Nassim Nicholas Taleb: Das Risiko und sein Preis

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Skin in the Game

München 2018 (Penguin Verlag, Random House GmbH)

Wir lernen aus dieser Skizze, dass wir, ebenso wie Antaios, Wissen nicht vom Kontakt mit dem Erdboden trennen können. Im Grunde kann man gar nichts vom Kontakt mit dem Erdboden trennen. Und der Kontakt mit der Realität wird hergestellt über Skin in the Game - darüber, sich der realen Welt auszusetzen und einen Preis für die Folgen zu zahlen, seien sie nun gut oder schlecht. (23)

Entscheidend ist, dass sich diese Schattenseite auf den Interventionisten nicht auswirkt. Er macht einfach weiter wie bisher aus dem Komfort seines wärmegedämmten, temperaturgeregelten Vorstadthauses mit Doppelgarage heraus, mit Hund und einem kleinen Spielplatz mit pestizidfreiem Gras für seine überbehüteten 2,2 Kinder. (27)

Das Prinzip der Intervention, wie das der Heilkunde, lautet: Zuerst einmal nicht schaden (primum non nocere); wir aber wollen noch weitergehen und sagen: Menschen, die kein persönliches Risiko eingehen, sollten nie mit Entscheidungen betraut werden.
Außerdem:
Wir waren immer schon verrückt, aber wir waren nicht schlaue genug, um die Welt zu zerstören. Jetzt können wir es. (28)

Bürokratie ist ein Mechanismus, durch den eine Person von den Folgen ihre Handelns abgetrennt wird. (...)
Wir haben keine andere Wahl als zu dezentralisieren oder, freundlicher formuliert, zu lokalisieren; weniger von diesen immunen Entscheidungsträgern zu haben.
Dezentralisierung beruht auf der simplen Formen, das es leichter ist, Makrobullshit zu produzieren als Mikrobullshit. (30)

Wir haben gesehen, dass Interventionisten nicht lernen, weil sie nicht Opfer ihrer Fehler werden, (...):
Sie werden nie jemanden vollständig davon überzeugen können, dass er sich irrt, das schafft nur die Realität. (...)
Lernen ist also nicht ganz das, was wir den armen Individuen in den Hochsicherheitsgefängnissen - den sogenannten Schulen - beibringen. (32)

Im Allgemeinen gilt: Je mehr die Menschen den sakrosankten Staat verehren (oder, was dem entspricht, große Unternehmen), desto mehr hassen sie Skin in the game. Je mehr sie Anzüge und Krawatten tragen, desto mehr hassen sie Skin in the Game.
Systeme lernen, indem sie Teile ausscheiden - via negativa.*
*(...) Handlungen, die wegnehmen, sind robuster als Handlungen, die hinzufügen, da Hinzufügen zu unvorhergesehenen, komplizierten Feedbackschleifen führen kann. (33)

(...) - die Verlagerung von Risiken zerstört Systeme. (35)

Hammurabis bekannteste Anordnung lautet folgendermaßen: Wenn ein Baumeister ein Haus baut und das Haus bricht später zusammen und verursacht den Tod des Hausbesitzers, ist der Baumeister hinzurichten. (36)

Es gibt tatsächlich keine Demokratie ohne eine solche bedingungslose Symmetrie im Hinblick auf die Rechte freier Meinungsäußerung, und die schlimmste Bedrohung einer Demokratie ist die schiefe Ebene, die beim Versuch entsteht, dieses Recht mit dem Hinweis darauf zu beschneiden, dass die Gefühle bestimmter Menschen verletzt werden könnten. (41)

Wir werden also Kants kategorische Vorgehensweise auf dem folgenden Hauptgrund aussortieren:
Allgemeingültiges Verhalten sieht auf dem Papier toll aus, hat aber katastrophale Auswirkungen in der Praxis.(...)
Wir sind lokale, praktische, größensensible Tiere. (...) Wir sollten uns auf unsere unmittelbare Umgebung konzentrieren; wir brauchen einfache, praktische Regeln. Erschwerend kommt hinzu: Das Allgemeine, das Abstrakte hat die Tendenz, selbstgerechte Psychopathen anzuziehen, (...). (42)

