M. Agejew: ROMAN MIT KOKAIN

Veröffentlicht von

Manesse Verlag, Zürich; eBook

Der unter dem Pseudonym "M. Agejew" 1936 in einem russischen Exilverlag erschienene Roman hat es in sich. Der "wirkliche" Verfasser hieß offensichtlich Mark Levi (vgl. Nachwort). Ein anregender und höchst subtiler Roman.

  • "Aber wenn Sie, ein Diener Gottes, sich schon vorgenommen haben, uns auf den Pfad der Wahrheit zu führen, dann sehen Sie es mir nach, wenn ich Sie frage: Wo, worin, wann und wie zeigten Sie selbst diese uns unbekannten Tugenden eines Christen, deren unbedingte Ausübung Sie sich entschlossen, uns hier beizubringen? Übrigens, wo waren Sie, mit Ihrer christlichen Tugend, als vor zehn Monaten blutrünstige Massen mit bunten Fetzen durch Moskaus Straßen drängten, Massen sogenannter Menschen, die in ihrer Blutrünstigkeit und Einfältigkeit selbst dem Vergleich mit einer Horde wilder Tiere nicht standhalten können - wo waren Sie, ein Diener Gottes, an diesem für uns so entsetzlichen Tag?" (S.56 - Pos. 685)
  • "Es war schon Sommer, die Abschlussprüfungen waren lange vorbei, aber Begeisterungsausbrüche darüber, dass ich endlich Student war, fielen mir immer schwerer, und das untätige Leben, das ich jetzt führte, wurde mir zusehend noch lästiger als die Anstrengungen, für die es die Belohnung war." (S. 78 - Pos. 929)
  • "Was eine Frau ist? Aber ich bitte Sie, natürlich weiß ich das. Eine Frau ist wie Champagner: In gekühlten Zustand berauscht sie stärker, und in französischer Verpackung kostet sie mehr." (S. 93 - Pos. 1117)
  • "Ich wusste nicht genau, wann in mir der Entschluss aufgekommen war, Sonja Blumen zu schicken. Ich merkte nur, dass dieser Entschluss immer größere Dimensionen annahm, je näher ich dem Blumengeschäft kam (...) und da mit zunehmender Blumenmenge auch Sonjas freudiges Staunen immer größer wurde, war ich kurz vor dem Geschäft schon fest davon überzeugt, die ganzen in meinem Besitz befindlichen Rubel für Blumen ausgeben zu müssen. Ich passierte das Schaufenster des Blumengeschäfts, in dem sich die Blumen wellten wie verweinte Flecken, denn von innen lief Wasser an der Scheibe herab, und betrat den Laden. Während ich noch die duftende, klamme Dunkelheit einsog, fuhr ich plötzlich wie von einem schrecklichen Schlag getroffen innerlich zusammen: Sonja stand im Geschäft." (S.98 - Pos. 1180)
  • "Vielleicht ist es ja wirklich so, dass in der Werbung um einen Menschen eine widerliche Lüge liegt, irgendein feindseliger Argwohn unter einem Zuckerguss aus Lächeln." (S. 100 - Pos. 1207)
  • "Solche Küsse greifen einen zu sehr ans Herz, als dass sie den Körper ergreifen könnten." (S. 106 - Pos. 1273)
  • "Solcherart war meine Haltung gegenüber den Menschen, solcherart war meine Gespaltenheit: auf der einen Seite das schwärmerische Verlangen, die ganze Welt zu umarmen, andere Menschen glücklich zu machen und sie zu lieben, auf der anderen Seite das skrupellose Ausgeben der Altersgroschen eines armen Menschen und die grenzenlose Grausamkeit meiner Mutter gegenüber. (...) Aber in all dieser Gespaltenheit gab es eine Spaltung in mir, die am deutlichsten umrissen, am schärfsten wahrnehmbar war: die meines geistigen und sinnlichen Ichs." (S.111 - Pos. 1340, 1346)
  • "(...) eine Dirne aufzusuchen, so tat ich es doch nie.
    Ich tat es nie, weil es mich nicht nach einer durch mündliche Abmachung legalisierten Unzucht verlangte, sondern nach einem heimlichen und lasterhaften Werben, mit all seinen Eroberungen, mit seinem Triumph, bei dem wir mir schien, mein Ich, mein Körper, die Augen, die meine waren und die nur ich allein haben konnte, den Sieg davontrugen, und eben nicht die paar Rubel, die ein jeder haben konnte." (S. 112 - Pos 1359)
  • "Am rosafarbenen Klosterturm zeigten goldene Zeiger auf nüchternem schwarzem  Zifferblatt vierzehn Minuten nach fünf.  Als ich den Platz überquert hatte und in den feuchten Schatten des Boulevards getreten war, zeigten auf der anderen Seite des Turms die gleichen goldenen Zeiger auf ebenso schwarzem Zifferblatt exakt Viertel nach fünf. Schon ertönten einige dünne Glockenschläge, so versprengt, als spazierte ein Huhn auf einer Harfe herum." (S. 115 - Pos. 1392)
