Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

Veröffentlicht von

Carl Hanser Verlag, eBook

Der Ich-Erzähler berichtet zu Beginn von einem schicksalhaftem Zusammentreffen während des russischen Bürgerkriegs, was mit dem vermeintlichen Tod des anderen endet. Offensichtlich traumatisiert und verfolgt von diesem Erlebnis, den andern getötet zu haben, stößt er im Exil in Paris zufällig auf ein Buch mit Erzählungen, von denen eine scheinbar exakt die selber Geschichte wiedergibt, die der Erzähler vor vielen Jahren erlebt hatte. Der Autor heißt Alexander Wolf. Offenbar lebt der tot geglaubte noch und hat alles aus seiner Sicht niedergeschrieben. Es kommt schließlich zu einem Treffen der beiden ehemaligen "Kontrahenten" in Paris. In der Wohnung der Freundin des Erzählers treffen beide dann ein letztes Mal aufeinander...

  • "Zu der Zeit, als das geschah, war ich sechzehn Jahre- somit war dieser Mord der Beginn meines selbständigen Lebens, und ich bin mir nicht sicher, ob er nicht unwillkürlich alles geprägt hat, was zu erfahren und zu erblicken mir später beschieden war. Jedenfalls, seine Begleitumstände und alles, was damit zu tun hatte - alles sollte viele Jahre später in Paris mit besonderer Deutlichkeit wieder vor mir auftauchen." (S. 12 - Pos. 82)
  • "Ich trank Kaffee, rauchte und dachte, wie weit doch dieses Gespräch von meinen Gefühlen und Wünschen  entfernt sei. Ich war sprachlos trunken von ihrer Gegenwart, und je länger es dauerte, desto stärker spürte ich, wir mir über diesen Zustand, gegen den keine Anstrengung etwas auszurichten vermochte, jegliche Macht entglitt. Ich wusste, dass ich mich vollkommen schicklich verhielt, dass meine Augen klar blickten ich nach wie vor ein normaler Gesprächspartner war- aber ich wusste ebenso gut, dass dieser Anschein Jelena Nikoklajewna nicht in die Irre führen konnte, und sie begriff ihrerseits, dass ich das wusste." (s. 70 - Pos. 739)
  • "Und ich begann, ihr von mir zu erzählen. Es kam mir vor, als ob mir bis zu diesem Tag mein eigenes Schicksal nie so klar gewesen wäre wie jetzt. Ich fand in meinen Erinnerungen vieles, was mir früher nicht aufgefallen war, fast lyrische Dinge; nur hatte ich, während ich unaufhörlich weiterredete, das dunkle Gefühl, wäre Jelena Nikolajewna nicht gewesen, hätte ich wohl nicht zu der plötzlichen Macht und Frische meiner Erinnerungen gefunden, denn diese gab es womöglich gar nicht außerhalb des Gedankens an sie und außerhalb der Gegenwart dieser Frau im Bademante, mit dem glatt zurückgekämmten Haar und dem fernen Blick der nachdenklichen Augen." (S. 82 - Pos. 876)
  • "Wenn ich dann tief in der Nacht von ihr Abschied nahm, auf die Straße trat und mich nach Hause begab, kam mir mein Leben nun unglaublich vor, ich konnte mich noch immer nicht daran gewöhnen, dass ich endlich in keine Tragödie mehr verwickelt war, dass ich eine Arbeit hatte,  die mich interessierte, dass es eine Frau gab, die ich liebte, wie ich nie jemanden geliebt hatte - und sie war keine Verrückte, keine Hysterikerin, ich musste nicht jeden Moment auf einen Anfall unerwarteter Leidenschaft oder einen Ausbruch unverständlichen Zorns oder unaufhaltsame und sinnlose Tränen gefasst sein. Alles, woraus bislang mein Dasein bestanden hatte - Bedauern, Unbefriedigtsein und eine unverkennbare Vergeblichkeit von allen, was ich tat-, erschien mir nun außerordentlich fern und fremd, gerade als dächte ich an etwas längst Vergangenes. Und zu diesen verschwindenden Dingen und schwächer werdenden Erinnerungen gehörte auch die Erinnerung an Alexander Wolf und seine Erzählung Abenteuer in der Steppe. Sein Buch stand nach wie vor bei mir im Regal, aber ich hatte es schon lange nicht mehr aufgeschlagen." (S. 102 - Pos. 1100)
  • "Alexander Wolf wandte den Kopf, und ich erblickte sein Gesicht. Er sah noch gut aus, war wohl um die vierzig. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass er es war, hätte ich ihn vielleicht gar nicht weiter beachtet. Aber weil ich es wusste, erschien es mir unzweifelhaft, dass ich jenes seit langem und schrecklich bekannte Gesicht vor mir sah, das mich in der Erinnerung so viele Jahre verfolgt hatte." (S.123 - Pos. 1344)
  • "Es war die Idee des Tötens, die mit gebieterischer Begierde meine Phantasie so oft in Beschlag gehalten hatte. Sie glich vielleicht dem letzten Widerschein eines erlöschenden Feuers, der kurzen Rückkehr zu einem uralten Instinkt; es war- auch das nur vielleicht - ein eigentümliches Aufblitzen des Vererbungsgesetzes, wusste ich doch, dass ich viele Generationen von Vorfahren hatte, für die Töten und Rache eine unumstößliche und verpflichtende Tradition gewesen war. Und dieses Gemisch aus Versuchung und Abscheu, diese unbewegliche Bereitschaft zum Verbrechen hatten offenbar immer existiert in mir, und natürlich war diese Einsicht die Ursache für das niederdrückende Bedauern, das ich jetzt empfand." (S. 128 - Pos. 1398)
  • "Ich finde, man sollte an das Schicksal glauben. Und in diesem Fall sollte man mit ebenso klassischer Naivität der Ansicht sein, dass Sei sein Werkzeug gewesen sind. Dann passt alles: der Zufall, der Schuss, Ihre sechzehn Jahre, Ihr jugendliches Augenmaß und - er berührte mich am Arm - diese Hand, die nicht gezittert hat." (S. 140 - Pos. 1538)
  • "Bei Dickens steht irgendwo ein wunderbarer Satz, sagte er. Merken Sie sich den, er ist wert. Ich weiß nicht mehr, wie er wörtlich lautet, aber dem Sinn nach: Uns wurde das Leben unter der unabdingbaren Voraussetzung geschenkt, dass wir es tapfer verteidigen bis zum letzten Atemzug. Gute Nacht." (S. 152 - Pos. 1673)

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert