Suhrkamp Verlag, Berlin, 2012
Dokumentarisch präsentierte Texte über vermeintliche Indigo-Kinder wechseln ab mit den Nachforschungen eines Clemens Setz, der zum Einen als ich Ich-Erzähler auftritt, zum anderen als Gegenstand eines Er-Erzählers. Die Geschichte von "Robert Tätzel" (einem I-Kind!) durchzieht dabei den gesamten Roman genauso wie die verzweifelten Versuche des Lehrers (Setz), Klarheit in die Geschichte des Verschwindens bestimmter I-Kinder zu bringen. Dabei erscheinen Dokumente, die der recherchierende Lehrer gesammelt hat, im Roman selbst wieder unter der Bezeichnung, unter denen er sie eingeordnet hat: "Grüne Mappe", "Rotkarrierte Mappe". Hinzu kommt noch, dass diese Dokumente sich auch von Schriftsatz her noch von den restlichen Texten unterscheiden. Für den Leser natürlich sehr verwirrend. Insgesamt gelingt es Setz aber, die vielen Perspektiven stetig zu verdichten.
So jedenfalls stellt sich der mysteriöse Plot von Indigo dar. Der Roman belässt den Leser im Reich der Spekulation. Keine Antworten, aber viele offene Fragen. Vermutlich ist die abstruse Geschichte nur ein Vehikel, um die höchst eigenwilligen Wahrnehmungen und Sichtweisen von Setz präsentieren zu können. Das Buch fasziniert zum einen wegen seiner außergewöhnlichen konzisen Sprache, die mich eigentlich von Anfang bis zum Ende in ihrem Bann gezogen hat. Setz schreibt unwiderstehlich! Zum Anderen finden sich sehr viele spannenden Reflexionen über Alltagsdinge im Roman, die so erfrischend ungewöhnlich sind, dass man nur staunen kann.
Man kann nur hoffen, dass Setz mit seiner Sprachgewalt in Zukunft sich mal einem Thema annimmt, welches vielleicht etwas mehr auf den Nägeln brennt....
- "Das Beste wäre, sagte sich Robert und spürte mit einer gewissen Befriedigung, wie er mit diesem Gedanken die Grenzmarkierung zum Irrsinn überschritt, das Beste wäre, wenn er sich direkt vor dem Nachbarsjungen erschießen würde. Er besorgte sich eine Pistole oder ein Gewehr, dann geht er in den Hof und stellt sich vor den Kindern auf. Er zielt auf sie und befiehlt allen, außer der dreckigen Ratte, sich augenblicklich zu verziehen. Dann sagt er: Knie nieder, du verdammtes Dreckstück. Und dann setzt er sich den Lauf ans Kinn und zeigt in dem kurzen Augenblick, der ihm noch bleibt, ein wildes, grausames Lachen, der Mund weit offen und die Augen zwei große weiße Kugeln. Und dann drückt er ab, Gehirn, Schießpulverdampf, Kierferknochensplitter und Zähne verteilen sich als rotschwarze Wolke im Hof und regnen hinein in die zukünftige Erinnerungswelt des Kindes, sein ganzes Leben wird es an diesem furchtbaren Moment zurückdenken müssen (...)." [49]
- "Am nächsten Morgen entdeckte ich in meine Hotelzimmer eine Tür, die auf einen Balkon führte. Angenehm überrascht, als wäre dieser Zugang dem Raum erst durch meine eigenen Traumanstrengungen über Nacht gewachsen, trat ich hinaus. Es roch nach dem warmen, von jahrelanger Sonneneinstrahlung teerschwarz gewordenen Holz, und ich sah mich einer ungewöhnlich großen und ungewöhnlich schönen Gießkanne gegenüber. Ihr blecherner Kopf war vorgereckt, als wäre sie vor etwas auf der Hut, und als ich sie berührte, gab sie ein helles Scheppern von sich, als hätte sie lange auf diese Erlösung aus der Starre gewartet." [119]
- "Ich versuchte, meine Freundin zu erreichen, aber ich befand mich gerade in einer jener räumlichen Verschnaufpausen, die man Funkloch nennt; das Handy hatte nur noch sich selbst, streckte seine unsichtbaren Fühler in die Luft, erreichte aber niemanden mehr." [131]
- "Auf dem Bahnsteig der Station Payerbach-Reichenau flogen Zeitungen herum. Lähme Papiervögel, die wehrlos gegen den Wind waren. Im Grunde hatten sie nur auf dem Asphalt schlafen wollen, jetzt wurden sie in der Gegend herumgeworfen. Eine Zeitung flatterte mir sogar einige Meter hinerher, wie ein Kind, das bettelt, und ich überlegte kurz, ob ich sie adoptieren und mitnehmen sollte, aber dann ließ ich sie liegen." [245]
- "Die sogenannte Depression hat, entgegen der landläufigen Meinung, überhaupt nichts mit Trauer, Überarbeitetesein, Niedergeschlagenheit oder Enttäuschung zu tun. Ganz im Gegenteil. Traurigkeit wäre in depressiven Lebensabschnitten sogar wünschenswert. Die Rettung. Ich weiß nicht, ob Sie damit etwas anfangen können, aber Depression bedeutet in erster Linie vollkommene Interesselosigkeit. Alles erscheint langweilig und verbrauch, und der Zustand der Neugier liegt so weit zurück wie ... na ja, weiter als die eigene Geburt, man kann sich überhaupt nicht daran erinnern, dass man sich je für irgendwas interessiert hat..." [265]
