Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene

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List Verlag (Ullstein), 2010 Autobiographischer Roman von Graf, der in der Vorbemerkung 1926 schrieb: "Die nachfolgenden Aufzeichnungen umspannen die Zeit von meinem 11. bis zum meinem 25. Lebensjahre, beginnen 1905 und schließen Ende 1919 ab." Graf beschreibt seine schwere Kindheit in Berg am Starnberger See als eines von zahlreichen Geschwistern. In der Bäckerei, die sein ältester Bruder Max autoritär führte, musste er schwer schuften. Bis er dann beschließt, nach München abzuhauen und eine Karriere als Schriftsteller zu beginnen. Dort erlebt er nicht nur die Jahre des ersten Weltkrieges sondern dann auch hautnah die Jahre der Räterepublik in München und deren Niederschlagung, die er in eindringlichen Worten schildert.

  • "Der Postbote! Unser ärgster Feind! Der als schwatzhafter, eitler Klatscher weit und breit bekannt war! Den wir nie grüßten, weil uns sein Gesicht so an Max erinnerte. Der Postbote! Der ob seiner Erscheinung und seins adrett-soldatischen Benehmens von allen möglichen heiratslustigen Töchtern umschwärmt wurde und im Bewußtsein dessen überall den großen Mann spielte, sich in alles mischte und sozusagen die läufige Moral der Jahreszeit war. Dieser Wicht von einem entlassenen Unteroffizier, den wir schon hundertmal in unseren früheren, selbsterfundenen Geschichten gefangen genommen,gehängt, erschossen, gerädert und gevierteilt hatten?! Der hatte das gesagt? Der lebte immer noch?!-" (41/42)
  • "Ich geh!, schrie ich sie an und war schon wieder dem Weinen nahe. Schnell schlüpfte ich zur hinteren Tür hinaus. Eine harte Kugel steckte in meiner Kehle. Kaum atmen konnte ich. (...) Ich schaute noch einmal über die Pferdeweide, die inmitten des Talkessels lag, erinnert mich an alles, an das Schießen, Indianerspielen, Zerstören und Pferdejagen, und mir wurde jämmerlich weich zumute. Aber zwischen diese Gedanken rannten andere von der Stadt, von der Zukunft, alles unklar durcheinander. Ich schluckte fest und ging entschlossen weiter.-" (46)
  • "So, sagte sie dann, ich lass sofort nachfragen, sicher bekommen Sie in etlichen Tage ihr Geld zugestellt. Sie blieb stehen, musterte mich wieder und sagte mit einer milden, zwingenden Lehrhaftigkeit: Herr Graf, die Deutschen sind alle so im Ausland, als müßte alles nach ihnen gehen!... Das ist ein großer Fehler. Ich schaute sie verdutzt an und schwieg benommen. Dann verließ sie mich. Ein Polizist kam und ließ mich hinaus. Ich ging durch die dunklen Korridore und kam auf die nachtenden Straßen. Als ich in Brione angekommen war, suchte ich sofort Schorsch auf uns schimpfte furchtbar wegen seiner Aufschneiderei über die freie Schweiz." (113)
  • "Er gehörte zu jener Spezies von Menschen, von denen man sagt, sie treten nach unten und kriechen nach oben." (122)
  • "Ein Mensch - gewaltsam in einen Masse gezwängt - verliert spielend leicht sein bißchen Willen, läßt sich gewissermaßen schieben und denkt mit der Zeit überhaupt an nichts anderes mehr als an den nächsten Augenblick.In der Kaserne, im Feld und im Irrenhaus war es so gewesen: Es ging einen gar nichts an. Es hatte einen gar nichts anzugehen. Und so etwas macht sich der Massen mensch schnell zunutze. so gemütlich als es geht richtet er sich die Stunden und Tage ein und sein einziges Trachten ist: Wie erschnappst du den erträglichsten Posten und das meiste Essen.-" (195)
  • "Alle krochen hier, alle waren katholisch organisiert, jeder war scheinheilig und fing zu rennen an, wenn der Meister kam. Es sah fast aus, als belauere jeder seinen Nebenmann, um ihm eins auswischen zu können. Nur die Packerinnen, die manchmal herunterkamen, waren dreist und stahlen wie die Raben." (205)
  • "Manchmal, wenn ich mir meine Dummheiten, mein Mißgeschick und das ganze Durcheinander in meinem Innern vergegenwärtige, überkam mich ein niederdrückender Unmut. Allein und ungestört wollte ich sein, aber alles stürzte sich jede Stunde, jede Minute förmlich zerreißend auf mich. Mitunter aber fielen mir wie von ungefähr die Worte des Professors ein und laut sagte ich sie vor mich hin. Dichter kann man nicht werden! Man ist einer! Sie sind einer, Herr Graf!"(297)
  • "Wissen Sie, lieber als all diese Studenten und Studentinnen, die jeden Monat von daheim ihr Geld bekommen und hinten und vorn nichts, gar nichts vom Leben kennen, lieber ist mir doch der nächstbeste Lumpensammler! sagte ich zum Rote-Kreuz-Mann." (302)"
  • "Du lügst dich ja selber an! fiel sie mir ins Wort und ließ mich nicht aus den Augen: Alles, was du treibst, machst du bloß, weil du Angst vor dir selber hast!...Du machst Schleichhandel und treibst Geld herbei, damit Selma beruhigt ist. du säufst, weil du nicht nachdenken willst. Du lügst deinen Professor an, weil du ganz genau weißt, daß er ein reinlicherer Mensch ist wie du. Du willst dich mit keinem aussprechen und machst gleich immer dumme Witze, weil sonst deine ganze Kläglichkeit herauskommt. Sie holte Atem und setzte in anderem Ton hinzu: Und du bist der unglücklichste Mensch, der herumläuft. Das kann schon sein, murmelte ich getroffen, bog aber gleich wieder ins Ordinäre ab: Aber es geht mir sehr gut dabei!...Für wen soll ich ehrlich sein, für wenn soll ich mich einsetzen...Jeden Tag kann man wieder eingezogen werden und sich totschießen lassen für nichts und wieder nichts!" (343)
  • "Vierzehn Tage lang sammelten sich die Arbeitermassen Münchens zum Abwehrkampf gegen die herandringenden Truppenverbände Noskes und gegen die lauernden, inneren Revolten ihrer Gegner. Vierzehn Tage lang versuchten die meistgenannten neuen Machthaber, Leviné-Nissen, Levien, Eglhofer, Landauer, Toller und Axelrod, mit einem Heer von zufälligen, wankelmütigen Mitläufern und unsicheren Helfern eine kommunistische Räterepublik einzurichten. Vierzehn Tage lang hatten die Besitzenden ein unangenehmes Gefühl und schienen wie verkrochen." (449)
  • "Das sind alle meine Brüder, dachte ich zerknirscht, man hat sie zur Welt gebracht, großgeprügelt, hinausgeschmissen, sie sind zu einem Meister gekommen, das Prügeln ging weiter, als Gesellen hat man sie ausgenützt und schließlich sind sie Soldaten geworden und haben für die gekämpft, die sie prügelten. Und jetzt? Sie sind alle Hunde gewesen wie ich, haben ihr Leben lang kuschen und sich ducken müssen, und jetzt, weil sie beißen wollten, schlägt man sie tot. Wir sind Gefangene!-" (458)

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