Oskar Maria Graf: Unruhe um einen Friedfertigen

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Hinreißender Roman von Graf! Erzählt wird die Geschichte des Schumachermeisters Julius Kraus, der mit seiner Frau und dem Sohn wohl um die Jahrunderwende von München in ein kleines Oberbayerisches Dorf namens Auffing zieht, um dort sein Glück zu versuchen. Hintergrund des Romans bilden dabei immer die historischen Ereignisse vom Beginn des 1. Weltkriegs an, über die Revolution von 1918 und der Räterepublik bis zum Aufkommen der "Hitlerischen" und schließlich der Machtergreifung desselbigen 1933.

Graf stellt die bäuerlichen Charaktere vor dem Hintergrund der "großen Politik" mit unheimlich viel Feingefühl dar. Jeder, der in Bayern aufgewachsen ist und hier seine Wurzeln hat, wird damit sehr viel anfangen können!

Ein großartiges Bild der Zeit und der Menschen mit all ihren Eigenheiten wird da gezeichnet. Ein paar Zitate:

  • "Der Schumachermeister Julius Kraus in Auffing wurde bis zum Ende seines langen Lebens fast immer übersehen. Er ging, wenn man so sagen darf, stets nur nebenher. Das wollte er vielleicht, doch manchmal machten ihm die Umstände einen Strich durch dieses Wollen. An ihm lag das bestimmt nicht. Der Kraus nämlich war ein Mensch, der niemals auffiel, und wer nicht auffällt, den beachten weder die Leute noch die Behörden sonderlich. <Mach dich nicht mausig, dann frißt dich keine Katz>, pflegte der Kraus zu sagen." ( 7)
  • "Das Ärgste aber kam erst noch. Schon ein Zeitlang munkelte man im Dorf allerhand über die Zweitälteste vom Heingeiger, die Elies, und jetzt, am letzten Urlaubstag vom Silvan wurde es offenbar. Die Elies erwartete ein Kind, und der Vater war der Russe Iwan. In den Krach, den der Heingeiger machte, in das Gejammer der Bäuerin , ließ sich der Silvan nicht weiter ein. >Drecksau!< sagte er nur zu seiner Schwester und meinte, wenn er vom Krieg heimkomme und das Anwesen übernehme, dann fliege sie raus. Beim Abschied gab er ihr nicht einmal die Hand. Die Elies weinte in sich hinein und ging in den Stall hinüber. Seither war der Unfriede beim Heingeiger." (35)
  • ">Höhere Persönlichkeiten<, das sind für einen Bauern stets feine, studierte Leute, die haufenweise Geld und überallhin Einfluß haben, die anschaffen, aber nichts arbeiten, die recht verzwickt hochdeutsch reden und ebensolche Briefe schreiben, die telefonieren und sicher oft so >dringend Reisen zu absolvieren< haben. (105)
  • "Die Elies und die Zenzi hatten schon gemolken und die Stallarbeit getan. Die eine stellte die dampfenden Kartoffeln  auf den Tisch, die andere schöpfte die stark gezwiebelte Brennsuppe auf die Teller. Aus den randvollen, verzinkten Kübeln goß die Heingeigerin der Allbergerin und der alten Hauniglin ihre kuhwarme Milch ein. Man war mitten in der Unterhaltung." (106)
  • ">Jaja<, meinte der Kraus boshaft: >So geht´s eben jedem mit seinem dreckigen Leben. Zuletzt, wenn man nicht mehr arbeiten kann oder mag, will man nachdenken, und da kommt ´raus, daß unser ganzes Leben eine hohle Nuss gewesen ist. Und das, verstehst du, das ist ärgerlich. Das können die wenigsten vertragen. Und auf was verfallen sie dann? Auf den Herrgott und die verschiedenen Heiligkeiten. Anders halten sie es nicht mehr aus!< Er grinste leicht uns setzte dazu: >Drum rackere ich lieber, bis ich stocksteif da lieg´." (218)
  • "Der Schuster freute sich in jeder Frühe, wenn die helle Wintersonne durch die gefrorenen Fenster seiner Kammer blinzelte, wen der >Fuchsl< von seinem Bett heruntersprang, weitmäulig gähnte und sich streckte, und wenn drunten vor der Werkstatt die hungrigen Spatzen zwitscherten. Er kroch aus den warmen Federn, schloff in die Hosen, band den Schurz um und brümmelte geruhig: >Jaja, nur ein bißl warten! Jeder kriegt was! Gell, Fuchsl!< Er stapfte über die schmale Stiege hinunter, zerrieb eine alte Semmel auf einem Teller, mischte Körner dazwischen  und trug alles ins selbstgezimmerte Futterhäuschen vor dem Werkstattfenster. Die Spatzen warteten schon und waren ihn und diese Regelmäßigkeit so gewohnt, daß sie scheulos und ruhig am Holzrand des Futterhäuschens hocken blieben und gleich zu picken anfingen.
    >So, jetzt kommen wir dran!< sagte alsdann der Alte zum >Fuchsl< und suchte dem sein Fressen zusammen. Endlich braute er sich einen Kaffee, brockte sich ein paar Semmeln in die umfängliche Schüssel und begann dieses triefende, teigige Geschlemm in sich hineinzuschlürfen. Im Herd knisterten die Buchenscheite, und mollige Wärme füllte nach und nach die Luft im engen Raum. Mit der Arbeit hatte es der Kraus jetzt gar nicht mehr so eilig." (450/451)

Alle Zitate aus der Neuausgabe 2003 Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG, München;

Erstausgabe 1947 im Aurora-Verlag, New York/USA

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