Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 1964 (Piper)
(...) das die ganze Rad-Theorie juristisch belanglos ist und es daher ganz belanglos ist und es daher ganz gleichgültig war, in welcher Größenordnung man das Rädchen Eichmann unterbringen wollte. (...);
sofern es aber ein Verbrechen bleibt - und dies ist ja die Voraussetzung für die Gerichtsverhandlung -, werden alle Räder und Rädchen im Getriebe vor Gericht automatisch wieder in Täter, also in Menschen zurückverwandelt. (58)
Soweit ich sehen kann, stehen der Rechtswissenschaft für die Erörterung dieses ganzen Fragenkomplexes nur zwei Kategorien zur Verfügung, die m.E. beide in diesem Zusammenhang ganz unzulänglich sind. Es sind dies die Begriffe des gerichtsfreien Hoheitsaktes und des Handelns auf höherem Befehl.
Die Theorie des Hoheitsaktes stützt sich darauf, dass ein souveräner Staat nicht über einen anderen Staat sitzen kann: par in parem noch habet jurisdictionem (59-60).
(...) sie [Jerusalemer Gericht und Straf- und Militärgesetzbücher zivilisierter Länder, auch Deutschlands!] alle stimmen darüber überein, dass offensichtlich verbrecherische Befehle nicht befolgt werden dürfen. (61)
Moshe Landau, der Vorsitzende des Gerichts, wartet kaum jemals mit seinen Antworten, bis der Übersetzter gefolgt ist; häufig greift er in die Übersetzung ein, stellt richtig und verbessert den Text, (...) (70)
(...) die Spielregeln lassen zu, dass der
+Staatsanwalt während des Prozesses Pressekonferenzen abhält und Fernsehinterviews gibt (...). (72)
Denn der Anklage ging es in diesem Verfahren primär um die Leiden der Juden und nur sekundär um die Taten Eichmanns. (73)
Wie dem auch sein - die Unbekümmertheit, mit der der Ankläger die berüchtigten Nürnberger Gesetze von 1935 anprangerte, in denen Eheschließung und Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Deutschen verboten wurden, verschlug einem einigermaßen den Atem. Die besser unterrichteten Korrespondenten waren sich der Ironie recht gut bewusst, doch sie erwähnten sie in ihren Berichten nicht. Die war offenbar nicht der Moment, den Juden zu sagen, was mit den Gesetzen und Einrichtungen ihre eigenen Landes nicht in Ordnung war. (75)
Aber unter den Zuhörern gab es keine orientalischen Juden und kaum junge Leute, das Publikum bestand auch nicht etwas aus Israelis im Unterschied zu Juden. In dem oft halbleeren Saal saßen die Überlebenden, alte, bestenfalls ältere Menschen, Emigranten aus Europa wie ich selbst, die längst auswendig wussten, was es da zu wissen gab, dies nicht nötig hatten, belehrt zu werden, und die gewiss nicht diesem Prozess brauchten, um ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. (...)
Seine Bemühungen, das Steuer wieder in die Hand zu bekommen, schlugen häufig fehl, woran zum Teil die Verteidigung schuld war, die kaum jemals Einspruch erhob, wenn Aussagen von zeugen nichts oder nur wenig mit Eichmann zu tun hatten - solche irrelevanten Aussagen kann aber der Vorsitzende gemäß der Prozessordnung nur ablehnen, wenn der Verteidiger Einspruch erhebt. (77-78)
[Staatsanwalt immer wieder die gleichen Fragen stellte] Warum habt ihr nicht rebelliert und euch auf sie gestürzt? Das klang alles sehr schön und einleuchtend und war doch grundfalsch. Denn keine nicht-jüdische Gruppe und kein anderes Volk haben sich unter den gleichen Umständen anders Verhalten. (...)
