Gerd Schultze-Rhonhof: 1939 - Der Krieg der viele Väter hatte

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Der lange Anlauf zum Zweiten Weltkrieg; Rottenburg 2018 (Kopp Verlag)

Zum Urteilstext des Nürnberger Hauptprozesses von 1946 gehört als integraler Teil eine genau 200 Seiten lange Darstellung der deutschen Vorkriegs- und Kriegsgeschichte aus der Sicht der Sowjets, der Amerikaner, der Briten und Franzosen. (17-18)

(...) Bundespräsident a.D. Dr. Köhler [2004]: Die Geschichte wird nicht umgeschrieben, und der fast sinngleiche Ausdruck der Frau Bundeskanzlerin Merkel: Es wird keine Umdeutung der Geschichte durch Deutschland geben [2007], womit die hohe Politik bekundet, wo sie die Grenzen der wissenschaftlichen Freiheit der deutschsprachigen Historiker gezogen haben will. (20)

Portugals Welt- und Kolonialreich zum Beispiel wird im Jahre 1580 mit Spanien in Personalunion verbunden, das Portugal damit als erste Macht Europas ablöst. Schon 1577 beginnt England, Spaniens Handelswege anzugreifen. 1588 verliert Spanien seine just erkämpfte Vormachtrolle im Seekrieg gegen England durch den Untergang der Flotte. Nun steigt England auf und übernimmt als Großbritannien für dreieinhalb Jahrhunderte die Vormachtstellung auf dem Globus. (...)
Danach wird Großbritannien nur noch einmal ernsthaft herausgefordert, als Frankreich unter Napoleon I, den Versuch wagt, England als erste Seemacht abzulösen. Großbritannien wacht konsequent darüber, dass keine macht auf dem nahen Kontinent und im Umfeld der eigenen Kolonien so weit erstarkt, dass sie zum Rivalen werden könnte. Das Mittel dazu ist, bei Auseinandersetzungen Dritter auf dem Festland stets zugunsten der schwächeren Staaten einzugreifen und gegen den Aufsteiger Krieg zu führen. Diese Politik der balance of power sicher den Bestand des britischen Imperiums bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. (24)

Eine der Ursachen für den Ausbruch der zwei Weltkriege von 1914 und 1939 liegt in Deutschlands Wirtschaftsaufstieg nach 1871. (...) Mir der deutschen Einigung von 1871 entsteht ein Wirtschaftsraum von erheblicher Dynamik. (...)
An Stahl erzeugt Deutschland 1907 bereits doppelt so viel, wie man in England produziert. (25)

1890 waren die deutsch-russischen Abkommen von 1873, 1884 und 1887 ausgelaufen. Die deutsche Reichsregierung unterlässt es mit Rücksicht auf den Bündnispartner Österreich, die Rückversicherungsverträge gegenüber Russland zu erneuern. (...)
So steht Deutschland 1905 ohne eine Sicherung gegenüber dem großen Nachbarn Russland da. (27)

1909 treffen sich Regierungsvertreter aller großen Seemächte auf englisches Betreiben in London, um über Regeln für den Seekrieg zu verhandeln. (...) wird vereinbart, dass kriegsführende Mächte auf den Meeren weder den handel der neutralen untereinander noch die Zufuhr von Nahrungsmitteln und Wirtschaftsgüter für die Zivilbevölkerung der Feindstaaten unterbinden dürfen, wenn diese über neutrale Schiffe über neutrale Häfen abgewickelt wird. (...) Deutschland unterzeichnet und ratifiziert die Seekriegsrechtserklärung und erkennt sie zu Beginn des Ersten Weltkriegs noch einmal ausdrücklich an. (...)
Jedoch das Oberhaus in England lehnt das Vertragswerk ab und ratifiziert es nicht
, (...). (28)

Die deutsche Flotte besteht 1898 (...) schließlich nur aus neun Schlachtschiffen und Kreuzern erster Klasse. Die britische im Vergleich dazu aus 72. (29)

Die britische Regierung versucht mehrmals zwischen 1898 und 1901, die deutsche auf dem Verhandlungswege vom Kriegsschiffbauen abzubringen. Deutschland fordert als Gegenleistung ein britisch-deutsches Bündnis, das England nicht bereit ist einzugehen. (...)
Deutschland (...) habe Großbritannien mit seinem Flottenbau zu diesem Krieg herausgefordert. Hier folgen deutsche Historiker den Argumenten der Sieger von 1918. (32)

Wenn Deutschland Großbritannien auf den Meeren hätte gefährlich werden wollen, hätte es eine Atlantikflotte von der Größe der Royal Navy bauen und Häfen an der Antlantikküste haben müssen. Die haben weder Kaiser Wilhelm II. noch die Reichsregierung, noch von Tirpitz jemals angestrebt. Die Risiko-Flotte ist für die Seeschlacht in der Nordsee konzipiert und nicht für einen Krieg um Englands Kolonialreich. (...) So findet Deutschlands Flottenbau im Rahmen eines internationalen Rüstungswettlaufs statt. (...) 1914 stehen Deutschlands 45 Schlachtschiffe 150 Schiffen in den Flotten Russlands, Englands und Frankreich gegenüber. Zu keinem Zeitpunkt vor dem Ersten Weltkrieg gewinnt die deutsche Kriegsmarine eine Stärke, die England ernstlich hätte fürchten müssen. (33)

Fest steht auch, dass es in Deutschland vor dem Kriege weder Plan noch Absicht gibt, einen Krieg um was auch immer gegen Großbritannien zu beginnen. (34)

Mit der Ermordung MacKinleys 1901 und dem Wechsel zu Theodore Roosevelt im Präsidentenamt setzt in den USA ein neues Denken ein. Roosevelt und sein Nachfolger Wilson sind deutlich anglophil. (37)

Im Ersten Weltkrieg unter Wilson rückt die USA an Stelle Englands zur ersten Seemacht auf, ersetzt der Dollar das Pfund Sterling als Leitwährung und wird der Finanzplatz London durch die Wallstreet abgelöst. Dieser Siegeszug der USA setzt sich dann im Zweiten Weltkrieg fort. (...)
Preußen und das Kurfürstentum Hannover sind über lange Zeit die traditionellen Verbündeten des britischen Imperiums gewesen. (...) Das ändert sich nach 1871 (...). (38)

So ist Deutschland - nur weil vereint - schon zur Gefahr geworden und zwar gleich für ganz Europa. (39)

Langsam gewinnt dementsprechend nun das Kelten-Erbe Englands an historischer Beachtung und die germanische Gemeinsamkeit verblasst. (40)

[Gespräch zwischen ehemaligen US-Diplomaten Henry White und dem Führer der Konservativen Partei Englands Lord Balfour 1910]
Balfour: Wir sind wahrscheinlich töricht, das wir keinen Grund finden, um Deutschland den Krieg zu erklären, ehe es zu viele Schiffe baut und uns unseren Handel wegnimmt. (...) Das würde bedeuten, dass wir unseren Lebensstandard senken müssten. Vielleicht wäre ein Krieg einfacher für uns. (43)

Englands klare Position an Frankreichs Seite zeigt sich 1904-06 und 1911 in den sogenannten zwei Marokkokrisen. In beiden geht es darum, das Paris versucht, seinen Einfluss auf Marokko auszudehnen, und dass es dabei den Vertrag von Madrid von 1880 bricht, in dem die Souveränität des Sultans von Marokko einerseits, die Schutzrechte der europäischen Mächte in Marokko andererseits und auch deutsch Handelskonzessionen festgeschrieben worden waren. (...)
Rom und Paris hatten zwei Jahre vorher schon vereinbart, dass die Franzosen ihre Einflusssphäre im geeigneten Augenblick auf Marokko ausdehnen dürften, und die Italiener ihre dafür im heutigen Libyen. (...) Kurzum, England, Frankreich, Italien und Spanien hatten den Vertrag von Madrid bereits gebrochen und Nordafrika unter sich verteilt, als die deutsche Reichsregierung 1904 noch glaubte, ihre Wirtschaftsrechte in Marokko und die verbrieften Hoheitsrechte des Sultans durch einen Einspruch erhalten zu können. (44-45)

Zehn Jahre bevor die Briten Kuwait für sich entdecken - nämlich 1889-, beginnen deutsche Unternehmer und Bankiers ein wirtschaftliches Großprojekt in gleicher Richtung, den Bau der Eisenbahn von Istanbul nach Ankara. Die deutsch-türkische Zusammenarbeit trägt Früchte, und 1890 schließen die deutsche und osmanische Regierung einen Freundschaffts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag, (...).
Als 1903 der Bau der Bagdadbahn beginnt, sitzen die Briten schon zwei Jahre mit Militär und Ölfachleuten in Kuwait, nur 100 Kilometer südlich von Basra, wohin die deutsche Bahn nach Fertigstellung führen soll. (47)

1912 überschreibt die türkische Regierung der Deutschen Bank die Konzessionen für alle Erdöl- und Mineralvorkommen 20 Kilometer beiderseits der Bahn bis Mossul als Kompensation für ihre Kosten beim Bau der Eisenbahn.

[Professor Laffan, englischer Historiker 1917] Würde die Bahn Berlin-Bagdad fertiggestellt, wäre eine riesige Landmasse unter deutscher Herrschaft vereinigt worden, in der jeder erdenkliche wirtschaftliche Reichtum hergestellt werden könnte, die aber für eine Seemacht unangreifbar wäre... (49)

So zieht sich ein roter Faden von der Bagdadbahn zum Ersten Weltkrieg. Am 2. Juni 1914, genau drei Monate vor Kriegsbeginn ist die Bahn bis Bagdad fertig. (50)

Schon 1552 beginnen die Könige von Frankreich, ihr Staatsgebiet nach Osten zum Rhein hin auszudehnen. (...)
Das Herzogtum Lothringen, seit jeher zwischen Deutschland, Frankreich und der Selbständigkeit hin- und hergerissen, wird 1733 im Polnischen Erbfolgekrieg von Frankreich erobert und gelangt fünf Jahre später 1738 in einem legalen Ländertausch zwischen Polen, Habsburg und der Toskana endgültig an Frankreich. Auch hier störte die deutsche Muttersprache von drei Viertel der lothringischen Bevölkerung die Könige von Frankreich nicht. (...)
1870 versucht Frankreich ein weiteres Mal, sich das Großherzogtum Luxemburg (unter holländischer Krone), die Pfalz (heute weitgehend Rheinland-Pfalz) und das Saarland anzugliedern und seine Grenzen nach Osten vorzuschieben. Es verursacht, erklärt, beginnt und verliert den Krieg mit Deutschland und muss dafür mit der Abtretung Elsaß-Lothringen bezahlen. (51)

Das Rennen um die Kolonien ist um die Jahrhundertwende 1900 weltweit noch immer voll zu Gange. (...) Das Streben der deutschen Politik und Wirtschaft, an diesem Rennen teilzuhaben ist also nichts Anderes als zeitgemäß. (55)

Auch für Japan und Italien ist der Wunsch nach neuen Kolonien ein Grund, am Ersten Weltkrieg teilzunehmen. (...) 1915 versuchen England, Frankreich und Russland das bis dahin mit Österreich und Deutschland verbündete Italien zum Seitenwechsel zu bewegen. Sie bieten neben Südtirol. und anderen Gebieten die Vergrößerung des italienischen Kolonialbesitzes für den Fall an, dass die deutschen Kolonien nach dem Krieg an England oder Frankreich fallen sollten. Die Italiener lassen sich den versprochenen Kriegsgewinn im Vertrag von London schriftlich garantieren und treten im Mai 1919 gegen Deutschland-Österreich-Ungarn in den Krieg an. (56)

Der lange Anlauf zum russisch-deutschen Kriegsausbruch von 1914 beginnt viele Jahr vorher auf dem Balkan. Seit 1875 zerfällt Stück um Stück der Vielvölkerstaat der türkischen Osmanen. (...) Mit ihrer generellen Unterstützung Österreichs in allen Balkankrisen verprellt die Reichsregierung dennoch Russen und Franzosen. (57)

1913 lässt der Generalstabschef Moltke der Jüngere die jährliche Überarbeitung der Aufmarschpläne in Richtung Russland einstellen, weil er sie nicht für dringlich hält. Ein Zeichen dafür, dass Deutschland gegenüber Russland keine aggressiven Pläne hegt. (58)

Die Habsburger Regierung hat dem eigenen Staatsgebiet die zwei ehemals osmanischen Provinzen Herzegowina und Bosnien 1908 förmlich angegliedert und sie den Osmanen 1909 mit Kaufvertrag bezahlt. Beide Landesteile waren auf internationalen Beschluss ohnehin seit 30 Jahr von Österreich-Ungarn fremdverwaltet. Mit dieser Landerwerbung ist Serbien die gewünschte Expansion in Richtung Adria verbaut. (64)

(...) Konstellation bis zum Kriegseintritt der USA im Jahre 1917. Es kämpfen Österreich-Ungarn, Deutschland und die Türkei gegen Großbritannien, Frankreich, Russland, Japan und Italien. Die Balkanländer schlagen sich teil zur einen, teils zur anderen Seite. (66)

Marinestaatssekretär Churchill und der Erste Seelord Prinz von Battenberg ordnen für die Zeit vom 15. bis 25 Juli [1914] eine Mobilmachung der Flotte an. Das heißt, die Royal Navy wird schon kriegsbereit gemach, ehe der Funke auf dem Balkan überschlägt. Am Ende jener Übung wird nicht demobilisiert. (...) England, fernab und nicht bedroht, bereitet seinen Teil am Kriege gegen Deutschland vor, noch ehe Habsburg mit seinem Ultimatum an Serbien Öl ins Feuer gießt, und noch ehe das Deutsche Reich mobil macht oder irgend jemand einen Krieg erklärt. (67)

Trotz aller deutschen und englischen Bemühungen erklärt Habsburg am 28. Juli 1914 den Krieg an Serbien. (69)

Der Befehl zur Kriegseröffnung gegen das noch immer abwartende Deutschland ist in Sankt Petersburg ohne jeden Zweifel schon viele Stunden vor der deutschen Kriegserklärung erlassen worden. Damit hat Russland mit dem Krieg begonnen, und Deutschland hat ihn zuerst erklärt. In Versailles, vier Jahre später, werden die deutschen Kriegserklärungen als wesentlicher Teil der deutschen Alleinkriegsschuld gewertet. (70)

Großbritannien bricht im Ersten Weltkrieg selbst mehrfach die Neutralität von anderen Staaten. 1914 besetzt es entgegen der ausdrücklich erklärten Neutralität Persiens den Süden und später auch den Norden dieses Landes, hinterlässt dort 1917 ein grauenhafte Hungerkatastrophe und annektiert zum Schluss auch noch entschädigungslos die dortigen Erdölquellen.
Und 1915 bricht England im Verein mit Frankreich die nachdrücklich erklärte Neutralität der Griechen, (...) und zwingt Griechenland 1917 zu einer Kriegserklärung an das Deutsche Reich. Englands zur Schau gestellte moralische Empörung über Deutschlands Missachtung der belgischen Neutralität im Ersten Weltkrieg ist pure Heuchelei. (74)

Sie [USA 1914] marschieren (...) ohne Kriegserklärung im neutralen Mexiko ein. Sie tun dasselbe 1916 ein zweites Mal. (75)

Schon am 3. November 1914 erklärt England die ganze Nordsee und die Gewässer zwischen Island und Norwegen zum Kriegsgebiet (...). England unterbindet den freien Zugang der neutralen Schiffe zu den neutralen Häfen in Europa. Das Deutsche Reich wird damit von der Nahrungsmittel- und Wirtschaftsgüterzufuhr aus neutralen Ländern auf dem Seeweg abgeschnitten. (79)

Am 7. Mai 1915 kommen 128 US-Bürger bei der Versenkung des englischen Dampfers Lusitania vor der Südküste Irlands ums Leben, als das Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert wird. Die Lusitania ist sowohl Passagierschiff als auch Hilfskreuzer, sie transportiert sowohl Passagiere als auch große Mengen Munition und Kriegsmaterial für die britische Armee. (80)

So nutzen die Regierungen in Berlin und Wien die Eroberung Rumäniens durch deutsche und österreichisch-ungarische Truppe als eine (...) günstige Gelegenheit, den Gegnermächten Russland, Großbritannien und Frankreich im Dezember 1916 einen Frieden anzubieten. (81)

Englands Staatsausgaben haben sich seit Kriegsbeginn verzehnfacht, uns sie sind zu großen Teilen über Schulden im Ausland finanziert, namentlich beim Bankhaus J. P. Morgan in New York. J. P. Morgan hat das Monopol für alle Kriegskredite an England und die Finanzierung aller Lebensmittel- und Munitionslieferungen dorthin inne. Bei einem Frieden ohne eigenen Sieg oder ohne eine deutsche Kriegskostenerstattung wären England und viele seiner Gläubiger bankrott. So brauchen die Briten einen Sieg und Deutschland als zahlenden Verlierer. Sie müssen weiterkämpfen. (82)

England und Frankreich haben ihre Kriegskosten nach Verbrauch der eigenen Staatsfinanzen komplett durch amerikanische Banken finanzieren lassen. (83)

