Roman einer Köchin - Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017
Ich habe mir das kleine Haus in Sainte-Bazeille einmal angeschaut, wo die Chefin versicherte die beste Zeit ihres Lebens verbracht zu haben, auch wenn sie nie dorthin zurückgekehrt ist (...). Und während ihr Gesicht eine ungewöhnliche Ausgeglichenheit gezeigt hatte, seit wir Bordeaux über die Nationalstraße verlassen hatten, sah ich nun, dass es sich verfinstert hatte und dass sogar zwei kleine Zornesfalten um ihren Mund erschienen. (20-21)
Dass man sich in ihr täuschte, ohne sie irgendetwas zu fragen, das war ihr recht.
Dass es allerdings ihre eigene Tochter war, die alle Welt in die Irre führte, um sich für irgendeinen Affront zu rächen, das musste sie verletzt haben, ja, tödlich verletzt, denke ich. (29)
Sie wollte, dass man sie liebte, und vor allem, dass man ihre Eltern liebte.
Dann hätte sie ihr Bestes gegeben, sogar mehr als das, das Beste von jemand in ihr, der sich noch nie bemerkbar gemacht hatte, dessen geheime, verborgene Existenz sie wohl nicht einmal ahnte, bis sie das Kochen entdeckte. (30)
Sie fragen mich, Sie fragen sich selbst, warum die Köchin und der Gärtner der Clapeaus so taten, als würden sie in dem neuen Dienstmädchen ein bloßes Hindernis für ihren Blick sehen, wie sie nicht merken konnten, dass sie nur ein niedergeschlagenes, einsames Kind war, gerade erst der beschützenden, warmen Umgebung entrissen, die alles war, was sie kannte, Sie fragen sich und mich, warum sie sich so gemein verhielten, obwohl es doch zwischen der Chefin und ihnen keinerlei Konkurrenz geben konnte. (35)
Ihre Eltern, so hatte die Chefin immer gedacht, waren glücklich, arm zu sein. (42)
ich schreite recht und schlecht voran, ich habe keinerlei Gewissheiten, ich will, dass die Chefin als bewundernswerte Frau bekannt wird. (52)
(...) den Jungen, der ich vorher war, (...) verwandelt hat in einen jungen Mann mit der Fähigkeit zum Staunen und zum Verzicht.
Wie könnte ich es beklagen, moralisch und geistig viel größer geworden zu sein als der, der ich gewesen wäre, wenn diese Liebe mich nicht überrascht hätte? (54)
In der Küche darf es nur automatisierte, zartfühlende, leichte und ihres Tuns bewusste Hände geben. (...)
Sie pflegten im Sommer in ihr Haus in den Landes umzusiedeln und die Köchin dorthin mitzunehmen, doch in jenem Sommer, in dem der Geist der Küche ins Herz der Köchin einzog, dem Sommer, in dem die Chefin sechzehn wurde, hatte die Köchin sich zum ersten Mal geweigert, ihnen zu folgen, (...). (63)
Sie hätte, so hatte sie gedacht, auf unanfechtbare Weise gekocht. (66)
(...) strenge Schönheit der gusseisernen Koketten, denn sie hatte schon den ganzen ästhetischen, appetitlichen Reiz dessen erkannt, diese auf den Tisch zu stellen, statt, wie die Köchin und alle Welt zu dieser Zeit es taten, alles, was darin geschmort hatte, Suppe, Hasenpfeffer, Rinderbackenragout, umzufüllen in eine mit albernen Blümchen dekorierte Schüssel oder auf eine Silberplatte, (...). (69)
(...) sie war glücklich aus Gründen, die nur von ihr selbst abhingen, von ihrer Ausdauer, ihrer Kühnheit, ihrem Vertrauen in ihre Fähigkeiten, und nicht, weil irgendjemand, uns seien es ihre lieben Eltern, sie glücklich machen wollte, was immer ihr Misstrauen weckte, und dieses machte wahrscheinlich jede Möglichkeit für sie zunichte, die Liebe eines Mannes zu schätzen oder anzunehmen; sie wollte diese Gefühl, diese Empfindung, glücklich zu sein, nur sich selbst verdanken, sie wollte das so sehr, dass es sie schließlich unfähig machte, das Bemühen eines Mannes, ihr Freude zu bereiten, auch nur im Geringsten auszukosten, zu genießen, (...). (87)
Wie konnte es sein, dass diese von der Chefin heißgeliebten Eltern in den Augen ihrer anderen Kinder als abstoßendes, beängstigendes, mitleiderregendes Beispiel erschienen waren?
