C. H. Beck, München 2012
Kommentar: Beeindruckendes Buch von Maaz, der schonungslos die aktuellen Gesellschaften aus seinem psychotherapeutischen Blickwinkel analysiert.
"Der feine, aber entscheidende Unterschied liegt darin, ob man wirklich willens und in der Lage ist, die Innenwelt des Kindes empathisch wahrzunehmen, oder eher geneigt ist, dem Kind die eigenen Vorstellungen und Erwartungen, wie es denn sein soll, zu vermitteln." (13)
"Das Kind empfindet mehr, als es versteht. Gefühle und Wahrnehmungen sind unabhängig von jedem erklärtem pädagogischen Einfluss die wesentlichen Wirkfaktoren der kindlichen Entwicklung. Deshalb können in scheinbar besten Verhältnissen aufgewachsene Kinder unerwartet kriminell oder gar zu Amokläufer werden, weil die elterliche Zuwendung nicht echt war; Kinder aus ärmlichen Verhältnissen hingegen oder solche, die in einer Umwelt mit erheblichen sozialen Problemen aufgewachsen sind, können durchaus hochanständige Menschen werden, wenn die elterlich emotionale Versorgung ausreichend war.
Über Wohl und Wehe des Kindes entscheidet nicht die Erziehungsform, sondern die Beziehungsqualität, das heißt die zumeist unbewussten Überzeugungen, Einstellungen und Motive elterlichen Handelns." (14)
"Mit dem Selbst ist die unverwechselbarem je einmalige Art des Seins zusammengefasst, in der sich die genetische Matrix, beeinflusst durch die frühen prägenden Beziehungserfahrungen und Umweltfaktoren, spezifisch ausgestaltet hat. Das Selbst wird einem mitgegeben und durch äußere Einflüsse geformt, das Individuum kann sein Selbst nur erfahren, in seinen Möglichkeiten und Grenzen erkennen und auf diesem Weg Verantwortung für die unverwechselbare Art des Daseins übernehmen." (18)
"Gerade aufgrund der Defizite des Selbst bringen es mache Menschen zu hervorragenden Ich-Leistungen, etwa um das schmerzhafte Manko auszugleichen und vor anderen den Mangel zu verbergen. Alle herausragenden Leistungen in Sport, in der Wissenschaft, in der Kultur und Politik sind der Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen verdächtig." (19)
"Selbstunsicherheit und Minderwertigkeit sind die Quellen des Mitläufertums und der Mittäterschaft- der delegierten Verantwortung. (...) Wer nicht ausreichend gespiegelt und bestätigt wurde, der bleibt ein Leben lang abhängig von der Zustimmung anderer." (24)
"Idealisierung und Entwertung sind das Geschwisterpaar narzistischer Lebenskultur." (26)
"Ein wesentlichen Symptom des Narzissmus ist die Unfähigkeit zur Empathie. Der narzistisch gestörte Mensch ist nur mit sich selbst beschäftigt, um die Wunden zu lecken, die durch Liebesmangel geschlagen wurden, da bleibt keine Raum für andere." (27)
"Die Kränkbarkeit ist die Achisllesferse jeder narzisstischen Störung. Die Abhängigkeit von der von außen gegebenen Bestätigung begründet die hohe Empfindlichkeit. (28)
"Dabei ist es weniger wichtig, was die Eltern mit ihren Kindern real machen und wie viel Zeit sie für sie haben, entscheidend ist die Qualität ihrer innersten Zuwendung.
Kinder können äußerlich bestens versorgt sein, (...) und selbst die Kinder eine glückliche Kindheit erinnern, und doch war die primäre narzisstische Sättigung ungenügend. Die beschönigenden Erinnerungen dienen der Abwehr des unerträglichen und bedrohlichen Mangelscherzes." (30)
"In der Folge des Liebesmangels lernen Kinder allmählich herauszufinden, wofür sie Anerkennung und Zuwendung von den Eltern bekommen können. Damit beginnt ein lebenslang anhaltender Prozess der Entfremdung: Man tut nicht mehr, was wirklich zu einem passt, und individuelle möglich ist, sondern was erwartet wird, um über die Anpassung Bestätigung zu erfahren. Ein Leben neben der Spur! Lob und Tadel sind die Erziehungsinstrumente, die das falsche Selbst züchten. (...)