Bis zum Oktober 1918 sind es 30 US-Divisionen, die nach Europa kommen und hier den Krieg entscheiden. (84)

(...) Propaganda von dem blutrünstigen Hunnen (...). Nippfiguren mit Kindern, die abgehackte Arme von sich strecken, Postkarten mit deutschen Soldaten, die Bajonette in Babyleiber stoßen. Berichte über Vergewaltigungen von Nonnen und dergleichen bringen Briten, Franzosen und US-Amerikaner in Wallung gegen die deutschen Hunnen und Teutonen. (85)

So sind die Menschen in den USA und später die amerikanischen Soldaten von einem Deutschlandbild beeinflusst, das bis in den Zweiten Weltkrieg nachwirkt. (...)
Was der Durchschnittsamerikaner (...) alledings nicht weiß und 1917 auch nicht wissen kann, ist, dass die Demokratie im eigenen Land noch nicht so weit entwickelt ist wie zu jener Zeit im Deutschen Reich. Die demokratischen USA führen das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht mit der Voting rights act erst 1965 ein. Im (...) Deutschen Reich gibt es das bereits seit 1871. (87)

Um den Ausmaß ihrer Forderungen den Anschein von Berechtigung zu geben, versteigen sich die Sieger dazu, Deutschland uns seinen Kriegsverbündeten die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg zuzuschreiben. Der Vertrag verlangt von Deutschland eine große Zahl von Land- und Bevölkerungsabtretungen: Elsaß-Lothringen an Frankreich, die Provinzen Posen, und fast ganz Westpreußen sowie das oberschlesische Industriegebiet an Polen, das Memelland an den Völkerbund, (...), Nordschleswig an Dänemark, (...), und Danzig mit Umland als Freistaat unter die Hoheit des Völkerbundes.
Der Vertrag stellt das Saargebiet für 15 Jahre unter Frankreichs Herrschaft und überführt die dortigen Bergwerke in französisches Eigentum. (...)
Er legt Besatzungsgebiete auf dem deutschen Territorium links des Rheins fest, in denen in drei Zonen für 5 beziehungsweise 10 und 15 Jahre belgische und französische Truppen stationiert werden sollen. (...)
Das Deutsche Reich muss den größten Teil der Handelsflotte und der Goldreserven an die Sieger aushändigen, dazu einen Großteil der jährlichen Erz- und Kohleförderung, der Kalk, Zement- und Benzinproduktion, Unmengen von Nutzvieh und Landwirtschaftsmaschinen, 150.000 Eisenbahnwaggons und viele tausend Lokomotiven und Lastkraftwagen. Das gesamte deutsche private Auslandsvermögen und unzählige Industriepatente werden konfisziert. (94)

Doch die Macht der Sieger zwingt zur Unterschrift. England droht, (...). die Blockade der deutschen Häfen für die Einfuhr von Nahrungsmitteln und Rohstoffen nach Deutschland und nach Österreich-Ungarn wieder aufzunehmen. Trotz des im November geschlossenen Waffenstillstands hatte England seine Seeblockade aus dem Kriege bis Mitte Mai 1919 aufrecht erhalten und damit den Waffenstillstand bis dahin permanent gebrochen. (...) Dadurch beklagen Deutschland und Restösterreich bereits bis zum März 1919 fast eine Million Hungertote. (...)
In dieser ausweglosen Lage unterzeichnet die Deutsche Delegation in Versailles unter Zwang am 28. Juni 1919 den Vertrag. (96)

Solches war bei den großen Friedensschlüssen nach den napoleonischen Kriegen und (...) nach dem Krieg von 1870-71 nicht mehr üblich und nicht praktiziert worden. Es stellt einen Rückfall in die Zeiten dar, in denen nur die Eigeninteressen der Stärkeren und nicht der Ausgleich zwischen den zerstrittenen Parteien die Norm der Friedensschlüsse war. (97)

Insgesamt treten zwölf Mitglieder der amerikanischen Delegation aus Protest gegen die Vertragsbedingungen zurück. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika verweigern dem Diktat konsequenter Weise ihre Unterschrift und schließen 1921 einen eigenen Friedensvertrag mit Deutschland. (99)

Die Bevölkerung im Ruhrgebiet zum Beispiel, die auf der Kohle lebt, muss in Winterzeiten frieren. Die Kohle, kaum dass sie gefördert ist, wird sofort nach Frankreich abtransportiert. (...)
Die Höhe der Geldzahlungen wird erst 1921 festgelegt. Am 3. März fordern die Sieger auf einer Konferenz in London von Deutschland zunächst 269 Milliarden Goldmark in 42 Jahresraten, die jährlich bis 1963 zu entrichten sind. Die Forderung ist ein einer Frist von nur vier Tagen anzunehmen. (102)

Sie [die Sieger] besetzen daraufhin - trotz geschlossenen Friedens von Versailles - am 8. März 1921 die Städte Duisburg, Düsseldorf und Ruhrort und drohen, die Hungerblockade von 1919 wieder aufzunehmen und auch das Ruhrgebiet mit Truppen zu besetzten. So muss die Reichsregierung akzeptieren. (...)
Ab 1923 herrscht Inflation in Deutschland. Das Land kann seine Reparation in Geld nicht mehr bezahlen, auch die Steinkohlelieferungen nach Frankreich geraten in Verzug. Da ordnet Frankreichs Ministerpräsident Poincaré an, ab dem 11. Januar 1923 das Ruhrgebiet ein zweites Mal mit Truppen zu besetzen und die gesamte Bergbauförderung für Frankreich zu beschlagnahmen. Belgien nimmt mit Truppen an der Ruhrbesetzung teil (103)

Die zwei Ruhrbesetzungen von 1921 und 1923 führen der deutschen Bevölkerung vor Augen, was ein entmilitarisiertes Rheinland an den Grenzen zu Frankreich und Belgien bedeutet. (...)
Dafür räumen die Franzosen und die Belgier 1925 das besetzte Ruhrgebiet. (...)
Am 24. Oktober 1929 stürzen an der Wall Street in New York erst die Börsenkurse ab, dann folgt eine schwere Wirtschaftskrise in den USA. (...)
Die Zahl der Insolvenzen und Firmenzusammenbrüchen 1930 und 1931 [in Deutschland] steigt in großen Sprüngen und mit ihr die Zahl der Menschen ohne Arbeit. Zum Jahreswechsel 1931-32 übersteigt die Zahl der Arbeitslosen die Marke von sechs Millionen Menschen. (104-105)

Das Deutsche Reich verhandelt von nun an alljährlich bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich um einen Aufschub der Verpflichtungen.
1953, nach dem zweiten Weltkrieg, wird der Faden der Reparationen für den Ersten Weltkrieg wieder aufgenommen. (...) Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten Nachkriegsstaaten 1990 wird der Rest geregelt. (...) So hat sich die Bundesrepublik verpflichten müssen, die Restschulden aus den Reparationen für den Ersten Weltkrieg und die Zinsen dafür bis zum Jahr 2010 in Raten zu bezahlen. (105)

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika hat man am Ersten Weltkrieg mit den Waffen- und Munitionslieferungen an England und Frankreich, mit den Kriegskrediten an die beiden Länder und mit den Leihgeschäften für die deutschen Reparationen gut verdient. (...)
Im letzten Kriegsjahr hatte Wilson eine Friedenskonferenz gefordert, auf der Siege rund Besiegte als Gleichberechtigte verhandeln sollten. Und er hatte ein Forum aller Völker zur Bewahrung einer gerechteren Welt unter gleichem Recht für alle vorgeschlagen, den Völkerbund. (106)

So helfen sich die Polen selbst und erobern und annektieren zwischen 1920 und 1938 Gebiete jenseits der ihnen zugestandenen Grenzen in Litauen, Russland, Deutschland und in der Tschechoslowakei.
Ein weiteres Ergebnis der Pariser Vorortverträge ist das Entstehen dreier neuer Vielvölkerstaaten in Europa. In Polen, in Jugoslawien und in der Tschechoslowakei (...)
So beginnen schwere Zeiten für die neuen Minderheiten von Ukrainern, Weißrussen, Litauen, Juden, Österreichern, Ungarn, Albanern, Mazedoniern, Montenegrinern, Kroaten, Slowenen, Ruthenen und Slowaken. Die Selbständigkeitsbestrebungen der vielen Minderheiten in der Tschechoslowakei und in Polen bilden den leicht entflammbaren Untergrund, auf dem diese zwei Vielvölkerstaaten 1939 niederbrennen. (107)

Die Ausgliederung von sieben Millionen Menschen aus dem Deutschen Reich und die Grenzen neuer Staaten trennen Millionen von Familien auf unbestimmte Dauer. (108)

Der Versailler Vertrag vergiftet die politische Kultur in Deutschland, er zerbricht die im vergangen Jahrhundert langsam zivilisiert gewordenen internationalen Gepflogenheiten, mit Besiegten umzugehen. Er schafft in ganz Europa Gründe für viele neue Kriege. (109)

Das neue Polen übernimmt die Herrschaft über zwei Millionen Deutsch-Böhmen, die sich seit Anfange des Jahrhunderts Sudetendeutsche nennen. (115)

Als Kompromiss der drei großen Siegermächte wird das Saarland zunächst für 15 Jahre unter die Verwaltung des Völkerbundes gestellt. Dann erst soll nach einer Volksabstimmung entschieden werden, ob es auf Dauer französisch, selbständig oder wieder deutsch wird. (116)

Die deutsche Beamtenschaft wir zum größten Teil ausgewiesen und durch französische ersetzt. Das gleiche passiert mit den deutschen Firmenleitungen in der Industrie und im Bergbau an der Saar. Doch 1935 sind die 15 Jahre Saarstatut zu Ende, und Frankreich muss die 1920 in Versailles festgelegte Volksabstimmung dulden. So ist die Tatsache der Volksabstimmung an der Saar kein Verdienst des Kanzlers Hitler. (...)
Am 13. Januar 1935 wird unter der Aufsicht des Völkerbundes gewählt. 90,8% der Saarländer votieren für den Anschluss an das Deutsche Reich, 8,8 % für die Selbständigkeit der Saar, und 0,4 % für den Anschluss an Frankreich. (...)
Für Hitler wird der erste Anschluss nach der Niederlage von 1918 zugleich ein Plebiszit für die "Bewegung". (117)

Mit dem Vertrag von Versailles war Deutschland auferlegt, das Rheinland mit der Pfalz links des Rheins und eine 50 Kilometer tiefe Zone rechts des Rheins von der Schweiz bis zu den Niederlanden von eigenen Truppen und Befestigungen freizuhalten. (119)

Für Hitler ist der Sowjetisch-Französische Vertrag ein Rückschlag in den Bemühen, Deutschland nach außen abzusichern. (122)

Am 7. März 1936 lässt Hitler 19 Wehrmachtsbataillone in die entmilitarisierte Zone einmarschieren. (...) Hitler begleitet diesen Schritt mit einem Angebot an Frankreich. Er regt an, die deutschen und französischen Streitkräfte bei gemeinsamen Höchstzahlen zu begrenzen und einen Nichtangriffspakt von 25 Jahren Dauer abzuschließen. (123)

Nach sieben Tagen der Beratung erklärt der Völkerbund, dass Deutschland den Artikel 43 der Versailler Vertrags verletzt hat. Doch er verlangt weder den Rückzug der ins Rheinland einmarschierten deutschen Truppen noch Sanktionen. (...) Adolf Hitler hat mit seinem Rheinland-Schachzug gegen allen Rat der Diplomaten und Generale Recht behalten. (125)

Die vergeblichen Versuche der Parlamente von 1919, beide Länder [Deutschland, Österreich] nach fast einem Jahrtausend gemeinsamer Geschichte und 54 Jahren Trennung wieder zu einem Staate zu vereinigen, haben weniger Spuren in der Geschichtsschreibung hinterlassen, als der von beiden Ländern 1938 mit Erfolg vollzogene Anschluss.
Die staatliche Gemeinschaft der deutschen Länder einschließlich derer, die später den Staat Österreich bilden, beginnt im Jahr 911 mit der Wahl Konrad I. zum König des Ostfrankenreichs, für das sich bald der Name "Reich der Deutschen" und später "Heiliges Römisches Reich Deutscher Nationen" durchsetzt. Im Jahr 1273 geht die Krone dieses Heiligen Römischen Reiches erstmals an einen Fürsten aus dem Hause Habsburg, an Rudolf I, Herzog von Österreich. (...). (125)

So sind die Landesteile des Hauses Habsburg fast ein Jahrtausend lang ein integraler Bestandteil des Deutschen Reiches und die Fürsten Habsburgs während der letzten 368 Jahre zugleich die Könige und Kaiser Deutschlands. (...)
Der eigene Weg des Hauses Habsburg neben seiner Zugehörigkeit zu Deutschland beginnt jedoch schon ein paar Jahrhunderte zuvor. Durch Heiraten, Erbschaften, Käufe und Verträge kommen viele Länder außerhalb des Deutschen Reichs für dauernd oder für begrenzte Zeit unter Habsburger Herrschaft, so Ungarn, Kroatien, Galizien, die Bukokwina, das Banat, die Toskana, das Herzogtum Mailand, ein Teil Serbiens und zum Schluss im Jahre 1908 auch noch Bosnien und Herzegowina. (125-126)

1815, nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Vorherrschaft und der Auflösung der französischen Königreiche in Europa, gründeten 36 deutsche Fürsten und vier reichsfreie Städte an Stelle der untergegangenen Deutschen Reichs den Deutschen Bund. Und wieder ist es der Chef des Hauses Habsburg, der den Vorsitz im Deutschen Bund innehat, der Kaiser von Österreich. (...)
Die Verfassungsgebende Nationalversammlung in der Paulskirche zu Frankfurt ruft 1849 ein einiges und unteilbares Reich aus, (...). Die Nationalversammlung fordert die österreichische Regierung auf, mit ihren deutschen Ländern Teil des neuen Deutschen Reichs zu werden und zugleich auf die Hoheitsrechte in allen nicht deutschen Ländern zu verzichten. Die Nationalversammlung wir ein Deutschland ohne fremde Völker unter deutscher Herrschaft gründen. (...) Österreich will sich nicht dazu entscheiden, ein ausschließlich deutscher Staat zu werden. (...) Österreich spielt weiter seine Doppelrolle als Teil des Deutschen Bundes und als Vielvölkerstaat im Donauraum. (...)
1866 kommt es im Streit um die Verwaltung Schleswig-Holsteins zum deutschen Bruderkrieg, in dem der Kaiser von Österreich als Vorsitzender des deutschen Bundes ein letztes Mal die Reichsgewalt vertritt. Er ruft das deutsche Bundesheer gegen die Preußen zu den Waffen. (...)
(...) in der Schlacht von Königgrätz in Böhmen wird die österreichische Armee vernichtend von der preußischen geschlagen. Damit ist Habsburgs Vorherrschaft im Deutschen Reich beendet. Das Ziel der preußischen Politik in diesem Krieg ist, Österreich aus dem Deutschen Bund zu drängen, um ohne den Vielvölkerstaat von Wien den Rest der deutschen Länder zu einem neuen Deutschen Reich zu einen. So verzichtet Preußen nach dem Sieg von Königgrätz darauf, Habsburg-Österreich zu zerschlagen, aber es löst den Deutschen Bund auf und setzt die Deutsch-Österreicher mit ihren 16 nicht deutschen Völkern vor die deutsche Tür. Damit wird das deutsch-deutsche Band zwischen Deutsch-Österreich und den anderen deutschen Ländern nach 955jähriger Gemeinsamkeit durchtrennt. (127-128)

In den folgenden 48 Jahren vereinigen sich die anderen deutschen Länder unter Preußens Führung zum zweiten deutschen Kaiserreich und entwickeln ein neues deutsch-preußisches Bewusstsein. Das zweite deutsche Kaiserreich und das österreichische Kaiserreich gehen nun für weniger als ein halbes Jahrhundert ihre eigenen Wege, ehe sie im Ersten Weltkrieg als Bundesgenossen wieder zueinanderfinden. (...) Habsburgs Großreich wird zerschlagen. 41 Millionen ehemalige Habsburger Untertanen nichtdeutscher Muttersprache gründe ihre eigenen Staaten oder gehen gezwungenermaßen in anderen Staaten auf. Und 7 Millionen Deutsch-Österreicher verbleiben mit dem territorialen Rest, den die Siegermächte auf der Konferenz von Saint-Germain von Alt-Habsburg übriglassen, in der neuen Republik Österreich. (128-129)

Als die österreichische Delegation in Saint-Germain eintrifft, wird ihr sofort eröffnet, dass es der Republik Österreich verboten ist, sich Deutschland anzuschließen, und das das besiegte Österreich sich nicht Deutsch-Österreich nennen darf. (...)
Die fünf Siegermächte (...), legen mit Artikel 88 ihrer Bedingungen für den Frieden fest, dass Österreich auf Dauer unabhängig bleiben muss. (130)

