James N. Davidson: Kurtisanen und Meeresfrüchte

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Die genießbaren Meeresfrüchte hatten in der guten Küche des klassischen Griechenlands offenbare ein Monopolstellung eingenommen. (...)
Die Erfindung der üppigen modernen Küche wurde gewöhnlich auf die Sizilier oder deren Nachbarn, die Sybariten an der Sohle des italienischen Stiefels auf der anderen Seite der Meerenge, zurückgeführt. (...)
Ein Historiker erwähnt ein sybritisches Gesetz, das Erfindern neuer Gerichte ein einjähriges Urheberrecht zusprach (vielleicht das erste bekannte Patent, wie ein moderner Kommentator meint.) (26)

(...) zu Beginn des 5. Jahrhunderts in Sizilien größter und reichster Stadt Syrakus (...).
Aus Sizilien kamen auch die ersten Kochbücher. (27)

Was Frischfisch betrifft, waren verschiedene kleine Arten und Jungfische, (...), am wenigsten beliebt. (28)

Alle jedoch übertraf der Aal, der unbestrittene Held der Fischstände. (29)

Wichtig ist, dass der Ausschluss erlaubte, einen Gegensatz herzustellen zwischen dem Fleisch von Schweinen, Schafen und Rind, die alle vor dem Verzehr geopfert werden mussten, und Fisch, der von solchen Zwängen befreit war, eine Nahrung, frei zum privaten säkularen Verbrauch, wie und wann immer erwünscht. (34)

Um gleiche Aussichten auf ein gutes Stück herzustellen, musste das Fleisch deshalb durch das Los unter die Opfergemeinde verteilt werden. (...) Selbst das auf den Märkten verkaufte Fleisch stammte wohl von rituelle geschlachteten Tieren. (...)
Fische hingegen, ebenso Wild und Innereien, waren vom Ritual des Teilens ausgenommen. Sie durften nach Belieben, wie sie schmeckten, genossen werden. (...)
Hier, auf diesen schmalen Sektor der athenischen Wirtschaft des 4. und 5. vorchristlichen Jahrhunderts, haben wir so etwas wie ein vollausgebildetes System von Konsumgütern. (37)

Fisch zu essen und sich darin auszukennen ist nicht nur ein Kennzeichen für den zeitgemäßen Menschen für Weltläfigkeit, sondern auch typisch für den Städter. (41)

Während wir normalerweise bei der Ernährung von zwei Elementen, nämlich von Essen und Trinken, sprechen, unterscheiden die Griechen drei, wobei in der Hauptsache die festen Bestandteile der Nahrung in zwei unterschiedliche Hälften geteilt werden: die Grundlage, sitios, und das, was dazukommt, opson. Die Grundlage war üblicherweise Brot, das aus Weizen oder anderem Getreide gemacht wurde. Opson dagegen war fast alles andere. Diese Dreiteilung der Nahrung in Grundlage, Zukost und Getränk beziehungsweise Brot, opson und Wein tauchte seit Homer an vielen Stellen antiker Literatur auf, (...) (42-43)

Ein opsophagos ist daher einfach ein opson-Esser, ein Zutatenesser, ein Esser der nicht aus Mehl hergestellten Nahrung. (...) Nun, wenn aber einer das opson ohne Brot isst, nicht, um sich damit für Leibesübungen zu stärken, sondern einfach zu Vergnügen, scheint er dir dann ein opsophagos zu sein oder nicht? (43)

Vor allem waren Essen und Trinken zwei sehr genau voneinander getrennte Handlungen. Das Abendessen wurde beendet, die Tische beiseite gestellt und der Boden gefegt, bevor das Symposion, der flüssige Teil des Mahls beginnen konnte. (44)

Zahlreiche Stellen weisen opson offenbar als das Wesentliche aus; es ist das, wonach die rechte Hand greift, um das Brot der linken zu ergänzen; (45)

Das Bemühen der Philosophen, opson zu vernachlässigen, außer acht zu lassen und auf den Zustand der Leere zu reduzieren, zeugt von einer tiefen Beunruhigung gegenüber dieser Kategorie. Die gefährliche Zukost drohte Essen vom reinen Lebensunterhalt zum Genuss werden zu lassen und sogar den Platz des Brotes als Grundlage der Existenz einzunehmen. (47)

