 5. Januar war ein zweiter 9. November. (155)

Die Entscheidung fiel in den Tagen vom Donnerstag, dem 9. bis zum Sonntag, dem 12. Januar 1919. In diesen Tagen wurde auf Befehl Eberts die Revolution in der Hauptstadt zusammengeschossen. (163)

Den Westen Berlins übernahm die neu gebildete Garde-Kavallerie-Schützendivision. Im feudalen Eden-Hodel schlug sie ihr Hauptquartier auf. Sie führte Plakate mit, auf denen stand: DieGarde-Kavallerie-Schützendivision ist in Berlin einmarschiert. Berliner! Die Division verspricht euch, nicht eher die Hauptstadt zu verlasen, als bis die Ordnung endgültig wiederhergestellt ist.
Noch am Tage ihre Einzuges gab die Division ihre Visitenkarte ab: mit der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs. (168)

Das allerdings hat sie geleistet. Niemand hat die Wirklichkeit der der deutschen Revolution und die Gründe ihres Scheiterns (...) vom ersten Augenblick an so hellsichtig und so rückhaltlos öffentlich analysiert wie Rosa Luxemburg Tag für Tag in der Roten Fahne. Aber das war eine - in ihrer Art gloriose - journalistische Leistung, keine revolutionäre. Die ienzige Wirkung, die Rosa Luxemburg damit erzielte, war, den tödlichen Hass der Durchschauten und Bloßgestellten aus sich zu ziehen. (174)

Der eine Grund war, dass Liebknecht und Rosa Luxemburg wie niemand sonst in den Augen von Freund und Feind die deutsche Revolution verkörperten. Sie warn ihre Symbole, und mit ihnen erschlug man die Revolution. (180)

Der Mord vom 15. Januar 1919 war ein Auftakt - der Auftakt zu den tausendfachen Morden in den folgenden Monaten der Noske-Zeit, zu den millionenfachen Morden in den folgenden Jahrzehnten der Hitler-Zeit. (182)

Denn daran ist kein Zweifel. Die Initiative zum Bürgerkrieg, der Entschluss dazu und daher auch - wenn man in diesen Begriffen denken will - die Schuld am Bürgerkrieg lagen eindeutig bei der sozialdemokratischen Führung, insbesondere bei Ebert und Noske. (185)

Aber zweierlei ist nicht zu übersehen: Fast ausnahmslos waren die straff geführten und gut bewaffneten Regierungstruppen den hastig zusammengestellten, nur mit Handfeuerwaffen kämpfenden Arbeitertrupps der örtlichen Rätemacht von Anfang an weit überlegen, (...)
Es hat sich damals in vielen deutschen Städten Furchtbares abgespielt, wovon kein Geschichtsbuch berichtet. (194)

Solange Kurt Eisner lebte, war die Revolution in Bayern sowohl erfolgreich wie unblutig. (...) Bei seinem Tode zeigte sich, dass Eisner dass Herz der kleinen Leute in München gewonnen hatte. (...) Er war kein Bayer sondern ein Urberliner; noch dazu Jude; noch dazu Literat - ein Bilderbuchintellektueller mit Bart und Brille und Bohemeallüren. (197)

Aber Eisner hatte inzwischen die umgekehrte Richtung eingeschlagen - in den Münchner N0rden, zu den Kasernen.
Dort spielte sich am frühen Abend der entscheidende Akt jedes Staatsstreichs ab, das Umdrehen der bewaffneten Macht. (...)
Die Münchner Revolution war komplett, durchgeführt in einem rasanten Alleingang und innerhalb von vierundzwanzig Stunden. Kein Schuss war gefallen, kein Tropfen Blut vergossen. Und der Man, der dieses Kunststück fertig gebracht hatte, gestern noch ein Niemand, hatte alle Fäden in der Hand. (199)

Eisners Rede vom 8. November war aber nicht nur fließend, sie war staatsmännisch. In Zeiten ruhigerer Entwicklung werde eine Nationalversammlung einberufen werden, um die endgültige Form der Republik zu entwerfen, inzwischen aber müsse das Volk direkt durch die elementaren Triebkräfte der revolutionären Räte herrschen. Entscheidend sei jetzt ein sichtbarer Neubeginn, ein völliges Abstoßen vom alten Staat und insbesondere die rücksichtslose Preisgabe seiner Kriegspolitik, wenn man einen erträglichen Frieden gewinnen wolle. Einer Regierung, die alle Verantwortlichkeiten der Vergangenheit mit übernommen hat, sagte Eisner mit deutlichem Seitenblick auf Berlin, drohe ein furchtbarer Friede. (200)