England hat vom Waffenstillstand an bis in den Juli 1919 die Lebensmittelzufuhren nach Deutschland uns Österreich durch eine Seeblockade unterbunden, um die Besiegten in Versailles und Saint-Germain zur Unterschrift zu zwingen. In beiden Ländern sind inzwischen fast einen Million Menschen den Hungertod gestorben. (...)
Doch auch der Versailler Vertrag legt fest, dass das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen in den zwei besiegten Staaten in dieser Frage nicht vollzogen werden darf. In Artikel 80 des am 28. Juni 1919 unterschriebenen Vertrags heißt es:
Deutschland anerkennt die Unabhängigkeit Österreichs uns wird sie streng in den durch den gegenwärtigen Vertrag festgelegten Grenzen als unabänderlich betrachten, es sei denn mit Zustimmung des Rates des Völkerbundes. (131)

Die 20er Jahr sind für Österreich arm und bitter. (132)

Das neue Österreich ist unversehens zum armen Vetter der nun doppelt so großen und bevölkerungsreichen Tschechoslowakei geworden, die rund 80% der Steinkohlevorkommen und rund 70% der Industrieanlagen des alten Österreich-Ungarn übernommen hat. (133)

Am 24. März 1931 wird die deutsch-österreichische Wirtschafts- und Zollunion mit dem Wiener Protokoll besiegelt. (...) Die Regierungen Englands und Frankreichs bringen das Wiener Protokoll als Bruch des Unabhängigkeitsartikel 88 der Vertrags von Saint-Germain vor den Völkerbund in Genf.(...)
Eine weitere Parlamentskrise im März 1933, (...) führt dazu, das der Nationalrat Bundeskanzler Dollfuß am 15. März 1933 mit einer nicht korrekt zustande gekommenen Entscheidung absetzt. Der lässt seinerseits das Parlamentsgebäude von der Polizei besetzen und den Nationalrat fortan nie mehr tagen. Damit herrscht seit 1933 auch in Österreich kein Parlament mehr, sondern ein Diktator. (134)

Dann werden die Sozialdemokratischen Parteien und Organisationen der österreichischen Arbeiterschaft entmachtet, ohne dass er das Los der Arbeitnehmer auch nur im geringsten hätte bessern können. (135)

So stirbt Bundeskanzler Dollfuß durch die Kugeln, die ein österreichischer Nationalsozialist auf ihn abgefeuert hat. (136)

Der Ära Dollfuß folgt die Ära Schusnigg. Das österreichisch-deutsche Verhältnis ist nach dem Tode Dollfuß' zunächst für die Dauer von zwei Jahren tiefgefroren. (137)

In den Morgenstunden des neuen Tages - es ist inzwischen Samstag, der 12. März 1938 - marschieren deutsche Heerestruppen in Richtung Salzburg, Linz und Innsbruck. Blumenschmuck und Fahnen auf den Militärfahrzeugen sollen zeigen, dass dies eine Wiedervereinigung nach langen Jahren deutscher Trennung und keine Eroberungsfeldzug ist. (149)

An dieser Stelle ist noch einmal ein Blick zurück in die Geschichte nötig. Im Oktober 1848 in der Paulskirche zu Frankfurt stand die Deutsche Nationalversammlung for der Frage, ob Deutschland in Zukunft ein Kleindeutschland ohne Österreich werden sollte oder ein Großdeutschland, das die deutschen Fürstentümer Habsburgs einschloss. Die Entscheidung ist nach dem preußisch-österreichischen Krieg von 1866 und dann noch einmal mit der Einigung des Reiches 1871 für Kleindeutschland gefallen. 90 Jahre nach der Paulskirchenversammlung entschieden sich die Menschen in Österreich und in Deutschland im Volksentscheid vom 10. April 1938 für den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Damit ist auch der Name Großdeutschland wieder auf der Tagesordnung. Das Deutsche Reich einschließlich Österreich heißt deshalb in Erinnerung an 1848 ab 1938 auch Großdeutsches Reich. Das ist ein geschichtlicher Bezug und kein Ausdruck deutscher Großmannssucht. (154)

Mit diesem Schritt steht Nachkriegsdeutschland so stark da wie vor 1914. Die Regelungen von Versailles und Saint-Germain zur ewigen Unabhängigkeit Österreichs von Deutschland sind aufgehoben worden, ohne dass Frankreich, England und die USA auch nur um ihre Meinung, geschweige denn um ihr Einverständnis hierzu gebeten worden wären. (...)
In den Nürnberger Prozessen werden sie der Reichsregierung den Anschluss Österreichs als Rechtsbruch und Eroberung vor. Für die Deutschen in Österreich und im Altreich sieht der Anschluss anders aus. (...)
Sie setzen in die Tat um, was Wilson 1917 mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker zugestanden hat, was im Deutsch-Österreichischen Vereinigungsvertrag vom November 1918 vereinbart worden ist (...), die Wiedervereinigung der Deutschen. (155)

1915, als England, Frankreich und Russland versuchen, Italien aus seinem Bund mit Österreich und Deutschland zum Seitenwechsel zu bewegen, bieten sie den Italienern für ihre Waffenhilfe Südtirol, Istrien, Dalmatien, Westalbanien, (...)und deine Vergrößerung des italienischen Kolonialreichs für den Fall an, dass die deutschen Kolonien nach dem Krieg an England oder Frankreich fallen sollten. Dieser umfangreiche Kriegsgewinn mir Italien im Vertrag von London am 26. April 1915 schriftliche zugesichert.
Nach dem Krieg teilen sich London und Paris in Afrika die deutschen Kolonien, und Rom geht, (...), so gut wie leer aus. (...) Die Italiener fühlen sich deshalb nach dem Ersten Weltkrieg genauso um die im Londoner Vertrag zugesagten Kolonien betrogen, wie zur gleichen Zeit die Deutschen um die Friedensbedingungen der 14 Wilson-Punkte. (156)

Am 3. Oktober 1935 marschieren Italiens Truppen in das noch freie Abessinien ein. England mobilisiert den Völkerbund. Knapp 50 Mitgliedsstaaten erklären Italien zum Aggressor und verhängen zur Strafe ein Embargo und Sanktionen. (159)

Hitler bietet Mussolini vier Millionen Tonnen Steinkohle, die die stornierten Lieferungen aus England für geraume Zeit ersetzen. (160)

Am 1. November [1936] schwenkt Mussolini offiziell (...) in das Lager der ehemaligen Weltkriegs-Gegners Deutschland. (...) Deutschlands Kohlehilfe während des Völkerbundembargos und die deutsche Anerkennung des italienischen Kaisserreichs Abessinien tragen ihre Früchte. (161)

Japan hat 1931 die Mandschurei erobert und in einen Vasallenstaat unter eigener Oberherrschaft umgewandelt. Italien schluckt 1936 Abessinien, Roosevelt beginnt nun, mit seinen Mitteln gegen beide Staaten vorzugehen. (...) Die Folgen sind, dass Japans Bemühungen um seine außenwirtschaftliche Unabhängigkeit vom Westen zunehmen, und dass sich Italien an das Deutsche Reich anschließt. (...)
Am 7. Juli 1937 beginnt Japan neue Feindseligkeiten gegenüber China, die zur Besetzung Pekings und Shanghais und im August zur Seeblockade ganz Südchinas führen. (165)

Im September 1938 gelingt es Hitler auf der Konferenz von München, die Gebiete der Tschechei, in denen seit altersher überwiegend Deutsche leben, nämlich die Sudetenlande, durch Drohung und Verhandlung Deutschland anzuschließen. (168)

Die Tschechoslowakei, ein erst 1919 entstandener Kunststaat, ist nach dem Ersten Weltkrieg von den Siegermächten aus Landesteilen zusammengefügt worden, die vormals österreichisch, ungarisch, deutsch oder polnisch waren. Vor der Ewigkeit der fast tausendjährigen Zugehörigkeit der Landesteile zu den genannten Nachbarländern erscheinen die nur 19 Jahren der Tschechoslowakei den Regierungen in Wien, Budapest, Berlin und Warschau 1938 wie die Lebensdauer einer Eintagsfliege. (...)
Der Name verschleiert, dass im neu geschaffenen Staat die größten Völker Tschechen und Sudetendeutsche sind und nicht Tschechen und Slowaken, und er lässt nicht erkennen, dass der neue Staat drei Landesteile hat und nicht nur zwei. Die Karpato-Ukraine, ganz im Osten der Tschechoslowakei , bildet mir ihrer ruthenisch-ukrainischen Bevölkerung ein eigenes Gebiet. Die eng verwandten Sprachen Tschechisch und Slowakisch verbinden Tschechen und Slowaken, doch die Geschichte trennt sie. Daneben stehen Slowaken und Ruthene mit gemeinsamer Geschichte, doch mit zwei verschiedenen Sprachen.
Die Tschechei mit ihren zwei Landesteilen Böhmen und Mähren ist sehr früh schon in Abhängigkeit zum Deutschen Reich geraten. Nach 800, zur Zeit Karls des Großen, werden Böhmen und Mähren zunächst dem deutschen Kaiser gegenüber Tribut verpflichtet. 929 wird Böhmen erstmals und 950 endgültig von deutschen Königen und Kaisern unterworfen. Ab 1041 gehören beide Landesteile auf Dauer bis 1918 zum Deutschen Reich. (...) Schon 1257 tritt der Böhmenkönig als siebter Kurfürst zu den bis dahin sechs deutschen Fürsten, die das Recht zur Wahl des deutschen Königs haben,. der in der Regel danach auch deutscher Kaiser wird. (...)
Mit Kaiser Karl IV., König Wenzel und Kaiser Sigismund werden drei Könige von Böhmen aus dieser Linie selbst Könige und Kaiser des Deutschen Reichs. In ihrer Zeit dient Prag für nicht ganz hundert Jahre als Hauptstadt Deutschlands. 1526 fallen Böhmen und Mähren durch Erbschaft an das Haus Habsburg, wo sie bis 1918 verbleiben. So steht das Gebiet des heutigen Tschechiens und mit ihm die die tschechische Nation fast 1000 Jahre unter deutscher Herrschaft, fast 500 Jahre als Teil des Deutschen Reichs und für 400 Jahre im Besitz des Hauses Habsburg. (169)

Die Slowaken sind geschichtlich einen anderen Weg gegangen. Die Slowakei ist seit 906 zunächst zwischen tschechischen, ungarischen und polnischen Herrschaftsansprüchen hin- und hergerissen, ehe sie im Jahre 1018 zusammen mit der Karpato-Ukraine Teil des ungarischen Königreichs wird. So stehen Slowaken und Ruthenen - obwohl verschiedene Völker - von 1018 bis 1919 gemeinsam unter ungarischer Krone. (...)
Der Zusammenbruch des habsburgischen Weltreichs am Ende des ersten Weltkriegs bietet Exiltschechen und Exilslowaken ein eigenes Land für Tschechen und Slowaken einzufordern. (171)

1938 zählt die Tschechoslowakei neben 6,7 Millionen Tschechen auch 3,1 Millionen Deutsche, 2 Millionen Slowaken, 734.000 Ungarn, 460.000 Ruthenen (Ukrainer), 180.000 Juden, 75.000 Polen und 240.000 Menschen anderer Herkunft.
Die bunte Völkermischung ist in erster Linie das Ergebnis der Absicht der Weltkriegssiegermächte, das bis dahin mächtige Österreich-Ungarn in viele Staaten aufzuteilen. So werden hier Menschen und Territorien einem neuem Staate zugeschlagen, dessen Bevölkerung und Gebiete nie zuvor in der Geschichte eine Einheit, geschweige denn ein Staat gewesen sind. (172)

Schon die Verfassung der neuen Tschechoslowakei von 1920 löst die Zusagen für eine Autonomie nicht für alle Minderheiten ein. (...)
Den Slowaken gegenüber erkenne die Tschechen ihr im Exil gegebenes Versprechen von Pittsburg nicht mehr an und verweigern ihnen das eigene Landesparlament. Auch die Deutschen, die Ungarn und die Polen werden in dieser Hinsicht nicht bedacht. (173-174)

Zuerst nutzen die Tschechen die Kapitulation des Habsurger und des deutschen Kaiserreichs und besetzen im November 1918 die deutsch besiedelten Gebiete Böhmens, Mährens und Österreich-Schlesiens (...).
Am 4. März 1919 kommt es (...) zu pro-österreichischen Demonstrationen, mit denen der Anspruch seinen Ausdruck findet, zu Österreich zu gehören. Doch tschechisches Militär schießt in die Demonstrantenmengen. 54 tote und ein paar hundert verletzte Sudetendeutsche koste dieser Sieg der Tschechen über ihre neue Minderheit. (175)

(...) USA und Frankreich entscheiden sich gegen die Stimme Englands auf der Konferenz von Saint-Germain zu Gunsten der Tschechen und zu Lasten der Sudetendeutschen. Sie antworten Kanzler Renner (...), dass das Selbstbestimmungsrecht nicht für die Besiegten gelte und untersagen eine Volksabstimmung in den Gebieten, in denen die Menschen mit deutscher Muttersprache leben. Damit werden über drei Millionen Sudetendeutsche 1919 gegen ihren Willen Bürger der Tschechoslowakei. (176)

Erst durch die Annexion der deutschen Randgebiete Böhmens steigt die neue Tschechoslowakei vom Agrar- zum Industrieland auf. Vier fünftel der Industrie des neuen Staates liegen in den Gebieten der Sudetendeutschen. (177)

Die Tschechoslowakei erbt außerdem rund 80% der Steinkohlevorkommen und rund 70% der Industrieanlagen des alten Österreich-Ungarn. (178)

Im Juli 1936 wird die SdP [Sudetendeutsche Partei] mit 44 Sitzen auch noch zur stärksten Fraktion in der Prager Nationalversammlung. Ihr folgt die vorwiegend slowakische Agrarpartei, (...). Beide, die Sudetendeutschen und die Slowaken drängen auf die in Saint-Germain versprochenen innere Autonomie der Nationen im Vielvölkerstaat Tschechoslowakei. (180)

Zwei Wochen nach dem Anschluss Österreichs kommt es am 28. März 1938 zum ersten offiziellen Treffen des Führers der Sudetendeutschen Henlein mit dem "Führer" Adolf Hitler. (...) Während er sich gegenüber Henlein weiterhin bedeckt hält, ändert er [Hitler] im Dezember 1937 die Weisungslage innerhalb der Wehrmacht. Er ordnet erstmals an, Pläne für eine spätere Eroberung der Tschechoslowakei und damit die Lösung des deutschen Raumproblems zu erarbeiten. (...)
Mit Hitlers Weisung vom 21. Dezember 1937 wird die Tschechoslowakei zum eigenen Kriegs- und Eroberungsziel. (183)

(...) am 3. August [1938 die britische Regierung] eine Kommission unter Sonderbotschafter Runcimen nach Prag entsendet. (...)
Runciman schließt mit der Empfehlung, die Grenzbezirke mit überwiegend deutscher Bevölkerung unverzüglich von der Tschechoslowakei zu trennen und an Deutschland anzugliedern. (189-190)

Ungarn, einst fast ein Jahrtausend Herrscher über die Slowakei, reflektiert auf die Gebiete in der Südslowakei, in denen noch immer fast 750.000 Ungarn leben. Am 22. September forder die ungarische Regierung von Prag, die ungarische Minderheit in Zukunft in der gleichen Weise zu behandeln wie die deutsche.
Polen fordert das Industriegebiet von Teschen, wo es eine kleine Minderheit Polen gibt. Polen, das sich eng mit Ungarn verbunden fühlt, setzt sich bei Hitler außerdem für einen Anschluss der Karpato-Ukraine an Ungarn an, wodurch eine gemeinsame polnisch-ungarische Grenze entstehen würde. (197)

Aufgeschreckt von den Unruhen in der Tschechoslowakei und um sich vor einem Krieg in Sicherheit zu bringen, verlassen im September 1938 etwa 240.000 Sudetendeutsche ihre Heimat und fliehen in das Deutsche Reich. (198)

Der englisch-französische Plan zur Abtretung der mehrheitlich von Sudetendeutschen bewohnten Gebiete wird darin mit dem Gefühl des Schmerzes akzeptiert. (200)

König Carol II von Rumänien kommentiert den Wunsch aus Moskau mit den Worten:
Ich ziehe es vor, die Deutschen als Feinde im Land zu haben, als die Russen als Freunde. (202)

Die Regierung der Sowjetunion zieht sich trotz ihres Beistandspaktes von der Tschechoslowakei zurück. Polen beharrt auf einer Übergabe des Teschener Industriebebiets. Ungarn verlangt die Abtretung der ungarischen Gebiete und Selbstbestimmung für die Slowaken und Ruthenen. Die Regierungen in Paris und London schwanken. (...)
Daladier und Chamerlain lasssen trotz alledem nichts unversucht, Hitler vom Selbstvollzug des Sudetenanschlusses abzuhalten.Beide drohen unmissverständlich, gegen Deutschland Krieg zu führen, falls deutsche Truppen in die Sudetenlande einmarschieren. (203)

Münchner Konferenz vom 29. und 30. September 1938 (205 ff)

Mussolini übernimmt dabei die Moderation. Er spricht als einziger alle Muttersprachen der hier versammelten Herren. (206)

Die wesentlichen Punkte des Abkommens sind dem Sinne nach:

