Köln 2010 (Annaconda Verlag) - Original: Moskau 1878
Stepan Arkadjewitsch wählte sich weder seine Grundsätze noch seine Ansichten aus, sondern diese Grundsätze und Ansichten kamen von selbst zu ihm, ganz ebenso, wie er Formen seines Hutes oder seines Rockes nicht auswählte, sondern einfach die nahm, die allgemein getragen wurden. (14)
Halb Moskau und Petersburg war mit Stepan Arkadjewitsch verwandt oder befreundet. Er war mitten unter den Leuten geboren, welche die Mächtigen dieser Welt waren oder wurden. Ein Drittel der hohen Regierungsbeamten, die älteren Männer, waren Freunde seines Vaters gewesen und hatten ihn noch im Kinderkleidchen gekannt. Das zweite Drittel stand mit ihm auf du und du, und das dritte waren gute Bekannte. Somit waren die Verteiler irdischer Güter als da sind Ämter, Pachtungen, Konzessionen und dergleichen, sämtlich mit ihm befreundet und konnten ihn als einen der Übrigen nicht übergehen und Oblonski brauchte sich nicht sonderlich zu bemühen, um eine einträgliche Stelle zu erhalten. (23)
Ljewin seufzte und erwiderte nichts darauf. Er hatte seine eigenen Gedanken und hörte nicht auf das, was Oblonski sagte. Und auf einmal fühlten sie beide, daß, obgleich sie Freunde Waren und obgleich sie zusammen gespeist und Wein getrunken hatten, was sie eigentlich einander hätte noch näherbringen müssen, daß dennoch ein jeder von ihnen nur an sich selbst dachte und sich um den anderen herzlich wenig grämte. (56)
»Nein . .,« begann Dolly, aber Anna fiel ihr ins Wort, indem sie noch einmal ihre Hand küßte.
»Ich kenne die Welt besser als du«, sagte sie. »Ich kenne solche Männer, wie Stiwa einer ist, und weiß, wie sie solche Dinge ansehen. Du sagst, er habe mit ihr über dich gesprochen. Das ist bestimmt nicht der Fall. Solche Männer lassen sich wohl eine Untreue zuschulden kommen, aber ihr häuslicher Herd und ihre Gattin, das ist doch für sie ein Heiligtum. (89)
»Oh, in was für einem schönen Alter stehen Sie!« fuhr Anna fort. , »Ich kenne aus der Erinnerung diesen bläulichen Nebel, ähnlich wie der auf den Schweizer Bergen, diesen Nebel, der unseren Augen alles verhüllt in jener seligen Zeit, da die Kindheit eben zu Ende geht und dieser weite, glückliche, lustige Tummelplatz sich dem Dahinwandelnden immer mehr und mehr zu einem schmalen Pfad verengt. Frohen Herzens begibt man sich auf diesen Pfad und doch nicht ohne Bangigkeit, mag er auch noch so sonnig und schön erscheinen. -Wer hätte das nicht durchgemacht ?« (93)
Er errötete und bat sie nun eilig um den Tanz, aber kaum hatte er ihre schlanke Hüfte umfaßt und den ersten Schritt gemacht, als die Musik plötzlich aufhörte. Kitty schaute in sein Gesicht, das dem ihren so nah; war, und noch lange nachher, noch jahrelang, erfüllte der Gedanke an diesen Blick voll Liebe, den er unerwidert gelassen hatte, ihr Herz mit einem bitteren, bitteren Gefühl der Scham. (101)
Wronski hörte mit Vergnügen das lustige Geplapper der hübschen Frau an, sagte ihr Schmeicheleien, gab ihr halb scherzhafte Ratschläge und nahm überhaupt sofort den Ton an, der ihm im Verkehr mit derartigen Damen geläufig war. Nach den Begriffen der Gesellschaft, die in Petersburg seinen Umgangskreis bildete, zerfielen die Menschen in zwei einander völlig entgegengesetzte Gattungen. Erstens eine niedere: Das waren geschmacklose, dumme und vor allem lächerliche Leute, die meinten, ein Mann dürfe nur mit der einen Frau leben, mit der er getraut sei, ein junges