Naomi Klein: Die Schockstrategie

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Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus, Hamburg 2021 (Hoffmann und Campe)

New Orleans

Binnen 19 Monaten - während die Armen der Stadt noch größtenteils evakuiert waren - wurde das öffentliche Schulsystem nahezu vollständig durch privat betriebenen Charter Schools ersetzt. Vor dem Hurrikan Katrina verwaltete die Schulbehörde 123 öffentliche Schulen, jetzt waren es nur noch vier. (...)
New Orleans war jetzt, wie The New York Times schrieb, "das bekannteste Labor des Landes für den umfassenden Einsatz von Charter Schools," (...).
Solche konzertierten Überfälle auf die öffentliche Sphäre nach verheerenden Ereignissen und die Haltung, Desaster als entzückende Marktchancen zu begreifen, nenne ich Katastrophen-Kapitalismus. (16)

Mehr als drei Jahrzehnte lang hatten Friedmann und seine mächtigen Anhänger genau diese Strategie perfektioniert: Auf eine große Krise oder einen Schock warten, dann den Staat an private Interessenten verfüttern, solange die Bürger sich noch vom Schock erholen, und schließlich diesen Reformen rasch Dauerhaftigkeit verleihen.
In einem seiner einflussreichsten Texte stellte Friedmann das auf, was ich mittlerweile als das strategische Kerndogma seiner Bewegung bezeichne: die Schockdoktrin. Er stelle fest: Nur eine Krise - eine tatsächliche oder empfundene - führt zu echtem Wandel. Wenn es zu einer solchen Krise kommt, hängt das weitere Vorgehen von den Ideen ab, die im Umlauf sind. Das ist meiner Ansicht nach unsere Hauptfunktion: Alternativen zur bestehenden Politik zu entwickeln , sie am Leben und verfügbar zu halten, bis das politische Unmögliche politisch unvermeidlich wird. (17, vgl. Friedmann, Capitalism and Freedom, 1962, Nachgedr. Chicago: University of Chicago Press, 1982, ix; Vorwort i. d. dt. Ausgabe nicht enthalten.)

Wie man eine große Krise oder einen Schock ausnutzt, lernte Friedmann Mitte der siebziger Jahre, als er den chilenischen Diktator General Augusto Pinochet beriet. (...)
Es war der extremste kapitalistische Umbau, der irgendwo jemals versucht worden war, und er wurde als die Revolution der Chicagoer Schule bekannt, da so viele von Pinochets Wirtschaftsexperten bei Friedmann an der University of Chicago studiert hatten. (18)

(...) reiste ich nach Sri Lanka, das einige Monate zuvor von dem verheerenden Tsunami des Jahres 2004 getroffen worden war, und wurde Zeugin desselben Manövers: Ausländische Investoren und internationale Kreditgeber nutzen gemeinsam die Panik und spielten die gesamte wunderschöne Küste Unternehmern in die Hände,die dort rasche große Hotelkomplexe bauen wollten, dazu musste Hunderttausende von Fischer dran gehindert werden, ihre Dörfer dicht am Wasser wiederaufzubauen. (20)

Im Jahre 2003 unterschrieb die US-Regierung 3512 Verträge mit Firmen, die Sicherheitsaufgaben übernahmen; in den 22 Monaten bis zum August 2006 unterschrieb das Department of Homeland Security über 115000 solcher Verträge. Der globale Heimatschutz - wirtschaftlich vor dem Jahr 2001 unbedeutend ist heute eine 200-Milliarden-Dollar-Geschäft. (26)

Unter Folter - in der in der verblümten Sprache der CIA: Zwangsbefragung - versteht man eine Reihe von Techniken, Gefangene zutiefst zu verwirren und in einen Schockzustand zu versetzen, um sie so zu zwingen, gegen ihren Willen Zugeständnisse zu machen. Die dahinterstehende Logik ist in zwei CIA-Handbüchern dargelegt, die seit Ende der Neunziger Jahre nicht mehr der Geheimhaltung unterliegen. dort wird erklärt, dass man resistente Quellen zerbricht, indem man den Gefangenen gewaltsam die Fähigkeit nimmt, sich einen Reim auf die Welt um sie herum zu machen. (30, https://nsarchive2.gwu.edu/NSAEBB/NSAEBB122/index.htm )

Die Schockdoktrin ahmt diesen Prozess exakt nach und versucht, bei der Masse das zu erreichen, was die Folter mit dem Einzelnen im Vernehmungsraum anstellt. (31)

So betrachtet, hat der Kapitalismus der Chicagoer Schule in der Tat etwas mit anderen gefährlichen Ideologien gemein: das typische Streben nach unerreichbarer Reinheit, nach einer Tabula rasa, auf der eine Modellgesellschaft von Grund auf neu errichtet werden kann. (...)
Die Anhänger der Schock-Strategie sind davon überzeugt, dass nur ein großer Umbruch - eine Überschwemmung, ein Krieg, ein Terroranschlag - ihnen die riesige saubere Leinwand liefern kann, nach der sie sich sehnen. (37)

Das Folterlabor

(...) unglaubliche Geschichte, dass die US-amerikanische Central Intelligence Agency in den fünfziger Jahren einen Montrealer Arzt bezahlt hatte, damit dieser bizarre Experimente an seinen Psychiatriepatienten durchführte. (...) sie waren am Allan Memorial Institute der McGill University unter Leitung des Direktors Dr. Ewen Cameron durchgeführt worden. (45)