Nicht umsonst, nicht einfach aus Sadismus bestehen die SS-Leute auf diese Unterwerfung. Sie wissen, ein System, das sein Opfer zu zerstören vermag, ehe es aufs Schafott steigt...., ist unvergleichlich besser geeignet als jedes andere, ein ganzes Volk zu versklaven und in der Sklaverei zu halten. (80)
Und für die Liquidierung der jüdischen Einwohner in zwei russischen Städten wurde ein gewisser Josef Lechthaler zu drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. (84)
Was er getan habe, habe er getan, er wolle nichts abstreiten; vielmehr sei er bereit, als abschreckendes Beispiel für alle Antisemiten der Länder dieser Erde sich selbst öffentlich zu erhängen. Dies aber hieße nicht, dass er etwas bereue: Reue ist etwas für kleine Kinder. (97)
(...) Emigration war zur Zeit der Deportation ein blühendes Geschäft geworden: für enorme Summen konnten Juden mitunter ihren Weg nach draußen erkaufen. (98)
Immerhin war ein halbes Dutzend Psychiater zu dem Ergebnis gekommen, er sei normal - normaler jedenfalls, als ich es bin, nachdem ich ihn untersucht habe, soll einer von ihnen gesagt haben; ein anderer fand, dass Eichmanns ganzer psychologischer Habitus, seine Einstellung zu Frau und Kindern, Mutter und Vater, zu Geschwistern und Freunden, nicht nur normal, sondern höchst vorbildlich sei. (99)
Eichmann gab sich die größte Mühe, diesen Punkt zu beweisen: dass er niemals gegen seine Opfer irgendwelche feindseligen Gefühle gehegt, ja, dass er daraus auch nie ein Geheimnis gemacht hätte. (104)
(...) Jiddisch, das ja im Wesentlichen ein alter deutscher Dialekt in hebräischer Schreibweise ist, von jedem Deutschsprechenden verstanden werden kann, der ein paar Dutzend hebräische Wörter gelernt hat. (116)
Wenn Eichmann im Polizeiverhör sagte, dass er seinen eigenen Vater in den Tod geschickt hätte, wenn das verlangt worden wäre, so wollte er damit nicht nur hervorheben, in welch hohem Grade er von Befehlen abhängig und zum Gehorsam bereit war; er wollte auch demonstrieren, was für ein Idealist er immer gewesen war. (...) Der größte Idealist, den er, Eichmann, jemals unter den Juden getroffen hatte, sei Dr. Rudolf Kastner gewesen, mit dem er während der ungarischen Judendeportation verhandelt hatte und übereingekommen war, die illegale Ausreise einiger tausend Juden nach Palästina zu gestatten (die Züge wurden tatsächlich von deutscher Polizei bewacht) als Gegenleistung für Ruhe und Ordnung in den Lagern, aus denen Hunderttausende nach Auschwitz transportiert wurden. Da die wenigen Tausende, die durch diesen Handel gerettet wurden, prominente Juden und Mitglieder der zionistischen Judenbewegung waren, also im Sinne Eichmanns bestes biologisches Material, hatte Dr. Kastner eben die anderen Juden seiner Idee geopfert, wie es sich für einen Idealisten gehört. (117)
Das Parteiprogramm wurde von den Naziführern niemals ernst genommen; es war ihr Stolz, einer Bewegung - im Unterschied zu einer Partei - anzugehören, und eine Bewegung konnte nicht an ein Programm gebunden sein. Schon vor der Machtergreifung waren die 25 Punkte lediglich eine Konzession an das Parteiensystem gewesen und an Wähler, die so altmodisch waren, sich zu erkundigen, was für ein Programm die Partei besaß, der sie beitreten würden. (118)
Es handelte sich also um die Austreibung der Juden aus dem Reich, mit der man in Österreich begann. Sooft Eichman sich an die zwölf besten Jahre seines Lebens erinnerte, hob er hervor, dass dieses Jahr in Wien als Leiter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung aus Österreich seine glücklichste und erfolgreichste Zeit gewesen sei. (...) innerhalb von acht Monaten verließen 45.000 Juden Österreich, während nicht mehr als 19.000 in der gleichen Zeit aus Deutschland weggingen; (119)
Amtssprache ist meine einzige Sprache. Doch die Amtssprache war eben gerade deshalb seine Sprache geworden, weil er von Haus aus unfähig war, einen einzigen Satt zu sagen, der kein Klischee war. (125)
Trotz der Bemühungen des Staatsanwalts konnte jeder sehen, dass dieser Mann kein Ungeheuer war, aber es war in der Tat sehr schwierig, sich des Verdachts zu erwehren, dass man es mit einem Hanswurst zu tun hatte. (132)
In den ersten Jahren entstand ein scheinbar gegenseitig höchst zufriedenstellendes Übereinkommen zwischen den Nazibehörden und der Jewish Agency für Palestine, (...), das es Emigranten, die nach Palästina gingen, ermöglichte, ihr Geld in Form deutscher Waren zu transferieren; was sie in Deutschland eingezahlt hatten, wurde ihnen bei der Ankunft in Pfund zurückgezahlt. (139)
(...) [ein Funktionär aus Palästina] ihn sogar zweimal zum Essen eingeladen hatte, denn bei diesem Besuch war für ihn eine Einladung nach Palästina herausgekommen - die Juden wollten ihm ihr Land zeigen. (141)
Hunderttausende von Juden hatten innerhalb weniger Jahre ihre Heimat verlassen, und Millionen standen auf einer unsichtbaren Warteliste. Denn die Regierungen von Polen und Rumänien hatten in wiederholten offiziellen Verlautbarungen keinen Zweifel dran gelassen, dass auch sie ihre Juden los zu sein wünschten. (147)
(...) der Befehl, durch den alle jüdische Auswanderung verboten wurde, kam erst (...) im Herbst 1941, (...). (148)
(...) Madagaskar Projekt. Der Plan, vier Millionen Juden aus Europa nach der französischen Insel (...) zu evakuieren - einer Insel mit einer eingeborenen Bevölkerung 4 370.000 Menschen (...).
