Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe

Veröffentlicht von

Suhrkamp, Berlin 2012

Im Mittelpunkt des "Bildungsromans" steht die Biologielehrerin Inge Lohmark, deren naturwissenschaftlich nüchterne Sichtweise auf den Schulalltag im Vorpommern die Sprache des Romans bestimmt: nüchtern, sezierend, illusionslos. Schalansky erzählt aber auch das persönlich, familiäre Schicksal (Tochter Claudia ist ausgewandert, ihr jetziger Mann beschäftigt sich mit Straußenzucht) im selben wortkargen und minimalistischen Stil. Was für den Schulalltag gut funktioniert, stößt bei der "eigenen" Lebensgeschichte stilistische wohl an seine Grenzen.

  • "Die Sonne knallte durch die Glasfront und verwandelte das Klassenzimmer in ein Treibhaus. In leeren Hinterköpfen keimte die Sommererwartung. Die bloße Aussicht darauf, ihre Tage nichtsnutzig zu verschwenden, raubte den Kinder jede Konzentration. Mit Schwimmbadaugen, fettiger Haut und schwitzigem Freiheitsdrang hingen sie auf den Stühlen und dösten den Ferien entgegen." (8)
  • "Wer den hoffnungslosen Fällen weismachte, dazuzugehören, der brauchte sich nicht zu wundern, wenn sie irgendwann mit Rohrbomben und Kleinkalibergewehren in die Schule marschierten, um sich zu rächen für all das, was ihnen jahrelang versprochen und immer wieder vorenthalten wurde." (12)
  • "Der Mensch braucht zu seiner Reifung rund ein Drittel seiner gesamten Lebenszeit. Im Schnitt dauerte es achtzehn Jahre, ehe ein Menschenjunges für sich selbst sorgen konnte. Wolfgang musste für seine Kinder aus erster Ehe sogar noch  bis zum siebenundzwanzigsten Lebensjahr zahlen." (17)
  • "Die vielversprechendste Strategie, an die Macht zu kommen, war immer noch, unterschätzt zu werden. Um dann, im richtigen Moment, zuzuschlagen. Es war nicht zu übersehen, dass die Flora auf der Lauer lag. In Gräben, Gärten und Gewächshauskasernen warteten sie auf ihren Einsatz. Schon bald würde sie sich alles zurückholen." (69)
  • "Herrlich, Man mußte größer, weiter denken, über das mickrige menschliche Maß hinaus. Was war schon Zeit? (...) Der Mensch war ein flüchtiges Vorkommnis auf Proteinbasis. (...) Nicht der Verfall würde diesen Ort heimsuchen, sondern die totale Verwilderung. Eine wuchernde Eingemeindung, eine friedliche Revolution. Blühende Landschaften." (70/71)
  •   "Dass Wolfgang und sich nicht mehr miteinander sprachen, fiel gar nicht auf, wenn man sich tagelang nicht sah. Was sollte all das Kuscheln? Man blieb ohnehin nur deshalb zusammen, weil die Aufzucht der Jungen unendlich aufwändig war. Auf eine Stärkung der Paarbindung waren sie nicht mehr angewiesen. Das Kind war aus dem Haus. Der Fall erledigt." (97)
  • "Nach langwierigen Vorbereitungen gute Noten zu schreiben war ja wirklich keine Kunst. Man musste die eingefahrenen Wechsel zwischen den Phasen der Wissensvermittlung und seiner Kontrolle durch kleine Tests stören. Sonst bekam man am Ende nur Pawlow'sche Hunde. Und im Leben klingeln  nun mal keine Glöckchen." (104)
  • "Der Beitrag der Männer zur Fortpflanzung ist letztendlich gering. Was sind schon Millionen von Samenzellen gegen eine große Eizelle, die nur einmal im Monat reift? Was war schon der hastig ausgeführte Geschlechtsakt auf einem Hochstand gegen neuneinhalb Monate Tragezeit?" (121)
  • "Früher sollten die Kinder zu fortschrittlichen und friedliebenden Menschen erzogen werden, heute eben zu freien. Dabei war doch Freiheit nichts anderes als Einsicht in die Notwendigkeit. Niemand war frei. Und sollte es auch gar nicht sein. Allein die Schulpflicht. Das war ein staatlich organisierter Freiheitsentzug. Ausgeheckt von der Konferenz der Kultusminister. Es ging gar nicht um Wissensvermittlung. Sondern darum, die Kinder sich an einen geregelten Tagesablauf und die jeweils vorherrschende Ideologie zu gewöhnen. Das war Herrschaftssicherung. Ein paar Jahre Aufsicht, um das Schlimmste zu verhindern. Das Gymnasium als Stillbeschäftigung bis zur Volljährigkeit. Gute Staatsbürger. Gehorsame Untertanten. Nachschub fürs Rentensystem." (150/151)
  • "Der Bäcker um die Ecke hatte dichtgemacht. Der einzige Ort in Schulnähe, wo man noch sein Taschengeld lassen konnte, war der Zigarettenautomat in der Steinstraße.Die Jungs tippten lustlos auf ihren Handy herum, die Mädchen wippten zu Musik aus Ohrstöpseln und waren unauffällig." (163)
  • "Gab es überhaupt Michwarengeschäfte? Damals vielleicht. Die Molkereien hatte dichtgemacht. Von heute auf morgen wussten sie nicht mehr, wohin mit der Milch. In der Schule tranken alle cola. und als sie nach der Weideperiode die Rinder wie jedes Jahr abliefern wollten, gab es den Schlachthof nicht mehr." (164/165)

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