Vom Feudalzeitalter zur Renaissance
Die res publica umfasste alles, was zur Gemeinschaft aller gehörte und daher von Rechts wegen extra commercium lag, d.h. von den Geschäften des Marktes nicht berührt war. Die res privata hingegen vollzog sich in commercio und in patrimonio, unterlag also einer anderen Gewalt - nämlich der des pater familias - , die vornehmlich in den Mauern der domus, des Hauses, ausgeübt wurde. (20)
Der Begriff des Privaten ist über Jahrhunderte hinweg konstant geblieben. Offensichtlich war die im lateinischen Wort privatus enthaltene Idee im Feudalzeitalter noch vollständig gegenwärtig: dass es nämlich Handlungen, Personen und Gegenstände gibt, die von Rechts wegen nicht der öffentlichen Macht unterworfen sind; damit sind sie eine Sphäre verwiesen, die genau umgrenzt ist, um jeden Eingriff von außen zu verhindern. (...)
Der Raum des privaten Lebens ist offenbar der häusliche Bereich, umgeben von mauern (...). (22)
Zwischen der res publica und dem, was Texte des 12. Jahrhunderts explizit als res familiaris bezeichnen, steh eine wichtige juristische Barriere. (...)
Privates Leben ist somit Familienleben, nicht individuell, sondern auf Gemeinsamkeit und gegenseitiges Vertrauen gegründet. (23)
Zugespitzt formuliert könnte man sagen, dass in der feudal werdenden Gesellschaft der öffentliche Sektor bis zur Unkenntlichkeit schrumpfte, während schließlich das private alles durchdrang. (24)
So ist in Friedensgeboten, die 1114 in Valenciennes in Kraft traten, von der Glocke die Rede, die zum Löschen der Herdfeuer mahnt und mit dem Abendläuten jedermann auffordert, in sein Haus zurückzukehren. (25)
[Salisches Gesetz oder burgundischer Rechtsvorschriften:] Wer eine Grenzmarkierung versetzt oder zerstört, dem soll, wenn es ein freier Mann ist, die Hand abgeschlagen werden, und wenn er Sklave ist, soll man ihn töten. (...)
Die Einfriedung umschrieb den geschützten Raum, wohin sich die Menschen zum Schlafen zurückzogen, wo sie ihre wertvollste Habe aufbewahrten und wo sie nach dem Abendläuten zu bleiben hatten. (27)
Die Stadt, konzipiert als Forum der Demonstration öffentlicher Gewalt, wurde allmählich vom Land überwältigt, währende sich die macht der Amtsträger auf die großen ländlichen Häuser verteilte. (...)
Aber nicht zuletzt dank der Christianisierung des Königtums wurde der König, (...), allmählich selber als Vatergestalt wahrgenommen, begabt mir einer Macht, die derjenigen der Hausväter in den Familien entsprach. (29)
Für Frieden und Gerechtigkeit sorgten im lokalen Bereich unabhängige Fürsten, (...). (32)
Die Häuser dieser nachgeordneten Grafen waren im 11. Jahrhundert die Burgen, d.h. Bauten, in denen sich Symbole öffentlicher und privater macht miteinander verschränkten: auf der einen Seite der Turm, drohend aufragendes Sinnbild der Zwangsgewalt; auf der anderen Seite die Einfriedung (die Burgmauer, alfränzösisch chemise) als Sinnbild häuslicher Freiheit. (...)
Der Kämmerer ist für das königliche Schlafgemach zuständig, der Mundschenk für den Weinkeller und der Marschall für die Pferdeställe (...).
Waffen und ein Weib - das waren die elementaren Besitztümer, die jeder Vasall benötigte, um einen eignen Haushalt zu gründen. Er war zwar unabhängig, blieb aber durch die Erinnerung an seine mit dem Fürsten verbrachte Jugend fest mit dessen Haushalt und mit seinem Beistand verknüpft. (33)
So entstand schließlich das Bild einer vierfach gestuften Hierarchie: ganz oben der königliche Haushalt, dann der fürstliche Haushalt, sodann die Burg und endlich das Volk, das im Schatten der Burgturms lebte.
Mit der Heraufkunft dessen, was wir Lehnswesen nennen, entstanden zwei verschiedene soziale Klassen. Nur einige erwachsene Männer waren uneingeschränkt zum wichtigsten staatsbürgerlichen Dienst berechtigt, nämlich, (...), zum Waffentragen. (...) Der Platz, an dem diese Männer ihre Aufgabe erfüllen konnten, war die Burg, in der sie sich für eine Frist einfanden, um Dienst zu leisten. Sie begaben sich auf die Burg, wenn der öffentliche Friede bedroht war und daher (...) der Ruf der Burg, an sie erging. Der Burgherr war Befehlshaber seiner Ritter. Seine Autorität über sie besaß, ebenso wie die Autorität des Fürsten über ihn selber, familiären Charakter. Jeder Burgmann verpfändete beim Eintritt ins Erwachsenenalter dem Burgherrn seinen Leib; (...)
Und schließlich war der Patron gehalten, für seine Getreuen zu sorgen, sie großzügig an seiner Tafel speisen zu lassen und ihnen sogar - freilich nicht immer - ein Stück Land zu geben, auf dem sie sich selbständig machen konnten: ein Lehen. Die Übergabe eines Lehens war mit einem Belehnungsritual verknüpft, bei dem ein Strohhalm von einer Hand in die andere überging. Dieser Brauch scheint aus dem Frühmittelalter überliefert worden zu sein - damals war die Übergabe eines Strohhalms das Symbol für Adoption.
Mit dem Treuegelübde wurde der Ritter faktisch ein Mitglied der Familie des Burgherrn und Teil seines privaten Lebens. (34)
Ein Ritter diente seinem Herrn, so wie ein Neffe seinem Onkel mütterlicherseits zu dienen hatte, mit Rat und Tat; alle wirkten an der Verwaltung eines gemeinsamen Erbgutes mit, der mit der Festung verbundenen Banngewalt. Zu den Pflichten des Ritters, die er als Gegenleistung für Speisung, oder das an deren Stelle getretenen Lehen zu erfüllen hatte, gehörten Einschücherungs-Expeditionen in die Umgebung der Burg, um die Bevölkerung botmäßig zu erhalten. (35)
Einen ähnlich familiarisierenden Effekt hatte das Herbergsrecht, die sogenannte Gastung, d.h. die Pflicht, den Grundherrn als Gast im eigenen Haus aufzunehmen. (...)
Der Grundherr kam mit seinem Gefolge, mästete seine Tiere auf dem courtil des Bauern und kampierte auf seinem Land; Tag und Nacht musste der Bauer dem Hohen Herrn oder einem seiner Ritter Gesellschaft leisten. (38)
Im 11. und 12. Jahrhundert entstand manches Dorf im Schatten der Kirche, in jener Zone der Intimität, in der Gewalttätigkeit nach den Regeln des Gottesfriedens verboten war. Dort lebten die Armen solidarisch miteinander, sozusagen in gemeinschaftlichen Höfen, die vor äußerem Zugriff sicher waren. Gemeinsam vermochten die Dorfbewohner, die das Recht hatten, nicht bebautes Land zu nutzen, den Pressionen des Grundherrn besser zu widerstehen, als wenn sie einzeln aufgetreten wären. (40)
Jeder Herr [dominus] kann in der Stadt seinen Abhänigen [cliens] oder Leibhörigen [servus] züchtigen oder schlagen, ohne den Frieden zu verletzen. (...) Wenn Hörige, die im selben Haus und unter derselben häuslichen Gewalt [dominum] leben, sich untereinander bekriegen, so sind Klagen und Geldbußen an ihren Herrn zu richten, das heißt den Herrn des Hauses [dominus hospicii], und die den Friedenseid geschworen haben, sollen nicht eingreifen, solange nicht sein Todesfall eintritt. (42)
Waren doch gerade die Italiener auf dem Gebiet der Logik des Rechts führend. Früher als andere nahmen sie die Dienste von Notaren in Anspruch, was uns einen besseren Einblick in die Verhältnisse erlaubt. (43)
Französische Adelshaushalte im Feudalzeitalter
(...) da unsere Quelle allein in Bezug auf die herrschenden Schichten aussagekräftig sind. Wir beschäftigen uns daher nur mit der nördlichen Hälfte des Königreichs Frankreich und einzig mit den Adelsfamilien. (49)
Im Wesentlichen waren die Klöster aber Häuser. Jedes beherbergte eine Familie; in der Tat waren die Mönchsfamilien die bestorganisierten Familien. die Organisation erfolgte nach der Regel des hl. Benedikt, (...).
Auf dem Höhepunkt der karolingischen Renaissance, zwischen 816 und 820, als Kaiser Ludwig der Fromme letzte Hand an seinen Plan einer an der benediktinischen Regel orientierten Klosterreform legte, entstand der Entwurf eines idealen Klosters. Die berühmten Pläne zur Abtei St. Gallen, (...). (52)
Der (Kloster-)Kämmerer hatte alles unter sich, was in der Kammer, dem innersten Bezirk des Klosters, aufbewahrt wurde; insbesondere war er zuständig für das Geld und das, was man für Geld erwerben konnte. (...) Alles, was durch Schenkung, Zins oder Kauf ins Kloster geriet - Tuche, Wein, Edelmetalle, Münzen -, ging durch die Hände des Kämmerers, und ihm oblag es, diese Güter vernünftig zu verteilen. (59)
Mit der Abenddämmerung begann die Zeit der Gefahr; denn dann ging der Teufel um. Da war es geboten, zusammenzurücken und auf der Hut zu sein. Im Dormitorium, dem privatesten Teil des Mönchshauses, im oberen Stock gelegen und daher geschützt vor schleichender Bedrohung, durfte kein Mönch allein sein, und der Abt weilte mitten unter seine Herde. (67)
Die erste Expansion erfolgte im frühen 11. Jahrhundert, als die großen Fürstentümer zerbrachen und die Herrschaftsgewalt in viele Fragmente zersplitterte. Allerorten entstanden Burgen und Türme, um der Ausbeutung der Bauern und dem im Namen der Friedenssicherung begründeten Abgabezwang Nachdruck zu verleihen. (69)
Die Vertrauten bildeten das, was im mittelalterlichen Französisch ménage oder maisnie (Haushalt) heißt (...).
Die ausgezeichneten Merkmale der maisnie sind also das gemeinschaftliche Wohnen, die gemeinsamen Mahlzeiten und die gemeinschaftliche Arbeit an einer vom Herrn gestellten Aufgabe. Die maisnie ist deshalb eine genaue Analogie zur Klosterbruderschaft. Der Haushalt konnte sehr groß sein - derjenige des Thams of Berkeley im 13. Jahrhundert umfasste mehr als zweihundert Personen. (75)
So wie die klösterliche Familie zerfiel auch die aristokratische maisnie in zwei Gruppen. Die eine bestand aus den servientes, den Bediensteten, die getrennt von den anderen aßen und gröberes, d.h. schwärzeres Brot zugewiesen bekamen. (76)
So nahm der pater familias die Stelle Gottes ein: In seinem Haus war er gleichsam die Quelle allen Lebens. (78)
Als Chef seiner Dynastie hatte das amtierende Oberhaupt die Pflicht, deren Fortbestand durch die Zeugung von Nachwuchs zu gewährleisten. Frauen seines eigenen Haushalts musste er in verbündeten Häusern unterbringen, um sich deren Treue zu sichern und für Nachkommen zu sorgen. (79)
Jeder Adelshaushalt war ständig auf der Suche nach mehr Verwandten, mehr Verbündeten, mehr Bediensteten. (...) Ersparnisse zu investieren war dem mittelalterlichen Geist fremd. Die Geld- und Naturalienreserven, die im Schlafgemach, in den Speichern und im Weinkeller deponiert waren, dienten lediglich als Vorräte für künftige Feste, bei denen man den Reichtum des Hauses mit vollen Händen verschwendete. (80)
Am Ende der Liste haben wir den Amtsträger, der die Speckkammer verwaltete; er rangierte am niedrigsten, weil Speck und Brot die Nahrung des gemeinen Mannes waren und weil die Speckkammer neben der Spülküche im unteren Teil des Hauses untergebracht war. (85)
Es gibt viele Hinweise auf die Unruhe und Cliquenbildung der Burgritter - die einen hielten es mit dem Sohn, die anderen mit dem Vater. Jüngere Brüder bekämpften ältere, der Sohn den Onkel. (...)
Doch als hauptsächliche und heimtückischste Quelle der Gefahr im Haus galt die Frau. Das Weib verabreichte Gift, murmelte Zaubersprüche, säte Zwietracht und verursachte Schwachheit, Krankheit und Tod. Wenn der Hausherr tot, mit aufgedunsenem Leib, in seinem Bett gefunden wurde, verdächtigte man die Frauen im Haus, allen voran die Hausherrin. (87)
Die Frauen wurden im entlegendsten Teil des Hauses hinter Schloß und Riegel gesperrt - das chambre des dames war nicht ein Ort der Verführung oder des Amüsements, sonder eine Art Gefängnis, in dem die Frauen eingekerkert waren, weil die Männer sie fürchteten. (88)
(...) eine Art hausinternes Kloster mit eigener Regel und unter Leitung einer Mutter Oberin, nicht der Frau des Hausherrn, sondern einer Witwe aus der Familie oder einer Tochter, für die sich kein Mann hatte erwärmen mögen. Die Frauen der Familie bildeten einen Staat im Staate, (...)
