Die moralischen Grenzen des Marktes - Ullstein Verlag, Berlin 2012
Wunderbares Buch von Sandel, in dem er mit vielen Beispielen zeigt, wie das marktwirtschaftliche Denken in den letzten 20 Jahren nahezu alle Bereiche des Leben durchdrungen und vereinnahmt hat.
- "Als der Kalte Krieg zu Ende ging, erfreuten sich die Märkte und das Marktdenken verständlicherweise eines hohen Ansehens. Kein anderes Organisationsprinzip hat bei der Produktion und Verteilung von Gütern ähnlich viel Überfluss und Wohlstand hervorgebracht. doch während sich immer mehr Länder in aller Welt auf die Marktmechanismen verließen, geschah noch etwas anderes. Im Leben der Gesellschaft begannen die Wertvorstellungen des Marktes eine immer größere Rolle zu spielen. Ökonomie wurde zu einer Herrschaftswissenschaft. Inzwischen gilt die Logik des Kaufens und Verkaufens nicht mehr nur für materielle Güter - sie lenkt zunehmend das Leben insgesamt. Es wird Zeit, uns zu fragen, ob wir so wirklich leben wollen." (12)
- "Die schicksalhafteste Änderung der letzten drei Jahrzehnte war nicht die Zunahme der Gier. Es war die Ausdehung der Märkte und ihrer Wertvorstellungen in Lebensbereiche, in die sie nicht gehören.
Um diesen Zustand zu ändern, müssen wir mehr tun, als gegen die Gier zu wettern; wir müssen die Rolle überdenken, die die Märkte in unserer Gesellschaft spielen sollten. Wir brauchen eine öffentliche Debatte darüber, was es heißt, die Märkte in ihre Schranken zu weisen. Und als Voraussetzung für diese Debatte müssen wir die moralischen Grenzen der Märkte durchdenken. Wir müssen uns fragen, ob es Dinge gibt, die für Geld nicht zu haben sein sollten.
Das Übergreifen von Märkten und marktorientiertem Denken aus Aspekte des Lebens, die bislang von Normen außerhalb des Marktes gesteuert wurden, ist eine der bedeutsamsten Entwicklungen unserer Zeit." (13, 14) - "Der Reiz der Märkte besteht unter anderem darin, dass sie keine Urteile zu den von ihnen befriedigten Vorlieben abgeben. Sie fragen nicht danach, ob bestimmte Güter höher oder anders bewertet werden sollten als andere. Wenn jemand bereit ist, für Sex oder ein Niere zu bezahlen, so fragt der Ökonom nur: Wie viel?" (22)
- "In Flughäfen und Vergnügungsparks, in den Fluren des amerikanischen Kongresses und den Wartezimmern der Ärzte wird die Ethik der Warteschlange - immer der Reihe nach - durch die Ethik des Marktes ersetzt: Man bekommt, was man bezahlt hat." (39)
- "Märkte und Warteschlangen sind natürlich nicht die einzigen Wege der Zuteilung. Manche Güter werden auch nach Leistung vergeben, andere nach der Bedürftigkeit, über eine Lotterie oder durch den Zufall. (...) Die Neigung der Märkte, Warteschlangen und andere nicht vom Markt bestimmte Formen der Güterzuteilung durch finanzielle Lösungen zu ersetzen, ist allerdings so tief in das moderne Leben eingedrungen, dass wir sie kaum mehr bemerken." (54, 55)
- "Die Korruption besteht darin, dass etwas gehandelt wird (etwa ein Gerichtsurteil oder politischer Einfluss), was nicht verkäuflich sein sollte. Um ein extremes Beispiel zu nehmen: Kinder zu bekommen, um sie zu verkaufen, ist demnach als Korrumpierung der Elternschaft zu sehen, weil hier Kinder als Gebrauchsgegenstände behandelt werden und nicht als Personen." (60)
- "In jüngster Zeit aber haben Ökonomen sich eine ehrgeizige Aufgabe gestellt. Was die Ökonomie biete, sagen sie, sei nicht bloß eine Sammlung von Einsichten über Produktion und Konsum materieller Güter, sonder auch eine Wissenschaft des menschlichen Verhaltens. Im Zentrum dieser Wissenschaft liege eine schlichte, aber durchschlagende Idee: Das Leben der Menschen kann in allen Lebensbereichen durch die Annahme erklärt werden, dass die Leute ihre Entscheidungen treffen, indem sie Kosten und Nutzen der verschiedenen Möglichkeiten gegeneinander abwägen und sich dann für die Handlungsoption entscheiden, die ihrer Meinung nach den größten Gewinn oder Nutzen verspricht.