Seit frühester Zeit zeigten die Griechen ein großes Interesse für Sprachen im allgemeinen und für die Etymologie im besonderen. (...) Man glaubte, Etymologie, von etymos (wahrhaft), mache den Zugang zur wahren Bedeutung eines Wortes frei. (53)

Die Rebe war im gesamten Griechenland sowie in den Küstenenklaven von Katalonien bis auf die Krim, (...), verbreitet. Wein zu trinken wurde für nicht weniger als ein Zeichen griechischer kultureller Identität erachtet. Die Tatsache, dass die Barbaren Bier tranken, war nachgerade ein Kennzeichen ihre Barbarentums. (...) Der Wein selbst, der in unverdünnter Form kaum von den Griechen genossen wurde, war meist süß und, bedingt durch die Hitze und niedrigen Erträge um die 15 bis 16 Prozent angesiedelt, (...).
(61-62)

Die förmlichste Art, in der griechischen Welt Wein zu trinken, war das Trinkgelage oder Symposion, eine hochritualisierte Angelegenheit, das Feuer, worin im antiken Griechenland Freundschaften, Bündnisse und Gemeinschaften geschmiedet wurden. (...) Es fand im Männerraum (andron) statt, ein kleiner Raum mit einem rundum leicht erhöhten Boden, (...). (65)

Man ging niemals von den Themen des Symposions wie Liebe und Sex, Genuss und Trinken ab. (66)

Der solide Teil des Mahles wurde mit dem Wegräumen der Tische beendet. Der Boden wurde von Muschelschalen und Knochen gereinigt, (...), und den Gästen wurde Wasser gereicht, damit sie sich die Hände waschen konnten. (...) Das eigentliche Symposion begann mit einer Libation (einem Trankopfer) von unvermischtem Wein zu Ehren des Agathos Daimon, einer Schutzkraft des Guten, die von Freudengesängen für den Gott begleitet wurde. Dies war die einzige Gelegenheit, bei der der Genuss unvermischten Weins erlaubt war (...). Zur Aufsicht über das Mischen und die Eingangsrituale wurde durch Wahl oder auf andere Weise ein Symposiarch bestimmt. Wasser in den Wein zu geben, war eine typische Sitte der Griechen, die von keiner anderen antiken weintrinkenden Kultur geteilt wurde. (67)

Die beste Verdünnung liegt, wie aus den Kömodienfragmenten hervorgeht, irgendwo dazwischen um zwei Siebentel herum, d.h. fünf Teile Wasser und zwei Teile Wein. Das dabei entstehende Getränk war etwa so stark wie heutige Biere und wurde auch in ähnlichen Mengen getrunken. (68)

Wenn du das Maß nicht einhältst, sagt der Sprecher in einem Kömodienfragment, führt der Wein zur Hybris. Wenn du im Verhältnis halb und halb trinkst führt das zur Tollheit. Trinkst du unvermischt, zur körperlichen Lähmung. (69)

Das Gespräch war der Hauptzweck solcher Symposien, das Trinken untergeordnet, es diente nur dazu, die Zunge zu lösen und den Fluss der Worte zu erleichtern. (73)

Sosehr die Demokratie des 5. Jahrhunderts auch versuchen mochte, für öffentliche Gasträume und Festgelegenheiten zu sorgen, das Symposion blieb doch weitgehend ein privates und aristokratisches Reservat. (...) Für das Athener Publikum des 5. Jahrhunderts ist das Symposion eine fremde Welt der Zügellosigkeit und des schlechten Benehmens.
Diejenigen, die nicht zu den aristokratischen Kreisen gehörten, mussten sich ihre flüssigen Stärkungen anderswo besorgen, in der Schankstube, im kapeleion, einem weit volkstümlicheren und bunter durcheinandergewürfelten Ort als der private und erlesen andron. (75)

Deutlich zeigt sich, dass die meisten unserer Quellen (...) die kapeleia als eine typische Erscheinung demokratischer Handelsstädte ansehen und die Beliebtheit solcher Einrichtungen den niederen Schichten der Gesellschaft zuschreiben. (79)