Tatsächlich zielt die eigentliche Botschaft dieses Buchs auf die Gefahr von Universalismus, der zwei bis drei Schritte zu weit getrieben wurde - wenn Mikro und Makro vermischt werden. (43)

Für den Moment genügt es zu sagen, dass Prognostik, vor allem, wenn sie als Wissenschaft betrieben wird, häufig das letzte Refugium des Scharlatans ist, und so war es schon seit Menschengedenken. (47-48)

Verschwistert mit dem Intellektualismus ist der Szientismus: die naive Interpretation von Wissenschaft als Verkomplizierung statt als Prozess und einem skeptischen Unternehmen. (51)

Wenn Dinge technologischer werden, entsteht eine immer größere Kluft zwischen dem Macher und dem Benutzer. (52)

Wenn Sie dafür bezahlt werden, wie man Sie wahrnimmt, und nicht für Ihre Ergebnisse, dann müssen Sie zeigen, wie komplex Sie vorgehen. (54)

Die andere Lösung sieht so aus, dass man bei Transaktionen in Form von gesetzlicher Haftung und der Möglichkeit eines effizienten Rechtsverfahrens seine Haut aufs Spiel setzt. Die angelsächsische Welt hat traditionsweise eine Vorliebe für den Rechtsweg anstelle der Methode der Reglementierung: Wenn Sie mich schädigen, kann ich Sie verklagen. (57)

Diese Haltung wird als deontischer Libertarismus bezeichnet (deontisch leitet sich ab von Pflichten): Durch Reglementierung werden Menschen ihrer Freiheit beraubt. Es gibt unter uns einige, die Freiheit als oberstes und wichtigstes Gut ansehen. Dazu gehört auch die Freiheit, Fehler zu machen (Fehler, dir nur Sie selbst schädigen); Freiheit ist so heilig, dass sie nie gegen ökonomische Vorteile oder Nachteile anderer Art aufgewogen werden darf. (58)

Handwerker bringen ihre Seele ins Spiel. (60)

Die Scharia ist am Schnittpunkt des griechisch-römischen Gesetzes (...) mit phönizischen Handelsregeln, babylonischer Gesetzgebung und den handelsgepflogenheiten arabischer Stämme angesiedelt. Insofern ist sie ein Sammelplatz antiker mittelmeerischer und semitischer Überlieferungen. Ich sehe in der Scharia ein Museum für die Geschichte der Vorstellungen über Symmetrie in geschäftlichen Transaktionen. (90)

Ist es möglich, sowohl moralisch als auch universalistisch zu handeln? Theoretisch ja, praktisch leider nein. Denn jedes mal, wenn das Wir ein zu großer Club wird, sinkt das allgemeine Niveau, und jeder fängt an, nur noch für seine eigenen Interessen zu kämpfen. (94)

Sich im Sinne einer Stammeszugehörigkeit zu verhalten, ist nicht das Schlechteste, und wir müssen auf fraktale Weise in organisierten, harmonischen Beziehungen zwischen Stämmen agieren und nicht sämtliche Stämme zu einer Riesensuppe zusammenrühren. (95)

(...) dass nämlich Moral ganz entscheidend etwas mit lokaler Begrenzung zu tun hat. (...)
[Elinor ] Ostrom fand in empirischen Forschungen heraus, dass es eine bestimmte Gemeinschaftsgröße gibt, unterhalb derer die Menschen als Kollektiv handeln und die Allmende beschützen, so als würde aus der gesamten Einheit ein rationales Wesen. (97)

Das Problem ist, das die leicht Kranken im Vergleich zu den Schwerkranken ein sehr viel größeres Kontingent an Personen bilden. Sie sind diejenigen, die voraussichtlich länger leben und also auch länger Medikamente nehmen können - daher haben Pharmakonzerne ein nachhaltiges Interesse daran, in diesem Personenkreis ihre Zielgruppe zu sehen. (Tote, so klärte man mich auf, nehmen keine Medikament mehr.) (104)