> Die Räumung der vorwiegend deutsch bewohnten Sudetengebiete beginnt am 1. Oktober und ist bis zum 10. Oktober 1938 abzuschließen.
> Ein Optionsrecht für Tschechen und Sudetendeutsche innerhalb von sechs Monaten stellt einen freiwilligen Bevölkerungsaustausch sicher.
> Die tschechoslowakische Regierung entlässt alle Sudetendeutsche, die dieses wünschen, aus dem Militär und Polizeidienst.
> Beim Rückzug der Tschechen werden keine bestehenden Einrichtungen zerstört. (207)

Noch während die tschechische Regierung in Prag berät, ob sie das Diktat von München akzeptieren soll, meldet sich der polnische Botschafter mit einem Ultimatum und verlangt die Herausgabe des Teschener Gebieters innerhalb von nur zwölf Stunden. (...) Die Tschechen geben nach und Teschen wechselt den Besitzer. Dieser Vorgang hat später für Polen und für die Deutschland schwer Folgen. Warschau bricht mit seiner Drohung den Kellogg-Pakt von 1928 sowie das Litwinow-Protokoll von 1929 und verursacht damit obendrein die Auflösung des Polnisch-Sowjetischen Nichtangriffspaktes von 1932. Drei Verträge, die Polen 1939 hätten schützen können. (210)

Zu alledem ist nun auch die Sowjetunion verprellt, die, obwohl Schutzmacht der Tschechoslowakei, in München ausgeschlossen bleibt. (...)
So zahlt das Deutsche Reich für die Heimkehr der Sudetendeutschen den Preis zunehmender Isolation in Europa und Amerika.
In Paris und London wird das Münchner Abkommen in den Parlamenten ratifiziert (...). (211)

Das Münchner Abkommen wird nach dem Zweiten Weltkrieg annulliert, und es dient den Tschechen und den Siegern, die Vertreibung der Sudetendeutschen aus ihrer angestammten Heimat in den Jahren 1945, 1946 (...) zu begründen. (215)

Am 1. Oktober [1938] beginnen die Deutschen Truppen, das Deutschland zuerkannte Sudetenland zu besetzen. Am gleichen Tag marschieren die Polen in das Ihnen zu der zeit noch nicht zugesprochene Teschener Gebiet ein. Am 14. Oktober wird ein Drittel der deutschen Einmarschtruppe wieder abgezogen. (216)

Schon vor 1933 gab es in Polen Zeiten der Judenverfolgung und demzufolge Auswanderungswellen polnischer Juden nach Deutschland und in andere Staaten. Obwohl 1933 die Judenverfolgung auch in Deutschland einsetzt, reißt der Emigrantenstrom aus Polen über Deutschland bis 1938 niemals ab. In den Jahren 1933 bis 1938, während zeitgleich 170.000 deutsche Juden ihr Heimatland verlassen, um der Verfolgung zu entkommen, emigrieren 557.000 polnische Juden, um ihrer Drangsal in Polen zu entfliehen. (219)

Die Frage, die sich hier trotz all der schlimmen Verfolgung der Juden in Deutschland stellt, ist, warum sich US-Präsident Roosevelt und mit ihm offensichtlich die amerikanische Nation nicht mit der gleichen Vehemenz und Strenge gegen die ihnen ebenfalls bekannten Drangsalierung der Juden im Staate Polen wenden, und warum sie die Diktatur in diesem Lande akzeptieren. (221)

Die slowakische Regionalregierung, die sich offensichtlich nicht mehr sicher ist, dass die Prager Zentralregierung sie vor den polnischen Gebietsansprüchen schützen kann, wendet sich am 31. Oktober [1938] an die deutsche Reichsregierung und bittet, die Slowakei vor den nachgeschobenen Forderungen der Polen zu beschützen.
Am 4. März 1939 beginnt die polnische Regierung, Truppen an die Grenze zu verlegen. Am 12. März sind es inzwischen zwei volle Divisionen in und vor dem Teschener Gebiet. (...) Ungefähr ab 11. März lässt Ungarn Truppen an den Grenzen zur Ostslowakei und zur Karpato-Ukraine aufmarschieren. (...)
Am 14. März - zwei Tage vor dem deutschen Einmarsch in die Resch-Tschechei - kommt es bei Munkács zu einem ersten Grenzgefecht, bei dem ungarische Truppen ein Dorf auf der tschechoslowakischen Seite erobern und besetzen. (228)

Am 14. März 1939 hat die Tschechoslowakei aufgehört zu existieren. (...) Mit der Tschechoslowakei zerbricht der erste der drei von den Weltkriegssiegermächten geschaffenen Vielvölkerstaaten. (...)
Amerikaner, Briten und Franzosen, als Paten der Vielvölker-Tschechsolowakei, haben die 1919 mit Tschechen und Slowaken vereinbarten Bürgerrechte für die Angehörigen der andern Volksgruppen nie überwacht und durchgesetzt. Sie tragen ein Stück Mitschuld am Desaster. (231)

Die Wirtschaft [der Tschechen] erfährt Belebung durch den Anschluss an das Reich. Der Grund ist die deutsche Nachfrage nach dem qualitativ guten Warenangebot der Tschechen. Die Krone bleibt neben der Reichsmark Landeswährung. Die Tschechei wird Teil des deutschen Zollgebiets, doch die Außengrenzen bleiben. Deutsche Bürger reisen auch fortan nur mit Paß in diesen Teil des Reichs, der nun offiziell in Deutschland das Protektorat Böhmen und Mähren heißt. (235)

Das Protektorat über die Tschechei ist und bleibt ein Unrecht, (...), auch wenn das Münchner Abkommen dadurch nicht gebrochen worden ist und selbst wenn Briten, Deutsche, Italiener und Franzosen nie eine Garantieerklärung für die Tschechoslowakei gegeben hatten. (239)

Mit der Tschechei-Besetzung vom 15. März 1939 und der Chamberlain-Rede vom 17. sind England und Deutschland erneut auf Kollisionskurs. (244)

Das Protektorat der Briten über den seit 1922 souveränen Staat Ägypten und Sudan zum Beispiel ist nichts anderes als das deutsche über die Tschechei. 1924 bitter die ägyptische Regierung die englische vergeblich, ihre Truppen abzuziehen. 1925 erzwingt England die Trennung der zwei Staatsteile Ägypten und Sudan. (...)
Die englische Regierung, die sich weder an den Friedensbrüchen Frankreichs gegenüber Deutschland in den Jahren 1923 und 1925 stört, noch an den vier Eroberungen der Polen in ihren Nachbarländern 1920, 1921 und 1938, nicht an der Memelannexion der Litauer 1923 und auch nicht an der gerade erst erfolgten Annexion der Karpato-Ukraine durch die Ungarn, diese englische Regierung reagiert im Falle der Tschechei-Besetzung ausgesprochen empfindlich gegenüber Deutschland. (...)
Das Deutsche Reich ist mit dem Protektorat Tschechei ein Stück zu stark geworden. Das widerspricht dem Jahrhunderte alten Prinzip der englischen Außenpolitik, keine Vormacht auf dem Kontinent zu dulden. (245)

Polen, bisher Komplize Deutschlands bei der Zerteilung der Tschechoslowakei, nutzt die neueste Entwicklung für einen Seitenwechsel. (...)
(...), am 18. März, unterzeichnen Vertreter der slowakischen Regierung den Slowakisch-Deutschen Schutzvertrag in Wien. (247)

So haben alle Nachbarstaaten der Tschechoslowakei - und nicht nur Deutschland - die Auflösung dieses Kunstproduktes von St. Germain gewollt. So haben alle Signaturmächte von München (...) nie eine Garantie für den Bestand der Tschechoslowakei gegeben, und so haben alle Verbündeten die Tschechoslowakei im Stich gelassen, als sie in Bedrängnis kam. Nur die Sowjetunion hätte offensichtlich gern geholfen. (248)

So sind zum Beispiel nach dem Friedensschluss von Versailles vom Jahre 1919 bis 1938 allein vierzehn Kriege geführt worden, an denen Deutschland allerdings in keinem Fall beteiligt war, wohl aber Staaten der westlichen Halbkugel, in deren Namen der Herr Präsident Roosevelt ebenfalls das Wort ergreift. Dazu kommen aber noch im selben Zeitraum 26 gewaltsame Interventionen und mit blutiger Gewalt durchgeführte Sanktionen. Auch daran ist Deutschland gänzlich unbeteiligt gewesen. [Reichtagsrede von Adolf Hitler am 28. April 1939] (249)

So wird das Memelland schon um das Jahr 1200 deutsch. (...)
1411 im Ersten Thorner Frieden und 1422 im Frieden von Melno-See wird das Ordensland nördliche der Memel seine Hinterlandes beraubt; der Ostteil fällt an die Litauen und das Memelland erhält die Grenzen, die es dann unverändert bis 1945 hat. Litauer und Deutsche werden so ab 1411 direkte Nachbarn. (252)

1919 in Versailles beanspruchen die zwei Staaten Polen und Litauen das Memelland für sich. (253)

Ab 1920 nehmen die Versailler Siegermächte das Memelland in einem sogenannten Kondominium unter gemeinschaftliche Herrschaft und lasse es von Frankreich fremdverwalten. (...)
Das Memelland wird von Deutschland abgetrennt und keinem anderen Staate zugesprochen. Diese Abtrennung ist wohl der sinnloseste und lächerlichste Racheakt der Sieger; ein Zustand, der förmlich nach Veränderung ruft. (...)
(...) vom 10. bis zum 16. Januar 1923 dringen litauische Bewaffnete ins Memelland ein und vertreiben die Franzosen. (254)

Nachdem Litauen dem Völkerbund sein Memeland-Mandatsgebiet mit militärischer Gewalt genommen und die verlangte Volksabstimmung mit Erfolg verhindert hat, schließt die Allierte Botschafterkonferenz den Vorfall ab, indem sie nachgibt. (...) Die Memelländer werden, ohne dass man sie dazu befragt hat, Litauer. (255)

Im Dezember 1926 wird die litauische Regierung in Kaunas mit einem Staatsstreich aus dem Amt gejagt. (256)

Polen zwingt Litauen unter Androhung eines Krieges, ihre Annexion der Stadt Wilna von 1920 völkerrechtlich anzuerkennen. (257)

Am 11. Dezember 1938 gehen 96% der wahlberechtigten Memelländer unter den Augen amerikanischer, polnischer, französischer, italienischer und englischer Wahlbeobachter und Journalisten zu den Urnen. Trotz der 48% litauischer Muttersprachler bekommt die deutsche Liste über 87% der abgegebenen Stimmen. (259)

Am (...) 22. März [1939] schließen beide Länder den von Deutschland angebotenen Vertrag, der das Memelland zurück ins Reich bringt und Litauen einen Freihafen in Memel und gewisse Rechte garantiert. (...)
Die angeschriebenen Mächte bekunden, dass sie nichts gegen die Rückübertragung des Memellandes an Deutschland unternehmen werden. So wird das Memelland am 22. März 1939 völkerrechtlich wieder deutsch. (261)

Auf der Siegerkonferenz von Potsdam 1945 legen der englische Premier Churchill und US-Präsident Truman gemeinsam fest, was nach ihrer Lesart Deutschland ist. Für sie es es das Deutschland in den Grenzen von 1937 ohne Memel. (262)

Nach der Kette von Erfolgen nimmt es nicht Wunder, dass Hitler erstens nun versucht, die deutsche Stadt Danzig an Deutschland anzuschließen, und dass er dabei zweitens die Erste-Weltkriegs-Sieger nicht mehr richtig einschätzt. (263)

Nur in Kanada, Neuseeland und Australien gelingt es, die einheimische Bevölkerung, wie in den USA, in unwirtliche Landesteile abzudrängen und dort erst Kolonien und dann Vasallenstaaten einzurichten. (264)

1895 nimmt es [Japan] sich Formosa (Taiwan), dann 1910 Korea, und 1915 versucht es, sich in China festzusetzen. (...)
Von 1931 bis 1934 erobert es die Manschurei. Damit steht Japan zusammen mit Italien als zu spät gekommene Kolonialmacht am Pranger jener Staaten, die ab 1920 nur noch ihren Kolonialbesitz verteidigen.
Polen - in den gleichen Schwierigkeiten - dehnt seinen Lebensraum zuerst auf Kosten Russlands aus, als es 1920 Teile Weißrusslands und der Ukraine erobert und sie dann als Ostpolen annektiert. (266)

Der Minister [Außenminister Beck, Polen] erwähnt am 25. Januar 1939 in einer Pressekonferenz, dass Polen Interesse an Kolonien habe, weil es Gebieter für die Auswanderung suche und Rohstoffe für seine Industrie brauche. (...)
Es sind zum Teil die gleichen Nationen, die vom Selbstbestimmungsrecht der Völker reden und sich Kolonien halten. (...)
Im Teil 1 der Völkerbundsakte in Artikel 22 nennt man koloniale Herrschaft nun
Vormundschaft über Völker, die noch nicht imstande sind, sich unter den besonders schwierigen Verhältnissen der modernen Welt selbst zu leiten, durch fortgeschrittene Nationen. (...)
Im Buch Mein Kampf schreibt Hitler 1924, dass Deutschland auf die kaiserlichen Kolonien verzichten und sich dafür Lebensraum im Osten suchen sollte.
Von 1929 bis 1933 schweigt Hitler dann zu Lebensraum und Kolonien, vermutlich um im Kampf um seine Kanzlerschaft niemand zu verschrecken. (267)

(...) Gold-Block-Staaten Frankreich, Schweiz, Belgien und Niederlande, die ihre Währungen ein festes Verhältnis zum Preis des Goldes setzen und ihr Papiergeld zu einem Wertanteil mit ihrem Staatsgold decken. Dies nennt man den Goldstandard. Auch andere Staaten, wie die USA, England und die britischen Dominien, führen den Goldstandard nach dem Weltkrieg wieder ein, doch sie gehen zu Beginn der 30er Jahre wieder davon ab. (...)
Dann gibt es eine dritte Gruppe, die sogenannten Devisen-Kontroll-Staaten, die sich einerseits an den Goldstandard halten und andererseits ihren ihre Außenhandels-Geldgeschäfte und den Außenhandel staatlich lenken. Dazu gehören Deutschland, Österreich, die Sowjetunion und eine Reihe südosteuropäischer Länder.
Die vierte Gruppe sind der Sterling-Club, also England und die Dominien-Staaten, die ihre Währung nach der Loslösung vom Goldstandard an das Pfund Sterling binden. (272)

Das Geld fließt zwischen den Nationen jetzt nicht nur zur Verrechnung von gelieferten Waren und geleisteten Diensten. Es fließt in exorbitanten Mengen auch zur Bezahlung der Kriegsschulden zwischen den Siegerstaaten und zur Entrichtung der Reparationen von den Besiegten an die Sieger, dies alles ohne wirtschaftlichen Gegenwert. (...)
Ab 1921 wird der deutsche Außenhandel außerdem durch einen 26%-Zoll auf alle ausgeführten Waren zusätzlich behindert. Der Zoll geht an die Siegerstaaten. (...)
(...) Da das [Bezahlung der Schulden durch Ausfuhr deutscher Güter] nur in sehr geringen Umfang möglich ist, lebt das Deutsche Reich in den Nachkriegsjahren vor allem von ausländischen Krediten. (273)

Im November 1923 wird eine Billion Papiermark in eine Rentenmark getauscht. (...)
1929-30 wird Nordamerika von drei Bankenkrisen nacheinander heimgesucht, (...) gekrönt vom Zusammenbruch der Börse in New York im Oktober 1929. (...)
Die USA ziehen ihr verliehenes Kapital kurzfristig aus Deutschland ab, sodass der New Yorker Börsenkrach auf Deutschland überspringt. Was nun folgt sind drei Jahre weltweiter Depression. Der internationale Handel sinkt um 60%. In Deutschland nehmen dir privaten Bruttoinvestitionen bis 1932 um 75% ab, das Volkseinkommen um 40%. (...) Die Zahl der Arbeitslosen steigt bis 1933 in den USA auf 12,8 Millionen, im Deutschen Reich auf sechs Millionen und in Großbritannien auf fast drei Millionen.
Zu Beginn der 30er Jahre gehen viele Staaten, wie die USA, Kanada und England vom Goldstandard ab. (274)

Immerhin gelingt es dem deutschen Reichsbankpräsidenten und Handelsminister Hjalmar Schacht und Hitlers Politik, die Arbeitslosigkeit in Deutschland bis 1938 abzubauen und das Volkseinkommen zu verdoppeln. während Roosevelt mit seinem New-Deal-Programm trotz guten Außenhandels immer noch mit 10,4 Millionen Arbeitslosen kämpft. (278)

Hitler denkt daran, Großbritannien und Frankreich die Bodenschätze und Märkte in ihren afrikanischen und asiatischen Kolonien und Dominien konkurrenzlos zu überlassen, genauso den USA ihre Anspruchszone Südamerika und Japan ein Kolonialreich in Fernost sowie auf die Ansprüche auf die ehemaligen deutschen Kolonien zu verzichten, wenn er dafür freie Hand in Osteuropa eingeräumt bekommt. (...) Der zusätzliche deutsche Lebensraum im Osten soll das deutsche Kernland als Siedlungsraum für den Bevölkerungsüberschuss erweitern. Er soll ein Absatzmarkt für heimische Industrieprodukte werden, und er soll Nahrungsmittel, Rohstoffe und Bodenschätze liefern. (...)
Erst als Regierungsgespräche mit Polen um den Wiederanschluss Danzigs an das Deutsche Reich und um zwei weitere deutsch-polnische Probleme offenkundig scheitern, und Polen im März 1939 gegen Deutschland mobilmacht, entschließt sich Hitler, seine Forderungen an Polen gewaltsam durchzusetzen, wenn Polen die Spannungen weiterhin verschärfen sollte. (281)