1988 willigte die CIA ein, den neun Klägern insgesamt 750.000 Dollar Schadensersatz zu bezahlen, was zu diesem Zeitpunkt die höchste Summe war, die man je gegen den Nachrichtendienst hatte durchsetzen können. (48)

(...) in einigen Fällen, bei denen sehr viele Schocks verabreicht worden waren, berichteten die Ärzte, dass ihre Patienten vollständig regrediert waren: Sie hatten vergessen, wie man läuft und spricht. (50)

Um seine Patienten zu entprägen, benutzte Cameron ein relativ neues Gerät, den Page-Russell-Elektroschocker, der statt einem gleich bis zu sechs Stromstöße in Folge verabreichte. (...) Nach dem vollständigen Entprägen, wenn die alte Persönlichkeit erfolgreich ausgelöscht worden war, konnte das psychische Antreiben beginnen. Es bestand darin, dass Cameron seinen Patienten auf Band aufgenommene Botschaften wie "Sie sind eine gute Mutter und Ehefrau, und die Menschen fühlen sich in Ihrer Gesellschaft wohl" vorspielte. Als Behaviorist glaubte er, wenn seine Patienten die Botschaften auf dem Band in sich aufnähmen, dann würden sie auch beginnen, sich anders zu verhalten. (54)

Im Laufe der nächsten zehn Jahre [1953-1963] gab MKUltra [CIA-Programm] 25 Millionen Dollar für die Erforschung neuer Mittel und Wege aus, um den Willen von Gefangen zu brechen, die man als Kommunisten oder Doppelagenten verdächtigte. 80 Institutionen arbeiteten an dem Programm mit, darunter 44 Universitäten und zwölf Krankenhäuser. (52)

(...) Forschungsstipendium des kanadischen Deparment of National Defence für geheime Experimente mit sensorischer Deprivation. (...) Es war, als hätte die Verwirrung aufgrund des Sinnesentzugs einen Teil ihrer Persönlichkeit ausgelöscht und die Stimuli hätten dann diesen Bereich neue beschrieben. (54)

Hebb [Direktor für Psychologie an der McGill University] bewies zumindest, dass extreme Isolation die Fähigkeit einschränkt, klar zu denken, und Menschen für Suggestion anfällig macht - für alle, die Verhöre durchführen, eine unendlich wertvolle Erkenntnis. (55)

In einem Aufsatz von 1960 schrieb Cameron, es gäbe zwei Hauptfaktoren, die es erlauben, ein Bild von Raum und Zeit aufrechzuerhalten, das uns, anders ausgedrückt, ermöglicht zu wissen, wo wir sind und wer wir sind. Die beiden Faktoren sind (a) unser kontinuierlicher sensorischer Input und (b) unser Gedächtnis. Mit den Elektroschocks lösche Cameron das Gedächtnis, mit seinen Isolationsräumen tilgte er den sensorischen Input. (57)

1960 hielt Cameron schließlich nicht nur vor anderen Psychiatern, sondern auch vor Militärs Vorträge über seine Experimente mit sensorischer Deprivation. (58)

Das 128 Seiten starke Handbuch ist ein Geheimmanual zur Befragung von renitenten Quellen, das ausgiebig auf den von MKUltra in Auftrag gegebenen Forschungen basiert - und die Experimente von Ewen Cameron und Donald Hebb haben überall darin Spuren hinterlassen. (...) Das Buch behauptete, wenn die darin beschriebenen Techniken richtig angewandt würden, würden sie einer renitenten Quelle die Fähigkeit zum Widerstand nehmen. (61)

"All diese Methoden, beim Verhör eine Blockade zu durchbrechen, das gesamte Spektrum von der einfachen Isolation über die Hypnose bis zur Narkose, sind im Grund Möglichkeiten, den Prozess der Regression zu beschleunigen. Wenn der Befragte von einer ausgereiften Persönlichkeit auf einen infantileren Status zurückfällt, fallen seine erlernten oder strukturierten Persönlichkeitsmerkmale weg." (63)

Wo immer die Kubark-Methode gelehrt wurde, haben sich bestimmte eindeutige Verhaltensmuster - alle darauf ausgerichtet, einen Schock herbeizuführen, zu vertiefen und ihn dauerhaft zu machen - ausgebildet: Die Betroffenen werden auf möglichst erschütternde und desorientierende Weise gefangen genommen, bei Razzien in tiefer Nacht oder früh am Morgen - wie das Handbuch empfiehlt. Auf der STelle werden ihnen Kapuzen über die Köpfe gezogen oder die Augen verbunden, sie werden ausgezogen und geschlagen und dann einer Form sensorischer Deprivation unterzogen. Und von Guatemala bis Honduras, von Vietman bis in den Iran, von den Philippinen bis nach Chile werden über Elektroschocks eingesetzt. (64)

Die Terroranschläge auf die Zwillingstürme und das Pentagon waren Schocks ganz anderer Art als die im Kubark-Handbuch, hatten aber bemerkenswert ähnliche Folgen: gründliche Desorientierung, extreme Furcht und Ängste, kollektive Regression. (...)
Genau das unterscheidet die Regierung Bush von ihren Vorgängern: Nach den Angriffen vom 11. September wagte sie es, ohne sich zu schämen, das Recht auf Folter für sich zu beanspruchen. (66)