Die zentrale Idee hinter komplexen Systemen besteht darin, dass die Gesamtheit sich auf eine Weise verhält, die von den einzelnen Bestandteilen aus nicht vorhersehbar ist. Die Interaktionen spielen eine größere Rolle als die Beschaffenheit der einzelnen Einheiten. (109)

Lassen Sie uns solche Minderheiten als unnachgiebig (intransigente) Gruppen bezeichnen, die Mehrheit hingegen als flexibel. Und ihre Beziehung beruht auf einer Asymmetrie hinsichtlich der Wahlmöglichkeiten. (113)

(...), dass es ausreicht, wenn eine gewisse Minderheit einen bestimmten Umfang annimmt, damit ihre Prioritäten sich durchsetzen. (119)

Zu Beginn waren die Heiden Roms den Christen gegenüber tolerant, bestand doch die Tradition darin, sich die Götter mit anderen Mitgliedern des Imperiums zu teilen. (...)
Doch die Christen waren dem römischen Heidentum gegenüber intolerant. Die Verfolgung der Christen hatte sehr viel mehr mit der Intoleranz der Christen gegenüber dem Pantheon der lokalen Götter zu tun als umgekehrt. (127)

Ich bin vielmehr davon überzeugt: je heidnischer, desto geistig brillanter und desto höher die Fähigkeit, mit Nuanchen und Ambiguitäten umzugehen. Rein monotheistische Religionen wie der Portestantismus, der salafistische Islam oder fundamentalistischer Atheismus ziehen eher buchstabengläubige und mittelmäßige Kleingeister an, die mit Ambiguität nicht umgehen können.
In der Geschichte der Religionen im Mittelmeerraum (...) ist ein klare Tendenz zur Intoleranz festzustellen, die das System dem annähert, was wir als Religion bezeichnen können. (128)

Man muss wohl sagen, dass die Ausbildung moralischer Werte in einer Gesellschaft nicht durch eine auf Konsens beruhende Evolution erfolgt. Im Gegenteil: Die intoleranteste Person zwingt den anderen aufgrund ebendieser Intoleranz ihre Tugendhaftigkeit auf. Dasselbe gilt für die bürgerlichen Rechte. (130)

Die Regeln , die aus der Minderheiten-Regel entstehen, sind mit höherer Wahrscheinlichkeit schwarz-weiß, binär strukturierte Regeln. (132)

Es stimmt tatsächlich: Eine intolerante Minderheit kann die Demokratie unter ihre Kontrolle bringen und zerstören. Und faktisch wird sie irgendwann unsere ganze Welt zerstören. (134)

Wenn Sie einmal etwas widerlegt haben, dann ist es von da an falsch. Wenn die Wissenschaft nach dem Prinzip der Zustimmung der Mehrheit vorgegangen wäre, würden wir immer noch im Mittelalter feststecken, (...). (136)

Zweifle nie daran, das eine kleine Gruppe intelligenter engagierter Menschen die Welt verändern kann. In der Tat ist es nie jemand anderes gewesen, schrieb Margaret Mead. Revolutionen werden zweifelsohne von einer obsessiven Minderheit angetrieben. Und das gesamte Wachstum der Gesellschaft, ob in wirtschaftlicher oder moralischer Hinsicht, geht von einer kleinen Zahl an Menschen aus. (137)

Die menschliche Natur lässt sich nicht isoliert von Transaktionen definieren, an denen andere Menschen beteiligt sind. (138)

Gruppen sind jeweils eigene Einheiten. Es gibt qualitative Unterschiede zwischen einer Gruppe von 10 und einer Gruppe von 395 435. Jeder Gruppe ist ein Tier (im Wortsinn) mit eigener Beschaffenheit, so verschieden wie ein Buch von einem Bürogebäude. Wenn wir uns auf die Gemeinsamkeit konzentrieren, werden wir in die Irre geführt, denn ab einer gewissen Größe entwickeln sich die Dinge auseinander. Sie werden mathematisch anders. Je größer die Deimension, mit anderen Worten: die Anzahl möglicher Interaktionen, desto disproportional schwieriger wird es, das Makro ausgehend vom Mikro zu verstehen, das Allgemeine aus den einfachen Einheiten. Diese disproportionale Zunahme des Berechnungsaufwandes wird als Fluch der Dimensionalität bezeichnet. (139)

