Droemer Verlag, München 2015
Wer Phantasie hat, der kann sich ausmalen, was geschieht, wenn Milliarden von Menschen alles sieben Minuten auf ihr Smartphone schauen, irgendetwas damit tun und dabei Spuren hinterlassen, die von den weltweit reichsten und mächtigsten Firmen ausgewertet werden, um noch mächtiger und vor allem noch reicher zu werden. (11-12)
Mit der Änderung des Lebensstils vom umherziehenden Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern und der damit verbundenen Umstellung der Ernährung kam es zu einer für jeden einzelnen unmerklichen, insgesamt jedoch dramatischen Zunahme von Krankheiten. Die bei Ausgrabungen weltweit untersuchten Knochenfunde belegen eindeutig, dass die Körpergröße der Menschen mit der Sesshaftwerdung deutlich abnahm. (29)
Das Leben war nun zwar besser planbar und berechenbar, aber der Preis dafür war eine schlechtere Gesundheit des Einzelnen. (30)
Als es noch Hungersnöte gab, sicherte Übergewicht das Überleben! Dem zivilisierten Menschen hingegen bringt es den Tod (...). (35)
Durch solch hervorhebende Bewertungen (...) entstehen unserer Erinnerungen, die uns dabei helfen, uns in der Welt zurechtzufinden. (...) So sind in diesem System Lernen und Lust eng miteinander verknüpft. (36)
Ob nun irgendetwas herausgehoben und als einzelnes Ereignis abgespeichert wird, hängt vom Bedeutungsverleihungsprozess ab, und den wiederum kann man in erster Annäherung als Summe der jeweils gerade vorhandenen Emotionen begreifen. (37)
Daher gehört Nahrung (neben der Fortpflanzung) zu den wichtigsten natürlichen Reizen, die das Belohnunssystem aktivieren. (38)
Suchtartiges Essverhalten entsteht bei ungehinderten Zugang zu einer wohlschmeckenden hochkalorischen Ernährung. Der Mechanismus besteht in einer Verstellung des Ansprechens des Belohnungssystems auf Nahrung, so dass für den gleichen belohnenden Effekt (immer) mehr gegessen wird. (43)
Nein, man wird sogar süchtig nach einer bestimmten Form von Nahrung, die besonders reich an Fett und Zucker ist und für deren Dauerkonsum unser Gehirn evolutionär nicht vorbereitet ist. (48)
Die Konsequenz liegt auf der Hand: An Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Nahrungsmittel sollte verboten werden. In Schweden ist jegliche an Kinder gerichtete Werbung sein mehr als zwei Jahrzehnten verboten. (49)
Medien-Multitasking, also die Nutzung verschiedener Medien zur Unterhaltung in der Freizeit, ist bei Jugendlichen weit verbreitet. Wer jedoch beim Lernen oder Arbeiten versucht, Multitasking zu betreiben, wird dadurch ineffektiv, wie die experimentalpsychologische Grundlagenforschung schon lange nachgewiesen hat. (62)
Eine statistische Modellierung der Daten mittels Pfadanalyse zeigte, dass die Nutzung des Mobiltelephones (...) signifikant mit schlechteren Leistungen und höherer Angst verbunden war und dass diese beiden Faktoren wiederum mit einer geringeren Lebenszufriedenheit einhergingen. (68)
Eine mögliche Folge der Verfügbarkeit von Smartphones besteht darin, dass die allgemeine Unlust am und/oder Unfähigkeit zum Nachdenken nicht nur dazu führt, dass wir uns auf unser automatisches assoziierendes Denken verlassen, sondern überhaupt nicht denken. (74)
Sie räumen damit recht gründlich mit der bekannten Meinung auf, dass die Informationssuche im Internet ein untrügliches Zeichen von Intelligenz sei. Ganz im Gegenteil scheint es vielmehr der Fall zu sein, dass gebildete Menschen seltener online gehen müssen, um ein Problem zu lösen. (78)