Mädchen müsse unschuldig sein, eine Frau züchtig, ein Mann gesetzt, enthaltsam und solid, man müsse Kinder aufziehen, sich durch Arbeit sein Brot erwerben, seine Schulden bezahlen und mehr derartige Dummheiten. Dies war die Gattung der altmodischen, komischen Leute. Aber es gab auch noch eine andere Gattung von Menschen: die wirklichen Menschen, zu denen sie selbst alle gehörten. In dieser Gattung mußte man vor allem eIegant, großartig, keck und heiter sein, sich, ohne zu erröten, jeder Leidenschaft überlassen und sich über alles Übrige lustig machen. (142-143)
Als ob die Tränen das unentbehrliche Öl wären, ohne das die Maschine des wechselseitigen Verkehrs zwischen den beiden Schwestern nicht ordentlich gehen könnte, setzten sie, nachdem sie sich ausgeweint hatten, ihr Gespräch fort, und obwohl sie nicht von dem sprachen, was ihnen das Wichtigste war, sondern von Nebendingen, so verstanden sie einander doch vollkommen. (155)
In der ersten Zeit hatte Anna aufrichtig geglaubt, daß sie ihm zürne, weil er es wage, sie zu verfolgen, aber als sie einmal bald nach ihm Rückkehr aus Moskau eine Abendgesellschaft besuchte und ihn wider ihr Erwarten dort nicht traf, da merkte sie an der Traurigkeit, die sich ihrer bemächtigte, daß sie sich täuschte und daß diese Verfolgung ihr ganz und gar nicht unangenehm sei, sondern vielmehr ganz im Gegenteil ihr höchstes Lebensinteresse bildete. (159)
»Eine Liebesheirat? Was haben Sie für vorsintflutliche Ideen! Wer spricht heutzutage noch von Liebe?« sagte die Frau des Gesandten.
»Was ist zu machen? Dieses dumme alte Mode will immer noch nicht abkommen, bemerkte Wronski.
»Schlimm für die, die sich noch nach dieser Mode richten. Ich kenne nur solche glückliche Ehen, die aus Vernunftgründen geschlossen wurden.
»Aber wie oft verweht doch auch das Glück solcher Vernunftehen wie Staub eben deswegen, weil jede Leidenschaft auf den Plan tritt, der man vorher keine Berechtigung zugestehen wollte, erwiderte Wronski.
Aber Vernunftehen nennen wir diejenigen, bei denen schon beide Teile sich ausgetobt haben. Es ist dieselbe Geschichte wie mit dem Scharlachfieber. Man muß es durchgemacht haben.«
Dann müßte man ein Verfahren ausfindig machen, jemandem künstlich die Liebe einzuimpfen wie die Pocken.«
Ich bin in meiner Jugend in einen Küster verliebt gewesen, sagte die Fiirstin Mjachkaja. »Ich weiß nicht, ob mir das geholfen hat.
Nein, ohne Scherz, ich glaube, um zu wissen, was Liebe ist, muß man sich erst einmal irren und dann den Irrtum richtigstellen, meinte die Fürstin Wetsy.
»Auch noch nach der Eheschließung?« fragte die Frau des Gesandten scherzhaft. (170-171)
»Wissen Sie denn nicht, daß Sie für mich das ganze Leben bedeuten? Aber Ruhe kenne ich nicht und kann ich Ihnen nicht geben. Mein ganzes lch, meine Liebe -, ja, ich kann mir Sie und mich nicht mehr getrennt denken. Sie und ich sind für mich eines. Und ich sehe in der Zukunft keine Möglichkeit der Ruhe, weder für mich noch für Sie. Ich sehe die Möglichkeit des Unglücks, der Verzweiflung -, und ich sehe die Möglichkeit des Glückes, und welch eines Glückes! Ist denn etwa dieses Glück nicht möglich?« fügte er nur durch Bewegungen der Lippen hinzu, aber sie glaubte die Worte zu hören. (173)
Sich in die Gedanken und Gefühle eines anderen Wesens zu versetzen, diese geistige Tätigkeit war ihm völlig fremd. Er hielt diese geistige Tätigkeit für ein schädliches und gefährliches Spiel der Phantasie. (...)