Trinkhörner wurden wie der kantharos symbolisch mit Dionysos und seinem Gefolge in Verbindung gebracht und verrieten eine besonders ursprüngliche oder barbarische Haltung zum Trinken. (87)

Der Rand war nicht dafür gedacht, den von Kritias erwähnten Lehm zurückzuhalten, sondern den tüchtigen Trinker davor zu bewahren, den ganzen Bodensatz und alle anderen Stücke und Teile, die im griechischen Wein der Antike herumschwammen, in den Mund gespült zu bekommen. (89)

Hetären halten wir uns zur unserem Vergnügen, Konkubinen zur täglichen körperlichen Befriedigung und Ehefrauen zur Zeugung von Nachkommen und als ständige, zuverlässige Hüterin unserer häuslichen Angelegenheiten. (95)

Hetären jedoch bewegten sich sicherlich in einer ganz anderen Klasse; oft waren es hochgebildete Frauen aus anderen griechischen Stadtstaaten oder Städten, die ihren Lebensunterhalt im Handel, als Geschäftsfrauen, als Junggesellinen oder Modelle verdienten. (97)

Frauen, die auf ihren untadeligen Ruf Wert legten, liefen, außer wenn es unbedingt nötig war und dann nur in einem dicken Überwurf, kaum im Freien herum. (...) Frauen auf den Straßen lebten daher auf der falschen Seite der Schwelle und gaben, wenn sie sich dem öffentlichen Anblick aussetzen, ihre Verfügbarkeit kund. (100)

Alle Flöten galten in der Antike bis zu einem gewissen Grad als magisch. Die Flöte war ein wesentlicher Bestandteil des Symposion, weil sie den Rhythmus beim Mischen und Verteilen des Weins und beim Singen vorgab, (...) (104)

Hier [Komödienfragment des Atheneios] werden die Sexarbeiter als Stütze der öffentlichen Moral gefeiert, als Teil eines wohlgeordneten Staatsgefüges mit einem bequemen und legalen Ventil für die Begierden, die sonst womöglich in Ehebruch mündeten (...). (106)

Sie [Neaira und ihre Schwester] wurden zu Festlichkeiten ausgeführt und tauchten in ganz Griechenland auf Abendveranstaltungen und Trinkgelagen auf (....).
Frauen zu beschaffen gehörte ebenso zu den Vorbereitungen einer Abendveranstaltung wie das Einkaufen von Fische, Wein oder Parfüm. Einige Mädchen (...) konnten die Gäste mit ihren Instrumenten, gewöhnlich Flöte oder Harfe, unterhalten, andere mit Tanz oder Gesang. (115)

Denn das Symposion war der Ort, wo blendend aussehende und schlagfertige Mädchen Witze und Zweideutigkeiten mit Künstlern und Politikern austauschten, wie dies auf den Darstellungen der Trinkschalen und Mischkrüge gefeiert wird. (116)

Hetären, die für den Abend bezahlt wurden und pornai, die für den Geschlechtsakt bezahlt wurden, müssen strikt auseinandergehalten werden. (...) Die strenge Abschirmung ehrbarer Frauen in Athen öffnete der Hetäre ein weites Feld weiblicher Intimität. (118)

Jedenfalls hörte man öfter von athenischen Männern, die in einer dauerhaften Beziehung mit Hetären (und bisweilen auch mit deren männlichen Entsprechungen) lebten und eine Art Nebenhaushalt mit ihnen gründeten. (125)

Der Redner Hypereides verdiente mit der Politik und dem Schreiben von Reden für Leute wie Epikrates so viel Geld, dass er es sich leisten konnte, drei Mätresse in drei verschiedenen Häusern in Attika zu unterhalten. (126)

Eine letzte Gruppe von Frauen, die megalomisthoi oder Hochlohnhetären, muss noch berücksichtigt werden. Sie waren in der Lage, einige Häuser zu unterhalten, wohin, sie jeweils den Liebhaber, den sie gerade sehen wollten, einluden. (128)

Gabentausch hingegen stellt nicht eine Beziehung zwischen Gegenständen, sondern zwischen Menschen her, die auf diese Weise durch Patronage- und Freundschaftsverhältnisse miteinander verbunden werden. Gaben sind folglich persönlich. Sie sollten einzigartig, individuell und einer objektiven Bewertung entzogen sein. (133)