Viele jungen Leute reagieren auf ihr Smartphone, statt zu agieren. Reale soziale Interaktion und Beziehungen werden durch digitale soziale Netzwerke und Kurznachrichten ersetzt. (80)
Nur etwa 10 Prozent der jungen Menschen scheinen verstanden zu haben, dass man das Smartphone im Leben benutzen muss wie beispielsweise Salz beim Essen: In sehr geringen Dosen (wenige Gramm pro Tag) macht es alles schmackhafter; in höheren Dosen oder gar als Hauptbestandteil der Nahrung ist es schädlich bis tödlich. (81)
CYBERSUCHT [83 ff]
Die eigentliche Funktion des Belohnungssystems besteht darin, positive Erfahrungen hervorzuheben und ihnen dadurch besondere Bedeutung zu verleihen. Dadurch werden sie im Gedächtnis gespeichert. (83)
Computerspiele wirken auf den Geist wie Zucker für den Körper. (...) Dass wir auch reine Energie uns sonst nichts essen können, ist von der Natur nicht vorgesehen; und wenn wir dies tun, dann werden wir krank: mangelernährt und zugleich übergewichtig. (92)
(...) eine im Fachblatt Psychological Science publizierte Studie (...). Computerspiele verbessern nicht die Aufmerksamkeit, vielmehr trainiert man sich mit ihnen eine Aufmerksamkeitsstörung an. (99)
Facebook verhält sich zu unseren Bedürfnissen nach Gemeinschaft wie Popcorn zum Bedürfnis nach Nahrung: Eine riesige Masse macht viel her und gaukelt Bedürfnisbefriedigung vor, obwohl sie vor allem aus Luft und leeren Kalorien besteht. (108)
Angesichts dieser besorgniserregenden Entwicklung wurde in Südkorea bereits im Frühsommer 2013 die Kampagne 1-1-1 gestartet. Ziel dieser Kampagne ist es, dass sich jeder teilnehmende Jugendliche bereit erklärt, an einem Tag der Woche das Smartphone für eine Stunde auszuschalten. (114)
Big Data, Big Brother und das Ende der Privatheit
Zudem ist der amerikanische Geheimdienst NSA der größte Arbeitgeber von Mathematikern in den USA. Die NSA braucht Mathematiker, wie ein Papierhersteller Bäume braucht, wird David Vogan, bis Januar 2015 Präsident der American Mathematical Society, im Fachblatt Science zitiert. (126)
(...) denn wann immer in einer Solidargemeinschaft (z.B. der Auto- oder Krankenversicherten) eine Teilmenge bevorzugt behandelt wird und weniger bezahlt, muss der Beitrag aller anderen steigen. Auch in diesem Fall kostet Privatheit Geld. (137)
Cyberstress
Das Experiment zeigt ganz deutlich: Nicht die unangenehmen Erfahrungen an sich bewirken Stress, sondern das Gefühl, ihnen machtlos ausgeliefert zu sein. (...) Erlebte Selbstwirksamkeit ist das beste Rezept gegen Stress. (149)
(...) was dieser mediale Overflow für uns bedeutet: Stress!
Akuter Stress kann lebensrettend sein, chronischer Stress bringt uns dagegen um. Relevant für das Auslösen von Stress ist nicht das objektiv vorhanden Ausmaß an Unbill, sondern das subjektive Erleben von Kontrollverlust. Gerade weil digitale Informationstechniken mittlerweile in jeden Lebensbereich Eingang gefunden hat und uns in vielfältiger Hinsicht kontrolliert, bereitet sie uns Stress. (165)
Morbus Google (195)
(...) das Internet [ist] weniger als Auslöser einer Störung, sondern vielmehr als Ausdrucksform oder möglicher Verstärker bereits vorhandener Tendenzen zu sehen. (197)
Suchen setzt Wissen voraus. (...) Nur durch bereits vorhandenes Wissen kann man neues Wissen erwerben, das dann wiederum den Erwerb weiteres Wissens ermöglicht.
