Beiträge der Wissenschaft zur Legitimation von Armut und Ausgrenzung - BdWi-Verlag (www.bdwi.de)
Götz Eisenberg: Das abgesprungene Rad an den Wagen montieren - Über die Aufgabe der Psychologie im flexiblen Kapitalismus. (6-8)
- Der Dokumentarfilm Work Hard - Play Hard der jungen Regisseurin Carmen Losmann unternimmt eine Expedition in die schöne neue Arbeitswelt der Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft." (S. 6)
- Eine Kette von Spezialisten umspannt die Gesellschaft, deren Aufgabe es ist, Konflikten vorzubeugen, Unruhe abzuwenden, Dissens zu entschärfen und die an den Verhältnissen verzweifelnden Menschen ins System zurückzubetrügen. (...)
- Der Bericht ist ein Lehrstück über die Aufgabe, die der Psychologie im System des flexiblen Kapitalismus (Richard Sennet) zugewachsen ist. Menschen, die bloß noch als Mittel fremder Zwecke fungieren und sich dabei psychisch und körperlich derart verausgaben, dass sie zu zerbrechen drohen, sollen bei der Stange gehalten werden. (...)
- Die Arbeitgeber heuern deshalb Burnout-Experten wie Becker an. Lieber Psychologen bezahlen als Fehlzeiten finanzieren. (...)
- "Die Belastungen im Job nehmen in unserer Leistungsgesellschaft seit den 90er Jahren unentwegt zu, sagt Becker. Die Auswirkungen bekämen die Unternehmen zu spüren, denn immer mehr Mitarbeiter fallen wegen geistiger und körperlicher Erschöpfung aus. (...)
- "Vernünftig und im Sinne einer Ökonomie des ganzen Hauses letztlich auch rentabler wäre es, das aberwitzige Tempo des Alltaglebens zu drosseln, allen Menschen anständige, menschenförmige Arbeitsbedingungen zu bieten und ihnen nicht länger zuzumuten, ihr Leben in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression fristen zu müssen. Dann bräuchte es den ganzen psychologisch-medizinischen Reparatur- und Kompensationsaufwand nicht. (...)
- Der markt- und kapitalkonform zugerichtete, angepasste Mensch der Gegenwart bringt das Kunststück fertig, sich mit der objektiven Unmöglichkeit des Lebens unter Bedingungen kapitalistischer Leistungskonkurrenz zu arrangieren. Als reif gilt, wer sich mit allen Scheußlichkeiten des Lebens abgefunden hat und sich in einer Welt der Entfremdung, Feindseligkeit, Indifferenz und Kälte heimisch fühlt.
Flankenschutz erhält das das psycho-soziale Helfer- und Kontrollsystem durch die Pharmaindustrie, die sich an der pharmakologischen Moderation menschlicher Gefühle und der Bekämpfung von Dysfunktionen bereichert (....)" (S. 7) - " Unter der befriedeten Oberfläche unseres Alltagslebens vollzieht sich ein Krieg, der umso beschwerlicher ist, als er sich nicht genau bestimmen lässt. (...)
- Herrschaft und Ausbeutung verstecken sich als Technik, Marktgesetze und Sachzwänge. Wir habe es nicht mit einem einzelnen Gegner zu tun, sondern mit tausend undeutlichen Widrigkeiten, auf die unser Körper ganz von allein reagiert, ohne dass wir uns dessen bewusst sind." (S.8)
Leonie Knebel: Intelligenzmessung als soziale Konstruktion von Ungleicheit (S. 9-12)
"Die These von der genetisch bedingten Minderintelligenz von Armen und Migranten wurde in den letzten Jahren immer wieder - zuletzt von Sarrazin - wiederholt. Dass Intelligenzforscher, die solche Thesen vertreten, auch im Kontext politischer Strömungen zu sehen sind, sollte deutlich geworden sein. Die statistisch-naturwissenschaftliche Intelligenzforschung ist weder neutral noch objektiv und wird deshalb ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht. Vielmehr dienst sie als Rechtfertigung des gesellschaftlichen Status Quo wie auch des Angriffs auf die Idee von der Gleichwertigk eit der Menschen. Jene Kritiker Sarrazins, die meinen, er sein nicht auf der Höhe der (Intelligenz-)Forschung, sind allerdings entweder schlecht informiert oder sie wollen nicht wahrhaben, dass der wissenschaftliche Mainstream solche Thesen vertritt." (S. 11/12)
Christian Kreiß: Gekaufte Wissenschaft (S. 15/16)
- Das fest verankerte Wissen, das Cholesterin das Herzinfarkt-Risiko erhöht, geht auf eine Studie aus den 50er Jahren zurück, die gefälscht war, wie der Forscher selbst 40 Jahre später offen zugab. In der Zwischenzeit wurde diese wissenschaftliche Studie jedoch jahrzehntelang von Lebensmittelkonzernen, die Margarine herstellen, (....), für Marketingzwecke missbraucht. Das meine ich mit Missbrauch von Wissenschaft. Die Glaubwürdigkeit unseres Wissenschaftsystems steht auf dem Spiel, wenn Konzerne damit spielen. (....)