(...) von der polnischen Regierung, die im Jahre 1937 eigens eine Kommission damit beauftragte, zu prüfen, ob man nicht die drei Millionen polnischer Juden nach Madagaskar verfrachten könne (...). (159)
Als das Madagaskar-Projekt ein Jahr später für überholt erklärt wurde, war jedermann (...) auf den nächsten Schritt vorbereitet: da kein Territorium vorhanden war, wohin man evakuieren konnte, blieb als einzige Lösung die Vernichtung. (160)
Abgesehen von den nicht so bedeutenden SS-eigenen Unternehmungen, hatten immerhin so berühmte Firmen wie die IG Farben, die Krupp-Werke und die Siemens-Schuckertwerke in Auschwitz sowie in der Nähe der Lubliner Todeslager Farbrikanlagen gebaut. Die Zusammenarbeit zwischen der SS und den Firmen war ausgezeichnet. (...)
Die Arbeitsbedingungen waren so schlecht, dass die Absicht, durch Arbeit zu töten, klar zu erkennen war; nach Hilberg sind mindestens 25.000 der ungefähr 35.000 Juden, die für eine der IG Farben-Anlagen arbeiteten, gestorben. (163)
(...) [Theresienstadt] war das einzige Getto oder lager, zudem Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes zugelassen wurden (...). (167)
Die vorgeschriebenen Tarnausdrücke für das Morden waren Endlösung, Aussiedlung und Sonderbehandlung. (170)
Die Einzelheiten, die Eichmann mit Höß in regelmäßigen Abständen zu besprechen hatte, drehten sich um die Tötungskapazität des Lagers: wie viele Zugladungen konnte Auschwitz pro Woche absorbieren, und möglicherweise auch um Erweiterungspläne für die Anlagen. (172)
(...) Konzentrationslager Auschwitz in Oberschlesien, das sich über die Fläche von 40 qkm ausdehnte, war keineswegs nur ein Vernichtungslager. Es war ein Riesenunternehmen mit annähernd 100.000 Insassen der verschiedensten Kategorien, unter denen sich Nichtjuden und einfache Zwangsarbeiter befanden, die nicht für das Vergasungsprogramm vorgesehen waren. (176)
Überall waren beim eigentlichen Vernichtungsprozess jüdische Sonderkommandos beschäftigt gewesen, sie hatten strafbare Handlungen begangen, um sich vor einer unmittelbaren Lebensgefahr zu retten, und die Judenräte und Judenältesten hatte kooperiert, weil sie dachten, sie könnte damit schlimmere Folgen verhüten. (178)
Im Nürnberger Aktenmaterial war nicht ein einziger Fall nachzuweisen, bei dem ein SS-Angehöriger wegen Verweigerung eines Erschießungsbefehls selbst erschossen worden wäre. (179)
So hat denn auch die Verteidigung nicht auf höheren Befehl, sondern auf Hoheitsakte plädiert und mit dieser Begründung sogar den Freispruch beantragt. (...)
Hoheitsakte, in der deutschen Justiz bezeichnenderweise als gerichtsfrei oder justizlos definiert, beruhen auf der Ausübung der souveränen Macht des Staates (...) und stehen daher gänzlich außerhalb der Rechtsbereichs, wohingegen Befehle und Verordnungen, theoretisch zumindest, immer noch unter juristischer Kontrolle stehen. (181)
(...) während des Krieges waren die nun auch von Juden gesäuberten Lager bevölkert von Widerstandskämpfern aus dem gesamten besetzten Europa.) Und diese Männer waren zu einem ganz erstaunlich großen Ausmaß ehemalige Anhänger der Nazis und in ihrer Mehrzahl hohe Beamte des Dritten Reichs gewesen. Ihre Opposition hatte sich erst an der Kriegsfrage entzündet, und die unendlichen Gewissenskonflikte, in die sie gerieten, drehten sich nahezu ausschließlich um das Problem des Hochverrats und des Eidbruchs. (187)
Die Mannschaften für die Einsatzgruppen wurden aus der Waffen-SS ausgesucht, einer militärischen Einheit, die sich wohl kaum mehr Verbrechen hat zuschulden kommen lassen als eine beliebige Wehrmachtseinheit, und ihre Kommandeure hatte Heydrich aus der SS-Intelligenz mit besonderer Berücksichtigung promovierter Akademiker ernannt. Man hatte es also mit normalen Menschen zu tun, und das Problem war nicht so sehr, wie man mit ihrem normalen Gewissen fertigwerden könne als wie man sie von den Reaktionen eines gleichsam animalischen Mitleids befreie konnte, das normale Menschen beim Anblick physischer Leiden nahezu unweigerlich befällt. Der von Himmler, der anscheinend besonders anfällig für solche instinktiven Reaktionen war, angewandte Trick war sehr einfach und durchaus wirksam; er bestand darin, dies Mitleid im Entstehen umzukehren und statt auf andere auf sich selbst zu richten. So dass die Mörder, wenn immer sie die Schrecklichkeit ihrer Taten überfiel, sich nicht mehr sagten: Was tue ich bloß!, sondern: Wie muss ich nur leiden bei der Erfüllung meiner schrecklichen Pflichten, wie schwer lastet diese Aufgabe auf meinen Schultern. (195)
Eines der großen Verdienste von Reitlingers Endlösung (1953) ist der absolut schlüssige Nachweis, dass das in den östlichen Gaskammern praktizierte Ausrottungsprogramm auf Hitlers Euthanasieprogramm zurückgeht. (...)