Selbstverständlich muss man damit irgendwann und irgendwie anfangen. Aber dieser gesamte Prozess des Verstehens ist eben nicht vergleichbar mit einem Download von Informationen von einem Computer zum anderen. (203)
Die gegenwärtig oft gehörte Aussage, im Zeitalter von Internet und Suchmaschine brauchte man nichts mehr wissen, das man ja alles googeln könnte, entpuppt sich als hohle Phrase, die das Kernproblem menschlicher Verständnisprozesse, wie man es seit langer Zeit kennt und gut analysiert hat, völlig aus dem Blick verloren hat. (204)
Abhilfe schafft hier weder der Internetführerschein noch die Medienkompetenz; beide Begriffe täuschen nämlich vor, dass es eine ganz allgemeine Fähigkeit gibt, mit Informationsschnipseln jeglicher Herkunft umgehen zu können, die nichts mit Intelligenz, Denkvermögen, Durchhaltevermögen oder Willenskraft zu tun hat und für sich erlernt werden kann. (205)
Denn weder der Computer noch das Internet haben an der prinzipiellen Funktionsweise von menschlichen Verstehensprozessen irgendetwas geändert. (206)
Digitale Kindheit: unsinnlich und sprachlos
Damit ist das Gehirn eine Erwachsenen grundsätzlich das Produkt von Genen und Umwelt. Das Gehör beispielsweise funktioniert schon drei bis vier Monate vor der Geburt. (...) Berührungen werden ebenfalls bereits vor der Geburt registriert. (207)
Der Bildschirm verleitet zum Überfliegen (...). [im Gegensatz zu deep reading] (213)
Kinder, die traditionelle Bücher lasen, erinnerten sich signifikant besser an Details und die Reihenfolge der Ereignisse in einer Geschichte als Kinder nach dem Lesen von E-Books. (215)
E-Books für Kinder haben somit klare Nachteile gegenüber gedruckten Büchern, insbesondere wenn sie gut gemacht sind und die Möglichkeiten digitaler Medien gut ausschöpfen. Dann nämlich wirken sie besonders ungünstig auf die Sprachentwicklung des Kindes, denn sie lenken vom Wesentlichen ab und fördern daher nicht den Lernvorgang, sonder behindern ihn. (217)
Unser Gehirn hat eine übergeordnete Funktion: es dient dem Überleben. Deswegen suchte es nach Regelmäßigkeiten hinter den von Moment zu Moment wechselnden Eindrücken, extrahiert diese uns speichert sie ab. (220)
(...) es [das Gehirn] lernt Allgemeines anhand von Einzelheiten. (...) Unser Gehirn ist kein Kassettenrekorder, kein Videorekorder und erst recht keine Festplatte. Es ist besser! Es führt permanent Statistik und leitet aus einzelnen Erlebnissen allgemeine regelhafte Erfahrungen ab. (222)
Im Gegensatz dazu ist das Wischen über eine glatte und damit eigenschaftslose Oberfläche das Dümmste, was ein Kind tun kann (225)
Gewiss: Eine erdrückende Lobby - bestehend aus einer Allianz von Herstellern, Medienmachern und vielen (aber nicht allen) Medienpädagogen - verspricht uns täglich das goldene Zeitalter der Bildung durch digitale Technik. Fakt ist hingegen, das diese einen massiven Anschlag auf die Kindheit durch die Einschränkung der Sinne und körperlichen Bewegungen darstellt, den es abzuwehren gilt. Die Aufgabe von Eltern und Erziehern kann daher nur darin bestehen, die Kinder vor den digitalen Medien zu schützen. (233)
Digitale Jugend: unaufmerksam, ungebildet und unbewegt
Diese Änderung der Synapsenstärke sind die Speicherung. Damit geht die Verarbeitung von Informationen automatisch mit Speicherung einher. Beide Funktionen werden also nicht von zwei unterschiedlichen Modulen bewerkstelligt, sonder sind zwei Aspekte eines Prozesses: der Tätigkeit von Nervenzellen. (235)
Um sich entwickeln zu können, muss das Gehirn mit der Welt in Wechselwirkung treten. Dazu müssen wir wach und fokussiert sein. (...) Die intensive Nutzung digitaler Medien beeinträchtigt beide Formen der Aufmerksamkeit - sie steigert die Tagesmüdigkeit (...) und vermindert auch unsere selektive Aufmerksamkeit. (239)
(...) weltweit größte Studie zu den Auswirkungen des Mobiltelefons auf Aufmerksamkeit in China (...). Die Ergebnisse könnten klarer nicht sein: Es wurde gesteigerte Unaufmerksamkeit ermittelt, (1) je mehr Zeit mit dem Smartphone zum Zweck der Unterhaltung verbracht wurde, (2) wenn es tagsüber in der Hosentasche getragen wurde und (3) wenn es nachts nicht ausgeschaltet war. (241)
