Markus Morgenroth: Sie kennen dich! Sie haben dich! Sie steuern dich!

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Die wahre Macht der Datensammler

Knaur Verlag, München 2016

  • Markus Morgenroth ist Informatiker und arbeitete knapp 2 Jahre im Silicon Valley. 2007 kehrte er nach Europa zurück. Seit 2013 ist er als Consultant tätig und berät Firmen zu Fragen rund um den Datenschutz.

Der ehemalige Landesdatenschutzbeauftragte Joachim Wahlbrink ist sich sicher, dass mit jeder Information, die irgendwie verwertet werden kann, gehandelt wird. Selbst mit hochsensiblen Gesundheitsdaten. Egal ob das jeweilige Geschäft nun gesetzlich erlaubt ist oder nicht. (21)

Datenhändler operieren unter dem Radar der Öffentlichkeit. Ihre Zurückhaltung ist die beste Tarnung überhaupt. Darin ähneln sie Waffenhändlern. (25)

Die Einteilung in wertvolle und wertlose Menschen ist der rote Faden. der sich durch die Selbstvermarktungsbroschüren der Datenhändler zieht.
In einer Welt des algorithmisch betriebenen Ausschlusses werden jene, die der Computer aus irgendwelchen Gründen als wirtschaftliches Risiko identifiziert, an den gesellschaftlichen Rand gedrängt. (29)

Vor wenigen Monaten hat der Versandhändler Amazon ein Patent zugesprochen bekommen, das vor zehn Jahren die meisten in der Kategorie Sience-Fiction verortet hätten: es geht um vorausschauenden Versand, anticipatory shipping. Amazon liefert ihre Ware, noch bevor Sie selbst auf den Button Kaufen geklickt haben. (30)

Bernhard Brugger, CEO von Payback, sagte in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Der Handel Sätze, die tief blicken lassen: Wir sehen Payback schon seit Jahren nicht mehr als Rabattkarte an. Was wir dem Handel bieten, ist ein Instrument, um seine Kunden besser kennenzulernen. Der Rabatt ist der Trick - und er funktioniert. (...)
Es gehört wenig Phantasie dazu, sich auszumalen, dass das Konzept Rabatt gegen Daten also Rabatt gegen Überwachung nach und nach unser komplettes Leben kolonisiert. (39)

Wo ein einziges falsches Signal (...) ausreichen kann, das ganze Leben zu zerstören, und die Signale unserer Lebens gleichzeitig digital ständig aufgefangen, gespeichert, ausgewertet oder verkauft werden, beginnt eine Gesellschaft den Kalten Kriege mit sich selbst zu führen. Nichts bedeutet mehr, was es ist, und das eigene Leben wir zu eine einzigen Risiko- und Wahrscheinlichkeitsrechnung, heißt es in Schirrmachers Buch Ego.  (46)

Ähnlich wie die Mülleimer in London nutzt Euclid dazu die MAC-Adressen von Smartphones. Sobald ein Kaufhaus oder Geschäft mit den Sensoren und der Software von Euclid ausgestattet ist, werden sämtliche Smartphones der Kunden pausenlos registriert und die Daten zur Auswertung gespeichert. (49)

Wir werden nicht nur über unsere Handyfunkwellen überwacht, sonder auch durch Kameras, die den öffentlichen Raum erobern. Sie sind überall. Sie sind wie Kakerlaken; hinter jeder, die man wahrnimmt, verbergen sich Hunderte, die einem entgehen. (51)

Der ehemalige Landesdatenschutzbeauftragte von Rheinland-Pfalz Edgar Wagner geht davon aus, dass in Deutschland bereits mehr als 100000 Jäger Kameras in Wäldern montiert haben.(...)
Die Kameras erkennen nicht nur, wer welches Produkt betrachtet, sondern anhand der Mimik auch, in welcher Stimmung sich eine Person befindet. Die Firma Realeyes aus London nennt diese Gesichtsanalyse Happiness Level (52)

Anonymität ist ein wertvolles Gut. Wir werden gerade Zeugen, wie sie der digitalen Revolution zum Opfer fällt und die Idee der Privatheit verschwindet. Ein heute neugeborenes Kind, sagt Edward Snowden, wird nicht mehr wissen, was Privatleben ist. Es wird nicht mehr wissen, was ein Moment Privatsphäre bedeutet, einen Gedanken zu haben, der weder aufgenommen wurde noch analysiert. Das ist ein Problem, denn das Privatleben ist wichtig, das Privatleben hilft uns zu bestimmen, wer wir sind und wer wir sein wollen. (59)

Wo wir auch hingehen, was wir auch tun, wir tragen diesen supersmarten Spion bei uns. (62)

Tatjana Halm, Rechtsanwältin und Referatsleitern Markt und Recht bei der Verbraucherzentrale Bayern sagt: Die Datenschutzerklärungen und Nutzungsbedingungen werden von klugen Leuten geschrieben, die es genau so formulieren, dass man als durchschnittlicher Verbraucher nicht weiß, was damit gemeint ist. Man muss schon IT-Rechtler sein, sonst ist es illusorisch, dass man die Texte wirklich versteht. (63)