Im Idealfall verbrachten die Frauen ihre Zeit teil im Gebet, teils mit Handarbeiten. (89)
Zu jener Zeit besaß die Kirche praktisch das Monopol auf die Schreibkunst, und so sind dem Historiker nur die Gedanken der Kleriker zugänglich. (...)
Der Mann war machtlos gegen Zaubersprüche und Liebestränke, die ihm das Mark aus den Knochen saugten oder seine Wunden heilen, sein Begehren entflammen oder ersticken konnten. Die Gewalt des Mannes endete an der Schwelle des Raumes, in dem die Frauen ihre Kinder empfingen und gebaren, die Kranken pflegten und die Toten wuschen. In diesem privatesten Bezirk herrschte die Frau über das dunkle Reich der geschlechtlichen Lust, der Fortpflanzung und des Todes. (...)
Zahllose Anhaltspunkte sprechen dafür, dass die private Sexualität sich nicht unterdrücken ließ; sie florierte im Geheimen und Dunklen, im Schatten der Gärten, im Keller, in den Winkeln und Nischen der Burg, in jenen Stunden der Finsternis, die nicht wie im Kloster von Kerzen erhellt wurden. (90)
Jedenfalls war bei so vielen unverheirateten Männern und Frauen, die in unmittelbarer Nähe des Hausherrn und seiner Frau lebten, die Promiskuität unvermeidlich. (...) Die Wahrung der Ehre war deshalb eine Hauptsorge des Hausherrn, (...)
Das große Spiel, wie es die Literatur der höfischen Liebe beschreibt, bestand darin, dass die jungen Männer ihren Wert bewiesen, indem sie die Dame des Hauses verführten und raubten. (...)
Verreiste eine Frau, so wurde sie von einem Teil ihres Haushaltsgefolges an ihren Bestimmungsort ge-führt, damit keiner sie unterwegs ver-führte. (91)
Eine andere Gefahr, welche die Familie bedrohte, ging von den Toten aus, die erhebliche Ansprüche an die Lebenden stellten. Bei Nacht kehrte der Geist des Verstorbenen in die Kammer zurück, wo man seine sterblichen Überreste zur Beisetzung gerüstet hatte, und hoffte darauf, erneut umsorgt zu werden. Wie im Kloster gehörten aus im Adelshaushalt die Toten zum privaten Leben; man tat alles Erdenkliche, damit ihre Seele nicht litt und sie die Lebenden nicht behelligten. (93)
Die Frau gehörte nur zur Hälfte in die Sippe ihres Mannes und wurde aus dieser automatisch ausgeschlossen (oder befreit), wenn sie verwitwete. (97)
Im Mittelalter identifizierte man einen Menschen primär an seinem Vornamen. Familiäre Bande bekundetet man durch die Wiederholung des Namens in jeder neuen Generation. (107)
Adel war eine angeborene Eigenschaft, deren Intensität allerdings ja nach Ranghöhe der Ehre und Nähe zu den Königen wechselte. (114)
Alle Blicke ruhten auf einem Hauptwohnsitz, der im Zentrum des Familien-Gutes lag und zu Ruhm und Ehre der Sippe errichtet worden war. Vom Ehepaar ging das Besitztum auf den ältesten Sohn und dessen Frau über. Als gemeinsame Herrscher in ihrer Burg (oder in deren Wohntrackt) waren der Segneur und seine Dame markante Gestalten der Epoche. (125)
(...) Mann aus Brügge (...) Seine Mütter machte ihm bittere Vorwürfe wegen dieser Frau, die ja weit weg wohnte und auch noch schwarze Haare hatte, was bekanntlich Unglück brachte. (130)
Frauen konnten ihre Wünsche kaum anders als negativ bekunden: durch Verweigerung. Die Heiligenviten kannten zahllose Geschichten von Frauen, die ihre Jungfräulichkeit Gott weihen wollen und von zu hause fliehen, um die Heiratspläne, die ihre Eltern für sie geschmiedet habe, zu vereiteln.
Das kanonische Recht verbietet, ein Mädchen mit einem Manne, den es nicht will, ehelich zu verbinden. (131)
Im 12. Jahrhundert präzisierten Kanoniker und Theologen vornehmlich in Paris die Einstellung der Kirche zur Ehe (...): Die Ehe sollte auf Konsens beruhen und wurde zum Sakrament. (136)
Kirchlicher Theorie zufolge wurde der Ring aus Liebe und zum Teichen der Treue gewährt; dass die Braut ihrerseits dem Bräutigam den Ring gab, war erst ab dem 16. Jahrhundert der Brauch. (138)
Frauen zu entführen war bis ins 12. Jahrhundert üblich. (...) Viele Frauen arrangierten selber ihre Entführung oder leisteten immerhin Beihilfe. Für zwei Liebende konnte sie das Mittel sein, gegen den Widerstand ihrer Angehörigen ihren eigenen Entschluss durchzusetzen. (...) Für das daheim eingesperrte Mädchen, für die misshandelte Ehefrau wurde der Entführer gar zum Retter. (...)
Freilich wissen wir über die Frau im Feudalismus nur das, was Männer über sie geschrieben haben. (146)
Üblich war es auch, die eheliche Gemeinschaft zugunsten einer reineren, nämlich der mönchischen aufzulösen - dies war die einzige Form der Scheidung, welche die Kirche ausdrücklich zuließ, sofern der Ehegatte seine Zustimmung gab. (150)
Im 11. Jahrhundert beschäftigte kaum etwas die Männer so sehr wie die Furcht vor der ehelichen Untreue ihrer Frau. (151)
Seitensprünge des Mannes hingegen bedeuteten keine Gefahr für die Ordnung im Hause oder die Reinheit der Abstammung. Derlei harmlose Eskapaden werden in den Quellen nur beiläufig erwähnt. (...)
Vollständige Gütergemeinschaft war unbekannt; (...) Die Erbschaftsverhältnisse zwischen Eheleuten aus dem Adels- oder Ritterstand sind kompliziert und überaus technisch. (152)
Die Durchschnittsgröße des Haushalts lag, zumal nach 1348, in vielen Städten bei etwa vier Personen (...).