Die ersten Gaskammern wurden 1939 konstruiert, in Erfüllung eines auf den Tag des Kriegsausbruchs datierten Erlasses von Hitler, demzufolge unheilbaren Kranken ... der Gnadentod gewährt werden kann. (197)
(...) die Todeskammern in den Heil- und Pflegeanstalten waren auf die gleiche Weise wie später die Gaskammern in Auschwitz als Dusch- und Baderäume getarnt. (...)
Die Vergasungen im Osten - oder, in der Sprache der Nazis, die humane Methode des Tötens durch Gewährung des Gnadentods - begannen fast am selben Tag, an dem in Deutschland die Vergasungen eingestellt wurden, und zwar wurden nun die Fachleute, die bislang in Deutschland an dem Euthanasieprogramm mitgewirkt hatten, nach Osten geschickt, um die neuen Einrichtungen zur Vernichtung ganzer Völker zu installieren. (198)
(...) gemeinnützige Stiftungen für Anstaltspflege (...), wie die Experten des Gnadentodes die Gasanstalten für die Geisteskranken genannt hatten, wenn sie nicht einfach die Abkürzung Stiftung gebrauchten. (199)
Ganz ohne Zweifel aber wäre es ohne die Mitarbeit der Opfer schwerlich möglich gewesen, dass wenige tausend Menschen, von denen die meisten obendrein in Büros saßen, viele Hunterttausende andere Menschen vernichteteten... Auf dem ganzen Weg in den Tod bekamen die polnischen Juden kaum mehr als eine Handvoll Deutsche zu sehen. (208-209)
Diese Rolle der jüdischen Führer bei der Zerstörung ihre eigenen Volkes ist für Juden zweifellos das dunkelste Kapitel in der ganzen dunklen Geschichte. (...)
In Amsterdam wie in Warschau, in Berlin wie in Budapest konnten sich die Nazis darauf verlassen, dass jüdische Funktionäre Personal- und Vermögenslisten ausfertigen, die Kosten für Deportation und Vernichtung bei den zu Deportierenden aufbringen, frei gewordenen Wohnungen im Auge behalten und Polizeikräfte zur Verfügung stellen würden, um die Juden ergreifen und auf die Züge bringen zu helfen - bis zum bitteren Ende, der Übergabe des jüdischen Gemeindebesitzes zwecks ordnungsgemäßer Konfiskation.(209)
(...) der jüdische Zentralrat ist mit der Vollmacht ausgestattet, über den gesamten geistigen und materiellen Besitz der Juden und über die vorhandenen jüdischen Arbeitskräfte zu verfügen, (210)
Von Polen bis Holland und Frankreich, von Skandinavien bis zum Balkan gab es anerkannte jüdische Führer, und diese Führerschaft hat fast ohne Ausnahme auf die eine oder andere Weise, aus dem einen oder anderen Grund mit den Nazis zusammengearbeitet. (218)
In Wahrheit gab es nur einen Weg, im Dritten Reich zu leben, ohne sich als Nazi zu betätigen, nämlich, überhaupt nicht in Erscheinung zu treten: sich aus dem öffentlichen Leben nach Möglichkeit ganz und gar fernzuhalten, war die einzige Möglichkeit, in die Verbrechen nicht verstrickt zu werden, und dies Nichtteilnehmen war das einzige Kriterium, an dem wir heute Schuld und Schuldlosigkeit des einzelnen messen können, wie Otto Kirchheimer in seinem Buch Politcal Justice (1961) ausgeführt hat. (221)
(...) wenn ich jetzt vergleichen will zwischen dem Leben in einem Konzentrationslager und dem Leben in Theresienstadt, so ist der Unterschied selbstverständlich wie Tag und Nacht gewesen, sage Eichmann ganz richtig (...). (229)
Ungarn war 1941 auf Hitlers Seite in den Krieg eingetreten, aus dem einzigen Grunde, zusätzliches Territorium von seinen Nachbarn, von der Slowakei, Rumänien und Jugoslawien zu gewinnen. Die ungarische Regierung, schon vorher ausgesprochen antisemitisch, begann jetzt, alle staatenlosen Juden aus den neuerworbenen Gebieten zu deportieren. (235)
Das reibungslose Funktionieren und die Schlagkräftigkeit der ungarischen Gendarmerie ist Tatsache; (...): nirgends auf der Welt wurden so viel Menschen in so kurzer Zeitspanne deportiert und umgebracht. In weniger als zwei Monaten verließen 147 Züge mit insgesamt 434.351 Menschen Ungarn in versiegelten Güterwagen, hundert Personen pro Waggon, und die Gaskammern von Auschwitz konnten diese Menge kaum bewältigen. (237)
Für ihre Hilfe bei der Lösung der Judenfrage hatten die Deutschen noch in keinem Land Beteiligung an dem Besitz der Juden verlangt, nur die Kosten für die Deportation und Ausrottung ließen sie sich bezahlen, die sie von Land zu Land sehr verschieden ansetzten. (239)
(...) kein Dokument über den Führerbefehl zur Endlösung ist je gefunden worden; wahrscheinlich hat nie eins existiert (...).