Nach dem Solonischen Ehebruchgesetz war, wie wir bereits gesehen haben, der Raum das primäre Merkmal dafür, ob der Geschlechtsverkehr mit einer Frau legal war oder nicht. (135)

(...) der für Hetären typischen glattrasierten Vulva. (139)

Frauen, die in Bordellen arbeiteten, wurden registriert und hatten (...) die Hurensteuer, zu entrichten. (...)
Von entscheidender Bedeutung ist, dass eine Hetäre entscheiden kann, mit wem sie schläft. (148)

Eine weitere Grundregel ist die Launenhaftigkeit. Eine Hetäre muss stets die Freiheit haben, ihren Launen folgen zu können, und die, wenn auch winzige, Möglichkeit haben, etwas für nicht zu tun oder eine Gunst nicht zu vergelten. (149)

Der Bürger
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(...) für sie [die Griechen] war der Kampf gegen die Begierde eine normale Angelegenheit. Sie sahen sich allen möglichen Mächten ausgesetzt. (166)

Liebe wurde ganz und gar mit Verrücktheit assoziiert. (...) Wer Eros für einen geringeren Gott hält, ist entweder ein Narr oder einer ohne Kenntnis der Schönheit und weiß nichts davon, dass dieser Gott in menschlichen Dingen die größte macht ausübt. [Euripides] (184)

Erlagen Männer dem Reiz der Hetären, dann war dies ein Zeichen der Macht und der Kunst der Frauen; machten sich jedoch Männer daran, die Frauen anderer Männer, die Mütter der eigenen Frauen oder gar ihre eigenen Töchter zu verführen, dann hantelte es sich eindeutig um ihre eigene sexuelle Zügellosigkeit. (188)

Wie im England der Renaissance hielt man den Frauenliebhaber und ganz besonders den Ehebrecher dafür, dass sie immer hinter den Frauen her waren, für irgendwie weibisch, uns sie wurden als verweichlicht dargestellt. (190)

Tatsächlich gibt es in der klassischen Epoche wenig Anhaltspunkte für eine Sprache der sexuellen Aggression und der Unterwerfung. (...) Die Athener beschimpften sich nicht mit Fick dich ins Knie und ähnlichem, (...). (194)

Besagte nach vorn gebeugte Stellung mit Penetration von hinten (...), die Drei-Obolen-Stellung der Prostituierten am unteren Ende der Preisskala. (...) [sie] wurde, neben billigem Sex, auch stehend im Freien praktizierten Geschlechtsverkehr (im Englischen auch knee-trembler genannt) oder mit kurzem Ehebrecherischem Genuss, während der Ehemann schläft, in Verbindung gebracht und nicht mit Unterwerfung. (195)

Nach all diesen Revolutionen unserer Ansichten über Sexualität wäre es in der Tat erstaunlich, wenn die Sprache des italienischen Fußballfans oder die Szene aus einem Hollywoodstreifen als Modell dafür taugten, wie die Griechen im 5. Jahrhundert vor Christus über sexuelle Dinge dachten. (...)
Aber im klassischen Athen wurden die Penetrierten nicht als willenlose Objekte zur Befriedigung der Lust eines anderen angesehen. Frauen legten sich sicherlich nicht auf den Rücken (oder beugten sich nach vorn) und harrten der Dinge, die mit ihnen angestellt wurden. Sie machten in vollen Zügen mit. Analverkehr war weder tierisch noch erniedrigend, sondern lustvoll. (204)

Beide, Prostituierte und Liebhaber von Trinkgelagen, werden Zisternen genannt, weil sie wahllos aufnehmen, was in sie hineinfließt. (213)

Ökonomien
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Der Zusammenhalt der Stammesverbände, Familien- und Ahnenkult wurden von den Gründern der Demokratie am Ende des 6. Jahrhunderts mit Vorbedacht untergraben und durch eine Unmenge von Organisationen der Polis ersetzt. (216)

Selbst der beste Fisch lag im Preis nicht gänzlich jenseits des Einkommens eines athenischen Arbeiters, kostete ihn jedoch ein gutes Stück seines Wochenlohns. Ein Gastmahl mit Fischgerichten für mehrere Gäste hingegen kam nur für die Reichsten in Frage. (220)