Der Australier Mamdouh Habib, der dort einsaß, hat gesagt: Guantánomo Bay ist ein Experiment ... und sie experimentieren mit Gehirnwäsche. (69)

Camerons Theorien basierten auf der Vorstellung, seine Patienten mit Schocks in einen chaotischen regressiven Zustand zu versetzen, der die Grundlage für die durch ihn bewirkte Wiedergeburt als gesunde Modellbürger sein sollte. (72)

FRIEDMANN

Ein Gutteil es Purismus ging auf Friedrich von Hayek zurück, Friedmans persönlichen Guru, der in den fünfziger Jahren eine Zeit lang gleichfalls an der University of Chicago lehrte. (81)

Die dreißiger, vierziger und frühen fünfziger Jahre waren eine Zeit es uneingeschränkten faire, des Machens: Dem Wir-schaffen-das-Ethos des New Deal folger die Kriegswirtschaft, Arbeitsbeschaffungsprogramme wurden aufgelegt, um dringend benötigte Jobs bereitzustellen, neue Sozialprogramme ins Leben gerufen, um gegenzusteuern, das sich immer mehr Menschen der radikalen Linken zuwandten. (82)

In den fünfziger Jahren hatten Argentinien die größte Mittelschicht des Subkontinente, im Nachbarland Uruguay konnten 95 Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben, und allen stand ein kostenloses Gesundheitssystem zur Verfügung. (84)

(...) skizzierte Friedmann in seinem ersten populären Buch, Kapitalismus und Freiheit, was weltweit zum Katechismus des freien Marktes werden und in den Vereinigten Staaten zum Wirtschaftsprogramm der neokonservativen Bewegung werden sollte.
Erstens: Regierungen müssen alle Regeln und Regulierungen streichen, die der Akkumulation von Profiten im Wege stehen.
Zweitens: Sie sollten alles verkaufen, was profitorientiert von Unternehmen betrieben oder erledigt werden kann.
Drittens: Sie sollten die Sozialausgaben drastisch zurückfahren. (85)

CHILE

Ziel des Chile-Projektes war, ideologische Streiter auszubilden, mit denen man den Kampf der Ideen gegen südamerikanisch rosaroten Ökonomen gewinnen würde.
Offiziell wurde das Programm 1956 gestartet, zwischen 1957 und 1970 erwarben einhundert chilenische Studenten höhere Abschlüsse an der University of Chicago, (...).
1965 wurde das Programm auf Studenten aus ganz Lateinamerika ausgedehnt, besonders viele kamen aus Argentinien, Brasilien und Mexiko. (...)
Das war eine verblüffende Leistung: In bloß einem Jahrzehnt war die ultrakonservative University of Chicago das Hauptziel für Lateinamerikaner geworden, die im Ausland Wirtschaftswissenschaften studieren wollten, (...) (90-91)

1968 waren 20 Prozent aller US-amerikanischen Auslandsinvestitionen in Lateinamerika gebunden, und amerikanische Firmen unterhielten dort 5436 Tochterunternehmen. Diese Investitionen brachten schwindelerregende Profite. Bergbaugesellschaften hatten in den vergangenen 50 Jahren eine Milliarde Dollar in die chilenische Kupferindustrie investiert - die größte der Welt -, aber 7,2 Milliarden Dollar an Gewinnen nach Hause überwiesen. (96)

Eine Zeit lang gingen die Putschplanungen zwei getrennte Wege: Das Militär betrieb die Auslöschung von Allende und seinen Anhängern, und die Ökonomen verfolgten die Auslöschung deren von Ideen. (104-105)

Der Schock des Putsches bereitete der wirtschaftlichen Schocktherapie den Boden, der Schock der Folterkammern terrorisierte alle, die daran dachten, sich den wirtschaftlichen Schocks in den Weg zu stellen. Aus diesem Experimenten in vivo ging der erste Staat der Chicagoer Schule hervor, der erste Siege der globalen Gegenrevolution. (106)

Im Gegensatz zum Nachbarland Argentiniern, das in den zurückliegenden Jahrzehnten sechs Militärregierungen gehabt hatte, hatte Chile keinerlei Erfahrungen mit dieser Art von Gewalt; das Land hatte sich 160 Jahre friedlicher demokratischer Herrschaft erfreut, davon die letzten 41 Jahre ohne Unterbrechung. (110)

Die Regierung umzubringen und wegzusperren reichte Chiles neuer Junta jedoch nicht. Ihr Machterhalt, das wussten die Generäle, hing davon ab, das die Chilenen wirklich Angst hatten - wie die Menschen in Indonesien. In den folgenden Tagen wurden 13.500 Zivilisten verhaftet, mit Lastwagen weggeschafft und eingekerkert, besagt ein freigegebener CIA-Bericht. (111)

Im März 1975 flogen auf Einladung einer großen Bank Milton Friedman und Arnold Harberger nach Santiago, um das Experiment retten zu helfen. (...) Er verlangte eine Schockbehandlung. Er sagte dies sei die einzige Medizin. Absolut. Es gibt keine ander langfristige Lösung. (116)