Das falsche Selbst entwickelt sich im Wesentlichen in zwei Richtungen:
1. im Hinblick auf den Wunsch, durch Anstrengungen, Bemühungen und Leistungen die Erwartungen der Eltern zu erfüllen;
2. im Hinblick auf die Absicht, durch Schwächen, Fehler, Ungeschicklichkeiten, Hemmungen und Versagen die Sorge der Eltern zu provozieren.
Ziel beider Extremvarianten ist es, elterliche Zuwendung und Bestätigung zu erreichen. Es ist aber bestenfalls die Bestätigung eines falschen Selbst. So gewinnen wir ein Verständnis für das das Größenselbst und das Größenklein." (31-32)
"Der Markt ist der Tummelplatz des Größenselbst, die Zirkusarena für dessen Kunststücke - und der globale Markt ist der aus allen Fugen geratene Größenwahn." (34)
Größenklein: Der Begriff macht deutlich, dass die Selbstabwertung groß ist - eine narzistische Leistung der Selbstbeschädigung als Fortsetzung der frühen Erfahrungen. (...) In der masochistischen Selbstabwertung gibt man in der Tiefe den Eltern recht, nur um Ruhe und Frieden zu finden und nicht weiter herabgewürdigt zu werden." (36)
"Aus dem Glauben, er sei (...) nicht liebenswert, ist ein Weltbild des Überlebens gezimmert worden, weil die Erfahrung guten Lebens fehlt: Die Eltern haben recht, ich widerspreche nicht (mehr), ich bin wirklich unmöglich."
"Mediale Distanz und Anonymität stellen offenbar eine große Verlockung dar, die eigene seelische Verletzung projektiv an andere weiterzugeben. (...) Achten Sie einmal darauf, wie häufig über andere abwertend geredet und über die Verhältnisse geklagt wird - das ist Alltagskommunikation zur permanenten Abwehr der eigenen narzisstischen Verletzungen. Wenn andere schlecht sind, ist man automatisch relativ besser." (49)
" In der Gegenwart werden häufig die Märkte angeführt, (...) Die Projektion auf abstrakte Begriffe ist die geläufigste Abwehr seelischer Probleme, um etwas beschuldigen zu können und selbst exkulpiert zu sein oder sich gar nur als Opfer zu verstehen." (50)
"Im manischen Wiederaufbau, der zu einem Wirtschaftswunder führte, sollte die narzisstische Verletzung (individuell wie kollektiv) vergessen gemacht und ausgeglichen werden. (...) Aber das Hauptsyndrom der narzisstischen Problematik sind inzwischen die Schulden des Staates und einer großen Anzahl von Bürgern. An den Schulden wird deutlich, dass es eine Übereinstimmung gibt, über die tatsächlichen Verhältnisse zu leben." (63)
"Die Selbstwertproblematik hat im Geld das geeignete Vehikel gefunden, um sich mit Besitz und Konsum zu betäuben. (...) Die narzisstische Kompensation dagegen braucht ständige - suchtartige - Erweiterung der Ablenkung durch Konsum, Besitz, Animation und Aktion. (...) Gier ist nicht Ausdruck einer normalen menschlichen Wesensart, sondern immer ein Krankheitssymptom." (64)
"Führungskräfte, die auf der Basis stabiler Selbstsicherheit entscheiden und handeln können, müssen nicht ihr Ego ständig bedienen, sondern fühlen sich als soziale Persönlichkeiten ohne jede weitere Bedingung der Gesamtheit, dem Gemeinwohl und auch dem armen und kranken Nachbarn verpflichtet. (...) Nur frühe Lieblosigkeit, Kränkung, Verletzung, Mangelversorgung, Gewalt und Verlassensein machen den Menschen übermäßig egoistisch, antisozial, brutal und süchtig." (67)
"Weil der pathologische Narzissmus eine bestimmte Abwehrform frühen Liebes- und Bestätigungsmangels ist, müssen alle realen Beziehungsformen eine Schutzfunktion gegen den frühen Schmerz erfüllen." (68)
"Narzissmus ist die Quelle jeder Form von Stress. Die seelische Verletzung gestattet keine Ruhe." (77)
