Jonas Tögl: Kognitive Kriegsführung

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Neueste Manipulationstechniken als Waffengattung der NATO - Frankfurt/Main 2023 (Westend Verlag)

"Soft Power ist die Fähigkeit, andere zu überzeugen das zu tun, was du willst, ohne dass du Gewalt oder Zwang anwendest", erklärt der amerikanische Politikprofessor Joseph Nye [Nye, Joseph S. (2004). Soft Power: The means to success in world politics. Public Affairs, S. 11.]  (17)

In einem Lehrbuch zur Persönlichkeitspsychologie wird das so formuliert: "Inzwischen kann kein Zweifel mehr daran bestehen, das der weitaus größte Teil der menschlichen Informationsverarbeitung faktisch unterhalb des Bewusstseinsschwelle verläuft und auch bei größter willentlicher Anstrengung nicht ins Bewusstsein geholt werden kann". [Asendorpf, Jens (2005). Psychologie der Persönlichkeit. Springer Verlag, S. 24.] (20)

Bei Robert Cialdini, zu dessen Kunden u.a. die NATO gehört, klingt das weniger harmlos: Er spricht nicht von Werkzeugen, sondern von "Waffen der Einflussnahme". [Cialdini, Robert (2021). Die Psychologie des Überzeugens. Hogrefe Verlag, S. 19.] (21)

"Ich fand heraus, dass Ideen Waffen sind und sogar effektiver als Gewehrkugeln", so der Vater der Public Relations Edward Bernays. [https://www.youtube.com/watch?v=DhH41LgWzko] (21)

Eine späte Folge dieser Bemühungen war die Massenpsychologie. Sie hatte ihren Ursprung in Italien und Frankreich und entstand aus dem Wunsch heraus, die mächtige Bevölkerung in Zukunft besser beherrschen zu können. Damit wollte man "Individuen und etablierte Gesellschaftsschichten vor den unerwünschten Wirkungen der Massen [...] bewahren", [Lück, Helmut E. & Guski-Leinwand, Susanne (2014). Geschichte der Psychologie. W. Kohlhammer Verlag, S.46.] man wollte also die Mächtigen der damaligen Zeit davor schützen, ihre Macht zu verlieren.
Einer der bekanntesten Forscher zur Massenpsychologie war der französische Arzt und Soziologe Gustave Le Bon. (44)

So wurden seine [Le Bons] Ideen in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts beispielsweise von Walter Lippmann aufgegriffen und schufen die Basis eines ganz neuen Verständnisses von Demokratie und Öffentlichkeit. Ein Teil der Sozialwissenschaften berief sich auf auf Le Bons abschätzige Meinung von der Masse und nutzte die neuen Erkenntnisse weniger zur Schaffung einer "informierten Öffentlichkeit", sondern vielmehr, "um soziale Kontrolle zu etablieren". [Ewen, Stuart (1996). PR! A social History of Spin. BasicBooks, S. 64.] (45)

Im Zusammenhang mit diesen Experimenten gewann Pawlow im Jahre 1904 den Nobelpreis für Medizin. Der Grundgedanke, dass Dinge, die ständig wiederholt und mit einander verbunden werden, sich auch in den Köpfen der Menschen ganz unbewusst verbinden, ist eine wichtige und bis heute bedeutsame Erkenntnis der behavioristischen Psychologie. Man nennt diese Art von Lernen auch klassisches Konditionieren. [Wirtz, Markus A. (Hrsg.) (2020). Dorsch - Lexikon der Psychologie. Hogrefe, S. 971 f.]
Darüber hinaus gibt es noch das operante Konditionieren, hinter dem sich ebenfalls eine simple Idee verbirgt: Menschen lernen auch durch Belohnung oder Bestrafung. Wird ein Verhalten belohnt, dann wird es wahrscheinlich wieder ausgeführt. Wenn es bestraft wird, dann sind die Wahrscheinlichkeit dafür. [Wirtz, Markus A. (Hrsg.) (2020). Dorsch - Lexikon der Psychologie. Hogrefe, S. 971 f.] (47)