1976 wurde das Experiment auf Argentiniern ausgeweitet, nachdem eine Junta Isabel Perón gestürzt hatte. Das bedeutete, Argentinien, Chile, Uruguay und Brasilien - zuvor Ashängeschilder des Developmentalismus - wurden jetzt allesamt von Militärregierungen - die von den USA unterstützt wurden - geführt und waren lebende Versuchslabors der Chicagoer Wirtschaftsdoktrin. (126)

1941 hatte Hitler verfügt, dass Widerstandskämpfer in den von den Nazis besetzten Gebieten bei Nacht und Nebel nach Deutschland gebracht werden sollten. Mehrere hochrangige Nazis waren später nach Chile und Argentinien geflohen, und es wird darüber spekuliert, dass die den Geheimdiensten im südlichen Lateinamerika solche Strategien beibrachten. (132)

(...) typischen, im Kubark-Handbuch der CIA festgelegten Methoden: Verhaftungen früh am Morgen, Kapuzen über den Köpfen, gründliche Isolierung, Drogen und Medikamente, erzwungene Nacktheit, Elektroschocks. Und überall findet sich das schreckliche Erbe der McGill-Experimente mit absichtlich herbeigeführten Regressionen. (133)

Im Libertad-Gefängnis [Uruguay] arbeitete die Verwaltung eng mit Verhaltenspsychologen zusammen, um Foltertechniken zu entwickeln, die für jeden einzelnen Gefangenen psychologisch maßgeschneidert waren; dieselbe Methode kommt heute in Guantánamo Bay zur Anwendung. (134)

Wie viele Menschen in den Folterkammern des südlichen Lateinamerikas misshandelt wurden, lässt sich unmöglich genau berechnen, aber die Zahl liegt vermutlich zwischen 100.000 und 150.000, von denen Zigtausende starben. (135)

In Argentinien jedoch war die einheimische Tochterfirma von Ford am offensichtlichsten mit dem Terrorapparat verbandelt. Das Unternehmen lieferte dem Militär Kraftfahrzeuge, und die grüne Ford-Falcon-Limosusine war das Auto, in dem Tausende entführt wurden und verschwanden. (...) Ein Todesmobil. (155)

So wurde die Ford Foundation, (...), die wichtigste Finanzierungsquelle zur Ausbreitung der Chicagoer Ideologie in ganz Südamerika, wichtiger sogar noch als die US-Regierung. (...)
Ford hatte die Wirtschaftsfakultät der Universität von Indonesien von Anfang an mit aufgebaut, und als Suharto an die Macht kam, wurden fast alle Ökonomen, die das Programm hervorgebracht hatte, in die Regierung berufen, (174)

Thatchers erfolgreiche Nutzbarmachung des Falklandkrieges war der erste definitive Beweis, das ein Wirtschaftsprogramm der Chicagoer Schule keine Militärdiktaturen braucht, um Fortschritte zu machen. Sie hatte gezeigt, dass man mit einer hinreichend großen politischen Krise eine begrenzte Version von Schocktherapie auch in einer Demokratie anwenden kann. (...)
1982 schrieb Milton Friedmann seinen einflussreichen Absatz, der die Schockdoktrin am besten zusammenfasst: Nur eine Krise - eine tatsächliche oder empfundene - führt zu echtem Wandel. Wenn es zu so einer Krise kommt, hängt das weitere Vorgehen von den Ideen ab, die im Umlauf sind. Das ist meiner Ansicht nach unsere Hauptfunktion: Alternativen zur bestehenden Politik zu entwickeln, sie am Leben und verfügbar zu halten, bis das politisch Unmögliche politisch unvermeidlich wird. (197)

Es war augenscheinlich, dass in Bolivien die Hyperinflation dieselbe Rolle gespielt hatte wie Pinochets Krieg in Chile und der Falklandkrieg für Margaret Thatcher - nämlich den Kontext für Notstandsmaßnahmen geschaffen, einen Ausnahmezustand, während dessen die Regeln der Demokratie außer Kraft gesetzt und die wirtschaftliche Kontrolle vorübergehend dem Expertenteam in Gonis Wohnzimmer übergeben werden konnte. (219)

(...) Argentiniens Auslandsschulden, die im Jahr vor dem Putsche 7,9 Milliarden Dollar betragen hatten, auf 45 Milliarden Dollar explodiert - (...). Ähnlich sah es in weiten Teilen Südamerikas aus. In Uruguay hatte die Junta bei der Machtergreifung eine halbe Milliarde Dollar Schulden übernommen, die sie auf fünf Milliarden Dollar ausbaute, eine ungeheure Belastung für ein Land mit gerade einmal 3 Millionen Einwohner. In Brasilien, dem schlimmsten Fall, hatten die Generäle bei ihrer Machtergreifung 1964 geordnete Finanzen versprochen, es aber geschafft, den Schuldenberg bis 1985 von drei Milliarden auf 103 Milliarden Dollar anwachsen zu lassen. (...)
Von erheblichen Gewicht war dabei, dass viele der Auslandskredite direkt an das Militär und die Polizei geflossen waren - um Waffen, Wasserwerfer und hochmoderne Folterlager zu bezahlen. (220)

Chicagoer besetzten noch viele weitere Positionen beim IWF, (...). (227)