Diese Bewegung, eine schlechte Gewohnheit, die Hände zusammenzulegen und mit den Fingern zu knacken, übte auf ihm immer eine Beruhigende Wirkung aus und verhalf ihm zu jenem seelischen Gleichgewicht, das er gerade jetzt so notwendig brauchte. Vor der Haustür ließ sich das Geräusch eines vorfahrenden Geschirrs vernehmen. Alexei Alexandrowitsch blieb mitten im Salon stehen. (178-179)
»Was ich dir sagen wollte«, fuhr er kühl und ruhig fort, »ist folgendes, und ich bitte dich, mich anzuhören. Ich halte, wie du weißt, die Eifersucht für ein beleidigendes und erniedrigendes Gefühl, und es wird mir nie in den Sinn kommen, mich von diesem Gefühl leiten zu lassen, aber es gibt gewisse Gesetze des Anstandes, die man nicht ungestraft übertreten kann. Aber heute und das habe nicht eigentlich ich bemerkt, sondern, nach dem Eindruck zu urteilen, den es auf die Gesellschaft gemacht hat, haben es alle bemerkt -, heute hast du dich nicht ganz so benommen und gehalten, 'wie man es hatte wünschen mögen.
»Ich verstehe dich schlechterdings nicht«, entgegnete Anna achselzuckend. (Ihm selbst ist es ganz gleich<, dachte sie. >Aber in der Gesellschaft hat es Aufsehen erregt, und das beunruhigt ihn.<) »Du bist krank, Alexei Alexandrowitsch«, fügte sie hinzu, stand auf und wollte nach der Tür gehen, aber er machte eine Bewegung vorwäirts, wie Wenn er sie zurückhalten wollte.
Sein Gesicht war entstellt und finster, wie Anna es noch niemals gesehen hatte. Sie blieb stehen, und indem sie den Kopf nach hinten und zur Seite bog, begann sie mit ihrer flinken Hand die Haarnadeln herauszunehmen.
Nun schön, dann will ich hören, was noch weiter kommt, sagte sie in ruhigem, spöttischem Ton. (181)
Die alte graue Laska, die ihm auf Schritt und Tritt gefolgt war, setzte sich sachte ihm gegenüber hin und spitzte die Ohren. Die Sonne ging hinter dem dichteren, höheren Wald unter, und im Schein der Abendröte hoben sich die im Espengehölz verstreuten Birken mit ihren hängenden Zweigen voll schwellender, zum Aufbrechen bereiter Knospen scharf von ihrer Umgebung ab. (203)
Ljewin machte ein finsteres Gesicht. Das Gefühl der Kränkung über die ihm Widerfahrene Abweisung fing wie eine frische, soeben empfangene Wunde von neuem in seinem Herzen an zu brennen. Aber er war bei sich zu Hause, und man pflegt zu sagen >Zu Hause helfen einem die Wände. (212)
Nachdem Wronski sich ohne Hast umgekleidet hatte (er überhastete
sich niemals und verlor nie die Selbstbeherrschung), fuhr er nach den Baracken. (236)
>Da, diese Dame da<, sagte er zu sich selbst, >und dort noch andere Damen sind auch sehr aufgeregt. Das ist etwas sehr Natürliches. (Er wollte seine Frau nicht noch einmal ansehen, aber er fühlte seinen Blick unwillkürlich wieder dorthin gezogen. So schaute er denn von neuem in dieses Gesicht, bemüht, das nicht zu lesen, was doch so deutlich darauf geschrieben stand, und gegen seinen Willen las er darauf mit Entsetzen, was zu Wissen er sich sträubte. (257)
Jetzt, wo die Enthüllung der ganzen Wahrheit wie ein Schwert über ihm schwebte, wünschte er nichts so sehr, als daß sie, wie das erste Mal, ihn spöttisch antworten möge, sein Verdacht sei lächerlich und ermangle jeder Begründung. (...)