Nur: Zielgerichtete Werbung ist eben lediglich die Oberfläche des intransparenten Datenhandels. Es geht um viel mehr, es geht um die Erstellung komplexer Kundenprofile, um den gläserenen Konsumenten, um Steuerung, Manipulation und Diskriminierung von Menschen. (65)

Wo Dritte vorgeben, welche Nachrichten, Produkte und Preise Sie sehen, ja, sogar welche Menschen Sie treffen. Eine Welt, in der Sie zwar denken, Sie entscheiden selbst, in Wirklichkeit aber entscheiden andere. Am Ende bliebe einem nicht mehr als die Illusion, man hätte die Kontrolle, doch in Wahrheit steuern einen die Maschinen. (...)
Die Reichen sehen ein anderes Internet als die Armen. (...)
Gezeigt wir, was wir sehen wollen. (66)

Mitarbeiter des Wall Street Journal machten einen Test: Sie suchten gleichzeitig von einen iPad und einem PC nach zwei Hotelübernachtungen in Miami. Die Hotels, die auf der 1. Seite der Ergebnisliste erschienen, waren auf einen iPad im Schnitt elf Prozent teurer als jene, die ein PC-Nutzer zu Gesicht bekam. (69)

Es gibt in Deutschland nur zwei Arten von Menschen, die deren Leben das Internet verändert  hat, und die, die nicht wissen, dass das Internet ihr Leben verändert hat, schreibt der Blogger und Netzaktivist Sascha Lobo. (70)

Das IMS-Apotherkerpanel umfasst 4000 Apotheken - also fast 20 Prozent aller deutschen Apotheken, so die Zeit. Auch Krankenkassen geben die Daten weiter, an universitäre Forschungseinrichtungen etwa. Und die Kette setzt sich fort - so lange, bis die Daten irgendwann auf der Straße im Umlauf sind und in Hände gelangen, in die sie besser nicht gelangen sollten. (84)

Der Medizinhistoriker und Autor des Buchs Ware Gesundheit: Das Ende der klassischen Medizin, Paul Unschuld, warnt seit langem vor der Umwandlung des Gesundheitswesens in eine Gesundheitswirtschaft. Diese Ökonomisierung wird den Handel mit Patientendaten weiter florieren lassen. (95)

Chris Anderson, der ehemalige Chefredatkeur des Magazins Wired, ist überzeugt, dass die schiere Masse an Daten allen anderen Interpretationsansätzen haushoch überlegen ist. Wir leben eine einer Welt, in der riesige Datenmengen und angewandte Mathematik allen anderen Werkzeuge ersetzen, die man sonst noch so anwenden könnte. (98)

Dazu passt, das Google alles, was mit Personal zu tun hat, nicht unter dem Stichwort Human Resources sonder People Operations verbucht. Alle Entscheidungen, die das Personal betreffen, basieren auf Datenanalysen. Ziel ist es, die gleich Präzision, mit der wir technische Entscheidungen treffen, auch auf das Personalwesen zu übertragen. Googles Blick unterscheidet nicht mehr zwischen Maschine und Mensch bzw. zwischen Maschinenpark und Menschenpark. Auch hier gilt, dass Google eine Entwicklung auf die Spitze treibt, (....). (100)

Doch Wasabi Waiter ist anders als andere Spiele. Wasabi Waiter will kein vergnüglicher Zeitvertreib sein, es ist ein Einstellungsinstrument, entwickelt von Neurowissenschaftlern, Psychologen und Datenanalysten. Der Hersteller verspricht, dass sein Spiel mehr über einen Menschen verrät als jedes Gespräch. (101)

Nick A. Corcodilos, der seit 35 Jahren in Amerika als Headhunter tätig ist, (...). Es gebe, erzählt er in den Personalabteilungen einen Big-Data-Hype, (...). Grundsätzlich ist absolut nichts Falsches daran, Technologie und Daten zu nutzen, um Entscheidungen zu treffen. Das Problem ist, das die neuen Möglichkeiten von Big Data oft den den gesunden Menschenverstand ersetzen. (103)

Etwa 3600 Firmen bieten in Amerika mittlerweile ihre Durchleuchtungsdienste an, und unablässig werden neue Start-ups gegründet. First Advantage, einer der Marktriesen, führt jährlich mehr als 23 Millionen Background Checks durch, Tendenz steigen. Jedes Jahr werden in der Branche mehrere hundert Millionen Dollar umgesetzt. (106)

Im Bereich von Big Data gibt es drei Klassen von Menschen: die, die Daten - bewusst oder unbewusst, etwa wenn sie Datenspuren hinterlassen - erzeugen; die, die über die Möglichkeiten verfügen, Daten zu sammeln; und die, die wissen, wie man Daten auswertet. Die dritte Gruppe, die kleinste, ist die priviligierteste, schreibt Medientheorethiker Lev Manovich. (107)