Dass diese Zahlen außergewöhnlich niedrig waren, erklärte sich wohl aus den Pestepidemien, die das Land nach 1348 heimsuchten. (162)
In den ländlichen Regionen Italiens war es damals üblich, dass mehrere Familien ein Haus gemeinsam bewohnten. (163)
Für viele Toskaner, zumal aus dem Bauernstand und dem Bürgertum, war das Zusammenleben in einer großen Familie (entweder einer echten Großfamilie mit drei Generationen oder einer Gruppe von mehreren Kleinfamilien) eine vertraute Erfahrung. (...) Reiche Häuser waren allerdings eher die Ausnahme, und dass Handwerker sich Bedienstete hielten, war selten. (165)
Von den zahlreichen Sippen (...), die es in Italien im 14. und 15. Jahrhundert gab, legten sich die ältesten und bekanntesten Namen zu, die für ihren Familienstolz zeugten. In Florenz besaß bereits1427 jeder dritte Steuerzahler einen Familiennamen; in andern Städten der Toskana war der Anteil geringer (20 Prozent), und noch geringer war er auf dem Lande (9 Prozent). (166)
Taufpaten suchte man sich außerhalb der Familie, und so wuchst um kinderreiche haushalte ein weiterer Kreis, nämlich der der Paten, die der Familie aufrichtig verbunden waren. (167)
(...) Taufpaten freien Zugang zur Wohnung und zum privaten Bereich der Familie hatten; sie konnten nach Belieben kommen und gehen, mit Diensboten oder der Dame des Hauses sprechen, ohne dass in der Nachbarschaft darüber geklatscht wurde; (168)
Frauen hatten ihre brigate, die sich versammelten, um beispielsweise gemeinsam zur Beichte zu gehen. Zwischen den Gruppenmitgliedern gab es so gut wie keine Geheimnisse. (...)
In dem stark urbanisierten und geselligen Italien jener Zeit hatte jedermann die Möglichkeit, die Pflicht oder den Wunsch, sich mit der einen oder anderen informellen Gruppe zu verbünden. (...)
Manchmal war die Kameraderie kaum noch von krimineller Komplizenschaft zu unterscheiden. (...) Die Mitglieder empfanden eine leidenschaftliche Bindung an ihre Geheimgesellschaft, die im Grund eine Zerrbild der Familie war. (170)
Jeder Einzelne war in verschiedenen Milieus heimisch (...) und kannte daher Hunderte von Menschen. (...) Außergewöhnlich hoch war jedoch der Anteil von Menschen über 65 Jahren an der Bevölkerung - in ländlichen Gegenden der Toskana lag er bei 9 bis 10 Prozent und damit deutlich höher als gegenwärtig in Ägypten oder China. (...)
Das Familienleben im 15. Jahrhundert spielte sich also inmitten einer großen Schar von Kindern ab, deren absolute Zahl allerdings von Generation zu Generation kleiner wurde. Es war geprägt von häufigen Kontakten mit alten Menschen, (172) der Tatschläge die Junge sich zu Herzen nahmen.
Jeder Haushalt - ob groß oder klein, reich oder arm, ländlich oder städtisch - entwickelte eine charakteristische Wohnform. Diese Mannifaltigkeit bewies sich insbesondere auf dem flachen Land (...), wo Arbeiter und Kleinbauern in strohbedeckten Lehmhütten lebten, die oft nur 4 bis 5 Meter breit und 8 bis 10 Meter lang waren (...).
Stabiler waren die Landgüter (poderi), die sich die Bauern und Teilpächter in der Toskana errichteten. (173)
Bis zum 14. Jahrhundert waren aus Städten wie Bologna, Siena, Genua und Venedig zwar nicht alle Gebäude aus Holz verschwunden, aber der Gebrauch feuerfester Baustoffe wie Ziegel und Stein hatte sich durchgesetzt. In Florenz verwendete man Ziegel für schlichtere Bauten und Stein für die Wohnhäuser des Bürgertums. (...)
Für die Armen bedeutete das Leben in der Stadt, dass sie sich mit einer primitiven Unterkunft abfinden mussten, die oft noch dürftiger war als auf dem Land. (174)
Handwerker, Krämer und der popolo medio insgesamt hatten in den meisten italienischen Städten und zumal in der Toskana geräumigere Quartiere. (175)
Während die kleinen Plätze früher die Nachbarn zusammengeführt hatten, hielten die langen, geraden Straßen die Menschen voreinander auf Distanz. (176)
Der Hof wurde allmählich zum ästhetischen und geselligen Zentrum des Hauses. (177)
Sobald die Familie sich mehrere Räume leisten konnte, diente jeder einem bestimmten Zweck. Das war in ganz Europa so: Wenn die Wohnung groß genug für zwei Zimmer war (und das war sogar in bescheidenen ländlichen und städtischen Quartieren der Fall), fungierte das eine als Wohnzimmer mit Küche, das andere als Schlafzimmer. (181)
Komfortable Möbel waren ein Privileg der Städter. (183)
Im Schlafzimmer herrschte den ganzen Tag emsiges Treiben, (...)