  • "Wenn das, was ich getan hatte, kein Betrügen war, dann hieß es. dass mein geistige Ich für mein sinnliches nicht verantwortlich war, dass meine Sinnlichkeit, so schmutzig sie auch war, meine Geistigkeit nicht beflecken konnte, dass meine Sinnlichkeit für alle Frauen offen war, meine Geistigkeit aber allein für Sonja, und dass das Sinnliche in mir auf irgendeine Weise vom Geistigen abgekoppelt war."  (S. 115 - Pos. 1400)
  • "Daraus ergab sich eine merkwürdige Schlussfolgerung: Wenn ein Mann das tat, was er tat, war er ein Mann. Wenn aber eine Frau das tat, was ein Mann tat, war sie eine Hure. Daraus ergab sich weiterhin, dass die Spaltung von Sinnlichkeit und Geistigkeit  beim Mann Zeichen seiner Männlichkeit war, bei der Frau dagegen Zeichen ihrer Hurenhaftigkeit." (S. 117 - Pos. 1420)
  • "Für einen verliebten Mann sind aller Frauen einfach nur Frauen, mit Ausnahme der einen, in die er verliebt ist - sie ist für ihn ein Mensch. Für eine verliebte Frau sind aller Männer einfach nur Menschen, mit Ausnahme des einen, in den sie verliebt ist - er ist für sie ein Mann. (s. 120 - Pos. 1455)
  • "Je länger eine solche Beziehung andauert, je beharrlicher beide Seiten versuchen, einander die frühere Nähe vorzutäuschen, desto deutlicher kommt jene entsetzliche  Feindseligkeit zum Vorschein, die es niemals zwischen Fremden geben kann, sondern nur zwischen Menschen, die sich sehr nahestehen." (S. 132 - Pos. 1630)
  • "Denn dem Herzen einer aussätzigen Frau ist der sinnliche Kuss eines Negers näher als der christliche Kuss eines Missionars, der seinen Abscheu überwinden muss." (S. 136 - Pos. 1673)
  • "(...) oder ich trat abends ans Fenster, nachdem ich die Lampe gelöscht hatte und mit ihr die Spiegelung des Zimmers in der schwarzen Scheibe, die sich sofort erhellte, und schaute, den Kopf in den Nacken gelegt, so lange in den dicht fallenden Schnee, bis ich wie in einem Lift nach oben zu fahren schien, den unbeweglichen Schneeseilen entgegen." (S. 144 - Pos. 1751)
  • "<Gibt er mir wirklich etwas?>, dachte ich und merkwürdigerweise, obwohl ich das Geld dringend brauchte, stieg unangenehmste Enttäuschung in mir auf. Es war, als hätte ich mich in diesem kurzen Augenblick davon überzeugt, dass die Großzügigkeit eines Dreckskerls ebenso enttäuschen war wie die Niederträchtigkeit eines Edelmanns. Aber Stein gab mir nichts." (S. 149 - Pos. 1814)
  • "Der Schnee aus dem ganzen Hof war dort aufgetürmt worden, weswegen der Garten sich über den Hof erhob, die Bäume hatten sich verkürzt. In diesem Schnee lagen unordentlich nasse, schwarze Bretter, und nur mit Mühe konnte man darin die in den Scheewehen ertrinkenden Lehnen der Bänke wiedererkennen." (S. 183 - Pos. 2263)
  • "Meine Nase war geschwollen, ließ keine Luft durch. Hinter dem Fenster begann das benachbarte Haus Falten zu werfen. Sein Schornstein riss sich los und zerfiel nass im metallischen Himmel. Ich gab mir keine Mühe, die Tränen wegzublinzeln, die meine Augen füllten. (S. 183 - Pos 2278)
  • "Bildlich ausgedrückt lautete meine Frage: Ist es möglich, dass die menschliche Seele einer Schaukel gleicht, der, wenn sie in Richtung Menschlichkeit angestoßen wird, schon voherbestimmt ist, anschließend in Richtung Bestialität auszuschwingen?" (S. 201 - Pos 2470)
  • "Ich bekam solche Angst, wie nur ein unglücklicher Erwachsener Angst haben kann, wenn er plötzlich mitten in der Nacht aufwacht und ihm auf einmal bewusst wird, dass er jetzt gerade, zu dieser nächtlichen Stunde, wenn rundherum Stille herrscht und niemand in seiner Nähe ist, nicht nur aus seinem Traum aufgewacht ist, sondern aus dem ganzen Leben, das er in letzter Zeit geführt hat." (S. 217 - Pos. 2683)

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