Vito von Eichborn GmbH & Co. Verlag KG, Frankfurt am Main 1997, 3. Auflage
Morsbach erzählt die Geschichte von Ljusja und ihren zahlreichen Ehemännern auf eine humorvolle und sehr kurzweilige Art.
"Ich war in der Küche nicht zugelassen. Aber es war lecker. Wichtig ist, man darf mit denen nicht diskutieren. Zum Beispiel zerreißen sie die Kohlblätter mit den Fingern, anstatt sie mit dem Messer zu schneiden, weil sie überzeugt sind, daß es so besser schmeckt." (35)
"Fast alle Mitglieder dieser Clique waren vaterlos. Die Väter waren im Krieg gefallen, als Spione hingerichtet worden oder in Lagern verschwunden. Die Kinder spuckten darauf. Sie waren hochmütig und rachsüchtig uns strebten ausnahmslos eine kriminelle Laufbahn an: Die Jungen wollten Räuber und Mörder werden, die Mädchen Diebinnen und Prostituierte. Dazu gehörte, daß sich alle tätowieren ließen. Auch Ljusja fand sich bei einem streng riechendem Individuum in einem Hinterzimmer ein. Sie hatte sich das ziemlich genau überlegt; sie wußte, daß es weht tut, und bereitete sich innerlich darauf vor, indem sie eine Woche lang täglich vier Minuten ihren rechten Daumennagel in den linken Handrücken bohrte. Als es dann aber so weit war, mißviel ihr, daß jeder Buchstabe zweimal eingestochen wurde. nach dem ersten Buchstaben, dem L von Ljusja stand sie auf und ging." (78)
"So bin ich aufgewachsen, erklärte Ljusja tapfer Bojarow. Nicht mal sieben Schulklassen habe ich abgeschlossen. Keinen Beruf habe ich gelernt. Aber ich habe mich durchgeschlagen. Was für ein verrückter Weg. Von Sibirien nach Leningrad, dann die Besatzungszone, Lettland, zurück nach Leningrad, auf und ab, bis in deine Arme.
Bojarow lächelte gezwungen." (79)
"Die Hochzeit ist fröhlich, obwohl es keinen Wodka, sonder nur zwei Flaschen Champagner gibt. Wowa sagt zu Llusja: Das ist ja ein richtiger Welpe, den du dir da an Land gezogen hast. Mußt du jetzt für zwei Söhne sorgen?" (104)
"Wollen wir künftig in solchen Fällen immer umziehen? Niedergeschlagen küßt er ihr die Hände. Ljusja denkt: Na ja. Er trinkt nicht, er raucht nicht, er geht nicht fremd - ab und zu wer ich so einen Anfall schon ertragen." (111)
"Am Ende dieses Jahres bringt Ljusja ein weiteres Mädchen, Anotschka, zur Welt. Pelageja Iljariowna ist bei ihr. Schwester Ljuba und Bruder Wowa kommen zu Besuch und küssen das Kind. Jetzt sind wir eine richtige Familie, stellt Pascha zufrieden fest.
Die Katastrophew mit Rosa Awranownas gefälschtem Schmuck ließ sich zwar abwenden, aber insgesamt gehen die Geschäfte schlecht. Es folgt ein hartes Jahr. Zeitweise ernährt sich Ljusja nur von Brot und Zucker. Pascha läßt sich wochenlang nicht blicken. Ljusja fragt sich, was einem ein Haus nützt, wenn man nichts zu essen hat. Gibt es den Bau überhaupt noch? Oder hat sie das alles nur geträumt? Gibt es Pascha noch? Gab es ihn je? Nun, die Kinder schreien. Irgendwas war da wohl.