(...) höchst gelehrte juristische Kommentare hierüber verfasst worden, welche sämtliche darlegen, dass des Führers Worte, seine mündlichen Verlautbarungen, das Grundgesetz des Staates waren. (246)
(...) Eid, den die Mitglieder der SS abgelegt hatten, unterschied sich vom soldatischen Eid der Wehrmachtsangehörigen dadurch, das er sie nur auf Hitler vereidigte und überhaupt nicht auf Deutschland. (248)
Und auch darüber, wie die deportierten Juden zu behandeln seien, wie viele sofort umzubringen und wie viel zur Zwangsarbeit übrigzulassen seien, entschied Himmler (...)
(251)
(...) durch sein Büro [Eichmann] lief die endgültige Bestätigung jedes Transports, obgleich nicht er die Entscheidung über den Bestimmungsort hatte. (252)
Am peinlichsten, obwohl leicht vorauszusehen, war, dass der radikale deutsche Antisemitismus volle Würdigung nur bei jenen Völkern im Osten - den Ukrainern, Esten, Letten, Litauern und bis zu einem gewissen Grad den Rumänen - fand, die nach dem Beschluss der Nazis als untermenschliche barbarische Horden zu betrachten waren. In besonders auffälliger Weise ließen es dagegen die skandinavischen Nationen an der gebotenen Judenfeindlichkeit fehlen (...), obwohl sie doch den Nazis zufolge Deutschlands Blutsbrüder waren. (255)
Die vorbereitenden Maßnahmen, die bald als Modell für die anderen europäischen Staaten dienen sollten, liefen in wenigen Monaten an - zuerst die für die polizeiliche Erfassung so wichtige Einführung des Judensterns (am 1. September 1941), dann eine Änderung des Staatsbürgerschaftsgesetzes, derzufolge ein Jude die deutsche Staatsbürgerschaft automatisch beim Überschreiten der deutschen Grenze verlor (das Überschreiten erfolgte natürlich durch Deportation), und schließlich der Erlass vom 25. November 1941, dass aller Besitz deutscher Juden, die ihre Staatsbürgerschaft verloren hatten, vom Reich beschlagnahmt wurde. (258)
[Vichy-Regierung] (...) die aktive Hilfe der französischen Polizei, die alle Aufgaben, die in Deutschland von der Ordnungspolizei erledigt wurden, übernehmen sollten. (264)
Bei den Franzosen löste dieser Antrag [die eigenen Juden in die Deportation mit einzubeziehen] ein vollkommene Wendung in der Judenpolitik aus; ihre eigenen Juden an die Deutschen auszuliefern, das kam nicht in Frage. (266)
Und so weigerten sich die Franzosen jetzt, einen Schritt zu tun, den sie erst kurze Zeit zuvor mit viel Eifer erwogen hatten, nämlich, die seit 1927 bzw. seit 1933 gewährten Einbürgerungen von Juden wieder rückgängig zu machen, womit ungefähr weiter 50.000 Juden zu Deportationskandidaten geworden wären. (266-267)
Zehntausende von staatenlosen Personen gingen untergrund, während weitere Tausende in die italienisch besetzte Zone an der Code d Azur flohen, wo Juden, gleich welcher Herkunft und welcher Nationalität sicher waren. (...)
Im April 1944, zwei Monate vor der Landung der Alliierten in Frankreich, gab es im Land immer noch 250.000 Juden, die allen den Krieg überlebten. Wenn es hart auf hart kam, verfügten die Nazis, wie sich zeigte, weder über genug Personal noch über die entsprechende Willenskraft, um hart zu bleiben. (267)
Bei diesem Mangel an Verständnis von allen Seiten überrascht es nicht, dass nur eine Handvoll belgischer Juden je deportiert worden ist. (268)
Holland war das einzige Land in Europa, in dem Studenten mit Streiks gegen die Entlassung jüdischer Professoren protestiert hatten, und die ersten Deportation von Juden in deutsche Konzentrationslager war mit einer Art Generalstreik beantwortet worden (...). (271)
(...) Finnland (...), war jedoch das einzige Land, das die Nazis in der Judenfrage - über 2.000 Juden lebten in Finnland - nahezu völlig in Frieden ließen. (...)
In Dänemark gab es keine nennenswerte faschistische oder nazistische Bewegung, also auch keine Kollaborateure.
In Norwegen dagegen hatte die Nazis enthusiastische Anhänger (...)