Falls diese Vorstellung zutrifft, hat alles seinen Preis." (63) - "Denn Bestechung ist manipulativ. Sie umgeht die Überzeugungsarbeit und ersetzt einen inneren Grund durch einen äußeren. Du kümmerst dich nicht genug um das eigene Wohlbefinden und kannst deshalb das Rauchen nicht aufgeben oder dein Gewicht reduzieren? Dann mach es doch einfach deswegen, weil ich dir 750 Dollar dafür bezahle.
Die finanziellen Anreize bringen uns durch einen Trick dazu, etwas zu tun, was wir ohnehin tun sollten. Es verleitet uns dazu, das Richtige aus den falschen Gründen zu tun." (76) - "Wenn es reichen Ländern gestattet ist, ihre verschwenderischen Gewohnheiten gegen eine Gebühr beizubehalten, verstärkt das eine schädliche Einstellung: Die Natur wird als Müllkippe für diejenigen betrachtet, die es sich leisten können." (97)
- "Ölfirmen und Fluglinien laden Kunden mittlerweile ein, ihren persönlichen Beitrag zur globalen Erwärmung durch einen Geldbetrag zu neutralisieren. (..) Es ist zu befürchten, dass die Klimakompensation zumindest von einigen als schmerzlose Möglichkeit angesehen wird, sich von der Notwendigkeit freizukaufen, die eigenen Gewohnheiten und Einstellungen grundlegend zu ändern." (98, 99)
- "In den modernen Wirtschaftswissenschaften hat die Diskussion über Anreize dermaßen um sich gegriffen, dass sie mittlerweile einen guten Teil der Disziplin beherrscht. (...) Der typische Ökonom glaubt, dass die Welt noch kein einziges Problem erfunden hat, das er nicht lösen könnte, wenn er freie Hand hätte, das passende Schema von Anreizen zu konstruieren." (108, 109, 110)
- "Dieses Resultat widerspricht den normalen Preiseffekt. Es wird erst verständlich, wenn man erkennt, dass ein Gut, das zu Markte getragen wird, eine andere Bedeutung erlangen kann." (114)
- "Um entscheiden zu können, ob wir uns auf finanzielle Anreize verlassen wollen, müssen wir fragen, ob diese Anreize Einstellungen und Normen korrumpieren, die wir für schützenswert halten." (116)
- "Von 1998 bis 2010 stieg der Verkauf von Geschenkgutscheinen in Amerika fast um das Achtfache auf mehr als 90 Milliarden Dollar" (131)
- "Mein Lieblingsbeispiel für Umwandlung des Schenkens in eine Geschäftsbeziehung ist ein System zum elektronischen Weiterverschenken, das kürzlich patentiert wurde." (133)
- "Der Einwand der Fairness und der Einwand der Korruption betrachten die Märkte jeweils unterschiedlich: Ersterer wendet sich nicht gegen die Vermarktung gewisser Güter, weil diese kostbar, heilig, oder mit Geld nicht aufzuwiegen sind, sondern nimmt an den unfairen Verhandlungsbedingungen Anstoß, unter denen der Handel stattfindet. Er liefert keine Grundlage dafür, die Verwandlung von Gütern in Handelswaren (ob Sex oder Nieren oder Studienplätze) abzulehnen, sofern die Ausgangsbedingungen einer Gesellschaft frei sind.
