Martin Mosebach: Das Blutbuchenfest

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Carl Hanser Verlag, München 2014

Mit unglaublicher Sprachgewalt von Mosebach konstruierter Roman. Ein arbeitsloser Kunsthistoriker, verschiedene Leute, die sich scheinbar zufällig an einem Stammtisch in einem In-Restaurant in Frankfurt jeden Abend treffen. Ein bosnische Putzfrau, die für die Hauptfiguren putzt, fungiert als das Bindeglied, über das diese miteinander verbunden scheinen. Zweifellos gibt es großartige und hinreißende Stellen im neuen Buch von Mosebach. Insgesamt darf man sich aber schon die Frage stellen, was der Autor mit diesem Plot,  der zeitlich auch  noch zu Zeiten des Jugoslavischen Bürgerkriegs spielt, im Jahre 2014 will.

"Sie war Hausfrau und gebot über mehrere Hilfskräfte. Ein Gärtner pflegte den kleinen Vor- und den etwas größeren hinteren Garten, ein Hausmeister war mit den Kellerräumen befaßt, eine Frau half ihr in der Wohnung und Ivana im Büro, aber sie durfte sich schmeicheln, mehr zu arbeiten als ihr Mann; sie betrachtete ihren Haushalt als großes Räderwerk, das unablässig in Gang gehalten werden wollte, und Herr Breegen hielt sie nicht davon ab. Er war für jeden Tag dankbar, an dem sie erschöpft in die Kissen sank, denn ihre Kraft war so groß, daß sie sich, unbeschäftigt, gegen sie selbst gerichtet hätte. Daß Ivana von ähnlicher Natur war, hatte Frau Breegen bald heraus, wenngleich sie sich nicht täuschen ließ. Ohne durch Mitarbeit kaschierte Kontrolle wäre Ivana nicht so gründlich gewesen. Nur im Hause Breegen fand Ivana eine solche Auswahl spezialisierter Putzinstrumente, Staugsaugeraufsätze und Reinigungsmittel vor. Es handelte sich um eine echte Ausrüstung verwissenschaftlichten Putzens . Alle Metallteile, Kacheln, Glaswände, Türflächen, Teppichböden wurden aus eigenen Flaschen angesprüht, eingerieben, getränkt und gewischt. Die unterschiedlichsten Duftstoffe mischten sich in der Zimmerluft und verkündeten jeder Fliege, Spinne, Motte, Mücke den Tod, dies waren lebensfeindliche Zonen für nichtmenschliche Wesen. Wenn es in alle Klosettschüsseln türkisfarben sprudelte und eine medizinisch reinliche, geradezu an Mundwasser gemahnende Frische sich auch in diesen Kabinetten ausgebreitet hatte, wenn die Teppichböden vor Elektrizität knisterten und die Schreibtische dastanden, als seien sie eben erst aus der Plastikfolie geschält worden, dass war ein Wochenwerk vollbracht." (138/139)

"Ihr konnte nicht genug Betrieb im Haus sein, seit der Erfahrung der schrecklichen Stille. Jetzt im hinteren Garten wurde der Rasen vertikutiert, drei Männer waren dort beschäftigt, einen fußballstadionwürdigen Smaragdteppich entstehen zu lassen. Ivana saugte  mit dem Spzialsauger und seiner unbezwinglichen Saugkraft heulend im Obergeschß, während Frau Breegens nackt im Keller auf der Massagebank lag, den coiffierten Kopf sinnreich mit Kissen abgestützt und den Händen, aber auch der Konversation des Masseurs hingegeben." (142)

"Aber das waren nicht die Gedanken, die Ivana beim gründlichen Staubsaugen erfüllten. In ihr Verhältnis zu Herrn Breegen war etwas Neues eingetreten, seitdem sie Herrn Breegen im Wandschrank Maruschas zwischen den Mänteln entdeckt hatte." (143)

"Das Fahrradfahren enthält für mich dies illusionsgesättigte Druchs-Leben-Gleiten in Perfektion." (153)

"Solange der Schmerz so stark ist, daß er das Denken verhindert, dauert unser Rendevous mit der Wirklichkeit."  (154)

"Wie war die Welt doch eingerichtet, wenn die großen Begriffe wie Mann und Frau eigentlich gar nichts besagten, weil es Ausprägungen des Weiblichen gab, die allem widersprachen, was solche Herren, deren gesamte Existenz auf das unablässige Verzehren von Frauenfleisch ausgerichtet war, für Frauen hielten." (177)

"Niemals versäume er, bevor er zu einem Rendevous aufbreche, kurz vorher Hand an sich zu legen und den Überdruck wegzuspritzen - andernfalls gelinge ihm die gnadenlose Ausdauer nicht, so sein Ausdruck, die eine Voraussetzung der bedingungslosen Kapitulation der Frau sei, und um nichts anderes sei es ihm zu tun. Dies alles war sehr ernst, geradezu ein wenig leidend gesprochen, aber etwas Ingenieurshaftes lag auch darin." (178)