(...) dass jedoch Schweden sofort allen Verfolgten Asyl und sogar oft die schwedische Staatsbürgerschaft anbot, war ernster zu nehmen und gewiss völlig unerwartet. (273)
(...) war das Verhalten des dänischen Volkes uns einer Regierung einzigartig. (...)
Ebenso wie Dänemark zeigten sich auch Schweden, Italien und Bulgarien nahezu immun gegen den Antisemitismus, doch von diesen drei in der deutschen Einflusssphäre befindlichen Nationen wagten es nur die Dänen, den deutschen Herrschern gegenüber den Mund aufzumachen.
Italien und Bulgarien sabotierten die deutschen Vorschriften, (...).
Die Dänen taten das genaue Gegenteil. Als die Deutschen wegen der Einführung des gelben Sterns an sie herantraten, sehr vorsichtig, sagte man ihnen ganz kühl, als erster werde sich der König den Judenstern an heften; die Mitglieder der dänischen Regierung kündigten vorsorglich an, dass antijüdische Maßnahmen ihren sofortigen Rücktritt zur Folge haben würde. (274)
So kam [in Dänemark] keine einzige der für den Verwaltungsmassenmord so unerlässlichen Vorbereitungsmaßnahmen zustande, und alle Aktionen wurden bis zum Herbst 1943 hinausgeschoben. (...)
Im August 143 (...) kündigte die schwedische Regierung das Abkommen von 1940, das deutschen Truppen den Durchmarsch durch Schweden gestattet hatte. (...)
in dänischen Werften brachen Unruhen aus, die Werftarbeiter weigerten sich, deutsche Schiffe zu reparieren, und traten in den Streik. (275)
(...) da man sich für für die notwendige Unterstützung weder auf die Dänen noch auf die Juden, noch auf die in Dänemark stationierte deutschen Truppen verlassen konnte, trafen Polizeieinheiten aus Deutschland ein, um die Stadt von Haus zu Haus nach Juden zu durchsuchen. Ihnen sagte Best [Reichsbevollmächtigter] im letzten Augenblick, mit Gewalt in Wohnungen einzudringen sei verboten, (...) Infolgedessen konnten nur Juden, die ihre Türe freiwillig öffneten, verhaften. Von insgesamt 7800 Juden fanden sie genau 477, die zu Hause waren und sie einließen. (276-277)
(...) alle Kreise des dänischen Volkes, vom König bis zum einfachen Bürger, standen, wie es im Urteil hieß, bereit, sie [die Juden] aufzunehmen. (...)
Die Juden nach Schweden zu bringen schien das Vernünftigste zu sein, und mit Hilfe der dänischen Fischerflotte ist das auch gelungen. Die Überfahrt der mittellosen Juden - der Preis betrug ca. 100 Dollar pro Person - wurde weitgehend von wohlhabenden dänischen Bürgern bezahlt. (277)
(...) hatte die Sabotage der Endlösung durch die Italiener bedenkliche Formen angenommen, hauptsächlich wegen Mussolinis Einfluss auf andere faschistische Regierungen in Europa [Frankreich, Ungarn, Rumänien und Spanien] (...). (280)
Die Humanität der Italiener hielt auch den Prüfungen des Terrors stand, der in den letzten anderthalb Jahren des Krieges über das Volk hereinbrach. (283)
(...) der erste Schlag war gegen die 8000 Juden in Rom geplant, die von deutschen Polizeiregimentern verhaftet werden sollten, da die italienische Polizei nicht zuverlässig war. Sie wurden rechtzeitig gewarnt, oft von alten Faschisten, und 7000 entkamen. (284)
(...) Unterschied zwischen dem Judentum Ost- und Südosteuropas, das zumeist als Minderheit anerkannt war, und den Juden in mittel- und westeuropäischen Nationalstaaten, die seit Generationen assimiliert und emanzipiert waren, (...). (285)
Die Formalitäten für die Deportationen wurden von den Kroaten selbst durchgeführt, vornehmlich von der Ustascha, der starken faschistischen Bewegung des Landes, und für jeden deportieren Juden zahlten die Kroaten den Nazis dreißig Mark. Als Entgelt durften sie das Gesamteigentum der Deportieren beschlagnahmen. (288)
Sehr anders lagen die Dinge im benachbarten SERBIEN, wo die deutsche Wehrmacht fast von ersten Tag der Besetzung an mit Partisanenkämpfen zu tun hatte, (...).
Unter dem Vorwand, es handle sich um die vom Partisanenkrieg aufgezwungenen Hinrichtungen von Geiseln, ermordete die Wehrmacht die männliche jüdische Bevölkerung durch Erschießen; (...) Man schätzt, dass etwa 5000 Juden zu den Partisanen stießen, einen anderen Weg des Entkommens gab es nicht. (289)
Es ist immer wieder das gleiche: Mörder, die nicht in die Nürnberger Prozesse verwickelt waren und auch nicht an die Länder ausgeliefert werden mussten, in denen sie ihre Verbrechen begangen hatten, kamen entweder nie vor Gericht oder begegneten vor deutschen Gerichten denkbar großem Verständnis. (...)