Aber der Ausdruck ihres Gesichtes, das angstvoll und finster aussah, benahm ihm die Hoffnung, daß sie wieder zur Lüge greifen werde. (...)
Sie lehnte sich in eine Ecke des Wagens zurück, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und schluchzte. Alexei Alexandrowitsch saß da: ohne sich zu regen, und blickte unverändert wie vorher geradeaus. Aber sein ganzes Gesicht nahm plötzlich die feierliche Starrheit einer Leiche an und behielt diesen Ausdruck wahrend der ganzen Fahrt bis zum Landhaus bei. Als sie sich dem Haus näiherten, wendete er seinen Kopf, immer noch mit dem gleichen Ausdruck, nach ihr hin. (261)
Ljewin mochte ja sonst viele Mängel an sich haben, aber von Heuchelei war keine Spur an ihm, und daher bezeigten ihm die Kinder dieselbe Freundlichkeit, die sie auf dem Gesicht der Mutter wahnahmen. (327)
Sie hatte am Morgen bereut, es ihrem Mann gesagt zu haben, und nur den einen Wunsch gehabt, diese Worte möchten für so gut wie ungesagt angesehen werden. Und nun betrachtete dieser Brief die Worte als ungesagt und gewährte ihr das, was sie gewünscht hatte. Aber jetzt erschien ihr dieser Brief furchtbarer als alles, was sie sich nur hatte vorstellen können. (358)
»Du hast nie geliebt, sagte Wronski leise. Er blickte gerade vor sich hin und dachte an Anna. »Kann sein. Aber denke an das, was ich dir gesagt habe. Und noch eins: Die Frauen haben sämtlich eine materiellere Anschauungsweise als die Männer. Wir machen uns aus der Liebe ein gewaltiges Ideal, aber sie sind immer terre à terre. (383)
>>Anna, du kränkst mich. Glaubst du mir denn nicht? Habe ich dir nicht gesagt, daß in meinem Kopf kein Gedanke ist, den ich dir nicht mitteilen würde?« (440)
Es widerstrebte ihm, daran zu denken, denn sobald er sich die bevorstehendecn Möglichkeiten vergegenwärtigte, vermochte er den Gedanken nicht zu verscheuchen, daß ihr Tod mit einem Schlag alle Schwierigkeiten seiner Lage losen wurde.“ (502-503)
Ich wünschte ihren Tod. Aber ...«, er schwieg ein Weilchen, unschlüssig, ob er ihm das, was er jetzt empfand, aufdecken solle Oder nicht. »Aber da sah ich sie wieder und habe ihr verziehen. Und aus der seligen Empfindung beim Verzeihen habe ich gelernt, was meine Pflicht ist. Ich habe ihr völlig verziehen. Ich will auch die andere Backe hinhalten, ich will auch den Rock hingeben, wenn man mir den Mantel nimmt. Ich bitte Gott nur um das eine, daß er mir die Seligkeit des Verzeihens nicht nehmen möge!« (508)
Anfangs hatte er sich nur aus Mitleid um diese neugeborene schwächliche Kleine gekümmert, die nicht seine Tochter war und die, da sie während der Krankheit der Mutter nicht die gehörige Pflege hatte, wahrscheinlich gestorben wäre, wenn er nicht für sie gesorgt hätte und er hatte selbst nicht gemerkt, wie lieb er das Kindchen gewann. (513)
Die ganze Stadt spricht davon, sagte sie. »Es ist ein ganz unmöglicher Zustand. Sie schwindet dabei rettungslos dahin. Er begreift nicht, daß sie eine von den Frauen ist, die nicht imstande sind, mit den Gefühlen zu scherzen. Eins von beiden muß geschehen: Entweder muß der eine energisch vorgehen und sie entführen, Oder der andere muß in die Scheidung willigen. Aber in der jetzigen Lage erstickt sie.« (521)
»Ich habe gehört, daß manche Frau ihren Mann sogar wegen seiner Laster liebt«, begann Anna plötzlich » ich aber hasse den meinigen wegen seiner Tugend. (...)