- "Ich tastete um mich und bekam einen der Plastikknöpfe zu fassen, die an einer Seite der Bettdecke eine Reihe bildeten. Der Knopf war angenehm kühl, uns wie im Fall eines fremden Ohrläppchens, das man durch eine glückliche Verkettung von Umständen für die Dauer eines seligen Augenblicks zu fassen bekommt, war es sehr beruhigend, ihn zu berühren." [286]
- "He, wer zum Teufel sind Sie? sagte das Schlafzimmer, als er es betrat. Das die Gegenstände in diesem Raum ihm ein wenig feindliche gesinnt zu sein schienen, zog er die Vorhänge zu. Dasselbe tat man ja auch bei bestimmten Raubvogelarten. Verband man ihnen die Augen, wurden sie friedlich und hatten keine Angst mehr vor den Menschen, die unverständliche Dinge mit ihnen vorhatten." [334]
- "Um mich vollständig auf die Erde zurückzuholen, erzählte ich Julia, ich hätte in Wien vor dem Bahnhof einen kleinen drachenartigen Hund gesehen, der einigen Seifenblasen, die ein Mädchden mit einem triefend nassen Spender vor dem Gesicht wie dreidimensionale Venn-Diagramme in die Luft zauberte, nachgehetzt sei. Als Julia fragte, welches Farbe der drachenartige Hund gehabt habe und was sie sich eigentlich unter dem Begriff dracheartig vorstellen solle, riss die Verbindung ab, und ich hielt das Handy auf Geigerzähler-Art in die Luft, auf der Suche nach einem Restsignal, das sich vielleicht in einer Ecke versteckte, und drückte es , bevor ich den Versuch aufgab, sogar ans kalte Gangfester, ins atemlose Geflimmer der Baumstämme in dem Kleinen Waldstück, kurz nach Wiener Neustadt, durch das der Zug gerade fuhr." [358]
- "Von Robert unbemerkt, flogen währenddessen Amseln aus der Krone des Baumes über Ihm und tauchten lautlos in den nahen Park ab, nur um gleich wieder zurückzukehren. Sie brachten frische Zweige und fädelten sie in das wenige Meter oberhalb der Menschheit im Entstehen befindliche Nest ein, als vernähten sie eine Wunde im Baum." [366]
- "Das gleichzeitige Flattern aller Roll-Buchstaben auf der sich alle paar Minuten von selbst aktualisierenden Anzeigetafel am Frankfurter Flughafen: wie ein plötzlicher Winstoß in den Blättern eines Baumes." [369]
- "In dieser kurzen Verschnaufpause fiel mir ein, auf meine Gesichtsmuskulatur zu achten. Schnell zog ich die Marionettenfäden, dir mir entglitten waren, wieder straff, und mein Mund schloss sich." [384]
- "(...) schau dir zum Beispiel einen Betrieb in der Menschenwelt an, ja? Zum Beispiel eine Firma, die nur Waffen herstellt und, was weiß ich, schreckliche Nervengasgranaten an irgendwelche dubiosen Firmen weiterverkauft und lauter so verantwortungslose Scheiße, aber jeder Einzelne im Betrieb, jeder Mensch, ist ein wirkliche netter, freundlicher Bürger, der nur das Studiums seiner Kinder finanzieren will, der zufrieden ist, wenn er abends, nach getaner Arbeit, mit seiner Zigarre im Mund im Garten sitzt oder wenn er die Steine in seinem Garten in eine neue Ordnung bringt, die von oben betrachtet eine geometrische Nachricht ergibt, oder wenn er vor dem Computer sitzt und sich harmlose Filme ansieht. Ganz normale Menschen,m Männer und Frauen, nett und umgänglich, sogar vernünftig. Und das ganz rauf bis in die Führungsetage, nur eben mit anderen Accessoires und in Luxusapartments, (...)." [429]
- "Am Horizont hing das schwere Dunkelblau eines Vorgewitterhimmels. Die wandernden Wolken hatten sich vorläufig verzogen und sich wie American-Football-Spieler am Beginn des Spiels in einem Round-up-Besprechungskreis zusammengerottet, pläneschmiedend jenseits des Horizonts, von wo aus sie bald über das ganze Land ausschwärmen würden, um alles nass zu machen." [445]
- "Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ging eine Frau, die mit dem typischen Gesichtsausdruck junger Mütter in den Kinderwagen vor ihr blickte. Sie folgte ihm mit vorsichtigen Schritten, als hätte er, wie ein Rasenmäher, einen eigenen Willen. Bestimmt hatte sie Kopfschmerzen und würde sich demnächst auf ihr Kind übergeben, wie so viele Mütter jeden Tag in diesem Land". [473]