"Je größer die narzisstische Verletzung, desto mehr Gegner oder Probleme braucht man, desto mehr ist man an schwieriger, konfliktären Verhältnissen (von der Partnerschaft über die Arbeit bis zur Gesellschaft) interessiert, die man dann auch - zumeist unbewusst und vor allem unreflektiert - mit schürt und ausgestaltet." (78)
"Der adipöse Körper ist sehr häufig - selbst bei Berücksichtigung genetischer Veranlagung - ein seelischer Schutzmantel durch Fett. Die Körperdicke schützt vor allzu großer Nähe, sowohl in der ästhetischen Anziehung als auch unmittelbar körperlich - Fett schafft Distanz. Und mit der Selbstabwertung infolge des Übergewichts und dem ewigen Kampf um die Kilos ist für ständige - aber letztlich sinnlose - Ablenkung vom eigentlichen Leid im Körperkern gesorgt. Der Kern ist wohlverpackt. (...) Das Größenselbst fordert den schlanken Körper, während sich das Größenklein dem Leid der Adipositas ergibt." (82-83)
"Ein Leben außerhalb der narzisstischen Regulationssysteme sähe grundlegend anders aus: ohne Wachstumsdruck, ohne Konkurrenzkampf, ohne Leistungsstress, ohne übertriebene Selbstdarstellung - auch auch ohne Werbung - und ohne appellatives Leiden durch Selbstenwertung und kultivierte Abhängigkeit." (92)
"So beginnt ein lebenslanger Kampf, den vermeintlichen Makel und die peinliche Daseinsscham zu überwinden. Dafür bietet unsere Kultur zwei Wege mit vielfachen Möglichkeiten: die Kompensation, (...) es handelt sich dabei um alle Anstrengungen, zu zeigen und zu beweisen, dass man doch wer sei, etwas könne und Anerkennung verdiene. (...) Die andere Möglichkeit neben der Kompensation ist die Ablenkung: Man wählt sich ein Hobby, das einen ausfüllt, man macht sich Stress und schafft sich Probleme, wodurch man auf Trab gehalten wird, man vergnügt sich mit Erlebnissen, Aktionen, Events und Spielen, die Aufmerksamkeit fordern und Erregung sichern. Alles ist zur Ablenkung geeignet, was verhindert, dass man zur Ruhe kommt und Nachdenken und Besinnung zum Zuge kommen." (94)
"Die Ablenkung bedient sich heute vor allem des Fernsehens, des Internets und des Mobilfunks. Narzisstische bedürftige Menschen machen sich so zu Junkies der medialen Angebote, der Sinnflut von sinnloser, überflüssiger und verwirrender Information aus dem Internet und der Erreichbarkeit über das Handy. Man beobachte nur einmal, mit welch nichtigen, überflüssigen Informationen ein unfreiwilliger Zuhörer auf Flughäfen, in Zügen oder Gaststätten durch den unablässigen Handygebrauch belästigt wird. Daran wird nicht nur die Kontaktnot der plappernden Menschen deutlich, sonder auch ihre versteckte Aggression, mit ihrer narzisstischen Bedürftigkeit andere zu stören und zu quälen. (...) Das Niveau der medialen Angebote ist ein Gradmesser und zugleich ein Spiegelbild der Verstörung eines großen Teils der Bevölkerung im Dienste narzisstischer Abwehr. (...) Süchtig machen nicht die Angebote an sich, sondern die zugrunde liegenden Bedürftigkeiten"(95)
"Im Grunde ist erlittener Liebesmangel ebenso lebensbedrohlich wie Nahrungsmangel - gegenüber fehlender Liebe verfügen wir lediglich über mehr Kompensationsmöglichkeiten als bei Hunger und Durst." (99)
"Elternschaft ist im höchsten Maß gefährdet, zur narzisstischen Aufwertung unter Missbrauch der Kinder ausgestaltet zu werden." (102)
"Jeder narzisstische halbwegs gesättigte und freie Mensch wird alle Gepflogenheiten, Regeln und Rituale seiner Familie, seiner Kultur und der gesellschaftlichen Gebote auf ihre Tauglichkeit für das eigene Leben hin überprüfen und entsprechend verändern, ablegen oder übernehmen." (113)