Als Cialdini eine seiner Waffen der Einflussnahme (Weapons of Influence) vorstellte und erklärte, dass Menschen sich beispielsweise stark von dem Rat von Experten beeinflussen lassen und weniger über vor- und Nachteile nachdenken, wenn ein anerkannter Spezialist seine Empfehlungen ausgesprochen hat, (...). [https://vimeo.com/280571797] (48)

Die Kämpfe der Streikenden mit der Natinalgarde führten schließlich dazu, dass die Soldaten am 20. April 1914 eine Zeltstadt der Streikenden mit Maschinengewehrfeuer eindeckten und die Zelte der Menschen anzündeten. Am nächsten Tag fand man die Leichen von elf Kindern und zwei Frauen. Das Ereignis wurde als das Massaker von Ludlow (Ludlow Massacre) bekannt und führte zu Unruhen und Aufständen im ganzen Land. (50)

In seinen Mitteilungen bezeichnete Lee [Ivy Lee] die Ereignisse in Colorado (Ludlow Massacre) als "Kampf für die Freiheit der Industrie", über die er mit Fakten informieren wollte. [Gittelman, Howard M. (1988). Legacy of the Ludlow Massacre. A Chapter in American Industrial Relations. University Pennsysvania Press. S. 92f.]
Die Idee, Faktenchecks zu wichtigen Ereignissen zu veröffentlichen, ist folglich nicht neu. (...) Der Trick von Lees Faktencheks war, dass die Fakten zwar alle stimmten und Lee nichts Falsches sagte. Er ließ jedoch viele Dinge weg und gab nur das weiter, was seinem Auftraggeber nützte. (...)
Menschen können durch Informationen beeinflusst werden, egal ob diese selbst wahr oder falsche sind oder ob das Gesamtbild, das sie zeigen, wahr oder falsch ist. (52)

Ein weiteres Mittel, um die Verbindung Rockefeller-Räuberbaron zu lösen und die Verbindung Rockefeller-Wohltäter in den Köpfen der Menschen zu verankern, war die Rockefeller-Familienstiftung. Sie war 1913 unter anderem von Rockefelle Junior und seinem Vater gegründet worden. (...) Die familieneigene Stiftung wurde wie ein Wirtschaftsunternehmen geführt, um das Wohlergehen der Menschheit auf der ganzen Welt zu fördern, wie die Stiftung sagt. (...)
Das war die Geburtsstunde eines weiteren Grundsatzes der PR: "Tu Gutes und rede darüber", der bis heute gilt. [Kunczik, Michael (2010). Public Relatons. Konzepte und Theorien. Böhlau Verlag, S. 251.] (53)

"Wir dürfen jetzt keine Kritik haben", zitierte die New York Times im Jahr 1917 den ehemaligen Kriegsminister, der hinzufügte, man sollte Kritiker am besten wegen Hochverrats erschießen. [Zinn, Howard (1980). A People's History of the United States. Harper Colophon Books, S. 359.] (57)

Darüber hinaus wurde 1917 das sogenannte Spionagegesetz erlassen, das sich jedoch nicht gegen Spionage richtete. "Das Spionagegesetz wurde benutzt, um Amerikaner einzusperren, die sich gegen den Krieg aussprachen, erklärt der Historiker Howard Zinn. [Zinn, Howard (1980). A People's History of the United States. Harper Colophon Books, S. 356.] (57)

"Die Bevölkerung muss auf ihren Platz verwiesen werden, [...] so dass jeder von uns frei von dem Getrampel und Gebrüll der verwirrten Herde leben kann," so Lippmann im Jahr 1925. [Lippmann, Walter (1925/1993). The Phantom Public. Transaction Publishers, S. 145.] (...)
Obschon die Massenpsychologie heute in der Forschung als überholt gilt, taucht die Idee der irrationalen Bevölkerung, die man - zu ihrem eigenen Besten - lenken muss, auch in der aktuellen Forschung zu Soft Power immer wieder auf. [Thaler, Richard H. & Sunstein, Cass R. (2019). Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt. Ullstein Taschenbuch.] (61)

Solomon Asch konnte in seinem bekannten Asch-Experiment während der 1950er Jahre zeigen, wie stark sich Menschen durch andere Menschen beeinflussen lassen. [Asch, Solomon E. (1951), Effects of group pressure upon the modification and distortion of judgements. Groups, leadership, and men, S. 177-190] (66)