[Englische Gerneral und Historiker Fuller 1950] Hitlers Traum war daher ein Bündnis mit Großbritannien ... ein solches Bündnis war jedoch unmöglich, hauptsächlich deshalb, weil unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung dessen Wirtschaftspolitik des direkten Tauschhandels und der Exportprämien dem britischen und amerikanischen Handel einen tödlichen Streich versetzte. (284)

Im I. Teil des Versailler Vertrags, Artikel 8, bekunden aller Unterzeichnerstaaten,
dass es die Aufrechterhaltung des Friedens nötig macht, die nationalen Rüstungen auf das Mindestmaß herabzusetzen, das mit der nationalen Sicherheit vereinbar ist. (287)

Am 31. Januar 1927 stellt die Interalliierte Militärkommission der Siegermächte offiziell fest, dass das Deutsche Reich seine Abrüstung vertragsgemäß vollzogen hat. Das hätte nach Geist und Buchstaben des Versailler Vertrags der Startschuss für eine umfassende und globale Abrüstungswelle nach dem Ersten Weltkrieg werden müssen. (288)

Es [Großbritannien] hat Truppen und Schiffe in China stationiert und greift 1922, 1923, 1926 und 1927 mit Landungstruppen in innerchinesische Streitigkeiten ein. Japan beansprucht 1928 eigene Interessen in Shantung. 1929 marschieren russische Truppen in der Mandschurei ein und 1931 besetzt Japan die ganze Mandschurei. (289)

Großbritannien zum Beispiel baut ab 1931 jährlich drei neue Kreuzer, neun Zerstörer und drei Unterseeboote. (...) Der Rüstungswettlauf ist im vollen Gange, ehe Deutschland ab 1934 in dieser Hinsicht in Erscheinung tritt. Die heute oft vertretene Meinung, die weltweite Aufrüstung in den 30er Jahren wäre von Hitler-Deutschland losgetreten worden, ist deshalb völlig irrig. (...)
1931 beträgt das Flottenverhältnis zwischen England, den USA und Deutschland 10 zu 9 zu 1. Selbst nach der Wiederaufrüstung des Deutschen Reichs zu Kriegsbeginn im September 1939 ist das Verhältnis noch 10 für England zu 9,2 für die USA zu 1,7 für Deutschland. (291)

Frankreich mit seinem auf 700.000 Soldaten abgerüsteten Heer fühlt sich auch weiterhin von Deutschland mit 100.000 Mann im Heer bedroht. (294)

Mit diesem Verhältnis der Kriegsstärken dicht bei 100 zu 1 zu Deutschlands Nachteil ist es nicht möglich, deutsche Außenpolitik zu machen. (...)
Am 29. November 1934 sagt der
ehemalige britische Premierminister Lloyd George vor dem Unterhaus:
Die Signarmächte des Vertrages von Versailles versprachen den Deutschen feierlich, man würde abrüsten, wenn Deutschland mit der Abrüstung vorangehe. Vierzehn Jahre hat Deutschland auf die Einhaltung dieses Versprechens gewartet. (295)

Im Januar 1927 stellt die Interalliierte Militärkommission der Sieger fest, dass das Deutsche Reich dem Versailler Vertrag gemäß abgerüstet hat. Jetzt müssten bei den Siegern Taten folgen. (296)

1925 schließen Deutschland und Frankreich den Nichtangriffspakt von Locarno. Die deutsche Reichsregierung verzichtet außerdem endgültig auf Elsaß-Lothringen. (297)

(...) als Adolf Hitler im Januar 1933 deutscher Kanzler wird. Seinem Amtsantritt gehen somit sechseinhalb Jahre vergeblicher Abrüstungsverhandlungen beim Völkerbund voraus. (300)

Das Reich und die Sowjetunion schließen 1922 parallel zu ihrem Abkommen von Rapallo einen Geheimvertrag über eine begrenzte Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Sowjetarmee. In Folge dieses Abkommens werden deutsche Offiziere in Lipzek zu Piloten und in Kama zu Panzersoldaten ausgebildet. Beides ist in Deutschland untersagt. (...)
Die Fertigung der Waffen findet stets im Ausland statt, oft durch joint-venture-Unternehmen. (...)
So werden in den 20er und 30er Jahren U-Boote nach deutschen Entwürfen in Spanien, in Finnland und in den Niederlanden entwickelt und gebaut und zum Teil von den Marinen dritter Länder aufgekauft. (306)

(...) ehemalige Reichskanzler Wirth, von 1921-22 Kanzler von 1929-31 Reichsminister, sagt als Zeuge dieser Zeit vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg (...):
(...) Bereits in den ersten Jahren nach dem ersten Weltkrieg hatte Polen wiederholt versucht, Teile des Reichsgebiet gewaltsam vom Reich zu trennen. Die Furcht vor weiteren Angriffen war nicht unbegründet. (...) Dabei war die Bewaffnung unserer Reichswehr kläglich (...) Wer angesichts dieser Tatsache noch behauptet, dass wir Angriffsabsichten gehabt hätten, ist zu bemitleiden ... Es war angesichts der jammervollen Lage an den deutschen Ostgrenzen selbstverständlich, dass Umschau gehalten worden ist, wie man wehrpolitisch die Lage verbessern konnte. (307)

[Hitler am 17. Mai 1933 in einer Regierungserklärung im Reichstag] Die Deutsche Regierung sieht in dem englischen Plan eine mögliche Grundlage zur Lösung dieser Fragen. (...) Ferner wird die deutsche Regierung kein Waffenverbot als zu einschneidend ablehnen, wenn es in gleicher Weise auch für andere Staaten Anwendung findet. (...)
Deutschland ist jederzeit bereit, auf Angriffswaffen zu verzichten, wenn auch die übrige Welt Gleiches tut.

Hitler verlangt also, wie seine Amtsvorgänger, die Gleichbehandlung Deutschlands. (308)

Frankreich hatte den Krieg von 1870 verursacht, erklärt, begonnen und verloren. Trotzdem waren die deutschen Besatzungstruppen bereits zwei Jahre nach Frankreichs Niederlage wieder abgezogen und den besiegten Franzosen waren keine Begrenzungen für Waffen, Heer und Flotte aufgezwungen worden. Auch aus diesem Grund empfindet jeder einigermaßen historische versierte deutsche Bürger 15 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg Frankreichs harte Haltung als völlig überzogen und billigt Hitlers Forderungen nach angemessener und gleicher Sicherheit für Deutschland. (309)

Am 17. April 1934 (...): die französische Regierung sich feierlich weigert, einer deutschen Wiederbewaffnung zuzustimmen, dass die deutsche Wiederbewaffnung alle Verhandlungen zunichte mache und dass Frankreich von nun an seine Sicherheit mit eigenen Mitteln gewährleisten wird.
Der englische Politiker Lloyd George kommentiert die Barthou-Note vier Tage später vor dem Unterhaus in London. Er sagt, die Reaktion aus Paris rühre daher, dass
Frankreich sich jahrelang, wenn nicht länger, weigere, seine Verpflichtungen einzuhalten, selber abzurüsten, und dass es auch nach Locarno seine Rüstung von jahr zu Jahr verstärke. (311)

Ab 1934 versuchen Frankreich und Italien, sich gegenseitig in der Größe ihrer Schiffe zu überbieten und alte Schiffe durch neue zu ersetzen. Ihre Flotten wachsen aber weder nach Tonnage noch nach Zahl der Schiffe. (...)
Bis 1933 werden drei Schiffsneubauten [in Deutschland] auf Kiel gelegt, in Frankreich im gleichen Zeitraum 81. (...)
Als die Siegerstaaten 1932 ihren Versailler Abrüstungspflichten immer noch nicht folgen wollen, als die Abrüstungsverhandlungen vom Februar bis September ergebnislos verlaufen, zieht die deutsche Reichsregierung ihre Konsequenzen aus dem Vertragsbruch der Siegerstaaten. Sie entscheidet, die Reichswehr ungefähr dem Umfang der französischen Streitkräfte in Europa anzupassen. Das bedeutet für die Reichsmarine ein Wachstum 1 zu 4. (...) Auch dies ist ein klarer Bruch des vorher schon oft von den Siegerstaaten gebrochenen Vertrags von Versailles. (315)

Am 16. März [1935] verkündet Hitler das Gesetz über den Aufbau der Wehrmacht. (...) Am 18. Juni 1935 wird ein Deutsch-Britisches Flottenabkommen von beiden Seiten unterzeichnet. (316)

Hitlers Vorstellungen für die weitere Zukunft ranken sich um eine Partnerschaft mit England, in der die Briten als Seemacht unangefochten Herrscher ihre Weltreichs bleiben, und in der Deutschland als Land- und Luftmacht in einem Wirtschaftsraum oder einer Staatengruppe in Südosteuropa eine Vorherrschaft ausübt. (318)

Im Frühjahr 1938 sieht Hitler, dass er damit offensichtlich scheitert. Im Mai eröffnet er Admiral Raeder, dass er damit rechen muss, dass England bei zukünftigen Auseinandersetzungen auf der Gegnerseite steht, also wie im Ersten Weltkrieg auf der Seite Frankreichs. (318)

(...) im Herbst und Winter 1938 legt die Marineleitung Hitler im Januar den sogenannten Z-Plan für eine neue, große Flotte vor. Er umfasst mit 1.654.395 Tonnen eine für Deutschland gigantische Marine (...). (320)

Es fehlt dem Deutschen Reich an Werften, Stahl und Gels. Anfang 1939 (...) steht die Kriegsmarine erst bei 200.311 Tonnen. Das Stärkeverhältnis zwischen der deutschen Flotte und denen Frankreichs und Englands ist damit noch immer bei 1 zu 2 zu 6. (321)

Mitte März 1939 hat Hitler die Tschechei besetzen lassen. England bietet in Reaktion darauf eine Garantie gegen Deutschland an. Hitler bezeichnet das als antideutsche Handlung und nimmt den polnisch-britischen Vertrag zum Anlass, das Flottenabkommen zu kündigen. (...) Doch statt mit dem forcierten Kriegsschiffbau Deutschlands Sicherheit zu stärken, gibt Hitler England einen Grund, das Rüsten mit Hilfe eines neuen Kriegs zu unterbinden. So nutzen die Briten die nächste Gelegenheit, die ihnen Deutschland dazu bietet: den deutsch-polnischen Krieg im September 1939. Am 3. September erklärt Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg. (321)

Hitler lässt schon ein seinem Buch "Mein Kampf" erkennen, dass er weder Sinn für Seeherrschaft noch Kolonien hat. Hitlers Streben ist nicht gegen England und Amerika und auch nicht auf deren überseeische Besitzungen gerichtet. Für ihn hat Marinerüstung nur den Sinn, sich damit auf den Meeren einen Flankenschutz für seine Osteuropa-Ambitionen aufzubauen. (323)

Die mit Frankreich gegen Deutschland verbündeten Nationen sind an Militärmaschinen also um mehr als das 60fache überlegen, wobei die deutschen Maschinen noch immer Schulflugzeuge oder Prototypen sind. (325)

Am 5. Juni 1933 erklärt Botschafter Nadolny für das Deutsche Reich in Genf (...), dass Deutschland ab Mitte 1934 aufrüsten werde, wenn die anderen Staaten sich bis dahin nicht verpflichten, selbst abzurüsten. ((326)

Im Februar 1934 bietet Hitler vor dem Völkerbund noch einmal an, dass Deutschland seine Luftstreitkräfte auf 50% der französischen begrenzt, und er schlägt vor, auf Bomber gänzlich zu verzichten. (327)

(...) am 17. April 1934 dem Völkerbund in Genf mit, das Frankreich ab sofort nicht mehr an den Abrüstungsverhandlungen teilnimmt und in Zukunft ohne Vereinbarung im Völkerbund so aufrüstet, wie es die französische Sicherheit verlangt. (...)
Niemand in Deutschland (...) sieht den Bedarf, Gegner jenseits von Frankreich oder Polen zu bekämpfen. (...) So werden in Deutschland nur ein- und zweimotoriger Bomber mit Reichweiten bis 500 Kilometer gebaut. (328)

[Britische Militärhistoriker Generalmajor Fuller]
Seit den Tagen der Tudors [15. Jh.] bis zum Jahre 1914 bestand die Politik Großbritanniens darin, das Gleichgewicht der Mächte aufrechtzuerhalten, das heißt, die großen Nationen des Kontinents durch Rivalität getrennt zu halten uns selbst den Ausgleich zwischen ihnen auszuüben. Dieser Ausgleich stellte automatisch fest, wer als Feind in Betracht kam. (329)

(...) Welt im Rüstungsfieber. (...) In der Sowjetunion erhöht die Luftfahrtindustrie die Produktion, um ab 1935 eine Jahreslieferung von über 3.500 neuen Militärflugzeugen auszustoßen. (...)

So fehlt der deutschen Luftwaffe die Fähigkeit, einen strategischen Bomberkrieg gegen ein ferngelegenes Land zu führe. Es fehlt die schwere Bomberflotte. (336)

Die Reichswehr [1933] mit ihren 100.00-Mann-Heer könnte Deutschland schon alleine gegen Polen mit seiner Heeresfriedenstärke von 298.000 Mann nicht schützen. (338)

In Sibirien sind es Amerikaner und Japaner, die dort zwischen 1917 und 1922 im Bürgerkrieg mitmischen. Auch die Niederlage des großen Russlands gegen Polen von 1919 und 1920 ist noch nicht vergessen. So braucht die Sowjetunion als Land mit langen Grenzen und riesige Entfernungen eine entsprechend große Streitmacht. (349)

Immerhin hat die deutsche Reichsregierung zwischen dem Februar 1932 und dem Mai 1935 den Siegermächten sechsmal Angebote unterbreitet, gemeinsam und im Einvernehmen auf Angriffswaffen zu verzichten, den Bomberkrieg zu ächten, Luftstreitkräfte abzuschaffen, die Zahl der Schiffe, der Panzer und der schweren Artilleriegeschütze festzulegen und die deutsche Luftwaffe auf 50% der französischen zu begrenzen und die deutsche Flotte auf 35% der britischen. (351)

Ab 1930 versichert Hitler, als er in der Politik Gewicht bekommt, mehrfach ein seinen Briefen und Reden, dass sein Buch "Mein Kampf" unter dem überwältigenden Eindruck jener Ereignisse [der frühen 20er Jahre] entstanden ist, und dass er nun keine Auseinandersetzung mehr mit Frankreich wünscht. (357)

Am 30. Januar 1936 spricht "der Führer" im Berliner Lustgarten vor 30.000 Männern der SA. Es ist eine Rede über die Interna der SA. Doch auch hier versäumt es Hitler nicht, das Thema Frieden zu berühren:
Wir wollen zugleich aber auch ..., ein friedliebendes Element unter den anderen Völkern sein. Wir können das nicht oft genug wiederholen. Wir suchen den Frieden, weil wir ihn lieben. (365)

Hitlers öffentliche Reden vor dem Einmarsch von Wehrmachtstruppen in die Rest-Tschechei im Frühjahr 1939 decken keine Kriegsabsichten auf. (...) Anders verhält es sich mit einem Teil der geheimen Hitler-Rede ab dem November 1937. (371)

Die Bedeutung der Hitler-Rede vom 5. November 1937 beruht darauf, dass hier zum ersten Mal erkennbar wird, dass der Diktator die Chancen zukünftiger europäischer Kriege zwischen anderen Staaten nutzen und bei günstiger Gelegenheit selbst Annexionen betreiben will. Einen Kriegsplan, (...), eröffnet Hitler den Generälen und Ministern dabei nicht. (376)

Hitlers Ausführungen an diesem Abend, wie sie Oberst Hoßbach niederschreibt, befassen sich ausschließlich mit "Lebensraum" in der Tschechei und mit dem Anschluss Österreichs. Vom Lebensraum in Osteuropa ist keine einziges Mal die Rede. (378)

So treten die deutschen Bürger und Bürgerinnen und die Angehörigen von Wehrmacht und Waffen-SS das Kriegsjahr 1939 mit Hitlers Friedensbeteuerungen im Ohr und im Bewusstsein an. (381)

Die Rede vom 23. Mai 1939 ist nach Sinn und Inhalt sehr umstritten. Sie ist die zweite der schon erwähnten Schlüsselreden, mit denen das Nürnberger Militärgericht versucht, den angeklagten Generalen und Admiralen ihre gemeinsame Planung eines Krieges und Verschwörung gegen den Frieden nachzuweisen. (388)

England sehe in Deutschlands Entwicklung die Fundierung einer Hegemonie, die England entkräften würde. England sei daher ein Feind Deutschlands und die Auseinandersetzung mit ihm gehe auf Leben und Tod. (391)

Die dritte Schlüsselrede vor dem Krieg hält Hitler am 22. August 1939, gut eine Woche vor dem Kriegsausbruch. (...) Die große Frage, die über jener Sitzung auf dem Obersalzberg liegt, heißt: Einigung mit Polen oder Krieg? (394)