"Vatertöchter finden ihre narzisstische Regulation durch die Bestätigung von Männern, denen sie hilfreich sind, Muttersöhne durch die Anerkennung der von ihnen bedienten Frauen." (114)
"Der Narzisst an der Macht redet in Phrasen, stellt die eigenen Leistungen auffällig heraus und wertet ander Mensche, Erfolge oder Positionen grundsätzlich ab, gibt nie Fehler oder Schwächen zu oder nur, wenn diese nicht mehr zu verbergen sind - und dann wird aus einem Schuldbekenntnis sofort eine ehrenhafte Heldentat. (...) Die narzisstische Störung macht tatsächlich blöd, engt erheblich den Erkenntnisspielraum ein und ist den Betreffenden (...) nicht anzumerken. Erst im Nachhinein, bei eingetretenem Desaster, in der Krise und nach der bedingunglosen Kapitulation oder den zerstörerischen Auswirkungen bisher angepriesener Erfolgsmodelle, wie wir sie zurzeit etwa bei der Atomenergie erleben, fällt der narzisstisch verursachte Nebel und für kurze Zeit wird Klarsicht möglich, bevor eine neue verleugnende Kompensation gefunden wird." (116)
"Die berufliche Karriere, die neueste Technik, das größere Auto, die besondere Wohnung oder das Eigenheim, weite Reisen und ein gut gefülltes Bankkonto sind häufige männliche Attribute und Ziele, um narzisstische Minderwertigkeit zu übertünchen. Die männlich gestaltete Gesellschaft hat zwangsläufig Suchtcharakter." (117)
"Der Mensch, der mit sich im Reinen ist, der sich - ohne Hysterie - als liebenswert empfindet, der mit sich selbst zufrieden ist, der strahlt auch von innen, zieht Aufmerksamkeit auf sich und provoziert geradezu Zuwendung. Aber ein solcher Mensch wird für andere auch leicht zur Bedrohung, er ist eine Erinnerung an den eigenen Makel und wird deshalb gern gemieden und, wenn es sein muss, bekämpft." (118)
"Durch Mutterbedrohung wird die Existenz des Kindes grundsätzlich in Frage gestellt. Die indirekt übermittelte oder offen feindselige Ablehnung des Kindes bedeutet höchste Lebensbedrohung, gegen die das Kind ein Gegenmittel finden und entwickeln muss, um sein Überleben zu sichern. Anfangs mögen es schwere psychosomatische Erkrankungen seine - etwa Neurodermitis, Asthma bronchiale, (....) Nahrungsunverträglichkeiten, die sich als erste Hinweise auf stressbedingte körperliche Reaktionen mit überschießender Abwehr oder geschwächtem Immunschutz verstehen lassen. Die Erkrankung inszeniert die seelische Not und fordert Versorgung. " (119)
"Mit Muttermangel ist sowohl die reale Entbehrung guter und ausreichender Mütterlichkeit gemeint, wenn Mütter - aus welchen Gründen auch immer - zu wenig Zeit für ihre Kinder haben. Die Bedürfnisse des Kindes können keine Rücksicht darauf nehmen, ob die Mutter arbeiten gehen muss oder ihre Karriere pflegen will. Noch wichtiger aber ist die innere Einstellung der Mutter zum Kind, ob sie ihr Kind wirklich annehmen und lieben kann, so wie es das Kind braucht - bedingungslos. Das ist sehr vielen Müttern aus eigener unerfüllter früher Bedürftigkeit häufig nicht mehr möglich." (120)
"Muttervergiftung meint, dass das Kind im Wesentlichen nur dann Bestätigung und interessierte Zuwendung erfährt, wenn es so ist, wie die Mutter es sich wünscht (...). Das bedeutet fast immer Selbstentfremdung. (...) Das führt häufig dazu, dass das heranwachsende Kind seine Anpassungen an die Vorstellungen der Mutter gar nicht mehr als Problem wahrnimmt, denn es erfährt ja umso mehr Bestätigung, je besser es sich den mütterlichen Wünschen anschließt. Die narzisstische Regulation wird also von der Selbstwahrnehmung auf eine Fremdwahrnehmung verlagert. (...)