Die Kolonisierung der Weltbank und des IWF durch die Chigagoer Schule vollzog sich größtenteils unbeachtet, wurde aber 1989 offiziell, als John Williamson das vorstellte, was er den Washingtoner Konsens nannte. (...) Zu diese - als technisch und unstrittig dargestellten Grundsätze - zählten unverhohlen ideologische Behauptungen wie alle Staatsunernehmen sollten privatisiert werden und Barrieren, die den Marktzugang für ausländische Firmen behindern, sollten abgeschafft werden. Die komplette Liste lief auf nichts anderes hinaus als Friedmans neoliberales Triumvirat von Privatisierung, Deregulierung/Freihandel und drastischen Einschnitten bei den Staatsausgaben. Diese Strategien, sagte Wiliamson, seine Lateinamerika von den maßgeblichen Stellen in Washington dringend empfohlen worden. Joseph Stieglitz, ehemaliger Chefökonom der Weltbank und eine der letzten Bastionen gegen die neue orthodoxe Lehre, schrieb: Keynes würde sich im Grab umdrehen, könnte er sehen, was aus seinem Kind geworden ist. (229)

Anfang der neunziger Jahre verkaufte der argentinische Staat die Reichtümer des Landes so rasch und so vollständig, dass das Projekt bei weitem das übertraf, was ein Jahrzehnt zuvor in Chile geschehen war. Bis 1994 waren 90 Prozent aller Staatsunternehmen an private Gesellschaften verkauft, (...). (234)

Polen wurde ein Musterbeispiel für Friedmans Krisentheorie (252)

(...) Deng begeisterte sich für einen Wechsel zum korporatistischen Wirtschaftssystem - und war so sehr, dass seine Regierung 1980 Milton Friedman nach China eingeladen hatte, damit der Hunderte von hochrangigen Staatsbeamten, Professoren und Parteiökonomen die Grundlagen der Theorie des freien Marktes lehrte. (258)

Diese Reformwelle war es, die China in die Ausbeuterfabrik der Welt verwandelte; (285)

In den zwei Jahren nach der ersten Reformrunde [in Polen] ging die Industrieproduktion um 30 Prozent zurück. Aufgrund der Sparmaßnahmen der Regierung und der ins Land strömenden billigen Importe schoss die Arbeitslosigkeit in den Himmel; 1993 lag sie in einigen Gegenden bei 25 Prozent - (...). (267)

Doch der ANC hatte nicht nur die Zentralbank aufgegeben, sondern als Nächstes auch zugestanden, dass Derek Keyes, der weiße Finanzminister unter der Apartheid, seinen Posten behalten könne - genau wie der Finanzminister und der Zentralbankchef der argentinischen Diktatur es irgendwie schafften, unter der Demokratie ihre Jobs wiederzubekommen. (281)

[langjähriger Apartheitskämpfer Rassool Snyman:] Sie haben uns niemals befreit. sie haben uns nur die Kette vom Hals genommen und sie an unseren Füßen festgemacht. (...) Dieser Prozess der Infantilisierung ist bei Ländern im sogenannten Übergang weit verbreitet - neue Regierungen bekommen zwar die Hausschlüssel, aber nicht die Kombination für den Safe. (...)

(...) Chigago Boys in Chile, die als Erste den Kapitalismus demokratiesicher machten, bzw. das aufbauten, was sie neue Demokratie nannten. (...)
Sie hatten für diesen Prozess eine ganze Reihe von Begriffen: Aufbau einer technifizierten Demokratie oder einer geschützten Demokratie (...).
(284)

Nach einem Jahrzehnt ANC-Regierung waren Millionen Menschen die neuen Wasser- und Stromanschlüsse wieder abgestellt worden, weil sie die Rechnungen nicht bezahlen konnten. Mindestens 40 Prozent der neuen Telefonanschlüsse waren bis zum Jahre 2003 wieder tot. (...) 2005 waren nur vier Prozent der börsenorientierten Unternehmen im Besitz von Schwarzen oder wurden von ihnen geleitet. (...)
Die deprimierende Statistik ist vielleicht diese: Seit 1990, als Mandela aus dem Gefängnis kam, ist die durchschnittliche Lebenserwartung der Südafrikaner um 13 Jahre zurückgegangen. (287)

Die Bestie de Marktes war von der Leine losgelassen, erklärte Mbeki, zähmen ließ sie sich nicht, man konnte sie nur mit dem füttern, was sie verlangte: Wachstum und noch mehr Wachstum. (290)

Im Juni 1996 legte Mbeki die Ergebnisse vor: Es waren ein neoliberales Schocktherapieprogramm für Südafrika, das mehr Privatisierung verlangte, Einschnitte bei den Regierungsausgaben, Flexibilisierung der Arbeit, freierer Handel und noch weniger Kontrolle des Kapitalverkehrs. (292)

Der ANC brach nicht nur Mandelas ursprüngliches Versprechen - die Verstaatlichung der Minen, Banken und Monopolindustrien -, sondern tat wegen der Schulden auch das genaue Gegenteil: Er verkaufte staatliche Aktivposten, um die Schulden seiner Unterdrücker abzuzahlen. (296)

Russland

An dem Tag, da Jelzin das Ende der Sowjetunion verkündete, befand sich auch Jeffrey Sachs im Kreml. (...) Jelzin hatte Sachs eingeladen, in Russland als Berater zu arbeiten, und Sachs war dazu nur allzu gern bereit: Wenn Polen das schafft, dann kann es auch Russland schaffen, erklärte er.. (307/308)