Die Ansprache vor den Generalen ist wohl die am häufigsten zitierte Rede Hitlers. Von ihr liegen gleich sieben Protokolle und Niederschriften vor, die zum Teil sehr verschieden voneinander sind. Alles stimmen darin überein, dass Hitler seinen Entschluss zum Kriege gegen Polen in aller Ausführlichkeit begründet. (395)

Fatal für das besiegte Deutschland ist, dass die Anklagebehörde diese vulgäre und brutale Wildwest-Version der Hitler-Rede, nachdem sie sie als Fälschung für die Beweisaufnahme abgelehnt hat, in 250 Exemplaren kopieren und an die in Nürnberg vertretene Auslandspresse verteilen lässt. Ein Propagandacoup der Sieger gegen die Besiegten. (396)

Das nächste, zweite Protokoll dieser Hitler-Rede, das der Gerichtshof als Beweis heranzieht, ist ein zweiteiliges Dokument. Es hat weder Kopf noch Datum, kein Aktenzeichen, keine Tagebuchnummer, keinen Geheimvermerk und es trägt auch keine Unterschrift. Bei Gericht kann niemand sagen, wer es verfasst hat woher es stammt. (...)
Die zweite Version ist heute in allen maßgeblichen Geschichtswerken und Dokumentbänden Deutschlands nachgedruckt. Schulgeschichts- und Gemeinschaftskundebücher vermitteln Schülerinnen und Schüler mit den markigsten Zitaten aus diesem Dokument, dass Hitler Krieg um jeden Preis mit Polen wollte, und dass die deutsche Generalität dies schweigend und billigend so hingenommen hat. (397)

Generaladmiral Boehm ist am 22. August 1939 auf dem Obersalzberg einer der Zuhörer Adolf Hitlers. Er schreibt die Rede stichwortartig mit und hält die Kernaussagen Hitlers dabei in ihrem Wortlaut fest. (...) Der [Boehms Vorgesetzter] liest es [das Protokoll], bestätigt es als richtig und zeichnet das Papier ab. (...)
(...) am 16. Mai 1946 in Nürnberg mit der zweiten Version der besagten Hitler-Rede konfrontiert wird, sagt er sofort, dass viele der Formulierungen in diesen Protokoll nicht stimmen. Worte - so Raeder -wie
Vernichtung Polens im Vordergrund. Zielt ist Beseitigung der lebendigen Kräfte und nicht die Erreichung einer bestimmten Linie oder Herz verschließen gegen Mitleid, brutales Vorgehen
seien nicht gefallen. (398)

Archivdirektor Dr. Domarus entscheidet sich, die 2. Version, deren Verfasser und Herkunft unbekannt sind, in das Archiv der Hitler-Redern aufzunehmen und nicht die Boehm-Version. Er begründet es,
da sie prägnante formuliert sind, als diejenigen von Boehm und Halder, obwohl sie den gleichen Inhalt haben. (402)

So ist es aus der Rückschau nicht ganz einfach zu erkennen, ob Hitler zunächst nur einen Krieg um die Rückkehr Danzigs und des Korridors riskiert, ob er eine spätere Auseinandersetzung mit den Westmächten für unausweichlich hält und dafür rüstet oder ob er selbst einen Krieg zur deutschen Expansion vom Zaune brechen will. (405)

Hitler hat sich nicht gänzlich in die Karten schauen lassen. Nach seinen Ansprachen und Interviews ist es auch wahrscheinlich, das ihm konkrete Pläne jenseits seiner nebulösen Visionen erst mit den frühen Kriegserfolgen und mit den sich bietenden Gelegenheiten kommen. (407)

Polen im Streit mit all seinen Nachbarn (411 ff)

Er [Wilson 1918] verlangt in Punkt 13 seines 14 Punkte umfassenden Friedensangebotes von den im Kriege unterlegenen Staaten, Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland die Errichtung eines neuen Staates Polen. (411)

Der neu gegründete Staat Polen bekommt von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs Land und Menschen aus dem Bestand der Nachbarvölker zugesprochen. Dabei befinden sich viele Millionen Menschen, die keine Polen sind und auch nicht werden wollen. (...) Dennoch sind die Polen mit ihren Landgewinnen nicht zufrieden. (...) Die frisch ins Amt gekommene polnische Regierung verlang für ihren neuen Staat alle Gebiete, die vor 1772 Teile der polnisch-litauischen Union gewesen sind. (412)

(...) Aufteilung des Landes zwischen Russland, Österreich und Preußen, die Polens Selbständigkeit 1795 beendet. Erst 1916 gründen Österreich und Deutschland aus ihren und den zuvor russischen Teilen des polnischen Kernlandes ein neues Polen. (...)
Nach dem Verständnis der polnischen Geschichtsschreibung bildet der Kampf des kleine Volkes der Polanen gegen seine slawischen Nachbarn den Anfang eines ersten Königreichs. (...)
Das Vordringen der deutschen Herrschaft und Besiedlung ab dem Jahre 963 über die Elbe in die damals slawisch besiedelten Gebiete lebt in der polnischen Geschichtsschreibung bis heute als der erste Angriff Deutschlands gegen Polen fort. (...)
1386 heiratet die polnische Prinzessin Jadwiga den litauischen Großfürsten Jagiello.Nun wachsen deren beide Reiche zur Polnisch-Litauischen Personalunion zusammen. In diese Union bringen die Polen ein gutes Viertel ein, die Litauer mit Weißrussland, der Ukraine, Wollynien und Podolien die restlichen drei Viertel. Mit der Union wächst Polen Machtteilhabe in ein weites Land nach Osten bis kurz vor Moskau und vor Kursk. (414)

Im Jahre 1569 wird aus der Personalunion der beiden Staaten eine Realunion, und das große Litauen wird ein Teil des bis dahin weitaus kleineren Polen.
Die Polen beanspruchen dieses angeheiratete Großlitauen 1918 in Versailles als ihr Erbe. So gehen auch die polnischen Eroberungen Ostlitauens, Weißrusslands und der Ukraine um 1920 auf jene großlitauische Zeit zurück. Nach polnischen Verständnis handelt es sich dabei um Länder, die ihnen das zaristische Russland in den drei polnischen Teilungen später abgenommen hat. (415)

Als nachdem Ende des Ersten Weltkriegs die deutschen Heereskräfte aus dem Baltikum und aus Westrussland zurückgezogen werden, rücken sowjetische Truppen bis nach Litauen im Norden und bis Bug in der Ukraine nach. Daraufhin greift Polen im Frühjahr 1919 die durch die Revolution geschwächte Sowjetunion und das inzwischen unabhängige Litauen an. Es erobert Wilna und drängt die sowjetischen Truppen bis weit nach Weißrussland zurück. (416)

Im Mai 1920 erobern Polens Truppen die Ukraine bis nach Kiew. (419)

Am 18. März 1921 verzichtet Russland im Frieden von Riga auf das Ostpolen seinerseits der Curzon-Linie. Es verliert damit fünf Millionen Ukrainer, 1,2 Millionen Weißrussen und etwa eine halbe Million Juden als Bürger des Landes. (...)
Mit dem nun dazu eroberten Gebiet liegt die neue Staatsgrenze Polens 250 Kilometer innerhalb des russischen Sprachraums. (...)
Sie [die Sowjetunion] wird sich 1939 genau das nun verlorene Gebiet (...) zurückerobern, das ihr 1919 der Höchste Allierte Rat der Siegermächte zugesprochen hat. 1945 wird sie auch noch die zwei Millionen Polen, die dort inzwischen leben, aus dem Lande jagen. Dafür werden dann 13,4 Millionen Deutsche aus ihrer Heimat in Schlesien, West- und Ostpreußen, Danzig, Ostbrandenburg, dem Wartheland sowie Pommern weichen müssen. (420)

Polen besetzt daraufhin im Oktober 1920 die Hauptstadt Wilna und ein Grenzgebiet von 250 Kilometern Länge und etwa 50 Kilometer Breite. (...) 1938 lässt Polen Truppen an der Grenze aufmarschieren, droht mit Krieg und zwingt die Litauer, die polnische Eroberung von 1920 völkerrechtlich anzuerkennen. (421)

Polen und die Tschechen beanspruchen 1918 gleichermaßen das Teschener Gebiet, ein Territorium von etwa 60 mal 50 Kilometer Flächengröße südlich von Oberschlesien. (...) Die Mehrheit der Bevölkerung stellen die Slonzaken, ein eigenständiges kleines Slawenvolk mit eigener Identität, ähnlich den Sorben in der deutschen Lausitz. Ansonsten leben Deutsche, Polen und Tschechen in und rund um Teschen. (421)

Moskau und Prag haben 1935 einen Beistandspakt geschlossen. So warnen die Sowjets die Polen, sich an Teschen zu vergreifen, und drohen, sonst den Polnisch- Sowjetischen Nichtangriffspakt vom Juli 1932 zu kündigen. Anders die Reaktion aus Deutschland. (...) Hitler und sein Außenminister Ribbentrop erheben keine Einwände zum Schutz der Tschechen. Hitler äußert allerdings die Hoffnung, dass im Gegenzug auch die deutsche, noch immer unter Völkerbundmandat stehende Stadt Danzig mit dem Deutschen Reich vereinigt werden kann. (423)

Nicht einmal ein ganzes Jahr danach, am 17. September 1939, greift die Sowjetunion das expansive Polen an. (...)
(...) beginnt Polen gleich nach der Annexion des Teschener Gebiets mit der Entrechtung der dort lebenden Tschechen, Deutschen uns Slonzaken. (...) Und die Slonzaken wehren sich nach Kräften gegen ihre neue Staatsmacht. Sie organisieren Bürgerwehren gegen die einrückenden polnischen Soldaten und Beamten, (...).
Und fünftens hat Polen nun außer Lettland und Rumänien keinen Nachbarn mehr, des es seit 1918 nicht zumindest einmal angegriffen hätte. (424)

Deutschland muss 1920 nach dem Vertrag von Versailles die Landesteile Westpreußen, Posen und Ost-Oberschlesien mit zwei Millionen deutscher Staatsbürger an das neue Polen abgeben. (...)
Die Provinz Posen ist bis 1793 polnisch und wird erst bei der zweiten Teilung Polen von Preußen annektiert. (...) Die großen Städte Posen und Gnesen sind altpolnische Siedlungen, die eine frühe Residenzstadt, die andere Bischofssitz. Doch schon Mitte des 13. Jahrhunderts haben polnische Herzöge deutsche Kolonisten in der Posener Gegend angesiedelt. (425)

In der Provinz Westpreußen liegen die Verhältnisse nicht so einfach. Das Land, das die Polen Pomerellen nennen, hat in seiner Geschichte von Anfang an oft zwischen polnischer und deutscher Herrschaft hin- und hergewechselt. (427)

Ende des 12. Jahrhunderts setzt außerdem die Einwanderung deutscher Siedler nach Pomerellen ein. (...)
Ab 1270 kämpfen zwei polnische Herzöge gegeneinander um Pomerellen und dessen Hauptstadt Danzig. Sie rufen dabei teils die deutschen Brandenburger, teils den Deutschen Ritterorden zu Waffenhilfe für ihr Land. (...)
1343 verzichtet der Polenkönig Kasimier III offiziell auf Pomerellen, das im deutschen Sprachgebrauch nun Westpreußen heißt. (...)
1410, nach der Schlacht bei Tannenberg, erkennt der Deutsche Ritterorden die Oberherrschaft der Polen wieder an. (...)
So bleiben den Bewohnern Westpreußens die deutsche Sprache, Das Recht auf eigene Steuern, (...), bis Polen 1569 diese Vorrechte unter Bruch des zweiten Thorner Friedens streicht. (...)
1772 wird Polen zum ersten Mal geteilt. Westpreußen kommt dabei (...) nach über 300 Jahren zurück an Preußen (...). So ist die Frage, ob Westpreußen-Pomerellen historisch polnisch oder deutsch ist, völlig müßig.
1918 sind je nach Statistik 73 bis 65 % der Bewohner mittlerweile deutscher Muttersprache, also gut zwei Drittel der Bevölkerung. (428)

Ostpreußen verliert damit [nach Abtretung Westpreußens an Polen 1920] den direkten Wirtschaftsanschluss an das Deutsche Reich und sein Hauptabsatzgebiet für Landwirtschaftsprodukte in den benachbarten und bis dahin deutschen Provinzen Posen und Westpreußen. (...) Der Verlust dieser Landbrücke ist eines der Kuckuckseier von Versailles. (...)
Polen soll nach dem Willen der Siegerstaaten fortan Seemacht auf der Ostsee sein und mit eigener Handelsflotte am Fernhandel über See teilnehmen. (430)

1936 (...) verhängt Polen die sogenannte Korridorsperre. (431)

Fortan wird jährlich zwischen Deutschland und Polen um den sogenannten Transitverkehr verhandelt. (432)

Die Hansestadt [Danzig] wird am 15. November 1920 nach dem Beschluss der Siegermächte ohne Volksabstimmung vom Deutschen Reich getrennt und unter den Schutz des Völkerbundes gestellt. Die Bürger Danzigs verlieren die deutsche Staatsbürgerschaft und sind nun Staatsbürger eines neu gebildeten Staates, der Freien Stadt Danzig. In Stadt und Umland leben zu der Zeit 340.000 Menschen. 97% der Bevölkerung sind bis dahin deutsch, 1,7 % sind Polen und 1,2 % sind Angehörige anderer Nationen. (...)
Somit ist auch Danzig im Ursprung weder deutsch noch polnisch. (433)

Die Freie Stadt [Danzig] wird von ihrem Senat regiert, besitzt ein souveränes Parlament und eine deutschsprachige Verwaltung. (...) Allein bis zur Machtübernahme der NSDAP in Danzig 1933 muss der Völkerbund in 106 Streitfällen zwischen der Republik Polen und der Freien Stadt Danzig entscheiden. (434)

Die Danziger Wasserstraßen und der gesamte Hafen stehen Polen ohne Einschränkungen zur Verfügung. Polen überwacht und lenkt fortan den Eisenbahn- und Wasserstraßenverkehr in Danzig und Umgebung. (435)

Der Status der Freien Stadt Danzig mit einer deutschen Bevölkerung ohne deutsche Staatsbürgerschaft, unter Völkerbundmandat und mit zunehmender Einbeziehung in den polnischen Staat führt zu einem dauerhaften Unmut bei der Bevölkerung im Deutschen Reich. (...) Die Deutschen im abgetrennten Danzig reagieren abweisend auf die wachsenden Ansprüche der Polen, und sie wünschen sich, wieder zum eigenen Lande zu gehören. So prägt sich in Danzig ein besonders starkes Nationalempfinden aus. (437)

Ost-Oberschlesien
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Um das Jahr 990 kommt Schlesien erstmals durch Eroberung an Polen, das zu der Zeit seinerseits unter deutscher Oberhoheit steht. (...)
1202 bricht Polen für ein Jahrhundert in seine Herzogtümer auseinander, und Schlesien gehört fortan nicht mehr zu einem Staate Polen. (...)
1335 verzichtet Polens König Kasimir der Große (..) auf seine Oberhoheit über Schlesien und auf Polens Anspruch. (...)
So gibt es bei der Neugründung des Staates Polen nach dem Ersten Weltkrieg seit sechs Jahrhunderten keinen polnischen Anspruch mehr auf Schlesien und seit sieben Jahrhunderten keine politische Verbindung mehr zwischen Schlesien und Polen. (438)

(...) am 7. Mai 1919, verlangt der "Höchste Alliierte Rat" der Sieger die Übergabe ganz Oberschlesiens an Polen. (...) offensichtlicher Bruch des Selbstbestimmungsrechts der schlesischen Bevölkerung. (...) Nach dem Verlust des Saargebiets und des deutschen Teils Lothringen an Frankreich wäre das bereits das dritte Industriegebiet, das die Sieger Deutschland nehmen wollten. Das oberschlesische Kohle- und Industrierevier ist zudem ausschließlich von deutschen Ingenieuren und mit deutschem Kapital erschlossen worden. (...) (440)

Am 11. Februar 1920 übernimmt die Interalliierte Kontrollkommission dann die politische Gewalt in Oberschlesien. Mit ihr rücken 11.500 französische und 2.000 italienische Soldaten (...) in Oberschlesien ein. (...)
Der Staat Polen marschiert mit elf Divisionen an der Grenze auf und macht Druck von außen. (...)
Der höchste Allierte Rat zieht nun Konsequenzen. Im März 1921 verlegt er weitere 2.000 Soldaten, diesmal aus England, nach Oberschlesien, um ungestörte Wahlen zu ermöglichen. (...)
Am 21. März 1921 findet die von deutscher Seite verlangte Volksabstimmung statt. (...) Bei Wahlkampfveranstaltungen und beim Urnengang finden 1.520 deutsche Bürger ihren Tod. Das Wahlergebnis bringt die Teilung Oberschlesiens. Fast 61% der Bevölkerung stimmen für den Verbleib beim Deutschen Reich, 39% wünschen einen Anschluss an Polen. (441)

Die Franzosen setzten sich jedoch mit einer Grenze durch, bei der 400.000 Deutsche Bürger Polens werden. (...) Deutschland trauert um 400.000 verlorene Bürger und um sein schlesisches Revier. 85% der oberschlesischen Kohlevorkommen und fast die gesamte dortige Chemieindustrie gehören nun zu Polen.
Ungefähr zur Zeit der Wahlen liefert Frankreich Waffen für Polens Krieg mit Russland. Ein Teil der Waffen wir in Polen nach Schlesien umgeleitet. Am 1. Mai 1921 verkündet die Interalliierte Kommission den Verlauf der neuen Grenze. Die Polen sind nicht bereit, das Abstimmungsergebnis und die Teilung Oberschlesiens zu akzeptieren. (...) Am 3. Mai ruft Korfanty zum vierten Aufstand. (443)

Polnische Aufständische und Truppen erobern bis zum 5. Mai, also binnen zweier Tage, den Osten Oberschlesien bis zum Oberlauf der Oder, ein Gebiet ein Viertel größer als das Saargebiet. Die Reichsregierung protestiert (...) bei den Regierungen der Siegermächte. (444)

In Deutschland wird die Abtretung des Industriegebiets und der überwiegend deutschen Städte (...) als schmerzlicher Verlust empfunden. Dies steht solange zwischen Deutschland und dem neuen Polen, bis Adolf Hitler die deutschen Forderungen auf Danzig und die Transitwege reduziert. Hitler bezieht keine seiner Forderungen auf Ost-Oberschlesien. (445)

Polen kehrt 1919 als selbständige Nation auf die Bühne der europäischen Geschichte zurück. Doch es sucht seine neue Identität nicht in den von den Siegern des Ersten Weltkriegs vorgegebenen Grenzen. Die modernen Polen von 1919 träumen von dem alten Polen-Litauen von 1459. Sie beginnen ihre neueste Geschichte mit einer Serie selbstinszenierter Kriege. Das trägt ihnen nicht nur die Feindschaft aller ihrer Nachbarn ein, sonder das entwertet auch eine ganze Anzahl von Verträgen, die sich 1939 vielleicht hätte schützen können.
Das neue Polen ist mit der Angliederung ehemals ukrainischer, weißrussischer, litauischer, tschechischer und deutscher Landesteile ein Vielvölkerstaat geworden.