»Du bist krank und reizbar«, sagte er. »Glaube mir, du übertreibst ungeheuer. So schrecklich ist die Lage ganz und gar nicht.«
Bei diesen Worten lächelte Stepan Arkadjewitsch. Kein anderer hätte an seiner Stelle, einer solchen Verzweiflung gegenüber, sich erlaubt zu lächeln, denn ein Lächeln wäre als Roheit erschienen, aber in seinem Läicheln lag eine solche Gutmütigkeit und eine solche fast frauenhafte Zärtlichkeit, daß sein Lächeln nichts Verletzendes, sondern vielmehr etwas Besänftigendes, Beruhigendes hatte. Die Art... wie er leise und beschwichtigend redete und lächelte, wirkte mildernd und beruhigend wie Mandelöl. Und Anna fühlte das in kurzem. (522)
Alexei Alexandrowitsch blieb stehen und antwortete nicht, aber zu seiner Überraschung nahm Stepan Arkadjewitsch wahr, daß das Gesicht seines Schwagers den Ausdruck eines ergebungsvollen Opfertieres trug. (525)
Er wußte, daß sie als geschiedene Frau sich mit Wronski verbinden werde, und daß diese Verbindung eine ungesetzliche und verbrecherische sein werde, weil nach dem Kirchengesetz eine neue Ehe für eine Frau unstatthaft ist, solange der erste Gatte noch lebt. (528)
Er meinte zu begreifen was übrigens sie selbst durchaus nicht zu begreifen vermochte: Nämlich wie es möglich war, daß sie nachdem sie ihren Mann unglücklich gemacht, ihn und ihren Sohn verlassen und ihren guten Ruf eingebüßt hatte, sich nun doch frisch und munter und fröhlich fühlte. (563)
Ein Beweis dafür, daß sie mit Bestimmtheit wußten, was der Tod sei, lag darin, daß sie, ohne auch nur eine Sekunde lang im Umsichern zu sein, wußten, wie man Sterbende zu behandeln habe, und sich vor ihnen nicht fürchteten. Konstantin Ljewin aber und andere Leute konnten zwar vieles vom Tod sagen, kannten ihn aber offenbar nicht, da sie ihn fürchteten und schlechterdings nicht wußten, wie sie sich Sterbenden gegenüber zu verhalten hatten. Wäre Konstantin jetzt allein bei seinem Bruder Nikolai gewesen, so würde er ihn nur mit Entsetzen angesehen und mit noch größerem Entsetzen auf den Tod gewartet haben, weiter aber hätte er nichts zu tun gewußt. (606)
Seine Verzweiflung wurde noch durch das Bewußtsein gesteigert, daß er mit seinem Gram vollstandig allein dastand. Er hatte in Petersburg keinen Menschen, demgegenüber er von allen seinen Empfindungen hätte sprechen können, keinen Menschen, der in ihm nicht den hohen Beamten und ein Mitglied der vornehmen Gesellschaft, sondern einfach einen leidenden Menschen gesehen und Miteid mit ihm gehabt hätte. Und auch sonst kannte er nirgends einen solchen Menschen. Alexei Alexandrowitsch war als Waise aufgewachsen. Sie waren zwei Brüder. Des Vaters erinnerten sich beide nicht, die Mutter starb, als Alexei Alexandrowitsch zehn Jahre alt war. Vermögen war nur wenig vorhanden. Der Onkel Karenin, ein hoher Beamter und ehedem ein Günstling des verstorbenen Kaisers, sorgte für die Erziehung der beiden Knaben. (619)
Alexei Alexandrowitsch hatte die Gräfin Lydia Iwanowna vergesen, aber sie ihn nicht. In diesem schwersten Augenblick seiner einsamen Verzweiflung , besuchte sie ihn und trat unangemeldet in sein Arbeitszimmer. (621)
Er [Sergei] war neun Jahre alt, er war ein Kind, aber sein Herz kannte er, es war ihm teuer, und er hütete es, so wie das Lid das Auge hütet, und ohne den Schlüssel der Liebe ließ er niemand in sein Herz hinein.. (642)
