Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007
Arno Geiger erzählt die Geschichte Philipps und seiner Familie im stetigen Zeitsprüngen. Mosaikartig erfahren wir Episoden von seinen Großeltern und Eltern. Dabei verdichtet sich das Bild zum Ende hin zunehmend. Sprachlich und vom Aufbau her sehr interessanter Roman um die ewigen Themen: Wer sind wir? Woher kommen wir?
- "Sie zieht die Brauenbögen spöttisch hoch, verabschiedet sich nochmals, diesmal ohne Kuß, als wolle sie so den Kuß von vorhin zurücknehmen. Sie will losfahren, doch in dem Moment hebt Philipp das Hinterrad am Gepäckträger hoch, so daß Johanna ins Leere tritt. Die Fahrt ist leicht und ohne Wegweiser, ohne Anfang und ohne Ende, auf der allerstabilsten Straße, die man sich vorstellen kann. Immer geradeaus. Nicht zu verfehlen. Es kümmert Philipp nicht, daß Johann sich beschwert:
- Laß los! Laß los, du Idiot!
Er läßt nicht los, er spürt den Rythmus ihrer Tritte wie einen Pulsschlag in den Händen." (13) - "Eigenartig ist, dass Alma erst ein halbes Jahr nach Ingrids Tod angefangen hat, von ihr zu träumen, und daß diese Träume seither anhalten." (36)
- "Ohne Alma, glaubt er, wäre das Leben trostlos. Was ohne sie wäre, kann er mit letzter Bestimmtheit nicht sagen, aber er stellt sich vor, daß es trostlos wäre. Auf einmal fallen ihm eine Menge Dinge über sie ein, an die er schon lange nicht mehr gedacht hat und die seine Gereiztheit abklingen lassen: Daß sie vor neuen Jahren, als sie einander kennenlernten, behauptete, eine moderne junge Frau zu sein, und daß sie zum Argwohn seines Vaters das Haar schon damals sehr kurz trug." (70)
- " Daß sein Vater überhaupt je mit ihm geredet hätte, als er, Richard, klein war? ER kann sich nicht erinnern, daß das vorgekommen ist. Verständigung bedeutete, den Kindern etwas aufzutragen. Ansonsten hatten sie sich wie Topfblumen zu betragen, kein Vergleich zu den heutigen Freiheiten. Topfblumen, ja. Er denkt an Topfblumen." (72)
- "Obwohl Philipp das Gedankenspiel rund um Johannas Ehe zunehmend als unnötige Strapaze empfindet und als Falle, in die er irgendwann einmal getappt ist, denkt er, daß es vielleicht ganz normal ist: Wenn man ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau und Mutter hat, muß man sich auch regelmäßig mit den psychologischen Hintergründen des Verhältnisses dieser Frau zu ihrem Mann und umgekehrt beschäftigen. Bei der Gelegenheit fällt ihn auch wieder ein, daß er sich schon sein längerem wundert, wie selbstverständlich er sich vor einigen Jahren damit abgefunden hat, Nummer zwei zu sein, wie anstandslos er sich seit Johannas Heirat mit der stundenweisen Liebe begnügt und wie restlos er es für erwiesen hält, daß Johanna ihm mehr liebt als Franz, solange sie mit Franz nicht fünfzehn Kinder in die Welt setzt, sondern es bei dem einen Ungewollten beläßt." (94)
- "Manchmal kommt es Peter vor, als seien er uns sein Vater in der gemeinsamen Unfähigkeit, mit dem Krebs der Mutter umzugehen, zu Gegnern geworden, wo sie sich doch besser zusammengetan hätten, unter Männern, wie seine Schwestern sich mit der Mutter zusammengetan haben, unter Frauen." (111)
- "Die glückliche Zeit nach dem Anschluß, als der Vater plötzlich wieder in Arbeit und Brot stand und die Anspannung von ihm abfiel und es plötzlich eine größere Wohnung gab im gleichen Haus weiter oben, mit dem Klo nicht mehr am Gang, und manchmal sogar Blumen für den Küchentisch und für die Kinder die besten Aussichten." (126)
- "Im ovalen, runden, viereckigen und hufeisenförmigen Rahmen, von Porzellanefeu und Metallrosen umschlossen, all die vertrauten und weniger vertrauten Gesichter, die ganze zerstreute, versprengte und verstorbene Familie. Philipp erkennt sie alle, in allen Altern.