Auf dieser Grundlage wird eine Abhängigkeitsstruktur entwickelt - die beste Voraussetzung, um als Mittläufer und Untertan in sozialen Systemen in Ruhe gelassen oder sogar gebraucht und geschätzt zu werden. (...) Gut wahrnehmen zu können, wie ander fühlen und was sie wünschen, um nicht wahrnehmen zu müssen, was man selbst fühlt und sich wünscht, ist auch eine hervorragende Voraussetzung für alle Helferberufe, die sich in den Dienst für andere stellen und eigene egoistische Strebungen dabei aufgeben. So war es Mutti recht!" (121-121)
"Durch Vaterterror wird das Kind eingeschüchtert und in seinem natürlichen Expansionsdrang gehemmt. (...) Das Kind hat also keine Chance zur offensiven Entwicklung. Es bleibt nur die Möglichkeit, das Donnerwetter abzuwarten, die Strafe auszusitzen und heimliche Wege der Selbstbestätigung zu gehen. Das Kind wird sich nicht mehr mitteilen uns dich in seine Welt zurückziehen, die es vor dem Vater geheim hält. (...) Entweder es findet Kontakt zu hilfreichen Ersatzvätern und Gruppen (...) dann übernehmen Lehrer, Trainer, Verbandsleiter, Geistliche oder Politiker die gute väterliche Funktion.
Oder die Heranwachsenden werden in ihrem Bedürfnis nach väterlicher Unterstützung, nach Forderung und Anleitung Opfer von Verführern (...) Unser Zeit hält für die gebremsten Jugendlichen ein Fülle von Ablenkungsmöglichkeiten bereit. Computerspiele, das Internet, Videos und Musik können die Einengung vergessen machen und ein Scheinleben simulieren, so dass die eigentliche Entwicklungsstörung nicht mehr wahrgenommen werden muss." (122-123)
"Bei Vaterflucht fehlt die Unterstützung, die Förderung durch den Vater. (...) Die Folgen davon sind zunehmend unangemessene Bequemlichkeit, mangelnde Anstrengungsbereitschaft und fortgesetzte Versorgungswünsche, die im Hotel Mama kultiviert werden." (123-124)
"Vatermissbrauch meint, dass die Kinder zum Stolz des Vater erzogen, im Grund dazu getrimmt werden. Er ermöglicht eine in der Leistungsgesellschaft weit verbreitete narzisstische Kompensation, die in aller Regel mit viel Qual, Angst und unendlichen Anstrengungen verbunden ist. Um beim Vater zum Ansehen zu kommen, muss man besondere Leistungen bringen. (...) Leistungssport ist die beste narzisstische Kompensation bei Vatermissbrauch, (...)" (124)
"Zum besseren Verständnis dieser Zusammenhänge müssen wir uns vom vorherrschenden Ansatz in der Medizin verabschieden, nach einer einzigen Ursache zu forschen, die dann das gesamte Krankheitsbild erklären soll. Dieses monokausale, reduktionistische Krankheitsverständnis hat die Medizin vielfach in eine Sackgasse geführt und hat wesentlichen Anteil an einem falschen Verständnis vom menschlichen Kranksein mit entsprechenden Fehlbehandlungen." (128)
"Die Zerlegung der Erkenntnisse in Wissensbausteine ist weit forangeschritten; doch wie alles zusammenwirkt, was den einzelnen Menschen wirklich ausmacht, was ihn beseelt und woher seine Lebensenergie kommt und wohin sie geht, bleibt ein Geheimnis." (131)
"Methaphorisch gesprochen ist durch die mangelnde Liebe der Eltern die naturgegebene Liebesbatterie des Kindes nicht ausreichend aufgefüllt, was das Kind in die verzweifelte Lage bringt, sein Leben lang nach Möglichkeiten der energetischen Aufladung zu suchen." (132)