Bänke, runde Schemel, Tische, ganz zu schweigen von den vielen Truhen luden zum Verweilen im Schlafzimmer ein, wo man gemeinsam beriet, arbeitete und sogar betete, ermuntert von Heiligenbildern und frommen Gerät an den Wänden und auf den Möbeln. Das Schlafzimmer, über das der Hausherr streng wachte, fungierte gleichzeitig als Tresorraum, um Schätze und Wertgegenstände zu verwahren. (188)
Im 15. Jahrhundert hielten Glasfenster auch in Bürgerhäusern ihren Einzug, allerdings zögernd. Damals hatten Glasfenster den Charakter von Butzenscheiben, d.h. sie bestanden aus kleinen, runden, in Blei gefassten Glasscheiben. (191)
Dem Chronisten, G. Musso zufolge gab es 1320 in Piacenza keinen einzigen Kamin, ebenso wenig wie 1368 in Rom. (...) In Florenz wurden Kamine zwischen 1370 und 1420 zunehmend beliebter, als der zentrale Herd endgültig dem Kamin im französischen Stil wich. (193)
(...), dass sie [Kamine] im laufe des 15. Jahrhunderts einen wahren Siegeszug antraten. (...) Gegen Ende des Jahrhunderts verfügten alle wichtigen Räume der großen Palazzi über einen Kamin. (194)
(...) niemand empfand partielle oder vollständige Nacktheit in bestimmten Augenblicken als schockierend. (...) Vornehme Damen fanden nichts dabei, wenn ihre kleinen Töchter neben ihnen schliefen oder wenn sie der Nachbar durch sein stets geöffnetes Fenster bee der Morgen- oder Abendtoilette beobachtete. Die Frauen ließen sich unbekleidet vom offenen Feuer erwärmen oder trocknen (Damenunterwäsche kannte man noch nicht); die Männer zogen die Hose aus und hockten sich vor den Herd. (195)
Nahezu alle Haushalte, von denen wir Kenntnis haben, hielten einige Fässer Wein und mehrere Krüge Öl in Reserve. Zwei von drei Haushalten besaßen einen Essigvorrat, jeder zweite lagerte Weizen, Trockengemüse sowie getrocknetes oder gepökeltes Fleisch ein. (198)
Wohlausgestattete Küchen gab es in Venedig schon Ende des 13. Jahrhunderts; im 14. Jahrhundert waren sie in ganz Italien in den ordentlich geführten Häusern gang und gäbe. (...) In Bologna, Piacenza, Florenz und anderen Städten gab es im 13. Jahrhundert öffentliche Brunnen an Straßenecken oder auf öffentlichen Plätzen; (199)
Zum Glück fehlte es der Familie, die sich am Morgen in alle Winde zerstreut hatte, um den Lebensunterhalt zu verdienen, nicht an Gelegenheit, nach getaner Arbeit (bei den florentinischen Maurern nach der Vesper) den Abend, an Sonn- und Feiertagen den ganzen Tag, gemeinsam zu verbringen. (200)
Das gemeinsame Mahl war ein Ideal, wie Alberti uns belehrt, aber auch Realität. Jeder florentinische Haushalt, ob reich oder arm, verfügte über mindestens einen Tisch, (...), der zum Essen benutzt wurde. (201)
Die Gewalt des Vaters erstreckte sich auf seine sämtlichen Nachfahren, insbesondere auf seine Enkel, und zwar unabhängig von seinem eigenen Alter (...) - und unabhängig vom Alter der Kinder. (...)
Der pater familias war zunächst der alleinige Treuhänder des gesamten Familienbesitzes. (...)
Die Gerichte sprachen dem Mann in der Regel das volle Verfügunsgrecht über den Besitz zu, den seine Frau mit in die Ehe gebracht hatte, so dass sie machtlos gegen Entscheidungen war, die ihr Eigentum und das künftige Erbe der Kinder in Gefahr brachten. (204)
Gemeindestatuten wie das von Gello in der Toskana (1337) verliehen den Männern das Recht, ihre Kinder, ihre jüngeren Brüder und auch ihre Frauen zu züchtigen. (..)
Noch 1415 ermächtigte ein florentinisches Statut Väter und Großväter ausdrücklich, ihre widerspenstigen Sprößlinge ins Gefängnis werfen zu lassen. (205)
In der Regel waren die Frauen, wenn sie mit sechtzehn oder achtzehn Jahren heirateten, sieben bis zehn Jahre jünger als ihre Männer. So standen sie zwischen der Generation des Vaters und derjenigen der Kinder und fühlten sich besonders ihrem älteren Nachwuchs verbunden. (...).
So hatten die Frauen beträchtlichen Einfluss auf ihre Kinder - zu großen Einfluss, wie manche Moralisten meinten, deine Verweichlichung der Kinder in der weiblichen Umgebung befürchteten. (...)
Auch im städtischen Bürgertum scheinen die Kinder den Vater mit Sie angeredet zu haben. (...)
Dass Ehegatten einander sietzten, scheint in der Tat nur in gewissen traditionsbewussten (...) Adels- und Patrizierfamilien der Brauch gewesen zu sein. (209)
Nach Ansicht vieler Ärzte hingen komplikationslose Schwangerschaft und glücklicher Kindersegen mit der maximalen sexuellen Erregung der Frau zusammen (...). (...)
An den wiederholten Rügen der Moralisten ersehen wir, dass im 15. Jahrundert in den toskanischen Städten der Analverkehr in der Ehe verbreitet war. (...) zu den geläufigen Methoden der Empfängnisverhütung zählen (...), die, (...) angewendet wurden, jedenfalls von Frauen über dreißig aus dem Kleinbürgertum und dem Handwerkerstand (...) (212)
Im Bürgertum wurden jedoch Säuglinge nur selten von der Mutter gestillt. Meist wurden sie einer Nähramme übergeben, die nur im Ausnahmefall (23 Prozent) im hause der Herrin wohnte. Drei von vier Kleinstkindern verbrachten die ersten Lebensmonate außerhalb der elterlichen Wohnung; (217)
Kleine Kinder durften bald im Bett schlafen, das sie freilich oft mit Geschwistern, einem Verwandten oder der ganzen Familie teilen mussten (man schlief bis zu sechst in einem Bett.) (218)
Das, was sie suchten [die jungen Männer], fanden sie am ehesten dann, wenn sie sich zu Gesellschaften zusammenschlossen, die in gewisser Weise ein Ersatz für das private Leben der Familie waren: Bruderschaften, Jugendgruppen, Lehrlingsvereine. (233)
Für eine Frau bedeutete das Älterwerden, sich auf den Witwenstand vorzubereiten: 46 Prozent der florentinischen Frauen verwitweten mit spätestens 60 Jahren, 53 Prozent mit 65 und 75 Prozent mit 70. Der Witwenstand bedeutete Armut und Einsamkeit, sofern die Frau nicht einen Sohn hatte, der bereit war, sie bei sich aufzunehmen. (...)
1552 bestand die Bevölkerung von Florenz zu 16,7 Prozent aus Dienstboten. (225)
Die Herrin des Hauses, die im allgemeinen mit achtzehn geheiratet hatte, fand in ihrer Zofe eine etwa gleichaltrige Gefährtin; es lag nahe, sie zur Vertrauten zu machen, zumal beide Frauen oft im selben Haus und unter der Fuchtel eines älteren, strengen und häufig abwesenden Mannes lebten. (...)
