Javier Marías: Morgen in der Schlacht denk an mich

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Originaltitel: "Mañana en la batalla piensa en mí" - Anagrama, Barcelona 1994; Klett-Cotta, Stuttgart 1998

Großartiger Roman mit enormer Sogwirkung. Ähnlich wie in "Mein Herz so weiß" beginnt Marías seinen Roman wieder mit einem starken Plot: Victor hat ein Rendezvous mit einer verheirateten Frau (Marta) in deren Wohnung. Ihr Mann ist in England. Nur der kleine zweijährige Sohn ist da. Als dieser endlich schläft, läuft der Abend jedoch nicht wie erhofft weiter. Marta geht es plötzlich schlecht und sie stirbt völlig überraschend in den Armen des Noch-Nicht-Liebhabers, der die Wohnung kurze Zeit später verlässt. Der kleine Junge bleibt allein mit der toten Mutter in der Wohnung zurück. Aus der Perspektive Victors (Ich-Erzähler) erfahren wir dann von seinen Nachforschungen über Marta und ihre Familie und zahlreichen Verstrickungen. Alles scheint miteinander von Anfang bis zum Ende miteinander verwoben!

  • "Für Marta kam es sicher auf jede Sekunde an, sie zählte sie im Geiste alle mit, es kam ihr auf Kontinuität an, denn sie ist es, die uns nicht nur das Leben, sonder auch das Gefühl zu leben gibt (...) (38)
  • "Ich gehorchte, wartete, tat nichts und rief niemanden an, ich nahm lediglich wieder meinen Platz im Bett ein, der nicht meiner war, es aber in dieser Nacht sein sollte, ich legte mich wieder neben sie, und da sagte sie zu mir, ohne sich umzudrehen und ohne mich anzusehen: >Halte mich, halte mich, bitte halte mich<, und sie wollte sagen, daß ich sie umarmen sollte, also tat ich es, ich umarmte sie von hinten, mein noch immer offenes Hemd und meine  Brust kamen mit der so glatten, warmen Haut in Berührung, meine Arme legten sich über ihre, mit denen sie sich bedeckte, vier Hände und vier Arme jetzt auf ihr und eine zweifache Umarmung, und sicher reichte es nicht, (...) (44)
  • "Der Kleine wird mich nicht erkennen, wenn er mich irgendwann in ferner Zukunft wiedersieht; er wird nie erfahren, was passiert oder warum es mit seiner Welt zu Ende gegangen oder unter welchen Umständen seine Mutter gestorben ist, das werden sein Vater und seine Tante und seine Großeltern, sofern er welche hat, vor ihm geheimhalten, wie es alle diese Figuren immer mit Dingen tun, dies sie für ehrenrührig oder peinlich erachten. Nicht nur vor ihm, sondern vor der ganzen Welt werden sie ihn geheimhalten, den schrecklichen oder schmählichen Tod, den albernen Tod, der uns kränkt." (75)
  • "Ich spürte sie sofort, die Kälte, sich schlug mir ins Gesicht wie eine Offenbarung oder eine Mahnung, daß mein Leben und meine Welt nichts mit Marta oder mit diesem Haus zu tun hatten. Ich mußte weiterleben - das überkam mich wie eine Erkenntnis - und mich um andere Dinge kümmern." (78)
  • "Tote behelligt man nur, um noch jemanden zu ihnen zu legen, den sie zu Lebzeiten sicherlich gern gemocht haben, doch können wir nicht wissen, ob sie sich über ein Ereignis freuen, das darin besteht, jemanden wiederzusehen, den sie als jüngeren Menschen gekannt haben, oder ob es sie noch trauriger macht, ihn auf ihren eigenen Status degradiert zu sehen, so daß sie in der Welt mit einem weniger rechnen können, der ihrer gedenkt." (102)
  • "Am unerträglichsten ist es, daß jemand zu einem Stück Vergangenheit wird, der für einen die Zukunft verkörpert hat." (174)
  • "Jedes Tote Leben währt viel länger als das so unbeständige lebendige Leben, nicht nur ihr totes Leben hat vor der Zeit begonnen, dies gilt für alle Lebenden, die es auf der Welt gegeben hat und die in ihrem Dasein als Tote, also wenn sie bereits Vergangenheit sind, länger währen, nämlich so lange, wie man sich an sie erinnert." (184)
  • "Und gerade diese hatte dazu geführt, dass Deán einen ganzen Tag lang unerreichbar gewesen war, Téllez hatte recht, er war ein scharfsinniger Mensch und wußte, wie man den wunden Punkt trifft, was hatte Deán wohl in all den Stunden der Unbekümmertheit und Ahnungslosigkeit in London getan, wie hatte er wohl den Tag verbracht, an dem er jemanden noch am Leben wähnte, der bereits tot war, (...)" (218)
  • "Es gibt Dinge, die man sofort erfahren muß, um nicht eine einzige Minute in dem Irrglauben durch die Welt zu laufen, die Welt habe sich nicht geändert." (222)