"Essen und Genussmittel werden benutzt, um sich ersatzweise aufzuladen. (...) Mit der Neurodermitis schreit das Kind förmlich seine Berührungsbedürftigkeit hinaus, mit der allergischen Reaktion wird die nicht bestätigte Lebendigkeit gebremst - man muss sich vor den Allergenen schützen und so die expansive Lebenslust einschränken." (133)
"Das wesentliche Kriterium einer narzisstischen Elternschaft ist die Tatsache, dass die Eltern die Kinder für ihre Bedeutung und Stabilität brauchen." (139)
"Elternschaft besteht in der Verantwortung, eigene Probleme selbständig zu bewältigen, um die Kinder damit so wenig wie möglich zu belasten und sie bestmöglich zu begleiten, zu bestätigen und zu fördern. Gute Elternschaft mündet stets in die Freiheit der Kinder." (143)
"Die narzisstische Partnerschaft ist immer kollusiv, das heißt, zwei Partner passen mit ihren gleichwertigen, aber einander gegenläufigen Störungen zusammen. Der eine Partner verfügt über die Eigenschaften, die dem anderen fehlen - so bilden sie gemeinsam ein Ganzes uns stabilisieren sich wechselseitig. (...) Diese sich ergänzende Beziehungskonstellation hat immer auch etwas Zwingendes; keiner von beiden darf seine Funktion verlassen, der Große muss groß bleiben und der Kleine klein. Doch beide Rollen sind nur Ersatz oder Kompensation. (144)
"Der Fan meint nicht den Bewunderten, sondern er braucht und benutzt den Anerkannten, um sich selbst mit dessen Erfolgen aufzuwerten." (151)
"Die gegenwärtige Politik, dir nur Narzissten machen können, dient vor allem der Selbstwertsteigerung. (...) Die Beliebtheitsskala besagt vor allem, dass der Politiker am meinten geschätzt wird, der am höchsten und elegantesten betrügt und lügt. (...) So ein Politiker ist wie eine Wundsalbe auf die eigenen Verletzungen." (156)
"Der Größenselbst-Narzisst will natürlich auch beim Sex bewundert werden; deshalb ist Leistung so wichtig und Liebe so gut wie ausgeschlossen. Der Größenklein-Narzisst hingegen will gefällig sein, will den Partner bedienen und ist um dessen Lust bemüht. (...) Das Programm muss ersetzen, was nicht gefühlt werden kann." (163)
"Lautes Stöhnen und kräftiges, intensives Kopulieren kann helfen, Lust zu produzieren, indem der sexuelle Akt als ein besonderes Ereignis zelebriert und der Orgasmus als narzisstische Befriedigung und gerade nicht als energetische Verströmen durch Loslassen erlebt wird. (...) Gesunde orgastische Potenz ist ein komplexes Geschehen aus körperlichen, seelischen und beziehungsdynamischen Vorgängen (...) Beim narzisstischen Sex sind Körperlichkeit und Beziehung häufig getrennt. Es gibt eine betont körperliche energetische Abfuhr, wie beim Masturbieren, dazu wird der Körper des anderen nur benutzt." (164)
"Der narzistische Sex lebt nicht von der partnerschaftlichen Beziehung mit empathischer Abstimmung, sonder von Äußerlichkeiten, vom Ambiente des sexuellen Aktes, von Accessoieres, vom besonderen Ablauf, der durch verschiedene Techniken und Leistungsorientierung erreicht werden soll. (...) Hingabe, Loslassen, sich dem anderen Überlassen - alles Merkmale von gutem, nicht narzistischem Sex - bedeuten hingegen vorübergehend Selbstverlust. Doch das wäre für ein narzisstisches Selbst ausgesprochen bedrohlich." (166-167)