Dienstboten, die sich um den Haushalt verdient gemacht hatten, wurden im Testament des Hausherrn mit schöner Kleidung, Goldmünzen und einem Stück Land bedacht. (226)
Zwischen 1430 und 1445 waren ein Viertel bis ein Drittel der Findelkinder in den florentinischen Waisenhäusern Kinder von Sklavinnen, das heißt also ihrer Herren. (230)
So präsentierte sich die italienische Stadt als Ansammlung von einzelnen Zellen, die mitunter durch Mauern oder ein Labyrinth winziger Gässchen voneinander getrennt waren. Städte wie Genua oder Siena und die Altstadt von Florenz empfingen im 14. Jahrhundert ihr eigentümliches Gepräge. (234)
Die Nachbarskinder spielten miteinander - zunächst noch ohne Unterschiede des Geschlechts und des Standes. In Florenz konnte im 14. Jahrhundert der Sohn eines reichen Kaufmanns mit der Tochter eines Schneiders spielen, ohne dass jemand von Schmuddelkindern gesprochen hätte. In Florenz besuchten Knaben und Mädchen dieselben Schulen (..), so dass es auch außerhalb des Spielplatzes Gelegenheiten gab, einander kennenzulernen. (235)
Die jungen Burschen schlossen sich zu regelrechten Banden mit eigenem Namen und eigenen Ritualen zusammen. Sie zettelten Störungen der öffentlichen Ordnung an und prügelten sich gelegentlich mit rivalisierenden Banden (Florenz 1420). (237)
Priester empfingen gerne ihre Pfarrkinder bei sich zu Hause; sie waren allesamt, (...) fröhliche Zecher. Ebenso oft luden die Leute ihren Pfarrer oder auch die örtlichen Curé ein. Nahm ein Priester an dem Essen teil, so hatte er den Vorsitz bei Tische; rechts von ihm saß der Hausherr, daneben dessen Frau und Töchter. (240)
Zumindest in Florenz scheint die Zeit von 1360 bis 1380 einen Aufschwung der privaten Korrespondenz ausgelöst zu haben. Jeder konnte Briefe absenden oder empfangen. (247)
Und jung verwitwete Frauen durften ihre Kinder aus erster Ehe nicht behalten, wenn sie, dem Rat ihrer angeheirateten Verwandtschaft folgende, einen neuen Mann nahmen. Alles drei Situationen konnten Kindermord oder Aussetzung (zumal von Töchtern) zur Folge haben (...).
Uneheliche Kinder und Töchter armer Eheleute wurden den Waisenhäusern anvertraut; Kinder von Witwen überließ man für längere Zeit ihrer Amme, um sie zuletzt der Familie ihre Vaters zu übergeben (...).
Im Falle der unehelichen Kinder und der Witwen behauptete sich das Interesse der Sippe; Geschlossenheit und Ehre der Sippe behielten die Oberhand über die Gefühle der Mutter. (253)
Die alten, von der Sippe auferlegten Pflichten vertrugen sich nicht mit dem neuen Bedürfnis des Einzelnen nach freier Berufswahl und eigenverantworlicher Vermögensanlage, nach rechtlicher Autonomie (...) sowie wirksamen Schutz for der Gefräßigkeit der Steuerbehörden. (...)
Es waren Nachbarn, Freunde und frei gewählte Verbündete, die nun in die Bresche sprangen. Dieses neue Netz von Treueverpflichtungen definierte eine neue private Sphäre, die weiter ausgriff als die alte und in machen Fällen auch meh5r Geborgenheit verhieß (...). (256)
Bevor im 15. Jahrhundert die ersten Kataster erstellt wurden, kannten nur die Eltern das genaue Alter ihrer Kinder. (...) Die Kenntnis des genauen Geburtsdatums war wichtig, um Feste zu planen, Horoskope zu stellen und die Hierarchie innerhalb der erweiterten Familie zu gewährleisten. (257)
Da Hospitäler vorwiegend für die Armen gedacht waren, wurden reiche Patienten zu hause versorgt. Sie legten sich zu Bett. litten fochten den Todeskampf aus und starben. Leiden und Tod sowie deren unvermittelte Anschauungen waren tiefgreifende private Erfahrungen, (...). Die großen Krankenhäuser des 15. Jahrhunderts waren bemerkenswert gut ausgestattet; es gab Einzelbetten, Bänke für Besucher, luftige Krankenzimmer und fürsorgliches Personal [Bildanmerkung]. (260)
Die Menschen kurierten in ihrer Wohnung sowohl geringfügige Krankheiten (...) als auch ernsthafte Erkrankungen aus (die heute einen Krankenhausaufenthalt erfordern). Die Begegnung mit der Krankheit bedeutete in der Regel die Begegnung mit dem Leiden; niemand entging der Allgegenwart des Schmerzes. (261)
Maffeo Veggio dringt darauf, Knaben in eine Schule zu schicken, damit sie dort Freundschaften schließen konnten. Andere Moralisten bevorzugten den Privatlehrer (...).
So spielte sich denn in wohlhabenden Familien die Erziehung der Kinder hauptsächlich im Hause ab. In dieser Hinsicht hielten es die Reichen eher mit den Bauern und Arbeitern als mit der Mittelschicht. (270)
Sobald das Mädchen zwölf war, war es allerdings mit der Freiheit vorbei. Katharina wurde zu Hause quasi eingeschlossen, wie es in Siena der Brauch war. Ihr Vater und ihre Brüder (Brüder spielten bei der Bewachung der Schwester eine wichtige Rolle) achteten auf sie (...). (275)
Die Ehe brachte nur eine partielle Lockerung der Haftbedingungen. (276)
Unschuldige junge Mädchen verloren ihr Herz häufig nur deshalb an einen jungen Herrn, weil er zufällig vorbeiging. (277)
1370 betrug im toskanischen Prato das Durchschnittsalter bei der Eheschließung sechzehn Jahre; (279)
1470 waren die meisten Bräute in Prato, Florenz und Umgebung zwanzig oder einundzwanzig Jahre alt. (280)
(...) drei Phasen der toskanischen Heirat. Nachdem die Verhandlungen zwischen den beiden Familien zu einem erfolgreichen Abschluss gekommen waren, wurde ein erster Vertrag unterzeichnet, der das beiderseitige Eheversprechen festhielt. In den darauffolgenden Tage, Wochen, Monaten oder Jahren wurde Verlobung gefeiert. In einem formalen Akt, (...), übergab der Bräutigam vor dem Notar eine Quittung für die Mitgift; dann nahm der Notar die Einwilligung beider Parteien in die Ehe zur Kenntnis und überwachte den Tausch der Ringe, ohne dass ein Priester zugegen gewesen wäre. (...) Der Bräutigam erhielt in dem Moment, da er das Jawort sprach, von einem der Anwesenden einen tüchtigen Klaps auf den Tücken; dies sollte vermutlich den Ärger der lokalen Männerwelt versinnbildlichen. (...).
Auf die eigentliche Hochzeitsfeier folgte die dritte Phase der Vermählung, nämlich die Übersiedlung der Braut in das Haus ihres Gatten. (283)
Kurze Liebeleien der Frau führten selten zur Ehe; denn der Geliebte, war gleichaltrig, der Ehemann älter. (...) Liebesaffären waren jedoch gang und gäbe, (...).