Er fragt sich, ob seine Angehörigen auch ihn erkennen würden, Philipp Erlach, sechsundreißig Jahre alt, ledig.
Mit Maske und Schutzbrille sieht er nicht wie ein Enkel, Sohn oder Bruder aus. Eher wei eine Erscheinung, wie einer, der sich keimgeschützt und unbetroffen nach Jahrzehnten in eine längst verlassene Landschaft wagt und Materialproben nimmt. Zur Dokumentation einer untergegangenen Kultur." (135/136) - "Die Stimmen, die Philipp hinter der Mauer hört, sind Kinderstimmen, und er stellt sich vor, daß sie alten und vernachlässigten Freunden gehören, die immer noch Kinder sind und auf ihn warten, seit achtundzwanzigeinhalb Jahren, beharrlich, geduldig und zuversichtlich." (139)
- "Das Haus hat in dem spärlichen Licht an Vertrauenswürdigkeit gewonnen, keine Spur mehr von der Schäbigkeit und dem Moder. Selbst die unangenehmen Erinnerungen, die hartknäckig hinter den Fenstern lauern, sind für den Augenblick verblaßt. Philipp schlenkert die letzten Tropfen ab, trabt tiefer in den baumdunklen Garten hinein, seltsam entschlossen, manchmal zaghaft, einen Moment später wieder trotzig, in alle Fallen stolpernd, die diese Nacht ihm gestellt hat." (226)
- "Ingrid hält es im Kopf nicht aus, die Interferenzen, diese Mischung aus Heimatfilm und Bohrmaschinenstörfeuer, strahlen bis in ihr Hirn. Sie faßt es nicht: Wie konnte sie dieses Ungeheuerlichkeit dreiundzwanzig Jahre lang übersehen?" (251)
- "Die Alleen sind fast menschenleer, die Hecken aufgepackt mit Schneehauben, und die kahlen, schmutzigen Laubbäume stehen hart gezeichnet im weißgrauen Licht, Krähen im Geäst, schwarze Päckchen, wie vom Christkind hineingeworfen." (257)
- "Noch immer ist sie vom Tod weit, weit entfernt, und doch nur, wie jeder durch einen Zufall von ihm getrennt. Sie sagt, wie wunderbar dieser Tag sei, sie springt von der Bugspitze, taucht unter, es spritzt über ihren Füßen, das Wasser schließt sich, und Ingrid kommt nicht mehr hoch, eine Minute, zwei Minuten, so schnell geht das, so leicht stirbt sich's, keine Bewegung, kein Laut entsteigt dem Wasser, du sollst die Donau nicht duzen, auch in schönen Wassern kann man ertrinken." (300)
- "Aber selbst zu Hause findet er sich nicht mehr zurecht, so stark hat er abgebaut. Es ist, als würde ein selbstvernichtender Stachanov, unterstützt von mehreren kräftigen Gehilfen, in Richards Gedankengängen den Geist wegschaffen, Tag für Tag, bis nichts mehr zu holen ist und nur mehr ein feuchter Wind durch die tauben Systeme dieser armen Psyche weht." (340)
- "Es ist, als würde nach und nach mit der Feuchtigkeit auch die Bedeutung aus den Gegenständen gepreßt. Wohin man schaut, verklumpen sich die abgelegten Dinge zu einem Grundstoff, einer Materie, die Generationen vermengt, zu eingedickter, eingeschrumpfter, ihrer Farben beraubter Familiengeschichten." (362/363)
- "- Nur Idioten verlieren nie, sagt Philipp." (380)
- "Gleich wird Philipp auf dem Giebel seines Großelternhauses in die Welt hinausschreiten, in diesen überraschend weitläufigen Parcours." (389)