"Wenn ein Narzisst alt, krank und gebrechlich wird, wenn er an Macht, Ansehen, Einfluss und Bedeutung verliert, dann hat er ein echtes Problem. Mit dem Wegfall der wesentlichen Kompensations- und Ablenkungsmechanismen wird das narzisstische Defizit automatisch wieder wund, (...) So wird auch verständlich, dass die Verentung eine häufige Todesursache ist. Mit ihr geht die narzisstische Hauptkompensation durch Berufstätigkeit verloren und die frei werdende Verletzungsenergie kann nicht mehr neu gebunden werden." (168-169)
"Ich habe einige Fälle von Demenz in meiner Praxis kennengelernt, bei denen sehr tüchtige, hilfreiche, herzensgute, sich aufopfernde Menschen infolge der dementen Veränderungen egoistisch, brutal, gemein, sogar gewalttätig geworden sind, als hätten sie die hirnorganische Veränderung gewissermaßen gebraucht, um die im Größenselbst permanent unterdrückte Aggressivität und den narzisstischen Anspruch endlich zum Ausdruck bringen zu können. Vielleicht müssen die hirnorganischen Abbauprozesse, die sich als Alzheimer-Erkrankung oder andere dementielle Prozesse manifestieren, auch im Dienste der somatisierten narzisstischen Abwehr gesehen werden. Der hirnorganische Abbau schützt - bei aller Tragik - vor der bitteren Erkenntnis des falschen Lebens." (170/171)
"Die Bedeutung der Prävention ist bei Thema narzisstische Störung deshalb besonders brisant, weil die Folgen frühen Liebesmangels im Grunde nicht mehr wirklich heilbar sind. (...) Verschärft wird dies noch dadurch, dass die neuronale Schablone als Beziehungsrepräsentanz alle späteren Beziehungen beeinflusst." (173)
"Nur der Schmerz ist das Tor zu einem freieren Leben. Deshalb hat die Gefühlsarbeit - die Möglichkeit, frühe Gefühle zum Ausdruck zu bringen, etwa Wut über verletzende Behandlung, Schmerz über den Liebesmangel und Trauer über verhinderte und verlorene Lebensmöglichkeiten - einen zentralen Stellenwert in der Behandlung der narzisstischen Störung. (177)
"Alle notwendigen Entscheidungen lassen sich besser, richtiger und leichter treffen, wenn man vorher die damit verbundenen Gefühle zum Ausdruck hat bringen können. Unser Verstand ist dann nicht mehr emotional blockiert." (179)
"Zum Narzissmus gehört die Fassade der Coolness und Souveränität, deshalb werden Gefühle in aller Regel verachtet. Ist ein Narzisst hingegen im Stande zu weinen, ist das ein Zeichen beginnender Gesundung, soweit das überhaupt möglich ist und von der Umwelt zugelassen wird." (180)
"Die schwierigste Frage in der Beurteilung oder Bewertung der Beziehung zu Kindern ist das Motiv der Betreuung. (...) Liebe ist also übertragungsfrei - es werden an den anderen keine Erwartungen gestellt und keine Enttäuschungen übermittelt." (183)
"In zwei Sätzen: Alle Eltern sind begrenzt und fehlerhaft. Kinder sind nicht verantwortlich und tragen keine Schuld an dem Befinden der Eltern." (187)
"Die Gier ist das narzisstische Symptom der Wachstumsgsucht (...) (191)
"Ich bin davon überzeugt, dass die politische Karriere mit dem Ausmaß der narzisstischen Verletzung korreliert. Je größer die frühe narzisstische Verletzung, desto größer auch der Drang nach sekundärer Bedeutung und Macht." (193)
"Unsere narzisstisch begründete Demokratie ist nicht mehr das beste aller Systeme, weil die notwendigen Mehrheiten nicht auf dem Weg emotional getragener, rationaler Entscheidungen zustande kommen, sondern die narzisstische Abwehr im Größenselbst wie im Größenklein in der politischen Arena das Sagen hat." (196)