Dienstmädchen und Sklavinnen, unter ihnen manche blühende Maid, gewährten den Männern des Hauses Abwechslung und machten Seitensprünge außer Haus überflüssig. (284)
Die frühesten bekannten Kataster wurden im 13., 14. und 15 Jahrhundert in Verona, Venedig, Perugia und Florenz erstellt. (...)
Aufwand und Luxus der Frauenkleider bereiteten den Stadtvätern Sorge, uns so traten sie dagegen mit Verordnungen an, sie sich wie Modekataloge lesen: Die Gesetze gegen die Verschwendung, die 1401 in Bologna erlassen wurden, zählen sechzehn mögliche Verstöße gegen die Kleiderordnung auf; (290)
Mitunter versammelte sich die ganze Familie im Wohnzimmer, um dem Hausvater zu lauschen, der einen heiligen Text vorlas oder das Tischgebet sprach. (291)
Denn es sollte jede Familie eigentlich ein Spiegelbild der Heiligen Familie und ein Garant der christlichen Gesellschaft sein, ein leuchtende Beispiel für das Streben nach spirituelle Vollkommenheit. (293)
Die ehelichen Rechte durften nur an angemessenem Ort ausgeübt werden, ausschließlich während kanonischer Fristen (nicht in der Fastenzeit und in Zeiten der Buße), nur in naturgemäßer Weise, d.h. nicht durch Analverkehr (eine schwere Todsünde) und nicht in ausgefallenen Positionen (eine Todsünde). (295)
Sie [die Moralisten] verfochten die Auffassung, dass die Erziehung des Mannes ihn auf die Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben vorzubereiten habe. Ihre Argumentation und ihre Hoffnung richteten sich auf eine Gesellschaft, deren Obrigkeit nicht länger in den Fesseln der christlichen Religion lag, auf eine moderne Welt, die sich im 15. Jahrhundert bereits ankündigte und an deren Schwelle wir nun innehalten wollen. (297)
Im Mittelalter galt ein Mensch, der allein unterwegs war, als gefährdet. (305)
Als Ort der Privatheit ebenso wie der Geselligkeit spiegelt der (Obst-]Garten die Faszination der Grenze und ihre Ambivalenz. (308)
Die ideale Hautfarbe war ein weißer Teint, rötlich überhaucht. (342)
Blondes Haar galt als kanonischer Bestandteil der Schönheit; (...) Die erzählende Literatur bevorzugte Blondinen, doch von einigen sehr eleganten Damen heißt es auch, sie seien ein wenig brünett (...). (344)
Die Burg beherrschte die Stadt, von der sie durch eine innere Mauer geschieden war; die äußere Ringmauer umschloss die Burg samt ihrer Stadt. (...) Die Residenz des Grundherrn - die Burg im genauen Sinne des Wortes - bildete den Mittelpunkt, der häufig von einer Reihe kreisförmiger Einfriedungen umgeben war. (375)
Für die Verteidigung eines befestigten Platzes spielte der Donjon [Turm] keine entscheidende Rolle; er fungierte als Rückzugsort. (377)
Ende des 12. Jahrhunderts hörten die Ritter von Noyers, Coucy und vielen anderen Burgvogteien auf, in den großen Burgen zu wohnen. Früher hatten sie eine Teil der Zeit in der Burg, den Rest in ihrem Landhaus gelebt. (387)
Wenn die Behörden im spätmittelalterlichen Frankreich eine Volkszählung durchführten, was zumeist aus steuerlichen Gründen geschah, zählten sie in der Regel nicht Personen, Häuser oder Haushaltsvorstände, sondern Herde. (399)
Mauern zu errichten lag dem mittelalterlichen Menschen im Blut; der Grund dafür war wohl ein starkes Gefühl der Unsicherheit (wozu die französische Geschichte im Hundertjährigen Krieg ausreichend Anlass bot). (430)
Eine Stadt, die das Glück hatte, einen harmonisch geordneten Platz zu besitzen, tat ihr Besten, ihn vor dem Zugriff gieriger Grundstücksmakler zu retten, und unterhielt ihn gegebenenfalls aus öffentlichen Mitteln. (413)
Anders als die orientalischen Städte, (...), deren Bienenstock-Struktur die Angehörigen einer Sippe, einer Volksgruppe oder Glaubensgemeinschaft in ihrer Tendenz bestärkte, zurückgezogen für sich zu leben, trieben die spätmittelalterlichen Städte die Angehörigen einer extrovertierten Stadtgesellschaft auf die Straße hinaus. (415)
Aus dem Ensemble mittelalterlicher Bauernhäuser sticht eines hervor: das sogenannte lange Haus (longa domus), mitunter auch Mischhaus genannt, weil in ihm (...) Menschen und Tiere unter einem Dach, wenn auch an entgegengesetzten Enden des Gebäudes, untergebracht waren. Beide Arten von Bewohnern teilten sich in einen oder in zwei Eingänge. Ware es zwei Eingänge. lagen sie oft in der Mitte einer Langseite des Hauses nebeneinander. (417-418)
(...), so ergibt sich, dass für einen Haushalt von fünf bis sechs Personen knapp 35 Quadratmeter zur Verfügung standen. (422)
(...) ihre [Agrarbetriebe] Anzahl scheint im 14. und 15. Jahrhundert in Frankreich wie in England langsam, jedoch stetig zugenommen zu haben. (...)