Und dass sie die Kirche und die pinkfarbenen Kleider ebenso wenig hatten verhindern können wie den Selbstmord der beiden Jüngsten? (124)
Ihre Eltern sind zusammen in einem Auto umgekommen, das der Vater fuhr und das die Chefin ihnen eine Woche zuvor gekauft hatte. (128)
Nein, ich weiß nicht, ob die Clapeaus das wahre Lächeln der Chefin gekannt haben.
Ich denke nicht. (133)
Ihr war immer so, als würden spektakulär aussehende Gerichte etwas verbergen, und dieses Etwas gefiel ihr nicht (...), dass der Koch es letztlich nicht für nötig befunden hat, den Hauptbestandteil des Gerichtes mit der Brillianz zuzubereiten, die er gänzlich und voller Eitelkeit auf einen Blätterteischwan oder eine aufsehenerregende Krokantgondel verwendet.
Die Chefin verabscheute den bloßen Gedanken, Eindruck zu schinden, das war der Quell ihres Feingefühls. (137)
Das Mädchen hatte bei ihnen gelebt, neben ihnen, jetzt war sie in ihnen.
Sie mussten sich mit einem Mindestmaß an Würde darein fügen. (142)
(...) sie war für die Clapeaus verantwortlich, wie man es für Tiere ist, die einem gehören, wie für Kinder, für die man zuständig ist, (...). (149)
(...) ich habe mit geduldigem, loyalem Herzen darauf gewartet, dass sie mir ein klares Zeichen sandte, es ist nicht gekommen, oder vielleicht doch, aber erst dann, als meine Loyalität nachgelassen hatte, was ich mir bis heute nicht verzeihe, und ich habe es nicht zu empfangen verstanden. (150)
Der gekachelte Küchenboden war mit Sand bedeckt, der alte Tisch schmutzig und staubig. Die riesige Pinie vor dem Fenster ließ nur ein aschfahles Licht herein, und das sprach die Pinie plötzlich zu mir, und während meine erschrockenen Augen über die Wände mit den herausgerissenen Regalen, die Decke, von der eine zersprungene Glühbirne hing, huschten, begriff ich, dass hier schon lange niemand mehr gekochte hatte, dass das Haus tot war, das war es, was die Pinie mir in keineswegs freundlichem Flüsterton zuraunte, zusammen mit der Empfehlung zu verschwinden. (153)
Als ich sicher wieder in meinen Auto saß, wurde mir klar, dass die Pinien mich nicht allzu harsche behandelt hatten, ich hätte die Tür verschlossen vorfinden können, als ich wieder hinauswollte, die erzürnten Pinien hätten alle Fenster versperren könnnen: Nun, dann koch jetzt! (154)
Der Chefin kam es so vor, als werde der Sauerstoff des kleinen Hauses allmählich aufgesogen von den erotischen Dünsten, die ihre Arbeit gegen ihren Willen absonderte, (...) (155)
(...) diese Schwäche, den Vater ihres Kindes geheiratet zu haben, einen Mann, den sie nie geliebt, nie geschätzt hatte, den Gärtner der Clapeaus, ja wahrscheinlich fühlte sie sich so gedemütigt von der Vorstellung, dass sie diesen miesen Typen erlaubt hatte, sie zu berühren und in sie einzudringen, ja das sie ihn vielleicht begehrt und ermutigt hatte, dass sie es nicht einmal jemandem gestehen konnte, der, wie ich, nichts von diesem Mann wusste und also keinen Grund hatte, von dieser Vorstellung schockiert zu sein. (164)