"Im Moment jedoch liegt die Zukunft der Welt in den Händen von Spielern und Zockern, die profitgierig und völlig unempathisch darum bemüht sind, ihre erhebliche Störung im Glücksspiel und durch Wetten zu regulieren. Die narzisstische Not hat ein Ausmaß des Ausagierens angenommen, das die Welt ins Chaos stürzen kann. (197)
"Was ist unser Demokratie noch wert, wenn die Spekulanten der Finanzwirtschaft über die gesellschaftliche Entwicklung entscheiden? Wenn bloße spekulative Bewertungen an der Börse die reale und redliche Arbeit von Millionen Menschen rein virtuell vernichten können, sind wir gesellschaftlich auf dem Niveau eines Spielcasinos angekommen. (...) Wenn selbstwertgestörte Menschen in die Politik gehen, um ihre narzisstisches Defizit durch Macht aufzuwerten, sind sie nicht ihrer selbst mächtig, sonder gejagt vom Erfolgszwang, der ihnen von außen diktiert wird." (198)
"Der Sozialismus ist gescheitert, weil die Menschen mehr haben wollten, als zu bekommen war, der Kapitalismus scheitert, weil die Menschen mehr verbrauchen, als sie verdient haben." (201)
"Für das Kind ist die Anerkennung seiner individuellen Existenz tatsächlich eine Frage auf Leben und Tod. Deswegen verwundert es nicht, wenn später mörderische Gewalt ausgeübt wird. Sie ist das Äquivalent der aufgestauten narzisstischen Wut, die sich abreagieren und Rache nehmen will. Dazu werden Opfer gebraucht, die sich stets leicht in Gestalt sozial Schwächerer oder Andersartiger und Fremder finden lassen. (...) Ohne eine schwerwiegende narzisstische Erkrankung der Mehrheit des deutschen Volkes wären ein Hitler und ein real existierender Nationalsozialismus nicht möglich gewesen." (203)
"Atomreaktoren kann derjenige bauen und betreiben, den die Folgen von Tschernobyl und Fukushima nicht mehr emotional erreichen. Schulden kann der machen, den das Leben der Kinder und Enkel emotional nicht mehr wirklich berührt. An den Börsen können nur Menschen zocken, die keinerlei emotionalen Bezug mehr zu ihrer Entscheidung haben, als schwer narzisstisch kranke Menschen. " (205)
"So ist die Titanic für mich ein Inbegriff des gesellschaftlichen Situation geworden, in der ich lebe: bei klaren Bewusstsein und ausreichend Verstand zusehen zu müssen, wie wir unweigerlich kollektiv unserem Untergang vollziehen und dem nicht mehr Einhalt gebieten können." (206)
"Wenn die durchaus berechtigten Flüche verstummen, das verzweifelte Kämpfen abflaut und die Resignation überstanden ist, macht nur eines noch Sinn: das alle Energie in soziale Netzwerke fließt, welche es möglich machen, die narzisstischen Masken abzulegen, das falsche Leben zu beenden und mit Schmerz und Trauer zu dem authentischen Kern zu finden, so unentfaltet oder beschädigt er auch sein mag." (207)
"Ich kann nicht genau sagen, was das Kernselbst eigentlich ist. (...) Spürbar wird es vor allem als körperliche Entspannung, als warmes Durchströmen und wohlige Ruhe, in der nichts mehr gewollt und gebraucht wird und auch die Gedanken Pause haben." (208)
"Solange jedoch die Ursachen für seelische Verletzungen von Kindern nicht wesentlich vermindert werden können, habe ich die Befürchtung, dass sich kollektiv-destruktive Fehlentwicklungen in immer neuen Formen wiederholen." (215)