(...) Mehrheitseffekt: "Ein beträchtlicher Anteil der [...] Versuchspersonen gab dem Druck der Mehrheit nach", erklärte Solomon Asch. Das bedeutet, dass sich die eigentlichen Versuchspersonen der offensichtlichen falschen Mehrheitsmeinung anschlossen. Dabei spielte es kaum eine Rolle, ob die Striche offensichtlich falsch waren - selbst wenn man die Länge der Linien noch unterschiedlicher machte, kam es zu ähnlichen Ergebnissen, sobald die Versuchsperson der Außenseiter bei einer Mehrheit von mindestens drei Personen war. (...)
In der heutigen Forschung bezeichnet man diesen Konformitätsdruck daher auch als Mitläufer-Effekt. [Schmitt-Beck, Rüdiger (2015). Brandwagon effect. The international encyclopadia of political communication, 1-5; Wirtz, Markus A. (Hrsg.) (2020), Dorsch - Lexikon der Psychologie. Hogrefe, S. 254] (...)
(...) amerikanischen Soft-Power-Forscher Thaler und Sunstein über das Asch-Experiment. "Wir [Menschen] lassen uns leicht von unseresgleichen beeinflussen", schreiben die beiden Amerikaner in ihrem Kapitel Der Herde folgen. [Thaler, Richard H. & Sunstein, Cass R. (2019). Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt. Ullstein Taschenbuch, S. 82] (67)

[Status quo Bias]: Menschen halten gerne an dem fest, was sie haben, und rechtfertigen oder verteidigen ihre bekannte Welt. [Samuelson, William & Zeckhauser, Richard J. (1988). Status quo bias in decision making. Journal of risk and uncertainty, 1, S. 7-59.] (68)

[Milgram Experiment]: Dennoch verabreichten über die Hälfte der Versuchspersonen bei diesem Versuch die (tödliche) Menge von 450 Volt, alle gingen bis mindestens 135 Volt. [Milgram, Stanley (1974/2017). Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität. Rowohlt, S. 51]

Ein paar einflussreiche Leute, die man als Führsprecher für eine Sache gewinnt, haben einen ähnlichen Effekt, erklären sie in ihrem Buch Nudge. [Thaler, Richard H. & Sunstein, Cass R. (2019). Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt. Ullstein Taschenbuch, S. 88]
In der (Kriegs-)Propaganda ist daher neben dem Verwenden bezahlter Influencer das Auf- und Abwerten von einzelnen Führungspersönlichkeiten ein besonders beliebtes Mittel. (72)

Die Aufmerksamkeit ist also wie der Arbeiter am Fließband, der entscheidet, welche der 10.000 Eindrücke auf das Fließband gelegt werden. Die 7 Pakete, welche weiterverarbeitet werden, bleiben ungefähr 20 Sekunden in unserm Gedächtnis, und wenn wir sie nicht wiederholen, werden sie von neuen Paketen verdrängt, die auf dem Fließband ankommen. [Mietzel, Gerd (2017). Pädagogische Psychologie des Lernen und Lehrens. Hogrefe. S. 318 ff.] (91)

Außerdem transportiert das Band gerne die Pakete (also Informationen) weiter, die es schon kennt und die vielleicht so ähnlich schon im nächsten Raum liegen, die also im Langzeitgedächtnis gespeichert sind. Das führt zu dem sogenannten Confirmation Bias oder Bestätigungsfehler. [Peters, Uwe (2020). What is the function of confirmation bias? Erkenntnis, 1-26.] Dieser bedeutet, dass wir uns lieber mit Dingen beschäftigen, die wir schon kennen oder die unsere Meinung oder unser Weltbild bestätigen, als mit unbekannten Informationen oder solchen, welch unseren bisherigen Überzeugungen widersprechen oder vorhanden Meinungen und Glaubenssätze in Frage stellen. (...) "Psychologen haben gezeigt, dass Menschen, wenn sie etwas lesen, nur das glauben, was sie vorher schon glauben, und dass sie nichts akzeptieren, was sie nicht bereits glauben [...]", so der begründer der modernen Propaganda [Edward Bernays]. [https://vimeo.com/280571797]