Als erste weist man ab 1922 die Nichtpolen aus, die nach 1908 ins Land gekommen sind, auch wenn sie dort rechtmäßig Geschäfte, Firmen oder Land erworben hatten. Dann stellt man die Nichtpolen vor die Wahl, sich für Polen zu entscheiden oder für Deutschland oder andere Länder zu optieren und dorthin auszuwandern. (...)
Der doppelsprachige Unterricht, soweit nach Kriegsende noch erteilt, wird per Gesetz verboten und Polnisch wir zur alleinigen Unterrichtssprache erklärt. (...)
Und ansonsten wird polnischerseite alles boykottiert, was nicht polnisch ist.
Missliebige Personen werden ab 1919 in Lagern (...) konzentriert und eingesperrt. (447)

Bis 1939 erreichen etwa 15.000 Minderheitenbeschwerden aus Polen den Völkerbund in Genf, (...). (448)

So ist nach dem Ersten Weltkrieg evangelisch sein in Polen ein Synonym für deutsch, und die Zugehörigkeit zu einer der drei orthodoxen Kirchen in Weißrussland und in der Ukraine passt nicht zum echten Polentum. Die Formel Pole ist gleich Katholik grenzt auch Juden aus. (449)

Als die Regierung Polens daran geht, Land in Weißrussland zu enteignen und 1924 und 1925 die weißrussische Sprache für Zeitungen und Schulen zu verbieten, kommt es zu einem Volksaufstand, zu Terror und zu Gegenterror. Das Land bleibt bis zur Besetzung durch die Sowjetunion im September 1939 unbefriedet. (450)

Die polnische Armee zerstört den Ukrainern und Weißrussen bis zum Sommer 1938 insgesamt 91 orthodoxe Kirchen, 10 Kapellen und 26 Bethäuser, um ihr kulturelles Erbe auszulöschen. (...)
Zu den großen Minderheiten Polens zählen des weiteren 2,5 Millionen Juden. Diese sind (...) eine nationale Minderheit und kein integraler Teil des polnischen Volkes. (451)

Unter den Angehörigen der jüdischen Minderheit ist die Anhängerschaft der KP Polens besonders groß; (...) Die Kommunisten stehen in Polen stets unter Verdacht, Sympathisanten der ungeliebten Sowjetunion zu sein. (...)
1931 erklärt der ehemalige Außenminister Dmowski, die Judenfrage sei das größte Problem für die Zivilisation der ganzen Erde, und er vertritt dabei den Standpunkt, dass nur die völlige Austreibung der Juden aus Polen die Judenfrage lösen könne.
Die antisemitische Bewegung, (...), führt dazu, dass in den Jahren von 1933 bis 1938 557.000 Juden ihr polnisches Heimatland verlassen. (452)

Vor dem Zweiten Weltkrieg steht Polen dem Deutschen Reich in dieser Hinsicht in nichts nach. (453)

Im September 1934 kündigt Polen einseitig, den Minderheitenschutzvertrag, des es 1919 auf Verlangen der Siegermächte hatte schließen müssen. Ab 1934 bemüht sich Adolf Hitler, die Danzig-Frage und das Korridorproblem im Einvernehmen mit der polnischen Regierung zu lösen. Er hofft auf ein Entgegenkommen und versucht, die Spannungen zwischen beiden Ländern auch zum Vorteil der deutschen Minderheit in Polen abzubauen. Das Ergebnis sind sind zwei Verträge: der Freundschafts- und Nichtangriffsvertrag von 1934 und ein Minderheitenschutzabkommen im November 1937. (...)
Die Polen halten einen Krieg mit Deutschland inzwischen für unumgänglich. Mitte August 1939 beginnt man deshalb in Polen mit der vorbeugenden Verhaftung von Angehörigen der Minderheit und ihrem Abtransport nach Innerpolen. Im Sommer 1939 wird die Zahl der Deutschen, die dem entkommen wollen und Polen illegal verlassen, immer größer. (454)

Man macht im neuen Polen nicht einmal den Ansatz des Versuchs, die großen Minderheiten der Deutschen, Juden, Weißrussen und Ukrainer für das eigene Land zu gewinnen. Polen wird vielmehr zu einem Staat, in dem die Titularnation versucht, das Drittel der Staatsbürger, die ethnisch keine Polen sind, mit Zwangsmaßnahmen zu polonisieren oder zur Auswanderung zu bewegen. (...)
In summa führt Polens Minderheitenpolitik zu extremen Spannungen im einen Land und zu handfester Polenfeindlichkeit in fast allen Nachbarländern. (455)

[Außenminister Stresemann 1925, Friedensnobelpreisträger und Vater der versuchten deutschen-französischen Aussöhnung] (...) als ich erklärte, dass keine deutsche Regierung von den Deutschnationalen bis zu den Kommunisten jemals die Grenze des Versailler Vertrages anerkennen würde. (456)

Die Vorbehalte zur deutschen Ostgrenze und zum Status der Stadt Danzig bestehen in Deutschland also lange vor dem Regierungsantritt Adolf Hitlers. Sie sind keine Besonderheit nationalsozialistischer Außenpolitik. (457)

Noch 1920 und 1921 kann Polen im Krieg mit der Sowjetunion die Truppen dieses großen Nachbarn schlagen und vermag es, sie fast aufzureiben. (...)
Aus der Rückschau und in Kenntnis der Niederlage Polens von 1939 wirkt es grotesk, Polen als Bedrohung für das Deutsche Reich oder die Sowjetunion zu sehen. Doch aus der Sicht der Zeit ist Polen durchaus für beide Länder im Verbund mit Frankreich einerseits und Japan andererseits eine ernstzunehmende Gefahr. (457-458)

Noch Mitte 1939 versichern der polnische Kriegsminister seinem französischen Kollegen und der polnische Botschafter in Paris seinem dem französischen Außenminister, bei Ausbruch eines Krieges würden es zuerst die Polen sein, die in Deutschland einmarschieren und nicht umgekehrt. (...)
Das Vertrauen auf die eigenen militärische Stärke geht so weit, dass polnische Zeitungen in Erwartung eins sicheren Sieges über Deutschland Landkarten und Plakate mit den historischen Westgrenzen Polens an der Elbe drucken. (459)

Heute noch können die Besucher des litauischen Militärmuseums in Kaunas eine polnische Landkarte aus den 30er Jahren bestaunen, die die Mark Brandenburg mit Berlin, Pommern, Schlesien und Ostpreußen als verlorene polnische Gebiete zeigt. (460)

Am 20. Juli 1939 kommentiert die Wochenzeitschrift NAROD W WALCE (Volk im Krieg):
Danzig muss polnisch bleiben und Deutschland muss gezwungen werden, den ostpreußischen Raum ohne Bevölkerung an Polen abzutreten. (461)

Marschall Piludski unternimmt 1933 drei Versuche, Frankreich zu einem gemeinsamen Angriffskrieg gegen Deutschland zu bewegen. (464)

Von den Siegermächten ist es besonders Nachkriegsfrankreich, das ein Netz von bilateralen Verträge spinnt, um Nachkriegsdeutschland einzukreisen. Die Summe der kleinen und mittelgroßen Staaten Osteuropas, die Frankreich durch sein Netzwerk gegen Deutschland bindet, nennt sich in Anlehnung an die Erste-Weltkriegs-Allianz die Kleine-Entente. (467)

[Churchill, am 24. Nomvember1932 in einer Rede vor dem Unterhaus]: (...)
die Frage Danzigs und des Korridors ihrerseits [von Seiten der englischen Regierung] wieder aufrollen, solange die Siegerstaaten noch überlegen sind. Wenn diese Fragen nicht gelöst werden, kann keine Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden bestehen. (470)

Das Verhältnis Polen und der Sowjetunion ist zunächst durch den Friedensvertrag von Riga festgelegt, in dem die Sowjets 1921 Teile Weißrusslands und der Ukraine an Polen abgetreten haben. (...)
Marschall Piludski, dem ein neues Polen in den Grenzen der alten Polnische-Litauischen Union von 1569 vor Augen schwebt, verfolgt eine Föderation als Fernziel seiner Außenpolitik, in der Litauen, ganz Weißrussland und die ganze Ukraine als Protektorate unter Polens Herrschaft stehen. (471)

(...) als Polen der Tschechoslowakei gegen Russlands Warnung den Rest des Teschener Gebiets entreißt. (...) So hat Polen mit der Teschener Annexion gleich zwei Verträge mit der Sowjetunion verletzt und faktisch annulliert, das Litwinow-Protokoll von 1929 und den Nichtangriffspakt von 1932. (...) Polen jagt als Hai im Haifischbecken solange mit, bis es selbst gefressen wird. (472)

Polens Außenminister Beck lässt den französischen Botschafter Noel in Warschau wissen, dass die Tschechoslowakei in naher Zukunft verschwinden müsse und dass man sich in Polen selbst darauf vorbereitet, einen Teil des Erbes an sich zu nehmen. (473)

Für Hitler ist der Staat Polen ein Puffer zwischen dem Dritten Reich und der ihm so verhassten kommunistischen Sowjetunion. (...) bietet Hitler dem polnischen Diktator Marschall Piludski einen Freundschaffts- und Nichtangriffspakt an, der im Januar 1934 von beiden Seiten unterzeichnet wird, - ein Vertrag auf die Dauer von 10 Jahren. (475)

Polen vergreift sich daraufhin an der innerlich schon zerrissenen und nicht mehr abwehrfähigen Tschechoslowakei und annektiert am 1. Oktober 1938 Teschen und das dortige Industriegebiet.
Was nun folgt, ist eine Serie vergeblicher Versuche von deutscher Seite, das Danzig- und Korridor-Problem auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Kern der deutschen Kompromissvorschläge ist das Angebot, die polnischen Gebietserwerbungen an ehemals deutschem Land aus den Jahren 1918 bis 1921 als endgültig anzuerkennen. Das sind Gebiete in Oberschlesien, Westpreußen und die Provinz Posen. (...)
Hitler bietet die erbetene Garantie nun gegen zwei Tauschobjekte: die Angliederung der alten Hansestadt Danzig, die völkerrechtlich ohnehin nicht polnisch ist, zurück ins Reich und exterritoriale Zugangswege in das abgetrennte Ostpreußen. (...)
Die Serie der Gespräche beginnt am 24. Oktober 1938 und setzt sich mit immer neuen Versuchen (...) fort, bis am 30 August 1939 die letzte Offerte an Polen geht. (477)

Der polnische Außenminister hat damit offiziell bekräftigt, dass jedwede Änderung in Danzig im Sinne deutscher Wünsche eine Krieg zwischen Polen und dem Deutschen Reich auslösen wird. (...) Militärmaßnahmen Polens vom März 1939 (...). Dazu gehören die Verdoppelung des stehenden Heeres durch eine umfangreiche Teilmobilmachung, (...) die Verlegung von zwei kompletten Divisionen und einer Kavalleriebrigade von Landesinneren in Richtung polnische-deutsche Grenze. (486)

Die Maßnahmen stellen damit den Beginn von Polens Mobilmachung dar, und zwar bevor Hitler im April [1939] erstmals der Wehrmacht einen Auftrag gibt, mit der Planung des Angriffs gegen Polen zu beginnen. (487)

Sehr zum Nachteil Polens wendet sich Adolf Hitler nun von seiner bisherigen kleinen Danzig-Lösung ab und hin zu einer großen Polen-Lösung. (...) er bezieht Polen von jetzt an in seine bis dahin nur vagen Vorstellungen vom Lebensraum im Osten ein. In diesem bis dato nicht konkretisierten Lebensraumkonzept ist Polen in Hitlers Wunschvorstellung bis zum Mai ein möglicher Teilhaber gewesen. Nun wird Polen Opfer. Hitler spricht das in seiner Rede vor den Spitzengeneralen am 23. Mai 1939 erstmals an. (490)

Einen Tag und fünf Stunden nachdem der vorgeschlagene und erwartete Termin für den Beginn neuer Gespräche ergebnislos verstrichen ist, marschiert die Wehrmacht in Polen ein. (492)

Die polnische Regierung hat 1939 durchaus eine andere Wahl gehabt. Sie hat die Chance zu einem Bündnis mit dem Deutschen Reich gehabt, ohne dafür eigene Territorien opfern zu müssen. Danzig, um das es geht, ist schließlich nicht ein Teil des Staates Polen. (...)
Polen ist 1939 selbst eine Diktatur wie Deutschland, in der Menschenrechte der Minderheiten so wenig gelten, wie die Menschenrechte der Juden und der Andersdenkenden in Deutschland. (494)

Großbritannien überlässt die Republik Polen - als es ernst wird - faktisch erst den Deutschen und dann der Sowjetunion. Nach knapp zwei Jahrzehnten neuer Souveränität steht Polen im August 1939 auf dem Scherbenhaufen seiner Außenpolitik, drei Wochen später ist es selbst ein Scherbenhaufen. (496)

Die Regime Polens und des deutschen Reichs sind sich zu der Zeit in ihrer nationalen Selbstbezogenheit, in ihren autoritären Herrschaftsformen, in ihrer Ablehnung des Parlamentarismus, in ihrem Antikommunismus und bedauerlicherweise auch in ihrem Antisemitismus ziemlich nahe. (498)

Im Sommer [1939] verschärfen sich die Spannungen zwischen dem Reich und Polen in immer höherem Tempo und weiterer Dramatik. (...)
In Galizien läuft eine Verhaftungswelle gegen ukrainische Personen. Illoyale und staatsfeindliche Deutsche werden zu Tausenden nach Innerpolen transportiert und in Lagern konzentriert. Polnische Betrieb entlassen massenweise Arbeit mit deutscher Muttersprache. (...)
In vielen Städten boykottiert man deutsche Läden. (...)
In Oberschlesien schließt Polen den kleinen Grenzverkehr, und zehntausende deutscher Pendler sind von ihren Arbeitsplätzen abgeschnitten. (...)
Die Demonstrationen der Danziger für ihre Wiedervereinigung mit Deutschland wollen nicht mehr enden. Im Juli und August setzt eine Flüchtlingswelle von Volksdeutschen nach Deutschland ein, die sich, wie kurz vor dem Bau der Mauer 1961 in Berlin, von Tag zu Tag verstärkt. (507)

Mit der Sowjetunion im Gegenlager hätte Hitler den Schlag gegen Polen nach eigenem Bekunden nicht gewagt. Doch als die Sowjets etwa um den 20. August herum zur deutschen Seite einschwenken, uns als es Hitler und von Ribbentrop gelingt, am 23. August einen Nichtangriffspakt mit Stalin und Molotow zu schließen , steht für Hitler auch das Datum eines Angriffs gegen Polen für den Fall fest, dass Warschau in der Danzig-Frage unnachgiebig bleibt. (508)

So gehört es zu den Aufgaben des Völkerbundes, sowohl den Frieden durch schiedsgerichtliche Beilegung internationaler Konflikte zu bewahren als auch als Mandatsmacht über die Unabhängigkeit und Unversehrtheit der von Deutschland abgetrennten Mandatsgebiete zu wachen, u.a. über die Freie Stadt Danzig. (...)
Der eigentliche Souverän in Danzig ist fortan der Völkerbund in Genf. (511)