[Bulgarien] Die Bevölkerung von Sofia versuchte nämlich, die Juden auf ihrem Weg zum Bahnhof aufzuhalten, uns als ihr das nicht gelang, demonstrierte eine große Menschenmenge anschließend vor dem königlichen Palast. (...)
Doch weder der Tod des Monarchen noch das Eintreffen Danneckers [Berater Eichmanns] zu Beginn des Jahres 1943 haben die Situation im geringsten geändert, da Parlament wie Bevölkerung eindeutig auf Seiten der Juden blieben. (292)
Mit Armeniern, Griechen und Zigeunern groß geworden, findet der Bulgare an dem Juden keine Nachteile, die besondere Maßnahmen gegen ihn rechtfertigen - was natürlich reiner Unsinn war, da sich das gleiche mutatis mutandis von allen Völkern Ost- und Südosteuropas sagen ließ. (...)
Das Ergebnis war, dass nicht ein einziger bulgarischer Jude deportiert worden oder eines unnatürlichen Todes gestorben war, als im August 1944 beim Heranrücken der Roten Armee die antijüdischen Gesetze annulliert wurden.
Bisher hat meines Wissens noch niemand versucht, die gerade in dieser Gegend ganz und gar einzigartige Haltung Bulgariens zu erklären. (293)
Die griechische Bevölkerung war bestenfalls indifferent, und einige Partisanengruppen billigten sogar die Deportationen. Innerhalb von zwei Monaten traf die ganze Saloniker Gemeinde [zwei Drittel des griechischen Judentums] in Güterzügen mit einer Belegschaft von 2000 bis 2500 Menschen, die fast täglich Saloniki verließen, in Auschwitz ein. (295)
Die unaussprechlichen Greuel eines spontanen Pogroms gigantischen Ausmaßes [in Rumänien] waren sogar für die SS zuviel, ja versetzten sie in einen gewissen Schrecken; sie griffen ein, um die schiere Schlächterei zu stoppen, damit das Morden in der Art und Weise von sich gehen konnte, die sie für zivilisiert hielten.
Es hat in Europa schwerlich ein antisemitischeres Land gegeben als Rumänien, das schon im 19. Jahrhundert für seine infame Behandlung der Juden notorisch war.
Durch das Berliner Abkommen hatte die Großmächte 1878 versucht, Einfluss zu nehmen und die rumänische Regierung zur Anerkennung der jüdischen Einwohner des Landes als Staatsangehörige, uns sei es als Bürger zweiter Klasse, zu bewegen. (296)
Im Februar 1941 trat Rumänien in den Krieg ein, und die rumänische Legion entwickelte von vornherein eine militärische Schlagkraft, die in dem Krieg gegen Russland von Bedeutung war. Allein in Odessa war rumänisches Militär verantwortlich für ein Massaker an 60.000 Menschen. (297)
Deportation im rumänischen Stil bedeutete, dass 500 Menschen in Güterwagen gepfercht und dem Erstickungstod ausgeliefert wurden, während der Zug tagelang ohne Ziel und Plan durch die Gegend fuhr. (...)
Auch die Methoden der rumänischen Konzentrationslager, die errichtet wurden, weil Deportationen noch nicht bewilligt waren, waren auf augeklügeltere und grausamere Weise schrecklich als irgend etwas, was wir aus deutschen Lagern kennen. (298)
Nun entdeckte sie, dass man Juden gegen Devisen ins Ausland verkaufen konnte, und damit wurden die Rumänen zu glühenden Anhängern jüdischer Auswanderung - für 1300 Dollar pro Kopf. (299)
Zu Beginn der dreißiger Jahre war in Ungarn unter dem Einfluss des italienischen Faschismus eine starke faschistische Bewegung entstanden, die sogenannten Pfeilkreuzler, um 1938 waren die Ungarn dem italienischen Beispiel gefolgt und hatten erste antijüdische Gesetze erlassen; (302)
Die Zionisten [in Ungarn] hatten große Bewegungsfreiheit, sie brauchten den gelben Stern nicht zu tragen, sie bekamen Besuchserlaubnis für die Konzentrationslager, und etwas später konnte Dr. Kastner, der ursprüngliche Gründer des Rettungs- und Hilfskomitees, sogar in Nazideutschland herumreisen, ohne dass aus seinen Ausweispapieren hervorging, dass er Jude war. (307)
Als die Züge von Mai 1944 an, in Auschwitz ankamen, wurden sehr wenige arbeitsfähige Männer zum Arbeitseinsatz ausgesucht, und dieses wenigen arbeiteten in der Munitionsfabrik von Krupp in Auschwitz. (Das neu errichtete Berhawerk von Krupp bei Breslau versuchte mit allen Mitteln, jüdische Arbeitskräfte zu bekommen; sie lebten unter den Bedingungen, die, selbst wen sie mit den der Arbeitskolonnen in den Todeslagern vergleicht, aller Beschreibung spotten.) (308)
Während die Russen nur etwa 150 Km von Budapest entfernt standen, gelang es den Nazis, die Horty-Regierung zu stürzen und den Führer der Pfeilkreuzler, Ference Szálsi, zum Staatsoberhaupt zu machen. (310)
Die Slowaken waren schon zu Verhandlungen über ihre Unabhängigkeit nach Berlin gekommen, ehe noch die Deutschen im März 1939 die Tschechoslowakei besetzten, (...) (311)
Der Osten war der zentrale Schauplatz jüdischen Leidens, die grauenvolle Endstation aller Deportationen, der Ort, von dem zu entkommen fast niemals möglich war, wo die die Zahl der Überlebenden fünf Prozent selten überschritt. (...)