Durch das gezielte Ausnutzen des Bestätigungsfehlers und die Bezeichnung als "Verschwörungstheorie" ist es daher möglich, manche Menschen vor diesen Themen zu schützen oder sie von ihnen fernzuhalten.
Man kann Menschen mit dieser Technik auch gegen bestimmte Gedanken oder Argumente impfen, so die Idee, an der gerade verstärkt geforscht wird (...) (94)

Diese frühzeitige Impfung gegen Desinformation ist ebenfalls Bestandteil von Forschung der NATO, wie ein am 29. Oktober 2021 veröffentlichter Artikel von Stratcom zeigt. [Roozenbeek, Jon & von der Linden, Sander (29. Oktober 2021). Inoculation Theory and Misinformation. NATO StratCom COE] (95)

(...) wenn man die Wahrnehmung der Menschen durch die einseitige Auswahl der Informationen so beeinflusst, dass kein Verständnis und keine Empathie für das Gegenüber mehr vorhanden sind, wird der Weg zum Frieden immer schwieriger. (...)
"Der Bereich der Ablenkung ist einer der Hauptaspekte der Kognitiven Kriegsführung und besteht unter anderem aus Aufmerksamkeitsverschmutzung durch Ablenkung der Aufmerksamkeit."  [Claverie, Bernard (2022). What is Cognition? And how to make it one of the Ways of War. In Claverie, Bernard; Prébot,Baptiste; Buchler, Norbou & Du Cluzel, Francois (Hrsg.), Cognitive Warfare: The Future of Cognition Dominace. NATO-STO Collaboration Support Office (S. 39-58), S. 43.] (...)
Ist der Fließbandarbeiter so mit unwichtigen Paketen beschäftigt, dass er müde wird, dann kann er wirklich wichtige Informationen übersehen. (97)

"Durch die Ausnutzung der Informationstechnologie möchte [der Cognitive Warfare] Verwirrung hervorrufen [...] und Unsicherheit, mit einer Flutwelle an Informationsüberfluss oder Fehlinformation. Das erreicht man dadurch, dass man die Aufmerksamkeit auf falsche Ziele lenkt, das man Ablenkungen hervorruft, falsche Narrative erzeugt [...], um kurz- und langfristige Ziele zu erreichen", erklärt die NATO im Dossier zur Cognitive Wafare. [Autellet, Erich (2022). Cognitive Warfare - Contribution of the French Armed Forces Deputy Chief of Defence. In Claverie, Bernard; Prébot,Baptiste; Buchler, Norbou & Du Cluzel, Francois (Hrsg.), Cognitive Warfare: The Future of Cognition Dominace. NATO-STO Collaboration Support Office (S. 23-24), S. 21.]

"Wir haben ungefähr 4000-5000 Datenpunkte über jeden Erwachsenen in den USA", freut sich Nix, daher wurden auch die Soft-Power-Werkzeuge für jede Person passend herausgesucht. Diese ganz individuelle Beeinflussung nennt sich Mikro-Targeting. [Concordia (27. September 2016)] (121)

Ein konkretes Beispiel für eine gezielte Manipulation der Suchergebnisse erläuterte die Untergeneralsekretärin für globale Kommunikation bei der UN, Melissa Fleming, in einem Interview zum Thema Desinformation. Sie erklärte, dass beim Thema Klimawandel die UN die Suchergebnisse von Google manipulieren ließ: "Wir sind eine Partnerschaft mit Google eingegangen. Wenn Sie zum Beisiel den Klimawandel googeln, werden Sie ganz oben in ihrer Suche alle möglichen UN-Ressourcen finden. Wir haben diese Parnterschaft begonnen, als wir schockiert feststellten, dass wier bei der Suche nach Klimawandel ganz oben unglaublich verzerrte Informationen erhielten. Wir werden jetzt viel proaktiver. [...] Hier handelt es sich um eine große, große Herausforderung und ich denke, dass alle Bereiche der Gesellschaft hier sehr aktiv sein müssen", so Fleming über die Nutzung der Erkenntnisse zur Wirksamkeit der digitalen Manipulation über Google. [Pommeroy, robin (30. September) 2022). Tackling disinformation - how can we combat the lies that go viral? World Economic Forum.

 

 

 

 

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