- Geldinteressen wirken auf unsere Forschung nicht nur über direkte Geldzuwendungen an öffentlichen Hochschulen, sondern zusätzlich noch indirekt über industrienahe Gremienbesetzungen. (...)
- Derzeit besuchen in Deutschland etwas 15.000 Pharmavertreter circa 20 Millionen Mal im Jahr deutsche Praxen und Krankenhäuser. Alles also nur Einzelfälle? Oder womöglich doch System? (...)
- Forschung degeneriert in unserem Lande immer mehr zum Marketing-Instrument." (S.16)
Jens Wernicke: Armut macht krank und Krankheit macht arm (S.23-25)
- Zudem gilt, dass [inzwischen] nahezu jeder vierte männliche und jede dritte weibliche Erwachsene [...] unter voll ausgeprägten psychischen Störungen [leidet]. [...] Am häufigsten sind [dabei] Angst- und depressive Störungen, gefolgt von Substanz- und somatoformen Störungen. [...] Typisch für psychische Störungen [...] [ist dabei] eine ausgeprägte Komorbidität, eine hohe Anzahl an Ausfalltagen und eine niedrige Behandlungsrate.
- Nahezu verdoppelt hat sich überdies auch die Zahl der Menschen, die aufgrund von psychischen Beeinträchtigungen eine Rente der Deutschen Rentenversicherung wegen verminderter Erwerbsfähigkeit erhalten. (....) Und hier schließt sich der Kreis. Denn zahlreiche internationale Studien weisen seit Langem darauf hin, dass sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen besonders anfällig (auch) für psychische Störungen sind. (...) (S. 24)
- Was zählt in unserer Kultur, ist nicht, im Gefühl des Lebendigen zu sein, sondern wie wir den Erfolg erreichen. Danach werden wir gemessen und messen uns selber. Erfolg ist der Maßstab, nicht die Fähigkeit zu lachen, zu spielen, oder zärtlich zu sein.
- Das eben ist das Problem: Um ein Selbst auf diesen, den Werten der Gesellschaft entsprechenden Wegen aufzubauen, müssen wir uns maskieren.
- Glücklich der, der ein Symptom hat! - wie glücklich der, der einen Schmerz hat, wenn ihm etwas fehlt. (...) Aber sehr viele Menschen, das heißt die Normalen, sind so angepasst, die haben so alles, was ihr eigen ist, verlassen, die sind so entfremdet, so Instrumente, so robothaft geworden, dass sie schon gar keinen Konflikt mehr empfinden. " (25)
Gerald Hüther: Hochbegabte gibt es nicht
(S.29 -31)
- Nutzungs- oder erfahrungsabhängige Neuroplastizität, heißt das Phänomen, das umschreibt, was die Entwicklungsneurobiologen in den letzten Jahren in mühsamer Kleinarbeit und abseits des Mainstreams der bisher so dominanten Genforschung über die Strukturierung neuronaler Netzwerke während der Hirnentwicklung herausgefunden haben. Es bedeutet nichts anderes, als dass das Gehirn so wird, wie man es benutzt.
- Oder haben Sie schon einmal beobachtet, zu welchen Leistungen taube oder blinde Menschen in der Lage sind? Wie anders als außergewöhnlich soll man die Fähigkeiten bezeichnen, die diese Kinder als Kompensationsleistungen entwickeln, um sich trotz ihres Handicaps in der Welt zurechtzufinden.
- Wie unterschiedlich die Bedingungen auch sein mögen, unter denen sich das kindliche Gehirn strukturiert: die Herausbildung eines besonderen Begabung folgt immer dem gleichen Prinzip. Es muss für die Person als Fötus oder in der frühen Kindheit besonders bedeutsam gewesen sein, die betreffende Fähigkeit und die dieser zugrundeliegenden neuronalen Vernetzung herauszuformen. (S. 30)
- Es geht also bei jeder Form nachhaltigen Lernens immer um die subjektive Bewertung, um die Bestimmung eines bestimmten Lernstoffes als etwas, das für die betreffende Person aus ihrer eigenen Sicht heraus wichtig ist. (...) Ohne diese emotionale Aufladung könnte kein Kind und kann auch kein Erwachsener Neues lernen.
- Die gegenwärtig noch verbreitetste und gleichwohl ungünstigste Art emotionaler Aufladung von Lerninhalten ist das in Aussichtstellen von Belohnungen und Bestrafungen, meist in Form guter oder schlechter Zensuren.