(...) Wein aus Chios in klassischer Zeit lange eine Spitzenposition einnahm und dementsprechend teuer war. (224)

(...) Prostituierte müssen in Athen so billig gewesen sein, dass selbst Sklaven sie sich leisten konnten, (...). (229)

(...) an der Spitze der Liste rangiert keles, das Rennpferd. (...)
Mit den gemieteten Hetären, (...), die Geld nicht für den einzelnen Geschlechtsakt, sondern für den Abend verlangten, fangen die wircklich hohen Preise an. (230)

Die Stadt
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Jedermann konnte in der [Athener Volks-] Versammlung ein Gesetzt vorschlagen oder seine Stimme dagegen erheben. War es von der Mehrheit angenommen, wurde es in Stein gemeißelt und auf einem öffentlichen Platz ausgestellt. Schließlich müssen so viele dieser Dokumente in der Gegend herumgestanden haben, dass es nach einiger Zeit wie auf einem überfüllten Friedhof ausgesehen haben muss. (...)
Bürger über dreißig Jahren konnten in Richter- oder Geschworenenlisten gewählt werden, die aus über tausend Mitgliedern bestanden. (...)
Die Geschworenenlisten, der Rat und viele andere Komitees und Ämter wurden per Los besetzt, was die Athener als ein grundlegend demokratisches System betrachteten. Um sicherzugehen, dass alles mit rechten Dingen zuging, wurden komplizierte Losurnen, (...), entwickelt. (...)
Die Losurnen waren das Bollwerk gegen die stete Bedrohung durch antidemokratische Kräfte der politischen Parteien oder charismatischer Einzelpersonen, die nur auf eine Gelegenheit warteten, die Staatsgewalt an sich zu reißen, um eine Tyrannis oder Diktatur zu errichten. Da die Demokratie solche Anstrengungen unternahm, nicht nur die Souveränität des Volkes zu erhalten, sondern auch eine breite Beteiligung am am täglichen Regierungsgeschehen und an der Rechtsprechung zu sichern, ist es nicht verwunderlich, dass das Leben und die Kultur in Athen von Politik durchdrungen war. (...)
Es gab keine Polizei im eigentlichen Sinne (...), keine Zensoren, keine Sperrstunde, keine Bürgerverzeichnisse. (248)

In dieser Stadt, die mit der Vergabe des Bürgerstatus so restriktiv verfuhr, gab es dennoch keine zentrale Registrierung der Bürger, noch nicht einmal eine Registrierung des Grundbesitzes; die Bezeugung des Besitzes war den Nachbarn aufgetragen. (249)

Sowohl die ehrlichste als auch die unehrlichste Art und Weise, zu Geld zu kommen, bestand im Verkauf von Reden an Kunden, die das Wort eines anderen zur Durchsetzung ihrer Fälle vor Gericht zu Hilfe nahmen. (250)

Im 4. Jahrhundert waren die Aristokraten allerdings fast gänzlich von der politischen Bühne verschwunden. (262)

Moderne Untersuchungen (...) stimmen weitgehend darin überein, dass die athenische Bürgerschaft einen weiten ökonomischen Bereich von Armut bis Wohlstand und Reichtum abdeckte, wobei die Mehrheit der Bevölkerung (mindestens 80 Prozent) Bauern waren, die eigenes Land bearbeiteten und deren Wohlergehen aufgrund der Klimaschwankungen in Attika von Jahr zu Jahr erhebliche Unterschiede aufwies. Die Probleme beginnen mit dem Versuch, innerhalb dieses Kontinuums signifikante Abstufungen auszumachen. Manche haben sich an Solons quasimilitärischen Kategorien orientiert, welche die Bürger nach ihren militärischen Funktionen einteilten. Reiter, die sich Pferde leisten konnten, Hopliten, eine gesicherte Mittelklasse, die sich Rüstungen und Waffen leisten konnten, und die Ruderer, die sich gar nichts leisten konnten. (263)