Sie hoffte lange, ihn [ehemaliger Koch des Restaurants, wo sie lernte] in ihr Restaurant betreten zu sehen, so wie sie Jahrzehnte zuvor sein Restaurant betreten hatte - er wäre sicherlich nicht gekommen, um sie um Arbeit zu bitten, aber um ihr zu verstehen zu geben, dass er ihr verziehen hatte, dass er ihr nichts mehr nachtrug, und die Chefin hätte sofort vergessen, dass sie gar nicht getan hatte, wofür sie hätte wünschen können, dass er ihr verzieht, sie hätte sich unendlich erleichtert, besänftigt gefühlt, sie hätte seine Vergebung mit Dankbarkeit empfangen wie eine Schuldige, denn sie dachte, dass es ein wichtigeres Prinzip gab als Gerechtigkeit: das der Versöhnung. (220)
(...) es war einfach nur so, dass sie jedem Verfahren misstraute, das nur ein hübsches Aussehen bezweckte, womöglich auf Kosten der ursprünglichen Qualität der Zutat - sie fand, eine Zutat müsse sich nicht herausputzen oder verwandeln, wenn sie sich nichts vorzuwerfen hatte. (257)
(...) Cora wirkt so gelassen, so selbstsicher, dass sie wahrscheinlich in der Lage wäre, ein mittelmäßiges Abendessen (den alles, wovon ich mich ernähre, entstammt der Lebensmittelindustrie und ist unweigerlich verschandelt und verfälscht) in der trostlosen Küche eines Apartments in einer Wohnung für Durchschnittsrentner zu verschmerzen. (260)
Denn die Chefin verwendete ihre Nächte darauf zu träumen, aber auf konkrete, wirkungsvolle Weise, sie war wach und sich dessen, was sie tat, wohl bewusst, und doch waren es Träume, die unter ihren Fingern Gestalt annahmen in diesen wogenden Nächten, von den Nächten der anderen so deutlich getrennt wie eine Parallelwelt vom gewöhnlichen Leben. (268)
(...) dass das Gefühl, das mir in jenem Moment die Kehle zuschnürte, als ich mich wieder meinem Messer und den kleinzuschneidenden Paprika zuwandte, von ganz anderer Art unf für mich völlig neue war - es war die Vorahnung einer Katastrophe. (286)
Ja, die neuen Gäste des La Bonne Heure ware so, wie die Tochter es wollte, reich und gewöhnlich, sie schauten nicht auf den Preis, wenn sie in einem Ambiente, das in ihren Augen schick und entspannt war, Gerichte aßen, deren Namen so bedeutungsschwanger klangen, (...). (304)
(...) - die Chefin hatte keinen einzigen wirklichen Freund, stellte ich fest, keinen, der sich um sie sorgte, außer mir, der ich mich aus Feigheit und Eitelkeit entfernt hatte. (311)
(...), jedenfalls brachte mich der Umgang mit der Tochter die Chefin näher, wenn auch auf indirekte, verquere und erbärmliche Weise. (314)
Ich eröffnete ein Konto auf Coras Namen und sparte für sie.
So hatte nun auch ich meine junge Elefantin in der Ferne, ich wollte, dass sie eines Tages mit dem Gold bedeckt wäre, das ich für sie verdient hätte, selbst wenn ich sie nie wiedersehen sollte. (318)
Sie [die Chefin] würde mir später erklären, der verheerende Anblick, den ich bot, als ich vor ihr in der Tür stand, habe sie tief erschüttert, sie habe versucht, ihre Verblüffung und ihr Mitleid zu verbergen, und die einzigen Gedanken, die ihr damals gekommen seine, hätten die dringende Notwendigkeit betroffen, mich aus diesem Zustand herauszuholen, durch das einzige Mittel, an das sie glaubte: die Arbeit. (324)
Sie [die Chefin] erzählte mir nicht von ihrem neuen Hass auf die Küche und auch nicht davon, wir sie unmerklich eine Zutat nach der anderen aus ihren Gerichten strich, wie sie sich auf dem Grat einer erlesenen Schlichtheit bewegte, aber knapp davor schien, wie ich mir besorgt sagte, ins Absurde zu verfallen, sie sprach also mit mir nicht über das, was sie beschäftigte, was sie quälte, über das, was sie verlassen hatte. (329)