Eines Abends steht Pascha wieder im Zimmer und wirft Geldscheine in die Luft, und im folgenden Oktober beziehen sie das neue Haus." (145)
"Manchmal sieht man kühne junge Männer einen Beruf erlernen. Sie brechen morgens bei Dunkelheit zur Arbeit auf und küssen herzhaft ihre jungen Frauen. Sonntags im Zoo werfen sie ihre dicken Kinder in die Luft und freuen sich, wenn die Kleinen vor Vergnügen quietschen." (161)
"Als er das dritte Mal komme, ist sie allein, Ljusja kocht Tee. Einige Minuten plaudern sie am Tisch, dann steht er auf, geht zu ihr, kniet vor ihr nieder, beginnt ihre Hände und Arme zu küssen und erklärt ihr, wie verliebt er sei. Er ist so groß, dass er sie im Knien noch überragt, und aus seinen riesigen Händen kann sie sich nicht befreien. Hören Sie mir zu, Alexander Alexandrowitsch, sagt sie ungeduldig. Ich mag das nicht. Vom Heiraten habe ich genug, Sorgen habe ich auch genug, und einen Liebhaber brauche ich nicht! Er hält überrascht inne, sieht, daß es ihr ernst ist, denkt kurz nach und sagt dann, indem er aufsteht und sich den Staub von der Hose klopft: Na gut. Ehrlich gesagt, ich brauche das auch nicht. Aber besuchen darf ich Sie doch?" (194)
"Alexander Alexandrowitsch ist Universitätsprofessor, gebildet, rechtgläubig und wohhabend, ein stattlicher Mann in den besten Jahren. Seine Wangen sind rosig, seine Manieren relativ gut. Er trinkt nicht, raucht nicht und küßt Frauen die Hand. Er bewohnt eine weitläufige Vierzimmerwohnung im Erdgeschoß eines ehrwürdigen Hauses auf der Wassilij-Insel, in der 6. Linie unweit der Metrostation. Ljudmila Semjonowna ist geschieden, Mutter dreier Kinder von zwei verschiedenen Männern, Wodkaverkäuferin, und bewohnt bis heute eine Sechzehn-Quadratmeter-Bude in einer Kommunalka. Das Paar wird lebhaft diskutiert." (203)
"Ljusja antwortet: Ich bin neunundreißig Jahre alt, geschieden, ziehe allein einem Kommunalka-Zimmer zwei Töchter auf und arbeite in einem Schnapsausschank. Alexander Alexandrowitsch hat eine Vierzimmerwohnung, ist Professor und arbeitet in der Universität. Und Sie fragen mich, warum ich ihn geheiratet habe? Fragen Sie ihn, warum er mich geheiratet hat!" (204)
"Irka ist ein verlorenes Kind, Körperlich zart, mager, aber mit einem eigensinnigen runden Gesichtchen, beobachtet sie verächtlich die Umtriebe des Vaters. Sie scheint entschlossen, den Erwachsenen heimzuzahlen, daß sie geboren wurde." (210)
"Die Männer sind eben ihren Trieben ausgeliefert. Daß sie sich trotzdem mit sagenhafter Anmaßung als das rationale Geschlecht bezeichnen, beweist nur ihre Bedrängtheit: Sie können der Wahrheit nicht ins Auge sehen. Aber wir Frauen müssen, weil wir die Schwächeren sind, klüger sein; wir müssen - hat das nicht Papa einmal so ähnlich gesagt? - die Übersicht wahren und die Verantwortung für die Furcht des Lebens tragen über die Augenblicke der Gier hinweg." (273)
"So schlagen sie sich durch. Nadjka wächst, Ljusja kämpft, Iwan Sergeijitsch trinkt, Anja arbeitet. Nadjka zeigt bald Charakter: Sie beginnt sehr früh zu krabbeln, zu laufen, zu beobachten; sie ahmt alle nach und lacht alle aus." (553)
"Wie schwach wir sind, denkt sie. Das Leben ist durch uns durchgeflossen wie elektrischer Strom, aber wir konnten nichts fassen und gehen so armselig, wie wir gekommen sind. Wie gut, daß wir müde werden; es wäre sonst alles zu bitte." (596)
"Ach Ljusja! lacht Ida. Reg dich um Himmels willen darüber nicht auf. Die einzige wirklich würdevolle Position, die wir jemals einnehmen, ist die unter der Erde." (633)