Aristoteles bemerkte, dass das Haar lange zu tragen wie die Spartaner und deren Bewunderer das Zeichen eines freien Mannes (...) ist, denn es ist nicht einfach mit langen Haaren niedere (...) Arbeit zu verrichten. Langes Haar war in Athen jedoch selten, und, wie bereits erwähnt, findet man weniger Anzeichen für Prahlerei als bei Eliten anderer Gesellschaften. (...)
Unter den Reichen und Neureichen von Athen gab es einige Angeber, die größere Häuser bauten, manche mit Säulen vor dem Eingang; dennoch verausgabten die Athener, (...), ihre Energien im allgemeinen nicht in Prunk und Glanz. (265-266)

Auf der anderen Seite gibt es deutliche Anzeichen dafür, dass die jahreszeitlichen Zyklen der Landwirtschaft sehr vielen Athenern genug freie Zeit verschafften, um an der Demokratie teilzuhaben, und dass sie mit den Reichen die Abneigung gegen bestimmte bezahlte Dienstleistungen oder gegen Arbeiten in Werkstätten teilten, die nach Sklavenart waren. (266)

Auch wenn ein reicher Mann sich mehr Aale, mehr oder besseren Wein, mehr und exklusivere Frauen als andere Athener leisten konnte, weist nichts darauf hin, dass diese relativen Vorteile dazu beitrugen, ihn vom Rest der Bevölkerung strikt zu unterscheiden. Nichts weist darauf hin, dass diese quantitativen Unterschiede zu einem qualitativen Sprung wurden. (267)

Athener konnten nicht an den Namen ihrer Familien (genos) identifiziert werden, sondern sie führten den Nahmen ihrer Väter und der Gemeinde (demos) oder Diözese, in der sie eingetragen waren. (...)
Was immer an Homogenität übrigblieb, wurde davon überlagert, dass die Demokratie darauf Bestand, jeden Bürger als Individuum wahrzunehmen. Unter diesen Umständen ist es nicht überraschend, dass der Sinn für Eliteidentitäten in Athen eher schwach ausgeprägt war. (269)

Die Bürger waren ökonomisch nicht stark integriert, sonder schufen überall auf dem Land eine Reihe von getrennten, relativ autarken Parallekökonomien, eine Subsistenzwirtschaft, die den Hintergrund für die enorme Betonung der Selbstverantwortlichkeit in der griechischen Ethik bildete. (...)
Die Ausnahme waren (...) jene Bürger, die in der Stadt für andere arbeiteten; es waren aber wenige, und sie wurden von den unabhängigen Bauern auf dem Land, die nicht weniger arm waren, verachtet. Die Polis stand zwischen Arm und Reich und monopolisierte nahezu vollständig die Beziehungen zwischen beiden Gruppen. Sie zog Geld in Form der Leiturgien von den Reichen ein; und es war auch die Stadt, die das Elend der Armen durch verschiedene Beihilfen (Versammlungsgeld, Geschworenengeld, Bezahlung für Anwesenheit bei Feierlichkeiten usw.) und gelegentliche öffentliche Bewirtung erleichterte. (270)

Die Athener konzentrierten sich lieber auf die Augenblicke gemeinsamen Genusses, als sich bei der Tatsache aufzuhalten, dass mache sich nur ein- oder zweimal im Jahr Fisch leisten könnten, während andere jeden Tag ihren Seebarsch zum Frühstück verzehrten. (271)

Der Markt für Sex, Wein und gutes Essen war ein komplexes System, mit einem weiten Preisspektrum, von sehr billig bis sehr teuer und dazwischen etwas für jeden. Wenn der Seebarsch zu teuer war, dann konnte man immer noch Sprotten kaufen. (...) Was einen von den Bessergestellten trennte, waren nur gerade ein paar Münzen, die einen an diesem Tage fehlten, und nicht der gesellschaftliche Rang. (272)

In der Tat können wir in der griechischen Betonung der Selbstbeherrschung eine völlige Umkehrung des Verhältnisses zwischen Klasse und Konsum erkennen. Der wirklich vornehme Mann beherrschte seine Begierden; (273)

In Ermangelung eines besseren Informationsyxtems war die unexakte Wissenschaft des Herumschnüffelns im Privatleben der Leute wesentlicher Bestandteil der der Vermögensbewertung in Athen, was dem Klatsch und dem Vorurteil den Weg ebnete. (279/280)