"Frau Breegen staunte von neuem, wie er mit solch dicken kurzen Finger derart fein auf ihren Nerven und Muskeln spielen konnte, die sich vor seinem Zugriff vergeblich unter der wäßrigen Fettschicht versteckten. Von außen war gar nichts zu sehen, unstrukturiertes Fleisch, und er setzte mit der Sicherheit des Wünschelrutengängers seinen Daumen auf dies oder jene Stelle und traf de Knubbel, die kleine Verhärtung, als ob er auf einen roten Knopf drückte, und Frau Breegen sagte: <Au>, ein mildes, schnurrendes Au, kein Schmerzenschrei, denn sie wollte ihn ja ermutigen, in der Erforschung ihres Körpers nicht nachzulassen." (183)

"Sie kam zu mir wie ein Vogel, der einen großen Baum in seinem Revier bevorzugt besucht und in seinen Zweigen herumhüpft, aber nicht darin nistet." (215)

"Dämpft man im Dunkeln nicht unwillkürlich die Lautstärke, ist lautes Sprechen im Dunkeln nicht etwas geradezu Widernatürliches? Zur Höhlennacht gehört das Flüstern, als schlafe alles ringsum und dürfe nicht geweckt werden." (217)

"Ivana wurde auf mich aufmerksam. Sie tauchte aus der Gruppenexistenz empor und öffnete das Fenster. Ich sah auf ihr lächelndes Gesicht inab wie auf eine an der Brunnenoberfläche schwimmendes Spiegelbild. Wie gut standen ihr die blinkenden Ohrringe, die vielleicht schon ihre Großmutter getragen hatte, auch die sich zu mir emporreckende Hand, in die ich meinen Schlüssel legte, trug einen rotgoldenen Ring. Ich kam mir vor,  als betrachtete ich sie aus einem eigentlich nicht statthaften Blickwinkel. " (230)

"War Merzingers Schläfrigkeit die Ruhe des Krokodils, das wie ein faulender Baumstamm unbewegt im Uferschlamm liegt, kaum am Blinzeln der gelben Augen erkennbar, so schnell ging es vorüber, konzentriert auf ein unvorhersehbares Zuschnappen? Aber was gab es bei Rotzoff zu zermalmen? Finanziell war er ausgedörrt wie eine Schote Johannisbrot, die blieb dem gierigsten Krokodil zwischen den Zähnen hängen." (238)

"Das stattliche Gehöft der Mestrovics und die drei umliegenden Häuser waren wie mit einer großen Faust ins grüne Kissen des großzügig gefalteten Bergabhanges hineingedrückt. (277)

"Es hatte mich erstaunt, dass man keine Bedenken hatte, die gewichtigen Wagen an dem zum Teil abschüssigen Hang abzustellen. Dicke Felssteine wurden unter die Räder geschoben und hemmten die Talfahrt, aber gab es da nicht doch ein Mißverhältnis zwischen einem solchen Brocken und der hinauf in die Tiefe strebenden Masse? Physikalisch mochte der Stein als Bremse genügen, aber wußte der Wagen, daß er nach den Gesetzen der Physik unbeweglich zu sein hatte? Eine Frage, die in ihrer Verrücktheit schon gezeichnet ist von dem, was ich untätig und unbeweglich mit ansah." (324-325)

"<Die Liebe ist stärker als der Tod>, sagte der Priester, aber zumindest zwei in seiner Gemeinde glaubten ihm nicht: Ivana und ihre Mutter - die Liebe war höchstens für eine Weile ebenso stark wie der Tod, aber zum Schluß war der Tod der Stärkere. (329)

"Dies Gewicht war langsam aufgebaut worden, durch verstohlene Zwischenmahlzeiten, durch Schokoladetafeln im Nachttisch, durch nächtlichen Heißhunger überhaupt, der in der Traumsphäre aufgehoben war und nicht recht ins Tagesbewußtsein drang, ein listiges, die Sättigung überwindendes jahrzehntelanges Mästen, das durch gelegentliche Hungerkuren qualvoll genug und ganz vergeblich unterbrochen wurde. Jetzt, wo die Fettheit unüberbietbar geworden war, mußte gar nicht mehr viel nachgeschoben werden, im Gegenteil." (331)

"Es heißt, Menschen, die am Bettrand sitzen, glichen Schuldigen, die ihre Strafe erwarten. Eben noch hatte sie kaiserinnengleich auf ihrem Kissenberg gelegen, jetzt bot sie den jämmerlichen Anblick von Ratlosigkeit und Verwirrung." (353)

"Noch unangenehmer war ein Versäumnis, das alle planenden Köpfe dieses Abends sich zuschreiben mußten. Keiner hatte daran gedacht, wo die in der schwülen Sommernacht reichlich Erfrischten sich erleichtern sollten." (421)

"<Der Eissschrank! > rief Ivana ins Telephon. An den Eisschrank war gedacht. Er war schwer, drei Männer wuchteten ihn soeben aus dem Haus. Dreihundert Arbeitsstunden hatte der schwere Kasten sie gekostet. Sie trauerte diesen Stunden nicht hinterher. Solange sie sich bewegen konnte, würde sie arbeiten, Verluste waren immer mit einzurechnen, aber dieser Eisschrank war mehr, als er gekostet hatte. Er stand dafür, daß es gut und sinnvoll war, die Heimat zu verlassen. Er vertrat Ivana gleichsam zu Hause, ihre Autorität, ihr Ansehen." (426)

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