- Ein Tauschmittel, das jedem dient
Goldmann Verlag, München 2006
Im Durchschnitt erstatten wir dreißig bis fünfzig Prozent an Zinsen in den Preisen für Güter und Dienstleistungen, die wir zum täglichen Leben benötigen. Gäbe es also eine Möglichkeit, den Zins durch einen effektiveren Umlaufmechanismus zu ersetzen, dann könnten die meisten von uns ihre Kaufkraft um mindesten ein Viertel erhöhen, oder sie müssten entsprechend weniger arbeiten, um ihren derzeitigen Lebensstandard zu halten. (28)
Es zeigt sich, dass achtzig Prozent der Bevölkerung mehr Zinsen bezahlen, als sie erhalten, zehn Prozent einen geringen Ertragsüberschuss haben und bei den restlichen zehn Prozent der Zinsertrag beim Doppelten der Zinslast liegt. (...)
Mit dem Zins in unserem Geldsystem ist also ein Umverteilung von Geld verbunden, welche nicht auf Leistung beruht, sondern letztlich darauf, dass jemand die freie Marktwirtschaft, das heißt, den Austausch von Waren und Dienstleistungen, durch Zurückhaltung des Austauschmittels behindern und für die Aufgabe dieser Behinderung eine Belohnung erzwingen kann. (34)
Dies ist eine andere und eine weit subtilere und effektivere Form der Ausbeutung als jene, die Karl Marx zu beheben versuchte. Fraglos hatte er Recht, auf die Quelle des Mehrwerts in der Produktionssphäre hinzuweisen. In einer arbeitsteiligen Wirtschaft realisiert sich der Mehrwert jedoch auch in der Zirkulationssphäre von Geld und Waren, ja in immer größerem Umfang ausschließlich in der Geldsphäre. (36)
Silvio Gesell nannte dieses Geld, weil es zinsfrei wäre, Freigeld. Dieter Suhr hat dafür in den letzten Jahren den Begriff Neutrales Geld geprägt, weile es vorteilsneutral allen dient und keinem einseitige Vorteile einräumt wie das heutige Geld. Peter Knauer bezeichnet die Gebühr, die den Zins als Umlaufsicherung ersetzt, als Bereitstellungsgebühr. (49)
Was die Einführung eines Neutralen Geldsystems nicht automatisch löst, ist das Problem, wie mit der bisher entstanden Ungleichheit umgegangen wird. (59)
Die zinsbedingte Umverteilung der Einkommen von der Arbeit zum Besitz führt zwangsläufig zu einer Verarmung der Aurbeitsleistenden. Diese Verarmung kann nur durch ständiges Wirtschaftswachstum vermieden beziehungsweise ausgeglichen werden. Das heißt, dass Bruttosozialprodukt (...) muss in jedem Jahr mindestens um den Betrag erhöht werden, den das Geldvermögen mehr beansprucht. Soll sich die Schere zwischen Arbeits- und Zinseinkommen nicht weiter öffnen, muss das Wirtschaftswachstum dem der Geldvermögen sogar prozentual entsprechen. (107)