»Welch ein Glück war das damals für Kitty, daß Anna zu uns kam«, sagte Dolly, und welch ein Unglück ist nachher für sie selbst daraus entstanden! Es ist alles gerade umgekehrt gekommen, fügte sie, von ihrem eigenen Gedanken überrascht, hinzu. »Damals war Anna so glücklich, und Kitty hielt sich für unglücklich. Wie hat sich das doch ins Gegenteil verkehrt. Ich muß oft an sie denken!« (677)
Für Kitty war es, wie immer, ein Schmerz, sich auf zwei Tage von ihrem Mann zu trennen, aber als sie seine von frischer Lebenslust erfüllte Gestalt erblickte, die in den Jagdstiefeln und der weißen Hemdbluse besonders groß und stark erschien, und auf seinem Gesicht ein gewisses leuchtendes Glänzen jägerhafter Aufregung wahrnahm, für das sie kein rechtes Verständnis hatte, da vergaß sie um seiner Freude willen ihre eigene Betrübnis und nahm heiter von ihm Abschied. (700)
Wie das Frauen von tadelloser Sittlichkeit, durch die Einförmigkeit des sittlichen Lebens ermüdet, überhaupt nicht selten tun, hatte sie aus der Entfernung nicht nur nachsichtig über die verbrecherische Liebe geurteilt, sondern sogar einen gewissen Neid empfunden. Außerdem war sie ihrer Schwägerin Anna von ganzem Herzen zugetan. (754-755)
Sie antwortete nicht und sah ihn nur an. Er fuhr fort: »Wenn mir ein Sohn geboren werden sollte, so ist er nach dem Gesetz ein Karenin und kann weder meinen Namen noch mein Vermögen erben, und mögen wir ein noch so glückliches Familienleben führen und noch so viele Kinder haben, so wird doch zwischen mir und ihnen kein gesetzliches Band bestehen. Sie führen den Familiennamen Karenin. (761)
»Gut, ich will mit ihr reden. Aber wie geht es nur zu, daß sie nicht von selbst auf diesen Gedanken kommt?« fragte Darja Alexandrowna, und während sie das sagte, mußte sie infolge einer unklaren Gedankenverbindung an Annas neue Angewohnheit denken, die Augen zusammenzukneifen. Und es fiel ihr ein, daß Anna gerade dann die Augen zusammenkniff, wenn das Gespräch die innersten Lebensfragen berührte. >Gerade wie wenn sie die Augen vor ihrem eigenen Leben zusammenkniffe, um nicht alles zu sehen, dachte Dolly. (763)
»Was denkst du? Wie denkst. du über mich? Verachte mich nicht. Ich verdiene keine Verachtung. Ich bin eben eine Unglückliche. Wenn jemand unglücklich ist, so bin ich es«, sagte sie, wandte sich von ihr ab und brach in Tränen aus. (778)
»Wir stehen mit ihrem Mann in Unterhandlung wegen der Scheidung. Er ist auch einverstanden, aber es bestehen Schwierigkeiten wegen des Sohnes, und so zieht sich die Sache, die schon längst erledigt sein sollte, nun schon drei Monate hin. Sobald die Scheidung stattgefunden hat, wird sie sich mit Wronski verheiraten. Wie töricht ist doch dieser alte Hokuspokus der kirchlichen Trauung, an den kein Mensch mehr glaubt und der den Leuten nur an ihrem Glück hinderlich ist!« schaltete Stepan Arkadjewitsch ein. »Na, nachher wird die Stellung der beiden ebenso klar und bestimmt wie die meinige und die deinige. (842)
Klar und deutlich stand ihr der Tod als das einziges Mittel vor Augen, um in seinem Herzen die Liebe zu ihr wieder zu erwecken, ihn zu bestrafen und den Sieg in dem Kampf zu behaupten, den sie oder vielmehr der in ihrem Herzen hausende böse Geist mit diesem Mann führte. (910)