Im September 1999 wurde das Land von einer Serie überaus grausamer Terroranschläge erschüttert: Scheinbar aus heiterem Himmel wurden nachts vier Mietshäuser in die Luft gejagt, wobei fast 300 Menschen starben. Was folgt, dürfte seit dem 11. September 2001 allen Amerikanern bekannt vorkommen: Jedes andere Thema wurde von der politischen Tagesordnung verdrängt, (...). (328)

Da der Krieg in Tschetschenien eine gründliche Debatte ausschloss, arrangierten mehrere Oligarchen eine unauffällige Machtübernahme von Jelzin an Putin am 31. Dezember 1999, Wahlen waren nicht nötig. (329)

Noch nie haben so viele Menschen in so kurzer Zeit ohne größere Hungersnöte, Seuchen oder Kriege ihr Leben verloren. Bis 1998 waren über 80 Prozent der russischen Bauernhöfe bankrott, uns rund 70.000 staatliche Fabriken waren geschlossen, was zu einer Epidemie an Arbeitslosigkeit führte. Im Jahre 1989, vor der Schocktherapie, lebten in der Russischen Föderation zwei Millionen Menschen in Armut (...). Als die Schocktherapeuten Mitte der neunziger Jahre ihre bittere Pillen verabreicht hatten, lebten der Weltbank zufolge 74 Millionen Russen unter der Armutsgrenze. Das heißt, dass die russischen Wirtschaftsreformen für die Verarmung von 72 Millionen Menschen in bloß acht Jahren verantwortlich waren. 1996 lebten 25 Prozent aller Russen - fast 37 Millionen Menschen - in so ärmlichen Verhältnissen, dass ihre Lage als verzweifelt beschrieben wurde. (330) [Zahlreiche Quellen auf S. 695, Anm. 79)

1990 war nur eine mexikanische Bank in ausländischem Besitz, aber bis 2000 waren 24 von 30 in ausländischem Händen. (337)

In einem Vortrag vor der Internationalen Economic Association 1995 in Tunis, (...), sagte Bruno [Michael Bruno, Chefökonom für wirtschaftliche Entwicklung der Weltbank] vor 500 Ökonomen aus 68 Ländern, man sei sich zunehmend einig, dass eine genügend große Krise ansonsten zögerliche politische Entscheidungsträger so schockieren kann, das sie Reformen einführen, welche die Produktivität erhöhen. (359) [Quelle auf S. 697)

Alles in allem kam es in Indonesien, Thailand, Südkorea, Malaysia und den Philippinen innerhalb von bloß zwanzig Monaten zu 186 größeren Fusionen und Übernahmen durch ausländische Multis. (383)

George W. Bush tat sich als Gouverneur nicht sonderlich hervor, doch auf einem Gebiet glänzte er: in der Überantwortung diverser Funktionen des Staates, (...), an private Unternehmen, (...). In seiner Amtszeit als Gouverneur stieg in Texas die Zahl der Privatgefängnisse von 22 auf 42, was die Zeitschrift The American Prospect zu der Bemerkung veranlasste, Bushs Texas sei die Welthauptstadt der Privatgefängnisbranche. (408)

Vom 20. März bis zum 2. Mai [2003], den Wochen des Hauptkampfes, warfen die US-Streitkräfte insgesamt [im Irak] über 30.000 Bomben ab. Außerdem setzten sie 20000 präzisionsgelenke Cruise Missiles ein, das waren 67 Prozent aller jemals hergestellten Marschflugkörper dieser Art. (462)

Die vielen hundert Plünderer, die im irakischen Nationalmuseum antiker Keramiken zertrümmerten, Schaukästen ausräumten und Gold oder andere Kostbarkeiten an sich brachten, rauben nichts Geringeres als die Hinterlassenschaft der ersten menschlichen Zivilisation, schrieb die Los Angeles Times. Es verschwanden 80 Prozent der 170000 unschätzbar kostbaren Museumsstücke. Die Nationalbibliothek, in der Exemplare aller jemals im Irak erschienen Bücher und Dissertationen aufbewahrt wurden, war eine rauchgeschwärzte Ruine. (...) McGuire Gibson, ein Archaäologe von der University of Chicago, sprach von einem Vorgang, der einer Lobotomie gleichkommt. Das Tiefengedächtnis einer ganzen Kultur, sie seit Jahrtausenden besteht, ist entfernt worden. (469)

Zu den ersten verheerenden Anschlägen kam es im Irak kurz nachdem die Vereinigten Staaten im Juli 2003 das erste irakische Führungsgremium, den Irakischen Regierungsrat, bestimmt hatten: Zunächst wurde die jordanische Botschaft und wenig später das Bagdader UN-Hauptquartier in die Luft gesprengt (...). Der Zorn über die Zusammensetzung dieses Gremiums und über dessen Unterstützung durch die Vereinten Nationen war im Irak deutlich spürbar. (509)

Die Tausenden von Irakern, die bei den Razzien gefangen genommen wurden, überantworteten sie CIA-Agenten, amerikanischen Soldaten und privaten Sicherheitsfirmen, viele davon ohne jede Ausbildung, und ließen sie mit aggressiven Methoden verhören, um möglichst viele Informationen über den Widerstand zu erlangen. (...)
Wie der Journalist Jeremy Scahill berichtet, stellten Blackwater und andere Sicherheitsfirmen eigens für den Irak über 700 chilenische Militärs ein, viele davon Sondereinsatzkräfte, die zum Teil noch unter Pinochet gedient und dort ihre Ausbildung erhalten hatten. (512)