Die Demokratie überzog die athenische Gesellschaft mit Politik und sorgte für einen strukturellen Wandel, sie veränderte nicht nur die Zusammensetzung der Klassen, sondern sie brachte auch die Erkennbarkeit, sogar die Bedeutung sozioökonomischer Gruppen zum Verschwinden. Politik beherrschte soziale Identität und soziale Beziehungen in einem weit größeren Ausmaß als in anderen Kulturen. Politik war in Athen Gesellschaft. (283)

Dennoch überlebte die Demokratie die Ankunft der Makedonier nicht, und im Jahre 318 errichteten die Eroberer ein oligarchisches Regime, dem Demetrios von Phaleron, ein Schüler des aristotelischen Philosophen Teophrast, vorstand. (284)

Bevor ein Amtsträger sein Amt verließ, hatte er sich den euthynai, einer Überprüfung seiner Amtsführung, zu unterziehen. Aber auch für all jene, die in öffentliche Stellungen berufen wurden, gab es eine automatische Überprüfung durch den Rat oder das Gericht, bevor sie ihren Posten übernehmen durften. Die Anzahl derer, die davon betroffen waren, war enorm. Jedes Jahr mussten sich alle 500 Mitglieder des Rates dieser Überprüfung, der dokimasia, unterziehen, ebenso die neun Archonten und die siebenhundert anderen Amtsträger. Unnötig zu betonen, dass die meisten dieser Überprüfungen pure Formalität blieben. Ein jeder wurde gefragt, wer seine Eltern waren, wer seine Großeltern, aus welchem demos sie stammten und aus welchen Dorf sie kamen. (...) Die Antworten mussten durch Zeugen und Beweise gestützt werden, und jedermann konnte die Kandidatur in Frage stellen. Nach Anhörung aller Beweise und der Einwände - oder auch ohne Anhörung - kam es zur Abstimmung, und der Kandidat wurde angenommen oder eben abgewiesen, ohne dass irgendwelche weiteren Schritte gegen ihn unternommen wurden, aber auch ohne Möglichkeit der Berufung. (285)

Die Geschworenen mussten ihre Entscheidung zuungunsten eines Kandidaten nicht rechtfertigen und waren vollkommen frei, jemanden, den sie nicht mochten oder nicht für wert befanden, abzulehnen. (286)

Die wirklichen Autoritäten, die tatsächlichen Führer der Stadt, waren die rhetores, die in der Versammlung Reden hielten. (...)
Obwohl es einen Stamm von Bürgern gab, die im politischen Leben aktiv waren und regelmäßig Reden hielten, handelte es sich nicht um eine formelle Gruppe, und theoretisch konnte jeder Bürger rhetor werden und sich an das Volk wenden. Dies war ein grundlegendes Prinzip der Demokratie. Die dokimasia der Redner unterschied sich deshalb von den anderen Überprüfungen, und jedermann, der von den Geschworenen nicht abgelehnt wurde, galt für wählbar. (287)

Stand die Demokratie Freundschaften zwischen Politikern und ihren Wählern feindselig gegenüber, so hegte sie ebenfalls Misstrauen gegen Freundschaften unter Politikern selbst. Niemand war gegen Griechen, die Geschenke annahmen oder machten, misstrauischer als die Athener. (314)

Die Niederlage der Perser trug tatsächlich dazu bei, die Armut in Griechenland zu mildern, und in den folgenden Kriegen bis zur Schlacht am Eurymedon im Jahr 465 wurde insbesondere Athen reich. Eine Episode, die für andere, welche keine Spuren hinterlassen haben, stehen mag, geht auf den großen Feldherrn Kimon zurück, der nach der Einnahme des persisch besetzten Byzanz die Beute verteilte. (...)
Kimon benutzte die Beute aus den persischen Kriegen, um für die armen Bürger Athens ein Fest zu geben und die Stadt zu verschönern, indem er auf der Agora Bäume pflanzen ließ, die Akademi in eine belaubten Hain mit Bahnen für den Schnelllauf und mit Wegen verwandelte sowie die große Südmauer der Akropolis bauen ließ. (317)