über drei Millionen hatten in Polen, 260.000 in den baltischen Staaten und über die Hälfte der schätzungsweise drei Millionen russischer Juden in Weißrussland, der Ukraine und der Krim gelebt. (315)
Die Anklage, außerstande, einen Massenmörder zu verstehen, der keinen Menschen getötet hatte und in diesem Fall wohl nicht einmal die Courage dazu besaß, suchte immer wieder, wenigstens einen konkreten Mord oder Totschlag nachzuweisen. Vergeblich. (326)
In Nürnberg wie in Jerusalem litt die Verteidigung erheblich darunter, dass sie über keinen Stab von ausgebildeten Hilfsarbeitern verfügte, welche die Massen von Dokumenten hätten durchgehen und heraussuche können, was für den jeweiligen Fall als Entlastung in Frage kam. Selbst heute, nahezu 20 Jahre nach dem Kriege, kennen wir aus dem ungeheuren Aktenmaterial des Naziregimes kau mehr, als was zu Zwecken der Strafverfolgung aussortiert und veröffentlicht worden ist. (333)
Es gehört zu den Raffinements der totalitären Staatskonstruktion unseres Jahrhunderts, das sie ihren Gegnern keine Gelegenheit geben, für ihre Überzeugungen einen großen dramatischen Märtyrertod zu sterben. Den hätte vielleicht mancher von uns auf sich genommen. Der totalitäre Staat lässt seine Gegner in einer stummen Anonymität verschwinden. Es ist gewiss, dass jeder, der es gewagt hätte, lieber den Tod zu erleiden als schweigend Verbrechen zu dulden, nutzlos sein Leben geopfert hätte. Damit will ich nicht sagen, das ein solches Opfer moralisch sinnlos gewesen wäre. Niemand von uns hatte eine Überzeugung, deren Wurzeln tief genug gingen, ein praktisch sinnloses Opfer um eines höheren moralischen Sinnes willen auf sich zu nehmen. [Peter Bamm, Die unsichtbare Flagge, 1952] (346)
Denn die Lehre solcher Geschichten ist einfach, ein jeder kann sie verstehen. Sie lautet, politisch gesprochen, dass unter den Bedingungen des Terrors die meisten Leute sich fügen, einige aber nicht. So wie die Lehre, die man aus den Ländern im Umkreis der Endlösung ziehen kann, lautet, dass es in der Tat in den meisten Ländern geschehen konnte, aber dass es nicht überall geschehen ist. Menschlich gesprochen ist mehr nicht vonnöten und kann vernünftigerweise mehr nicht verlangt werden, damit dieser Planet ein Ort bleibt, wo Menschen wohnen können. (347)
Wie dem auch sei, das Rätsel ist nicht, wie es möglich war, Eichmanns Schlupfwinkel zu finden, sondern im Gegenteil, wie in aller Welt es möglich war, ihn nicht eher zu finden - vorausgesetzt natürlich, dass man ihn wirklich all die Jahre hindurch gesucht hat. Was angesichts der Tatsachen zweifelhaft erscheint. (353)
An Haltung hat es ihm nicht gefehlt. (...) Davon geben die letzten Worte unter dem Galgen, die er offenbar lange vorbereitet hatte, ein überzeugendes Zeugnis. Sie sind von einer makabren Komik: In einem kurzen Weilchen meine Herren, sehen wir uns ohnehin alle wieder. Das ist das Los aller Menschen. Gottgläubig war ich im Leben. Gottgläubig sterbe ich. (...)
In diesen letzten Minuten war es, als zöge Eichmann selbst das Fazit der lagen Lektion in Sachen menschlicher Verruchtheit, der wir beigewohnt hatten - das Fazit von der furchtbaren Banalität des Bösen, vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert. (371)
Aber auch das englisch-amerikanische Flächenbombardement offener Städte und vor allem der amerikanische Abwurf von Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki konstituierten eindeutig den Tatbestand von Kriegsverbrechen im Sinn der Haager Konvention. (375)
Gewiss, dass die von den Alliierten begangenen Verletzungen der Haager Konvention niemals auch nur zur Sprache kamen, lag ganz offensichtlich daran, dass das Internationale Militärtribunal nur dem Namen nach international war, dass es in Wirklichkeit der Gerichtshof der Sieger war; (376)
Das beunruhigende an der Person Eichmanns war doch gerade, dass er war wie viele und dass diese vielen weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren und sind. (400)