Was wollten die revolutionären Massen in Deutschland? Nicht - jedenfalls nicht sofort - den Sozialismus. Nirgendwo wurden im November Fabriken besetzt; (201)

Die Wahlen hatte, wie im katholischen Bayern nicht anders zu erwarten, eine bürgerlich-katholische Mehrheit ergeben. (...) Eisner focht das wenig an. er dachte nicht in parlamentarischen, sondern in revolutionären Begriffen. (203)

Eisner war bereit, als Ministerpräsident zurückzutreten und Auer das parlamentarische Feld zu überlassen; aber er wollte auf jeden Fall an der Spitze der Räte bleiben und notfalls die zweite Revolution führen. Seine Forderung hieß: Verankerung der Räte in der neuen Verfassung. (...)
Als er am 21. Februar 1919 morgens, ein paar Minuten vor zehn Uhr, vom Promenadeplatz um die Ecke zur Prannerstraße bog, um sich, seine Rücktrittsrede in der Aktentasche, zur Eröffnungssitzung des Landtags zu begeben, wurde er ermordet. (204)

Die ganze Stadt, ja das ganze Land, bot mit einem Schlag ein Bild der Anarchie - überall Bewaffnete, die zu Fuß oder in Autos und Lastwagen die Straßen durchtobten, Schießereien, wilde Verhaftungen, Prügeleien und Plünderungen, Panik, Wut und Rachedurst.
Der Landtag war in Panik auseinander gestoben. (205)

Auch die Landbevölkerung war dazu in Massen in die Stadt geströmt, und die bayerischen Gebirgler mit ihren Gamsbärten und Lederhosen marschierten todernst und feierlich hinter dem Sarge dieses ermordeten Berliner Juden, von dem sie sich so gut verstanden gefühlt hatten. Wie es jetzt weitergehen sollte, wusste niemand. (206)

Zweierlei freilich blieb zweifelhaft: erstens, ob sich in Bayern eine Räterepublik bilden und halten konnte, während im ganzen übrigen Deutschland die Räte von Noskes Freikorps beseitigt wurden; zweitens, ob die Räte überhaupt regieren konnten - besonders jetzt, ohne  Eisner. (207)

Der Militärputsch fand denn auch am Palmsonntag, dem 13. April, programmgemäß statt, aber er scheiterte. In einer fünfstündigen blutigen Straßenschlacht, die auf dem Marienplatz begann und mit der Erstürmung des Hauptbahnhofs endete, wurden Schneppenhorsts Truppen von einer improvisierten roten Streitmacht unter Führung eines Matrosen namens Rudolf Eglhofer geschlagen. Sie flohen per Eisenbahn aus München. (208)

Das Gebiet der Münchener Räterepublik reichte praktisch nur bis Dachau im Norden, bis Garmisch und Rosenheim im Süden. (209)

Und nun [9.5.1919] folgte ein weißer Schrecken, wie ihn noch keine deutsche Stadt, auch Berlin im März nicht, erlebt hatte. Eine Woche lang hatten die Eroberer Schießfreiheit, und alles, was spartakusverdächtig war - im Grund die ganze Münchner Arbeiterbevölkerung - war vogelfrei. (210)

Eine weitere Besonderheit der Münchener Maitage von 1919 ist, dass ihnen etwas vom Charakter einer fremden Invasion anhaftete. Die preußischen Freikorps fühlten und benahmen sich wie Sieger ein einem eroberten Land; (211)

Mitte 1919 war der deutschen Revolution das Genick gebrochen. Die SPD regierte jetzt einen bürgerlichen Staat, hinter dem als wirklicher Machtträger die von ihr herbeigerufene Gegenrevolution stand. Äußerlich war die Stellung der SPD glänzend wie nie zuvor - und wie nie nachher. Im Reich, in Preußen, in Bayern besetzte sie alle Spitzenpositionen. Aber ihre Macht war hohl. In dem bürgerlichen Staat, den sie wiederhergestellt hatte, blieb sie ein Fremdkörper. Für die gegenrevolutionären Freikorps, mit deren Hilfe sie ihn wiederhergestellt hatte, blieb sie ein Feind. Und ihre eigenen Machtgrundlage hatte diese Arbeiterpartei zerstört, als sie die Revolution der Arbeitermassen niedergeschlagen hatte. (213)