An diesem Punkt sollten wir uns an die obsessiver Gerechtigkeit beim antiken Opfer erinnern und dran, wie das Fleisch von Kühen, Schafen und Schweinen in gleiche Portionen aufgeteilt wurde, die - wie es gerade kam - aus Fleisch oder Knorpel bestanden und aufs Geratewohl unter der Bevölkerung verteilt wurden oder an die Amtsträger, (...), die darüber wachten, dass bei öffentlichen Feierlichkeiten jeder Bürger seine - gleiche - Portion Wein erhielt. Die Stadt hat diese Vorstellung von einer Opfergemeinschaft offenbar als Grundpfeiler zur Bildung einer Bürgergemeinschaft genutzt und mit einer beträchtlichen Anzahl öffentlicher Bankette unterstützt. In Athen wurden bei religiösen Festen riesige Opfer dargebracht und Hunderte von Rindern auf einmal geschlachtet, so dass alle Bürger mit Fleisch versorgt waren. Außerdem wurden die fünfzig vorsitzenden Mitglieder des Rates der Fünfhundert während ihrer Präsidentschaft täglich auf Kosten der Stadt bewirtet und einige Ehrenbürger sogar ihr ganzes Leben lang ausgehalten. Angesichts der neueren Forschung geht man in der Tat nicht zu weit zu behaupten, dass Bankette abzuhalten eine zentrale Veranstaltung der Polis war: Teilnahme an den Feierlichkeiten ist gleichbedeutend mit Teilnahme am Gemeinwesen. Es gab sogar Gesetze, die das Volk zwangen, das Essen der Stadt einzunehmen.
Dieses Prinzip kann als das wahre Fundament der athenischen Demokratie angesehen werden, denn isonomia, gleiches Teilen, wird einige Zeit vor der Ideologie der demokratia, der Macht des Volkes, erwähnt. (...)
Kleisthenes, der Begründer der Demokratie, ist in Wahrheit als gerechter und guter Verteiler zu betrachten und weniger als Revolutionär. Es ist fraglich, ob er dem Volk überhaupt neu macht in die Hände gegeben hat. Er veränderte nur die politische Struktur von einem vertikalen System der Patronage in eine horizontale, in ganz Attika gültige Ordnung, indem er die demoi und Stämme nach isometrischen (und wahrscheinlich rein zufälligen) Prinzipien neu organisierte und dabei regionale Loyalitäten aufbrach sowie die Machtbasen der Aristokratie zerstörte; dabei verschaffte er dem Volk einen besseren Stand, so dass es zu einer eigenen Macht wurde. (328-329)

Lange hatten die Athener Ängste vor Tyrannen genährt, eines der hervorstechendsten Merkmale der Demokratie und des griechischen politischen Denkens überhaupt. Die Diktatur des Peisitratos und seines Sohnes ging im Jahr 510 zu Ende. Die Möglichkeit einer Wiedereinsetzung des Hippias war gebannt, als sich der alte Mann 490 mit der Niederlage seiner persischen Unterstützer bei Marathon konfrontiert sah. (...)
Dennoch wurde fast ein Jahrhundert nach der Beendigung der Schreckensherrschaft noch immer der Tyrannenvorwurf in der Versammlung und auf der Bühne erhoben, wo er zum Angriff auf prominente Persönlichkeiten herhalten musste. (335)

Kleisthenes und seine Nachfolger hatten in Athens Verfassung einen Mechanismus eingebaut, der es möglich machte, Tyrannen loszuwerden, bevor es zu spät war. Es wurde darüber abgestimmt, ob die Stadt einige prominente Bürger für eine gewisse Zeit verbannen sollte. War das Ergebnis positiv, kam es zu einer weiteren Abstimmung, in der bestimmt wurde, wen es treffen sollte. Die Namen der Kandidaten wurden auf eine Tonscherbe geritzt, die man ostrakon nannte, und diese in die Urnen geworfen. Der Gewinner wurde ausgewiesen, was zehn Jahre Verbannung bedeutete, wonach er mit allen Bürgerrechten ausgestattet wieder zurückkehren und sein Eigentum zurückverlangen konnte. (336)

Wahr ist auch, dass es im griechischen Denken eine starke Strömung gibt, die es für unmöglich hält, dass ein Mann gleichzeitig genusssüchtig und kriegerisch sein könne. (341)