- Spätestens mit dieser Erkenntnis steht unser gegenwärtiges Bildungssystem jedoch vor dem Problem, dass es gelingende und nachhaltige Lernerfahrungen nur dann wird erzielen können, wenn der Lernstoff an die jeweiligen Begabungen, Talente und Neigungen der Schüler angeknüpft wird.
- Viel zu viele Kinder und Jugendliche werden so daran gehindert, herauszufinden, was ihnen besonders liegt, und ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten überhaupt voll zu entwickeln und zur Bereicherung aller einzubringen in unsere Welt.
- Mit lauter frustrierten jungen Menschen, die froh sind, wenn sie all das überstanden haben, werden wir die Hinterlassenschaften der bisherigen menschlichen Lebensweise auf unserem Planeten jedenfalls nicht beiseite räumen und eine zukunftsfähige Art des Zusammenlebens entwickeln können. (S. 31)
Jochen Krautz: Kompetenzen machen unmündig
(S. 35-37)
- Kompetenzorientierung zielt nicht auf Selbständigkeit, sondern auf Anpassung. So versteht auch die für die PISA-Tests verantwortliche OECD unter Schlüsselkompetenzen die Fähigkeit, sich an eine durch Wandel, Komplexität und wechselseitige Abhängigkeit gekennzeichnete Welt anzupassen. Sie fragst: Welche anpassungsfähigen Eigenschaften werden benötigt, um mit dem technologischen Wandel Schritt zu halten? Der Mensch soll sich geschmeidig, aber auch etwas kreativ einpassen in das System globalisierter Wirtschaft. Es soll funktionieren, aber nicht über das Ganze nachdenken oder gar hinterfragen.
Bei Kant hieß es, der Mensch solle Ausgang nehmen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Ziel von Schule ist demnach, junge Menschen zu befähigen, selbständig und kritisch zu denken und zu urteilen sowie human und verantwortlich zum Wohle des Gemeinwesens zu handeln. Das Kompetenzkonzept widerspricht somit allen Traditionen von Bildung, der christlichen wie humanistischen als auch aufklärerischen. - Mit der verdeckten Macht der Messung wird an den Bürgern vorbei ein alle kulturellen Überzeugungen auflösendes Bildungsverständnis durchgesetzt.
- Die OECD verfolgt eine Strategie kultureller Entwurzelung (...)
Bildung sei demnach wirtschaftliche Investition in den Menschen; Schulen stünden neben Stahlwerken und Kunstdüngerfabriken, die einen Ertrag produzieren sollen, nämlich angepasst funktionierende Menschen, sogenannte Humankapital. Lehrer seien somit Produktionsfaktoren, Schüler das Rohmaterial. (S. 36) - PISA fördert also nicht Bildungsgerechtigkeit, wie die OECD behauptet, sonder baut sie ab: Denn das System der Lehr- und Lernverhinderung bevorteilt Kinder mit höheren kulturellem Kapital; Eltern mit weniger Zeit, Geld und eigenen Bildungsvoraussetzungen können Nachhilfe und Förderung nicht leisten.
- Computerviren, die man Trojaner nennt, schleichen sich unerkannt ins Betriebssystem ein und zerstören es von innen heraus. Kompetenz ist ein solcher Trojaner: ein von Demokratie-Hackern eingeschleustes Schadprogramm, das unbemerkt das Denken über Bildung infiziert und das pädagogische Handeln verändert. (S. 37)
Arno Gruen: Der Süchtige ist lediglich der Rauch, der zeigt, dass irgendwo ein Feuer brennt
(S. 52-54)
- Um uns lebendig fühlen zu können, werden wir immer mehr Äußeres brauchen, und das Stimulus-gebunden-Sein wird zu einem Lebendrang. Die Stimuli selber treiben uns nun auf einen Kurs, der uns an sie bindet, obwohl sie uns innerlich leer lassen.
- Das, was zur Sucht führt, geht uns alle an, denn es ist die Gesellschaft, die uns süchtig macht. Die offizielle Süchtigen und die angepasst Süchtigen unterscheiden sich, wie gesagt, in einem wesentlichen Aspekt: Die ersteren sind rebellisch, suchen neue Ufer, rebellieren gegen das, was uns alle seelisch tötet. Aber beide - die Süchtigen und die Ordentlichen sind verloren, da der Weg zu sich selber für beide versperrt ist.
Das zu ändern involviert, die Grundlagen einer Gesellschaft zu ändern, die dafür verantwortlich sind, Menschen von ihren eigenen Gefühlen und Wahrnehmungen wegzutreiben. Diese Grundlagen haben nichts mit politischer Sicht zu tun, sondern der Ideologie der Macht. Diese halluzinierte Notwendigkeit für Stärke durchwebt alle heutigen politischen Denkweisen. Sie ist es aber, die den Menschen in seinem Menschsein schwächt und in die Destruktivität treibt. (S. 54)