  • ">Wie heißt du?< fragte ich die Hure am Ende der Castellana, als ich kehrtmachte, um sie in entgegengesetzter Richtung hinunterzufahren.
    >Victoria<, schwindelte sie, wenn sie Celia war, und vielleicht auch, wenn sie es nicht war. Aber wenn sie es war, schwindelte sie mit Absicht und Ironie und Tücke oder sogar Hohn, weil dies die weibliche Form einer eigenen Namens ist."  (251)
  • ">Du bist hier, um zu tun, was ich dir sage.< Ich war von mir selbst überrascht, als ich dies zu Victoria oder Celia sagte , egal zu wem. Wir Männer sind imstande, Frauen allein schon durch einen veränderten Tonfall oder mit einem drohenden und kaltschnäuzigen Satz angst zu machen, unsere Hände sind stärker und drücken seit Jahrhunderten zu. Nichts als Imponiergehabe."  (254)
  • "Der König war haunted oder stand unter reine bösen Zauber, genauer gesagt wurde er in jener Nacht von den Seinen haunted oder hanté,  sich machten ihn für ihren Tod verantwortlich und wünschten ihm für die Schlacht am folgenden Tag Unglück, sie sagten ihm schreckliche Dinge mit den traurigen Stimmen jener, die von einem, den sie liebten, verrraten oder getötet worden waren: >Morgen in der Schlacht denk an mich<, sagten die Männer und die Frau und die Knaben zu ihm, einer nach dem anderen, >und es falle dein Schwert ohne Schneide: Verzag und stirb.< - >Möge ich morgen auf deiner Sehle lasten, möge ich Blei sein in deiner Brust, und mögen deine Tage enden in blutiger Schlacht: Es falle deine Lanze.< - >Denk an mich, als ich sterblich war: Verzag uns stirb<, sagten sei ein ums andere Mal, die Knaben und die Frau und die Männer. (286)
  • "(...) ein altertümliches Geräusch, Pferdehufe in der Stadt, etwas Ungewöhnliches in diesen hochfahrenden Zeiten, in denen die Menschen ihre Gefährten, die sie im Verlauf ihrer gesamten Geschichte begleitet haben, verstoßen haben, (...) (295)
  • "All dies schoß mir durch den Kopf, während Hengst und Stute sich bereits entfernten, wie eine Fahne ihren penetranten Geruch zurückließen und meine Kindheitsgeräusche bis wer weiß wann mit sich nahmen, (...) (298)
  • "Man weiß immer, wer einem verzeihen wird, zumindest eine zeitlang, wer ein Auge zudrückt oder Gnade vor Recht ergehen läßt, wie ein volkstümliche Redewendung lautet, die langsam ungebräuchlich wird, auch Redensarten verflüchtigen sich und verschwinden aus unseren Sprachen." (312)
  • ">Wie einfach es ist, jemanden zu verführen oder verführt zu werden<, dachte ich, >mit wie wenig wir uns zufriedengeben>, und ich fühlte mich sicher und außer Gefahr, die Schamröte und der Schrecken  verflüchtigten sich, und ich dachte noch weiter, ich dachte etwas, was mir noch wenige Sekunden zuvor um nichts auf der Welt eingefallen wäre." (315)
  • "Aber beim Erzählen kann man sogar Gnade finden, das ist die Gefahr. Die Eindringlichkeit der Darstellung, nehme ich an: Deshalb gibt es Angeklagte, deshalb gibt es Feinde, die man umbringt oder hinrichtet oder lyncht, ohne sich ein Wort sagen zu lassen - (...) (324)
  • "Früher hat man Tote oder zumindest die Erinnerung an sie in Ehren gehalten, man hat sie mit Blumen an ihren Gräbern besucht, und ihre Porträts hatten in den Häusern einen Ehrenplatz (...). Heutzutage vergißt man Tote wie Aussätzige, man benutzt sie allenfalls als Prügelknaben oder Müllkippe, um die eigene Schuld abzutragen (...)" (374)
  • "(...) niemand tut etwas in der Überzeugung, dass es schlecht ist, was er tut, nur kann man in vielen Situationen keine Rücksicht auf andere nehmen, sonst wären wir wie gelähmt, manchmal kann man nur an sich selbst und an den Augenblick denke und nicht an das, was danach kommt. " (375)
  • "(...) alles Liebeswerben wirkt schäbig, es ist nur die Verbrämung von etwas, das nichts weiter als Trieb ist, mir war lieber, sie unternahm die nicht vertretbaren Schritte." (381)
  • ">Sich täuschen oder getäuscht werden ist leicht>, dachte ich, <ja, mehr noch, es ist unser naturgegebenes Los: Niemand ist frei davon, und niemand ist deshalb dumm,  wir sollten uns nicht allzusehr dagegen sträuben, und es sollte uns auch nicht verbittern.<" (408)

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