Auf einmal kam ihr der Mann ins Gedächtnis, der an dem Tag ihrer ersten Begegnung mit Wronski überfahren worden war und nun wußte sie, was sie zu tun hatte. Mit schnellen, leichten Schritten stieg sie die Stufen hinab, die von der Wasserstelle zu den Schienen führten, und blieb neben dem dicht an ihr vorbeifahrenden Zug stehen. Sie blickte nach dem unteren Teil der Wagen, nach den Schrauben, den Ketten und den hohen, gußeisernen Rädern des langsam dahinrollenden ersten Wagens und suchte nach dem Augenmaß die Sekunde abzupassen, wo der Zwischenraum zwischen den Vorder- und den Hinterrädern gerade vor ihr sein werde. >Dorthin!< sagte sie zu sich selbst, indem sie in den Schatten blickte, den der Wagen warf, und ihre Augen auf den mit Kohlen vermischten Sand richtete, mit dem die Schwellen bedeckt waren. Dorthin, gerade in den Zwischenraum. So werde ich ihn bestrafen und mich von allen und von mir selbst befreien. (930)
»Was Sie sagen rief er, als die Fürstin ihm mitteilte, daß Wronski mit diesem Zug fahre. Einen Augenblick drückte Stepan Arkadjewitschs Gesicht Betrübnis und Trauer aus, aber einen Augenblick darauf, als er, seinen Backenbart zurechtstreichend und mit seinem besonderen Gang bei jedem Schritt ein klein wenig aufhüpfend, in das Zimmer trat, in dem Wronski sich befand, da hatte Stepan Arkadjewitsch sein verzweifeltes Schluchzen bei der Leiche seiner Schwester bereits völljg vergessen und sah in Wronski nur den Helden und den alten Freund. (938)
»Als Kämpfer, erwiderte Wronski, »besitze ich insofern eine brauchbare Eigenschaft, als das Leben für mich keinen Wert mehr hat. Und daß genug körperliche Kraft in mir steckt, um ein Karree zu sprengen und niederzustampfen oder zu fallen, das weiß ich. Ich freue mich, daß etwas da ist, wofür ich mein Leben hingeben kann, mein Leben, das mir wertlos, ja geradezu zuwider geworden ist. So hat doch wenigstens irgend jemand einen Nutzen davon.« Er machte eine ungeduldige Bewegung mit der Kinnlade wegen des unaufhöhrlichen dumpfen Zahnschmerzes, der ihn sogar hinderte, mit einer solchen Klangfärbung zu sprechen, wie er es wollte. (945)
Ja, als Waffe kann ich noch zu etwas nütze sein aber als Mensch bin ich eine Ruine«, sagte er stockend. (946)
Alle diese Beschäftigungen, im Verein noch mit der Jagd und der neuen Leidenschaft für Bienenzucht, füllten Ljewins ganzes Leben aus, eben das Leben, das für ihn keinen Wart hatte, sobald er darüber nachdachte.
Aber Ljewin wußte nicht nur mit Sicherheit, was er tun mußte, sondern er wußte auch ganz ebenso, wie er alles tun mußte und welche Tätigkeit wichtiger war als eine andere. (958)
Woher habe ich dieses Wissen? Bin ich etwa durch den Verstand zu der Überzeugung gelangt, daß man seinen Nächsten lieben und nicht erwürgen müsse? Nein, sondern man hat mir das in meiner Kindheit gesagt, und ich habe es freudig geglaubt, weil man mir das sagte, was schon von vornherein in meiner Seele vorhanden war. Und wer hat das entdeckt? Nicht der Verstand. Der Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, das verlangt, daß ich alle erwürgen soll, die mich an der Befriedigung meiner Wünsche hindern. Das ist das Ergebnis des Verstandes. Aber den Satz, daß man einen anderen Menschen liebcn solle, den hat der Verstand nicht entdecken können, weil dieser Satz dem Verstand zuwider läuft. (967)