Der Einwand der Korruption konzentriert sich dagegen auf die Art der Güter und auf die mit ihnen zusammenhängenden Normen. Deshalb kann er auch nicht durch Einführung fairer Verhandlungsbedingungen aus der Welt geschafft werden. Selbst in einer gerechten Gesellschaft gäbe es immer noch Dinge, die für Geld nicht zu haben sein sollten. Und zwar deswegen, weil Märkte keine bloßen Verfahren sind - sie verkörpern gewisse Werte. Und manchmal verdrängen Marktwerte Normen, die wir lieber erhalten sollten." (141) - "Die übliche Logik der Wirtschaftswissenschaften geht davon aus, dass die Umwandlung eines Gutes in eine Handelsware (dadurch, dass man es zum Verkauf stellt) seinen Charakter nicht verändert." (142)
- "Altruismus, Großmut, Solidarität und Gemeinsinn sind nicht wie Handelsgüter, die verbraucht werden, wenn man sie nutzt. Sie ähneln eher Muskeln, die durch Übung wachsen und stärker werden. Einer der Fehler einer marktgläubigen Gesellschaft ist, dass sie diese Tugenden verkümmern lässt. Wenn wir unser öffentliches Leben erneuern wollen, müssen wir sie jedoch stärker trainieren." (162)
- "Wenn man Bedingungen schafft, unter denen tote Arbeiter wertvoller sind als lebendige, macht man sie zu Objekten; man behandelt sie eher als Warenterminkontrakte denn als Angestellte (...) Außerdem lässt sich einwenden, dass solche Policen den Zweck von Lebensversicherungen pervertieren. Was einst als Absicherung für Familien gedacht war, wird nun zu einem Steuersparmodell für Unternehmen." (169)
- "Die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen kann mithilfe von Wetten gemessen werden, die Menschen darauf abschließen." (189)
- "Damit der aufstrebende Markt für Todeswetten erwachsen wurde, fehlte nur noch ein Schritt: dass die Wall Street daraus Wertpapiere machte. Wie die New York Times 2009 berichtete, planten die Investmentbanken, abgetretene Lebensversicherungen zu kaufen, in Anleihen zu packen und diese Papiere an Pensionsfonds und andere Großanleger zu verkaufen. Die Bonds würden ein laufendes Einkommen durch Auszahlungen erzielen, die bei Tod der ursprünglichen Inhaber fällig würden." (199)
- "Die Verwandlung von Sportandenken in Handelsgüter verändert die Beziehung der Fans zum Spiel und zueinander." (207"
- "Im Jahre 2002 erzielte Luis Gonzalez von den Arizona Diamondbacks in einer Versteigerung für eine gebrauchten Kaugummi 10 000 Dollar - (210)
- "2010 hatten in den USA mehr als 100 Firmen dafür bezahlt, ein Stadion der großen Ligen benennen zu dürfen." (211)
- "Tatsächlich waren Stadien fast während des gesamten 20. Jahrhunderts Orte, wo Führungskräfte Seite an Seite mit einfachen Arbeitern saßen, wo alle in den gleichen Schlangen anstanden, um Hotdogs oder Bier zu kaufen, und wo Reiche wie Arme gleichermaßen nass wurden, wenn es regnete.
Doch in den letzten paar Jahrzenten hat sich das geändert. Das Aufkommen von VIP-Logen hoch über dem Spielfeld hat eine Trennlinie zwischen den Begüterten und Privilegierten und dem gemeinem Volk auf den Rängen darunter gezogen." (215) - "In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Werbung auf Bereiche außerhalb der vertrauten Zonen - Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen - ausgedehnt, um jeden Winkel des Lebens zu kolonisieren." (222)
- "Auch wer kein Auto oder Haus besitzt, kann an der Werbelawine mitverdienen - indem er man den eigenen Körper zur Werbefläche macht." (226)
- "Da Kinder den größten Teil des Tage in der Schule verbringen, arbeiten Vermarkter agressiv daran, sie dort zu erreichen. Mittlerweile hat die unzureichende Finanzierung der Bildungseinrichtungen dazu geführt, dass öffentliche Schulen sie nur allzu bereitwillig begrüßen." (245)
- "Es ist nicht einfach, Schüler zu Staatsbürgern zu erziehen, die imstande sind, kritisch über die sie umgebende Welt nachzudenken, wenn sein so großer Teil der Kindheit darin besteht, zum Konsumenten ausgebildet zu werden." (246)
- "Das ist die Lektion der letzten drei Jahrzehnte. In der Ära der triumphierenden Märkte ist der öffentliche Diskurs weitgehend aller moralischen und spirituellen Substanz entleert worden. (...) Je mehr Dinge für Geld zu haben sind, desto eher verschwinden auch die Gelegenheiten, in denen Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten aufeinandertreffen. (...) In einer Zeit zunehmender Ungleichheit läuft die allumfassende Kommerzialisierung des Lebens darauf hinaus, dass Arme und Reiche zunehmende getrennte Leben führen." (...) Das dient weder der Demokratie noch unserer Lebensqualität. Demokratie erfordert keine vollkommene Gleichheit, aber sie erfordert, dass Bürger an einer gemeinsamen Lebenswelt teilhaben. (249, 250)