[Abu Ghureib] Wenn Verhörbeamte im schwarzen Raum harte Methoden gegen Gefangene einsetzen wollten, so ließen sie sich, wie Perry berichtete, an einem Computerterminal ein Formular ausdrucken, das gleichsam ein Foltermenü darstellte. (515)

Nach Angaben des Roten Kreuzes haben US-Militärs offiziell eingeräumt, dass 70 bis 90 Prozent der Verhaftungen im Irak, ein Irrtum waren. (...) Abu Ghureib ist eine Brutstätte für Aufständische ... Nach all diesen Erniedrigungen und Folter sind sie zu fast allem bereit. (517)

Seit der Invasion sind laut Schätzungen 300 irakische Akademiker von Todesschwadronen ermordet worden, darunter die Dekane mehrerer Universitäten, und Tausende flohen aus dem Land. Die Ärzte traf es noch schlimmer: Bis Februar 2007 wurden schätzungsweise 2000 Ärzte ermordet und 12 000 haben das Land verlassen. (522)

Private Sicherheitsfirmen strömten in den Irak, um Aufgaben zu übernehmen, die bis dahin von Soldaten ausgeführt worden waren - Personenschutz für hochrangige Persönlichkeiten, die Bewachung von Militäranlagen, Eskorten für die Beschäftigten ausländischen Unternehmen. (...)
Zu Beginn der Besatzung gab es im Irak schätzungsweise 10.000 Söldner, (...). Drei Jahre später befanden sich nach einem Bericht des US-Rechnungshofes 48.000 Söldner aus aller Welt im Irak. (529)

Je länger der Krieg dauerte, desto stärker wurde er privatisiert, und schon lange war dies einfach die neue Art der Kriegsführung. (...)
Zu Beginn der Irakinvasion 2003 hatte sich das Verhältnis Private : Soldaten sprunghaft auf 1:10 erhöht, und nach drei Jahren Besatzung lag das bei 1:3. Nicht einmal ein Jahr später, (...), erreichte das Verhältnis den Wert von 1:1,4 (...)
Bei den britischen Soldaten hat sich das Verhältnis längst zugunsten des privaten Sektors umgekehrt; dort kommen auf jeden Soldaten drei Briten, die für private Sicherheitsfirmen arbeiten. (532)

So schuf der Irakkrieg doch eine Modellökonomie, (...), das Modell eines privatisierten Krieges und Wiederaufbaus - das inzwischen sogar exportfähig ist. (535)

Sri Lanka (2005)

Das war der Grund dafür, dass die Fischer und ihre Familien, als sie nach Beendigung des Notstands dorthin zurückkehrten, wo ihre Hütten gestanden hatten, von Polizisten erwartet wurden, die sie daran hinderten, mit dem Wiederaufbau zu beginnen. Neue Vorschriften, sagte man ihnen - keine Wohnbauten mehr auf dem Strand, alles müsste mindestens einen Abstand von 200 Metern von der Hochwassermarke haben. Die meisten wären einverstanden gewesen, ein Stück vom Wasser weg zu bauen - aber dort gab es kein Land für sie. (542)

Offiziell verkündete die Regierung, die Pufferzone diene der Sicherheit; sie sollte eine erneute Katastrophe verhindern, falls wieder eine Tsunami käme. Auf den ersten Blick klang das einleuchtend, doch dies Begründung hatte eine eklatante Schwäche: Auf die Tourismusindustrie wurde si nicht angewandt. Im Gegenteil, Hotelbetreiber wurden geradezu ermuntert, in die wertvollen Lagen in Strandnähe hinein zu expandieren, wo bis dahin Fischer gelebt und gearbeitet hatten. Ferienanlagen waren komplett von der Pufferzonen-Regelung ausgenommen. (543)

Es waren die tränenüberströmten Gesichter dieser Fischerfamilien und anderer Betroffener in Thailand und Indonesien, die die beispiellose internationale Spendenlawine nach dem Tsunamie ausgelöst hatten. (...) Doch für  Gemeinden wie Arugam Bay lief der Wiederaufbau auf nichts anders hinaus als die vorsätzliche Zerstörung ihrer Kultur und Lebensweise und auf die Vertreibung von ihrem Land. (544)

Die ethnische Gegensätze, die die Region gespalten hatten, verschwanden plötzlich. "Die islamische Seite lief hinüber zur tamilischen Seite, um die Toten zu bestatten, erinnerte sich Kumari, und Tamilen liefen auf die islamische Seite, um zu essen und zu trinken. Menschen aus dem Landesinneren schickten Lebensmittel, zwei Essenspakete pro Tag von jedem Haus, was sehr viel war, denn sie sehr arm. Nicht dass sie irgendeine Gegenleistung dafür haben wollten; sie taten es einfach in dem Gefühl: Ich muss meinen Nachbarn helfen, wir müssen die Schwestern, die Brüder, die Töchter, die Mütter unterstützen. Das war alles." (546)

Statt nur endlos von Frieden zu reden, hatten es die Bewohner von Sri Lanka unter dem Eindruck ihrer schwersten Prüfung geschafft, Frieden tatsächlich zu leben. (547)