Der Background Check gewinnt auch in Deutschland massiv an Bedeutung. 2009 wurde das Datenschutzgesetz novelliert, es erlaubt die Speicherung, Nutzung und Verarbeitung personenbezogener Daten von Bewerbern im Auswahlprozess. (113)

Auch das Londoner Start-up SOMA Analytics, das von Münchner Studenten gegründet wurde, hat ein Frühwarn- und Präventionssystem für Burn-out und Depression entwickelt. Ihre Smartphone-App soll das Stresslever von Mitarbeitern erkennen können und HInweise und Anleitungen zur Stressreduktion anbieten. (134)

  • Eroberungsfeldzug der Maschinen (136)

Der neue Mensch ist die Summer seiner Daten, egal, ob er als Konsument, Patient, Bewerber, Kreditnehmer, Mieter, potenzieller Liebespartner oder Angestellter auftritt. Am Ende de Effizienz-, der Kosten-Nutzen-Rechnung steht immer ein folgenreiches Ergebnis. Diese Datenerhebung in Endlosschleife wird, bezogen auf den Arbeitsplatz dazu führen, dass vermeintliche Ineffizienz nicht länger geduldet wird. (136)

Die Journalistin Maggie Jackson sprach als eine der Ersten vom digitalen Taylorismus. Dessen extreme Variante betreiben zwei amerikanische Konzerne: Walmart und Amazon. Beide haben technologisch ausgefeilte Systeme der Überwachung und Dauerperformanceanalyse ihrer Mitarbeiter installiert, die darauf abzielen, den Menschen zur Maschine umzuformen (...). (137)

Amazon - und auch Zalando - betreiben ihre Lager ganz bewusst in strukturschwachen Gebieten mit einer hohen Arbeitslosigkeit. Das sorgt einerseits dafür, dass es stets genügend frische Arbeitskräfte gibt und dass andererseits unzufriedene MItarbeiter, das die Jobs so rar gesät sind, nicht so schnell kündigen. (140)

(...) gegenwärtige Transformation des Menschen in ein quantifizierbares Wesen mit ihren unabsehbaren Folgen für unsere Freiheit, für unsere Selbstbestimmung (...). (146)

Nach einer Umfrage von Fidelity Investment bieten mittlerweile fast 90 Prozent der amerikanischen Arbeitgeber ihren Mitarbeitern Anreize, wenn sie ihren Lebensstil gesünder gestalten. Dabei geben sie im Durchschnitt jährlich etwa 520 Dollar pro Mitarbeiter aus. (148)

Damit hier kein Missverständnis entsteht: Gerade im Gesundheitswesen ist das Potenzial von Big Data enorm. Richtig angewandt, kann Big Data millionenfach Leben verbessern, verlängern und retten. (149)

Cataphora versucht, Menschen anhand ihrer digitalen Datenspuren zu lesen, zu verstehen und zu bewerten. Am Ende dieser Reduktion eines Menschen auf seine Daten und deren Analyse entsteht ein digitales Schattenbild jedes Einzelnen. Das zweite Ich. (152)

Der Denkfehler ist, zu meinen, dass die Analysen den Menschen in seiner Gesamtheit vermessen würden (...). Der Mensch ist aber nicht schubladenkompatibel. (...) Es ist ein in mathematische Wahrscheinlichkeitsrechnung übersetzte Annäherung und damit eine dramatische Vereinfachung menschlichen Verhaltens. (181)

  • Facebook & Co. (185)

Die sozialen Netzwerke erkennen so den Nutzer, sie können ein komplettes Surfprofil erstellen und haarklein verfolgen, wer sich wann welche Seiten angesehen hat. (185)

Facebook kolonisiert unser Leben. (188)

Soziale Netzwerke zu nutzen heißt, die Kontrolle über seine Daten zu verlieren. Die Plattformen sind gigantische Datenstaubsauger. Und wir füttern sie täglich mit unvorstellbar großen Datenbergen. (191)

Dank Nests eingebauter Sensoren weiß Google jetzt, wann Sie zu Hause sind, in welchem Zimmer Sie sich aufhalten und wann Sie weg sind. Es weiß dank der Luftfeuchtigkeitsmessung in Ihrem Schlafzimmer auch, wie oft, wie lange und wie leidenschaftlich Sie Sex haben.(...)
Google stellt seine eignen Gesetze auf, ohne dass wir diese Gesetze kennen, geschweige denn ihnen zustimmen würden. Die moderne, mit Sensoren ausgestattete Wohnung mutiert zu einem gruseligen, durch Apps steuerbaren Überwachungsraum. (203)

Die Entmündigung des immer bequemer werdenden Bürgers, der seine Gedankenarbeit herunterfährt und den Kühlschrank die Einkäufe erledigen lässt, mündet in das totale Geführtwerden und damit in die Unfreiheit, prophezeit der ehemalige Landesdatenschutzbeauftragte Joachim Wahlbrink. (206)