Die Gebäude wurden um ein Geschoss aufgestockt; Räume wurden unterteilt; man begann, bestimmten Bereichen des Hauses unterschiedliche Aufgaben - Arbeit, Essenszubereitung, Nahrungsaufnahme, Erholung, Schlaf - zuzuweisen. Tiere bekamen eigene Unterkünfte, dir rings um den Hof angeordnet waren. Die zentrale Feuerstelle wich ein gemauerter Kamin, der besser zog und die Brandgefahr minderte. (424)
Das städtische Haus
Wenn wir 6 mal 8 Meter als Abmessungen des Hauses zugrunde legen, ergibt sich - beide Etagen gezählt - eine Wohnfläche von rund 100 Quadratmetern pro Herd (zu fünf Personen). Hinzu kommen Keller, Dachboden und etwaige Nebengelasse im Hinterhof, beispielsweise eine Küche. (432-433)
Schließlich gab es selbst in einfachen Häusern Latrinen. Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts erklärten viele Stadtverwaltungen solche Latrinen zur Norm. (433)
Allerdings gab es viel zu wenig solcher privaten Aborte, uns so errichteten die aufgeklärten Stadtväter von Loches, Tournai und Rouen im 15. Jahrhundert öffentliche Latrinen - bald an der Stadtmauer, bald an Bächen und Flüssen (...). (434)
So galt es als bourgeois, ein Kontor (compoir) [Büro] und nicht eine Werkstatt zu haben, und erst recht bürgerlich war es, an die Stelle eines Kontors (oder zusätzlich zu ihm) ein Arbeitszimmer zu besitzen. (436)
Die Bettgestelle waren oft so hoch, dass man, um ins Bett zu gelangen, einige Stufen emporsteigen musste; sie waren aus Holz und vermutlich mit Stoff bezogen. (...) In oder auf dem Bettgestell wurde Stroh aufgeschüttet, das das eigentliche Lager bildete. Auf dem Stroh lag manchmal, nicht immer, eine Matratze (...). Die Matratze war aus Leinen (...), Wolle oder Seide gefertigt und steckte bisweilen in einem Bezug; gefüllt war sie mit Strohresten (...), Hafer, Flockwolle oder, was am angenehmsten war, mit Federn und Daunen. (458)
Es ist eine begründete Vermutung, dass das einzelne Bett im Mittelalter nicht nur - billigerweise - dem verheirateten Paar Platz bot, sondern auch dessen Kindern, mehreren Geschwistern oder den Dienstboten ein und desselben Herrn oder sogar Fremden, die den Raum und Lager miteinander teilen mussten. (463)
Der Körper
Jede Leidenschaft beginnt mit dem Tausch der Blicke; (...)
Niemand zweifelte dran, dass jeder Mensch aus Leib und Seele, aus Fleisch und Geist zusammengesetzt sei (...). (484)
Dort unten, in dem gemeinen Teil des Körpers, wo ausgeschieden wird, was überflüsig oder schädlich ist, rumoren die rebellischsten Kräfte. (485)
Daher ist es unerlässlich, den Leibe zu bewachen, und zwar insbesondere seine Öffnungen, durch die der Feind sich einschleichen kann. (486)
Das Gesetzt war, dass der Mensch seinen Leib in Ehren zu halten habe, weil der Leib der Tempel der Seele ist und beim Jüngsten Gericht wiederauferstehen wird. (487)
Das Waschen des eigenen wie des Körpers anderer scheint eine spezifisch weibliche Aufgabe gewesen zu sein; die Frau galt als Herrin des Wassers - im privaten Heim ebenso wie in der ungezähmten Natur. (...) Endes des 13. Jahrhunderts gab es in Paris 26 öffentliche Bäder. (...)
Auch die extreme Zurückhaltung der erotischen Literatur aus dieser Zeit ist ein Indiz dafür, dass man den Beischlaf bekleidet ausübte. Nur ein Besessener enthüllte aus diesem Anlass den ganzen Körper. (488)
(...) dem Haar wurde eine furchtbare erotische Macht zugeschrieben. Die Schicklichkeit verlangte, dass die Frau ihre Haare zusammengenommen und zu einem Zopf geflochten trug, und jede Frau, die keine Prostituierte und auch kein Kind mehr war, und vor die Öffentlichkeit trat, sogar jede verheiratete Frau, die ihr Zimmer verließ und den Saal des Hauses betrat, musste den Zopf unter dem Kopftuch verbergen. (489)
Die Mönche hatten die Aufgabe, öffentlich für die Lebenden ebenso wie für die toten zu beten und gleichsam den Gewinn aus ihrer eigenen, reinigenden Buße dem Konto der übrigen Menschen gutzuschreiben. (...) Eine ähnliche vermittelnde Funktion kam dem Fürsten zu. Seine Frömmigkeit garantierte das Heil seiner Untertanen: Wenn er sündigte, dann entlud sich der Zorn Gottes über seine Untertanen. Als öffentliche Persönlichkeit war auch er verpflichtet, unablässig zu Gott zu beten. (490-491)
Den Anfang der langen Reihe von Doppelgängern in der deutschen Geistesgeschichte machte Albrecht Dürer, der sich mindesten achtmal selbst gemalt hat. Schon mit vierzehn Jahren blickte er fragend in seinen Spiegel. Seine drei in Öl ausgeführten Selbstbildnisse sind Marksteine in Geschichte der Selbsterforschung an der Schwelle des Mittelalters zur Renaissance. (527)
Die Kleidung ist eines der Hauptmerkmale der gesellschaftlichen Konvenienz. Bei Versammlungen und Prozessionen hatten alle Schichten der Bevölkerung ihre bestimmte Funktion und ihren Platz und waren an Art und Farbe ihrer Kleidung zu erkennen. (...).
Gott - so lautete die Theorie - hatte eine unantastbare Ordnung errichtet, deren Ausdruck auch die Kleidung war. (530)
Seit Generationen hatte man den Kaufmann an seiner Haltung erkannt, den venezianischen Senator an seiner schwarzen Tracht, den Juden an seinem Stern, die Dirne an ihrem gelben Kleid. (531)
Auf dem Leibe trugen Mann und Frau ein Hemd, der Mann außerdem eine lange Unterhose. Die Unterwäsche war aus grobem Wollstoff, der immerhin wärmte; die Wäsche des Mannes war im allgemeinen naturfarben oder beige, die der Frau blau. Die Kappe des Mannes war meist blau, die der Frau rot (es gab aber auch blaue und weiße. (532)
Die Hauptfunktion der Kleidung war es, zu wärmen. (534)
Schließlich kam der Brauch auf, dass Fürsten jährlich uniforme Kleidungsstücke verteilten - einerseits, um ihre Großzügigkeit unter Beweis zu stellen, andererseits, um ihre Untertanten an einheitlichen Abzeichen und Farben identifizieren zu können. (518)
Im 15. Jahrhundert hatte in Nürnberg jedes Haus an der Pegnitz einen offenen Latrinenabzug, der geradewegs in den Fluss mündetete; (546)
Es gab zwei Möglichkeiten zu baden: in der Badewanne oder im Dampfbad, also alleine oder in Gesellschaft. Das häusliche Bad wurde im Schlafzimmer bereitet, in der Nähe des Feuers, auf dem das Wasser erwärmt wurde. (559)
De ornatu, eine italienische Abhandlung über weibliche Schönheit, deutet an, dass das Dampfbad, stuphis, eine deutsche Erfindung ist. (561)
Renaissance bedeutete nicht lediglich die räumliche Vision des Glücks, sondern ebenso die Tiefenvision eines inneren Weges. (566)