Den Plänen zufolge sollten die Urwälder Sri Lankas, die den Guerillakämpfern eine so perfekte Deckung geboten hatten, für Abenteuerurlauber und Ökotouristen erschlossen werden; (548)

Die Zukunft Sri Lankas lag, so die Überzeugung des ausländischen Berater, bei Hotelketten wie Aman Resorts, die vor kurzem an der Südküste zwei atemberaubende Objekte eröffnet haben, mit Planschbecken in allen Suiten und Zimmerpreisen von 800 Dollar pro Nacht.  (549)

Nur vier Tage nachdem der Tsunami zugeschlagen hatte, peitschte ihre Regierung ein Gesetz durchs Parlament, das den Weg für dir Privatisierung der Wasserversorgung ebnete, ein Projekt, gegen das die Bürger des Landes jahrelang Sturm gelaufen waren. (553)

Jede Katastrophe birgt in sich eine Chance für Auslandsinvestitionen, verkündete der guatemaltekische Außenminister beim Weltwirtschaftsforum in Davos 1999. (555)

Alle vom Tsunami betroffenen Länder legten Pufferzonen fest, um den Wiederaufbau von Stranddörfern zu verhindern und die Flächen für höherwertige Erschließungsmaßnahmen freizumachen (...). Dorfbewohner wurden daran gehindert, ihre Häuser wieder aufzubauen, dafür wurden Hotelbetreiber mit Investitionsanreizen geködert. (560)

Was das Kapitalschlagen aus der Tsunami betrifft, so kann sich keines der betroffenen Länder mit den Malediven messen, über die wir vielleicht am wenigsten von allen betroffenen Ländern wissen. Die Regierung begnügte sich  dort nicht damit, die arme Bevölkerung aus den küstennahen Siedlungen zu vertreiben, sondern nutze den Tsunami, um ihre Bürger von großen Teilen der bewohnbaren Zonen fernzuhalten.  (...) Fast 100 der Inseln sind reine Ferieninseln, (...), und sie alle befinden sich  fest in der Hand von Hotelkonzernen, Kreuzfahrtreedereien oder wohlhabenden Einzelpersonen. Manche sind für die Dauer von bis zu 50 Jahre verpachtet. (561)

Das Hotel Four Seasons bietet auf dem Meer schwimmende Schlafquartiere, das Hilton rühmt sich des ersten Unterwasser-Restaurants, errichtet auf einem Korallenriff. (...) In diesem Badeparadies kann von Bond'scher  Exklusivität kann eine Strandvilla bis zu 5000 Dollar pro Tag kosten. (vgl. z.B. https://www.privateislandsonline.com/) (562)

Nach dem Tsunami verkündete die Regierung Gyoom [Präsident der Malediven, dienstältesteter Regierungschef Asiens) sofort, die Katastrophe habe bewiesen, dass viele Inseln unsicher für Wohnzwecke ungeeignet seien, und startete ein weitaus aggressiveres Umsiedlungsprogramm als zuvor. (...) Mehrere Inseln sind seither bereits vollständig evakuiert worden, bei anderen ist dieser Prozess noch im Gang - mit dem willkommenen Effekt, dass mehr Platz für den Tourismus geschaffen wird.
Die Regierung der Malediven behauptet, ihr Programm sichere Inseln, das von der Weltbank und von anderen Institutionen unterstützt und finanziert, sei die Antwort auf den Wunsche der Bevölkerung, auf größeren und sicheren Inseln zu leben. (...)
Die Menschen haben keine keine andere Wahl als umzuziehen, das dies die Vorbedingung für neuen Wohnraum und Verdienstmöglichkeiten ist. (563)

Zu den direktesten Konfrontationen kam es in Thailand, wo Spekulanten binnen 24 Stunden nach der Katastrophe private bewaffnete Sicherheitsdienste losschickten und Areal einzuzäunen ließen, die sie für den Bau neuer Ferienanlagen ins Auge gefasst hatten. (564)

Im Verlauf der neunziger Jahre kehrten rund 1 Million Juden der ehemaligen Sowjetunion den rücken und ließen sich in Israel nieder. Diese Immigranten stellen heute über 18 Prozent der jüdischen Bevölkerung Israels. (608)

Unter den Hunderttausenden von Russen, die in den neunziger Jahren einwanderten, waren mehr bestens ausgebildete Naturwissenschaftler, als Israels führende Technische Hochschule in den 80 Jahren ihres Bestehens hervorgebracht hatte. (611)

Es ist kein Zufall, dass der Ausstieg der israelischen Regierung aus den Friedensverhandlungen zeitlich genau mit der Entscheidung des Staates Israel zusammenfiel, die Terrorismusabwehr zum Schwerpunkt der israelischen Exportwirtschaft zu machen. Damit einher ging der strategische Schritt, den Konflikt mit den Palästinensern nicht mehr als Kampf gegen eine nationalistische Bewegung zu verstehen, sondern als Teil des weltweiten Krieges gegen den Terror - (...). (620)

Dieser [weltweite] Krieg [gegen den Terror] ist keiner, den irgendein Land gewinnen kann, aber darum geht es auch gar nicht. Worum es geht, ist die Schaffung von Sicherheit im Inneren befestigter Staaten, die von endlosen, auf kleiner Flamme kochenden Konflikten außerhalb ihrer Mauern leben. (623)