Von Mitte 1919 an rollte in Deutschland, in den Worten des scharfblickendsten unter den zeitgenössischen Beobachtern, Ernst Troeltschs,   eine Welle von rechts. Die Sozialdemokraten wurden die Novemberverbrecher und Verzichtspolitiker, die die deutsche Armee von hinten erdolcht hatten. (214)

Die Gegenrevolution war jetzt eine Macht - in den Augen vieler bereits die wirkliche Macht. Sie organisierte sich seit August 1919 in der Nationalen Vereinigung, einer Verschwörungsgruppe, die planmäßig den Staatsstreich vorbereitete. Ihre führenden Köpfe waren der Ostpreuße Wolfgang Kapp und der Organisator des Liebknecht- Luxemburg-Mordes Hauptmann Pabst;  im Hintergrund stand, inzwischen aus Schweden zurückgekehrt, Ludendorff. (215)

Und gerade da wurde es Ernst. Am 10. Januar 1920 trat der Versailler Friedensvertrag in Kraft, der das deutsche Heer auf 100 000 Mann, die Marine auf 15 000 Mann begrenzte. Das bedeutete eine massiven Personalabbau der 400000-Mann Reichswehr von 1919. (216)

Sie waren aber nicht gewillt, sich nach Hause schicken zu lassen; und ebenso wenig waren die politischen Generale gewillt, auf das Instrument ihrer politischen Macht zu verzichten. (...) So kam es zu dem militärischen Staatsstreich vom 13. März 1920, der in die Geschichtsbücher unter dem Namen Knapp-Putsch eingegangen ist. (...)
Die Brigade Eberhardt, 500 Mann stark, war ein Freikorps, (...). Seite dem Januar 1920, als General von Lüttwitz sie auf den Truppenübungsplatz Döberitz bei Berlin verlegt hatte, trug sie das Hakenkreuz am Stahlhelm.  (217)

Der Generalstreik, der in Berlin bereits am Sonntag, dem 14. März, mit voller Wucht einsetzte, am Montag das ganze Reich erfasste und alsbald die Putschregierung vollkommen lahmlegte, war der gewaltigste, den Deutschland je erlebt hat. (...)
Der Generalstreik nahm der Putschregierung in Berlin vom zweiten Tage ihrer Existenz an jede Möglichkeit zu regieren. (226)

In der Generalstreikwoche vom 14. zum 21. März 1920 wiederholte das deutsche Proletariat noch einmal seine Leistung der Revolutionswoche vom 4. zum 10. November 1918. (227)

Die Revolution, die sich im März 1920 rasselnd wieder in die Höh'  richtete und den schon verlorenen Kampf noch einmal aufnahm, war nicht mehr so gutmütig, wie sie in der Siegesstimmung des Novembers 1918 gewesen war.
In Sachsen und Thüringen behielt trotzdem das Militär schließlich nach wechselvolle, blutigen Kämpfen die Oberhand. Im Ruhrgebiet aber geschah ein militärisches Wunder. Nach den ersten siegreichen Gefechten rollte eine improvisierte Rote Armee wie eine Lawine durch das Revier. (...)
Aber gerade diese unerwartete Machtenfaltung der erneuerten Revolution wurde ihr zum Verhängnis. (...)
Gegen die Revolution fanden bürgerlicher Staat und militärische Rebellen rasch wieder zusammen. Und es dauerte nicht lange, bis auch die SPD in diese Einheitsfront einschwenkte und die Revolution zum zweiten Mal verriet. (229)

In diesen Tagen bildete sich in Berlin bereits eine stillschweigende Koalition der vier bürgerlichen Parteien heraus - die Koalition des Bürgerblocks, die wenige Monate später die Regierung der Weimarer Republik übernehmen und mit kurzen Unterbrechungen bis zu ihrer Auflösung in der Hand behalten sollte. (230)

So endete der Kapp-Putsch: mit einem mörderischen Strafgericht der immer noch sozialdemokratisch geführten Regierung über ihre Retter, ausgeführt von denen, vor denen sie gerettet worden war.  (233)

Alle Völker, die eine große Revolution durchgestanden haben, blicken mit Stolz auf sie zurück; (...). Es sind nicht die siegreichen, es sind die erstickten und unterdrückten, die verratenen und verleugneten Revolutionen, die ein Volk krank machen.
Deutschland krankt an der verratenen Revolution von 1918 noch heute. (245)