Lassen Sie die Leute innerhalb einer guten Struktur in Ruhe, und sie machen alles richtig. (142)

(...) mein offensiver Enthusiasmus und mein Eintreten für den schiitischen Islam (...) wie auch mein Wunsch, Libanon wieder in die östliche Mittelmeerwelt einzugliedern, in die griechisch-römische Welt, in die es ganz offensichtlich hineingehört, weg von dem verheerenden Luftschloss namens Arabismus. (...)
Im Sinne der Minderheiten-Regel bedarf es nur einer ganz kleinen Anzahl von Störern, welche unangebrachte Schlagworte der Art fallen lassen, bei denen die Leute Magenschmerzen bekommen, beispielsweise Rassist. (...)
Salafist ist keine Rassenbezeichnung, der Salafismus ist vielmehr eine mit einer kriminellen Organisation verbundene politische Bewegung, allerdings haben die meisten eines solche Heidenangst davor, als Rassist bezeichnet zu werden, dass ihnen ihr logisches Denkvermögen abhanden kommt. (171)

(...) ich glaube, dass die Leute ihre Geschichten mit Zahlen und Grafiken überschwemmen, wenn ihnen solide oder logische Argumente fehlen. Außerdem verwechseln viele eine solche Datenflut mit Empirismus. (206)

Doch auf das Publikum insgesamt und auf Leute, die sich mit Statistik nicht so gut auskennen, wirken Tabellen überzeugend - sie sind eine weitere Methode, das Wahre durch das Komplizierte zu ersetzen. (207)

Eine sinnvolle Regel für die Gesellschaft wäre, diejenigen, die ein öffentliches Amt antreten, ein Versprechen ablegen zu lassen, dass sie nach Beendigung ihrer Amtszeit in der Privatwirtschaft nie mehr als eine im Voraus festgesetzte Summe verdienen; und alles, was darüber hinausgeht, sollte an die Steuerzahler fließen. (208)

Wissenschaft ist prinzipiell widerlegend, nicht bestätigend. (Popper). (...) Je länger eine Idee Bestand hat, ohne widerlegt zu werden, desto höher ist ihre Lebenserwartung. (222)

Ein Businessplan ist ein nützliches Narrativ für diejenigen, die einen Trottel überzeugen wollen. (236)

Wenn wir etwas, das Auswirkungen auf das Gesamtsystem hat, nicht verstehen, dann sollten wir es vermeiden. (264)

Selbst in den empirischen Wissenschaften erhalten positive Resultate (das funktioniert) tendenziell mehr Aufmerksamkeit als negative (das funktioniert nicht), (...) (286)

Man darf das, was in den Daten nicht auftaucht, nicht außer Acht lassen - die Abwesenheit von Schwarzen Schwänen in den Aufzeichnungen bedeutet nicht, dass es keine gab. Aufzeichnungen sind unzureichend, und diese Asymmetrie dar man bei der Analyse nicht aus dem Auge verlieren. (288)

Der Leser wird wissen, das ich während der schlimmsten Phase des Bürgerkriegs im Libanon gelebt habe. (289)

Aber wir Libertäre haben doch einen gewissen Minimalkonsens, was die Glaubensinhalte angeht; der zentralste dieser Inhalte ist, die Herrschaft der Autorität durch die Herrschaft des Gesetzes zu ersetzen. (298)

Liebe ohne Opfer ist Diebstahl (Prokrustes). Das gilt für jede Form von Liebe, besonder aber für die Liebe zu Gott. (304)

Eine Situation ist als nichtergodisch zu beurteilen, wenn beobachtete vergangene Wahrscheinlichkeiten sich nicht auf zukünftige Prozesse auswirken. (329)