Die Befragung ergab, dass die Fähigkeit zur fokussierten Bearbeitung einer einzigen Aufgabe deutlich abgenommen hat und dies in Relation zum Ausmaß der Nutzung des World Wide Web, sozialer Medien und dem Multitasking in Zusammenhang steht (...). Zudem zeigte sich, dass Personen, die viel Multitasking betreiben, ablenkende Reize weniger gut ausblenden können: Bei der Verwendung mehrerer Bildschirme trainieren sich die Konsumenten eine Verminderung der Fähigkeit zum Ausblenden von Ablenkungen an, schreiben die Autoren. (243)
Wenn also Schulkinder nicht mehr das Schreiben mit der Hand lernen, kommt dies der Beraubung junger Menschen eines wichtigen Werkzeugs zur Steigerung ihrer Merkfähigkeit gleich. Man schadet damit ihrem Bildungsprozess. (247)
Die New York Times beschrieb im Jahr 2011 eine Waldorf-Schule im Silicon Valley, die sich damit rühmt, über keinerlei Computer zu verfügen. Wer schickt seine Kinder dorthin? Die Angestellten von Google, Aplle, Yahoo und Hewlett-Packard. (252)
Investitionen in digitale Informationstechnik im staatlichen Bildungsbereich stellen demzufolge eine Verschwendung von Mitteln dar, solange die Datenlage so klar ist, wie sie derzeit ist (...). An Lehrstellen zu sparen und zugleich Millionenbeträge für digitale IT auszugeben ist verantwortungslos und bildungsfeindlich. Es kann und darf nicht sein, dass wir die Bildung der nächsten Generation - das Fundament unser Kultur, Wirtschaft und gesamten Gesellschaft - den Profitinteressen einiger weniger weltweit agierenden Firmen überlassen. Denn die Bildung junger Menschen ist unserer Zukunft! (260)
Während des Schlafs werden Zellen in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns in ihrer Aktivität synchronisiert, wodurch die Informationen untereinander austauschen können. Dies dient der sogenannten Konsolidierung, d.h. der Verfestigung von noch instabilen Geächstnisspuren im Gehirn. (279)
Es gibt 4,2 Millionen Pornographie-Portale das sind 12 Prozent aller Websites. Etwa 25 Prozent aller Anfragen bei Suchmaschinen beziehen sich auf pornographische Inhalte. (293)
Wir lernen Sprechen im Dialog uns soziales Verhalten im gegenseitigen Umgang.
Damit dies geschieht, muss der gegenseitige Umgang gelebt werden. Genau hier entfalten digitale Medien ihre ungünstigen Auswirkungen auf das Sozialverhalten, denn sie verdrängen reale Kontakte durch virtuelle. (...)
Denn nachweislich leiden Jugendliche unter zunehmenden Empathieverlust, je mehr Zeit sie vor dem Bildschirm verbringen. (...)
Da stirbt also jemand in einem belebten Internet-Café, und an den umliegenden Rechnern wird unverdrossen weitergespielt. Weniger Empathie geht nicht. (307)
Damit ist die häufige Nutzung des Smartphones letztlich zu bewerten wie stundenlanges Fernsehen oder Computerspielen: Das Gewicht nimmt zu, die Fitness ab, und das Risiko der Entwicklung von Zuckerkrankheit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. (313)
Noch deutlicher ist der Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Demenz. (...)
Hierzu passt die Beobachtung, dass ein Enkel das Beste ist, was einem älteren Menschen passieren kann. (314)
Nichts ist gesünder im Sinne der Verlängerung des eigenen Lebens als die aktive Teilnahme an der Gemeinschaft mit anderen Menschen. (315)
Bei der Nutzung digitaler Medien haben sich die Menschen in den modernen Industrienationen längst weit von dem entfernt, was man vielleicht eine noch vertretbare Dosis nennen könnte - insbesondere was Kinder und Jugendliche betrifft. Ihr Medienkonsum beginnt heute schon, bevor sie laufen uns sprechen können, und steigert sich auf 7,5 Stunden bei 12- bis 16- Jährigen. (318)
Warum geschieht nichts? Weil eine übermächtige Lobby der reichsten Firmen der Welt ganze Arbeit leistet. (320)
Die Autoren fanden insgesamt heraus, dass ein Handy-Verbot zu einer Verbesserung der Leistung um 6,41 Prozent einer Standardabweichung führte. Von Bedeutung ist hierbei, dass der Effekt vor allem auf die schwächeren Schüler zurückgeht: Das schwächste Fünftel der Schüler wies eine Verbesserung um 14,23 Prozent einer Standardabweichung auf; das beste Viertel der Schüler hingegen blieb in seinen Leistungen durch ein Verbot von Handys unbeeinflusst. (339)
Der untrainierte Geist mag nicht mit sich selbst allein sein. (349)
Um sich zu entwickeln, brauchen Kinder und Jugendliche die ganze Welt und keinen faden digitalen Abklatsch davon. Junge Menschen kommen ohnehin mit digitaler Technik in Berührung; sie sind leicht zu begeistern, können aber auch rasch in ihrer Entwicklung entgleisen. Sie brauchen daher Unterstützung bei jeglicher Form von digitaler Diät. (350)