(...) der Instanzenzug des Völkerbundes, zwischen 1922 und 1933 in 106 Fällen mit Streitigkeiten zwischen dem Senat der Stadt [Danzig] und der polnischen Regierung zu befassen hat. (512)

Im Klartext heißt das für die polnische Regierung, dass Roosevelt keine Wiedervereinigung Danzigs mit dem Deutschen Reich wünscht, und das in einem Krieg um Danzig nicht nur die Briten und Franzosen, sondern auch die Amerikaner auf Polens Seite stünden. (518)

Frankreich bedient sich 1939 der Polen für seine eigenen nationalen Interessen. Paris sieht in einem weiteren Krieg die Chance, Deutschland erneut auf Versailles-Niveau zurückzustutzen und es für die Tschechei-Besetzung zu bestrafen. (...)
Am 1. September 1939 tritt die Wehrmacht gegen Polen an. Am 3. September erklärt Paris Berlin den Krieg. Frankreich bricht sein Versprechen, führt keine Offensive gegen Deutschland und lässt die Polen untergehen. (524)

Es ist interessant, hier zu vermerken, dass sich die Siegermächte nach dem Kriege vor Beginn des Nürnberger Militärtribunals darauf verständigen, dass die Einkreisung Deutschlands vor dem Krieg nicht zum Gegenstand einer Verteidigung der Angeklagten im Prozess werden darf. (530)

Am 7. April 1939 erregt ein völlig anderes Ereignis die Gemüter in Europa und in dne USA: Italien greift Albanien an. Am 13. April reagieren Frankreich und England mit einer gemeinsamen Garantie für die Unabhängigkeit Griechenlands und Rumäniens. A. 15. April folgt US-Präsident Roosevelt (...). (530)

[Geheimes Zusatzprotokoll, als Ergänzung zum Beistandsabkommen] (...) erkennbar, dass England zuförderst Deutschlands Machtzuwachs ein Ende setzen und nicht in erster Linie Polen schützen will. Als die Rote Armee am 17. September 1939 nach Polen einmarschiert und Ostpreußen annektiert, nimmt die britische Regierung dies auch ohne Konsequenzen zur Kenntnis. (535)

Russlands Nahziel ist, die 1921 von Polen eroberten weißrussischen und ukrainischen Gebiete östlich der Curzon-Linie wiederzugewinnen. Das Fernziel ist, den Marxismus nach Westeuropa auszubreiten. Der Weg zu beiden Zielen führt immer quer durch Polen. (536)

So schleppen sich die die französisch-englisch-sowjetischen Verhandlungen bis zum 21. August hin und werden erfolglos abgebrochen. Für Stalin ist nun die zweite Lösung zum Erwerb Ostpolens offen: Der Pakt mit Hitler. (539)

[Stalin am 19. August 1939] Die Erfahrung der letzten 20 Jahre zeigt, dass es in Friedenszeiten unmöglich ist, in Europa eine kommunistische Bewegung zu haben, die so stark wäre, dass die bolschewistische Partei die Macht erobern könnte. Die Diktatur dieser Partei wird erst als Resultat eines großen Krieges möglich sein. (...) Genossen! Es liegt im Interesse der UDSSR, der Heimat der Werktätigen, dass ein Krieg zwischen dem Reich und dem kapitalistischen englisch-französischen Block ausbricht. (548)

Die deutsch-sowjetische Einigung, so schnell nach dem Scheitern der vorausgegangen französisch-englisch-sowjetischen Verhandlungen, ist eine Sensation für ganz Europa, ein Schock für Großbritannien und Frankreich und dennoch für Polen kein Anlass, in der Danzig-Frage auf Deutschland zuzugehen. (550)

Mit dem Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts und des daran geknüpften deutsch-sowjetischen Interessensausgleichs verschiebt sich mit einem Schlag das Gleichgewicht der Kräfte in Europa. (552)

Stalin kommt trotz seiner weit gediehenen Angriffsvorbereitungen gegen Deutschland im Herbst 1941 nur deshalb nicht zum Zuge, weil Hitler seinen Feldzug gegen die Sowjetunion ein paar Wochen früher startet. (555)

In der letzten Woche vor dem Kriegsausbruch versuchen polnische Flak-Batterien noch ein paar Mal, Passagiermaschinen der Deutschen Lufthansa auf ihrem Flug von Berlin nach Königsberg über der Ostsee abzuschießen. Es kommt zu zahlreichen Schießereien an den Grenzübergängen zwischen polnischen und deutschen Zollbeamten und Soldaten, wobei es viele Tote gibt. Das Abfackeln deutscher Bauernhöfe im polnischen Grenzland geht unvermindert weiter. (562)

Am 31. August, dem Tag vor Kriegsbeginn, ermordet Polen in Krakau auch noch den dort tätigen deutschen Konsul. Die deutsch-polnische Grenze steht im August 1939 auch ohne Krieg in Flammen. (563)

[Sebastian Haffner, 1978: Anmerkungen zu Hitler]
Die Liste Hitlerscher Leistungen ist inzwischen lang und respektabel. Man hält ihm ein Wirtschaftswunder ohne Inflation inmitten einer anhaltenden weltweiten Depression zugute. Aus schreiender Not und Massenelend, (...), war allgemein ein bescheiden-behaglicher Wohlstand geworden. die Versailler Strafauflagen sind weitgehend außer Kraft gesetzt. Das Saarland und das Memelland gehören wieder zum Reich, ebenso die Österreicher, die den Anschluss in zwei Volksabstimmungen selbst gefordert hatte, und die Sudetendeutschen. Krieg hat es deswegen wunderbarerweise nicht gegeben. So ist die deutsche Bevölkerung, was die Hitlersche Regierungszeit bis Kriegsbeginn betrifft, erfolgsverwöhnt und voll Vertrauen. Die Negativseite der Bilanz mit der Verfolgung politisch Andersdenkender und mit dem Verbrechen gegen Minderheiten fremder Abstammung tritt nicht so klar zu Tage und wird als nicht so schwer bewertet, dass sie die Erfolge und das Vertrauen schmälert. (563)

Die Bedingungen der Friedensschlüsse sind 1815 mit Frankreich, 1866 mit Österreich und 1872 wiederum mit Frankreich ausgehandelt worden und nicht diktiert. Keines der unterlegenen Länder ist je entwaffnet und ausgeplündert worden. Keinem ist nachträglich die Alleinschuld am Kriegsausbruch wie ein Urteilsspruch zudiktiert worden. (565)

[Polnischer Kriegsminister am 15. Mai 1939 während französisch-polnischern Militärverhandlungen]
Wir haben keine Befestigungen, denn wir gedenken einen Bewegungskrieg zu führen und gleich zu Beginn der Operation in Deutschland einzufallen. (567)

So glaubt in Polen die Mehrzahl der Offiziere, Diplomaten, Politiker und Medienmitarbeiter am Tag vor Kriegsbeginn eher an den Einzug polnischer Truppen in Berlin als an die baldige Eroberung der Hauptstadt Warschau durch die Wehrmacht. (570)

[Hitler in einem Telegramm im August 1939 an den französischen Ministerpräsidenten]
Ich hege keiner Feindschaft gegen Frankreich. ich habe persönlich auf Elsaß-Lothringen verzichtet, und ich habe die deutsch-französische Grenze anerkannt. Ich will keinen Konflikt mit Ihrem Lande, und ich wünsche nur gute Beziehungen zu ihm zu unterhalten. Daher ist der Gedanke, dass ich wegen Polen Frankreich bekämpfen müsste, sehr hart für mich. Nun, die polnische Herausforderungen habe für das Reich eine Lage herbeigeführt, die nicht andauernd kann. ... Ich werde Frankreich nicht angreifen. Doch wenn es an dem Konflikt teilnimmt, werde ich bis ans Ende gehen. (577)

Die Einladungen und Einlasskarten zu dieser Großveranstaltung [Reichsparteitag] vom 2. bis 11. September [1939] werden bereits seit Anfang August verschickt, und die Vorbereitungen in Nürnberg laufen seitdem auf vollen Touren. Bis heute weigert sich die Führung der NSDAP, und weigert sich auch Hitler, von einem Krieg in der nächsten Woche auszugehen. Der Reichsparteitag wird erst morgen, am 26. August, vorläufig abgesagt. (588)

Der französische Botschafter und der englische, die unbedingt verhindern wollen, dass der Krieg im letzten Moment doch noch von Polen provoziert wird, protestieren sofort im polnischen Außenministerium gegen den Beschluss, öffentlich mobil zu machen. In Paris und London erwartet man jetzt Verhandlungen und nicht Eskalation aus Warschau. (603)

Nichts lässt in allen deutschen Vorschlägen darauf schließen (...), dass Hitler insgeheim doch Krieg mit Polen anstrebt, um Lebensraum im Osten für Deutschland zu erobern.
Dieser letzte deutsche Vorschlag vor Kriegsausbruch ist so ausgelegt, dass er sowohl die unglückliche, in Versailles verfügte Abtrennung Ostpreußens vom Deutschen Reich beendet, als auch den freien Zugang Polens zur Ostsee sicherstellt. (607)

Anstelle eines polnischen Unterhändler trifft um 17:30 Uhr die Nachricht aus der deutschen Botschaft in Warschau ein, dass seit heute morgen in ganz Polen Generalmobilmachung öffentlich bekanntgegeben wird. (608)

Die Abendausgabe des DAILY TELEGRAPH wird beschlagnahmt. Ein Nachdruck, der als Spätausgabe kommt, lässt die Generalmobilmachung in Polen unerwähnt. Nichts in dieser schweren Krise soll Englands Lesern Zweifel kommen lassen. (622)

Im 20. Jahrhundert sind Kriegserklärungen auch durchaus nicht mehr die allgemeine Regel. Japan zum Beispiel eröffnet 1904 den russisch-japanischen Krieg ohne Kriegserklärung gegen Russland. Die USA greifen 1914 Mexiko ohne Kriegserklärung an. Polen tut 1920 das gleich gegenüber der Sowjetunion. Die USA steigen ohne eine Kriegserklärung in den Vietnamkrieg ein. Die NATO-Staaten eröffnen ihre Luftangriffe 1999 gegen Jugoslawien ebenfalls ohne eine Kriegserklärung. Auch Hitler beginnt den Krieg nach sechs Monaten fruchtloser Gesprächsversuche mit der polnischen Regierung ohne Kriegserklärung. (623)

Als Dr. Heesse 1946 im Nürnberger Prozess als Zeuge der Verteidigung über dieses Hitler-Angebot aussagen soll, erklärt das Gericht zunächst, ihn vernehmen lassen zu wollen, was es dann aber unterlässt. Auch der Teil der Akte des deutschen Auswärtigen Amtes, der Hitlers Angebot [vom 2. Kriegstag] enthalten müsse, ist verschwunden. (...) Das Angebot selbst ist nur noch durch Hesses Niederschrift von 1955 überliefert. Er behauptet, von Ribbentrob habe ihm den Auftrag gegeben, im ausdrücklichen Auftrag Hitlers Verbindung zu Horace Wilson [einer der engsten Mitarbeiter des Premierministers] aufzunehmen und ihm folgendes mitzuteilen:
Der Führer ist bereit, aus Polen wieder herauszugehen und Schadensersatz für den bereits angerichteten Schaden anzubieten unter der Voraussetzung, dass wir Danzig und die Straße durch den Korridor erhalten, wenn England im deutsch-polnischen Konflikt die Vermittlung übernimmt. (625)

Am 5. September befiehlt das polnische Oberkommando der in Nordwestpolen eingesetzten Armee Rudnicki, vor den deutschen Truppen auszuweichen, dabei die Nahrungsmittel im aufgegebenen Landstrich zu vernichten und dem Feind verödetes, zerstörtes Land zurückzulassen. Hier wird zum ersten Mal im Zweiten Weltkrieg von einer Kriegspartei "verbrannte Erde" praktiziert. (628)

Am 12. September tagt erstmals in diesem Krieg der Oberst Alliierte Kriegsrat der Briten und Franzosen und beschließt, die französische Offensive an der Saar - die noch gar nicht richtig angelaufen ist - einzustellen und die Polen sich selbst zu überlassen. Ebenfalls am 12. September äußert sich Hitler erneut über seiner Forderungen, falls Polen ihn um einen Waffenstillstand bitten sollte. (...)
Am 13. September ist Warschau von deutschen Truppen eingeschlossen, und am selben Tat titelt EXPRESS PORANNY mit der Schlagzeile "Deutsche Offensive in Polen zusammengebrochen. (...)
Am 17. September setzt sich die polnische Regierung samt Präsident Mocicki und Oberbefehlshaber Rydz-Smigly nach Rumänien ab, und die Rote Armee der Sowjetunion tritt - ebenfalls ohne Kriegserklärung - von Osten her zum Angriff gegen Polen an. Sie holt ihr ehemaliges Territorium, das ihr nach dem Ersten Weltkrieg durch den Höchsten Alliierten Rat der Sieger zugesprochen worden war, zurück. (629)

Am 29. September fällt die Hautstadt Warschau. Der dortige französische Botschafter Noel berichtet, dass die deutsche Truppe den geschlagenen polnischen Offizieren aus Warschau ihre Degen lässt - ein Zeichen ritterlicher Achtung gegenüber den Besiegten - und dass sie den Unteroffizieren und Mannschaften erlauft, frei in ihre Häuser zurückzukehren. Polen hat verloren. Paris und Londons sind in den vier Wochen der Eroberung Polens durch die deutsche Wehrmacht und die Rote Armee der Sowjetunion weder ernstlich militärisch gegen Deutschland vorgegangen, noch haben sie der Sowjetunion den Krieg erklärt. (631)

SCHLUSSBETRACHTUNG

Der Erste Weltkrieg, (...), bringt England reiche Ernte. Es erwirbt die Herrschaft über Deutschlands Kolonien und die deutschen Erdölkonzessionen im Irak. (636)

Und Englands Erklärung, für die Demokratie zu kämpfen uns seine Forderung, den deutschen Kaiser und die Fürsten abzusetzen, wirkt für ein Land, das das gleiche Wahlrecht knapp 50 Jahre nach dem Deutschen Reich einführt und das sich selbst von Fürsten, Herzögen und Königen regieren lässt, absurd. (...)
Die in Versailles vorgenommene Eingliederung des Siedlungsraumes von fast fünf Millionen Deutschen in die neugeschaffenen Staaten Polen und der Tschechen und Slowaken und die Danzig-Pomerellen-Konstruktion sind dazu angelegt, die Deutschen, die Tschechen und die Polen miteinander zu beschäftigen und sie im Streit zu halten. (637)

Seit den Tagen König Ludwig XIII. und seines ersten Ministers Kardinal Richelieu - beginnend mit der Eroberung Lothringens seit dem Jahre 1633 - ist es das Ziel aller französischen Regierungen gewesen, die Ostgrenze Frankreichs zum Rhein hin vorzuschieben. (...)
1917 - noch im Krieg - lässt sich die französische Regierung in einem Geheimvertrag von den Russen das deutsche Saargebiet zusprechen. (643)

Russland erleidet zum Ende des verlorenen [Ersten Welt-]Krieges viele Landverluste, ähnlich Deutschland, Österreich-Ungarn und dem Reiche der Osmanen. Finnland, die drei Baltenstaaten und große Teile Weißrusslands und der Ukraine werden souveräne Staaten oder polnische Gebiete. So wohnt der neuen Sowjetunion ein Antrieb inne, sich Gebiete wieder anzueignen, die im alten Zarenreich unter Russlands Krone standen. (...)
Auch die Finnen, die Balten und die Bessarabier werdne 1940 mit der indirekten Hilfe Deutschlands wieder russisch. (650)

Peter der Große hat damit begonnen, Russland zu einer Seemacht auszubauen. Über ein Jahrhundert sind die Expansionsinteressen des Zarenreichs gegen die Interessen der Japaner in Fernost, der Briten im Mittleren Osten und der Osmanen am Ausgang des Schwarzen Meeres gestoßen. Der Drang zu größere Weite und zum Handel auf den Meeren hat in Russland eine lange Tradition. (651)

Die sowjetische Führung versucht kein einziges Mal, bei den Differenzen zwischen den Deutschen und den Polen zu vermitteln und damit dem Frieden eine Chance zu geben. Stalin setzt von Anfang an auf einen Krieg, von dem er annimmt, dass er die territoriale Ordnung Osteuropas zum Vorteil der Sowjetunion verändert. (652)

Amerika, das hoch verschuldet in den Ersten Weltkrieg geht, steht nach dem Krieg als der größte Gläubigerstaat der Welt da. (...)
Wenn Deutschland über die verbliebenen Gegner siegen sollte, wären alle Außenstände und Kredite in Frankreich und England verlorene Geschäfte, und die USA wären nach dem Krieg der Europäer noch ärmer als zuvor. (...)
Die USA haben so zum eigenen Vorteil in den europäischen Krieg eingegriffen, in dem alle streitenden Parteien bereits erschöpft und nicht mehr fern von einem Verhandlungsfrieden auf Augenhöhe waren. Ohne dieses Eingreifen wäre es weder zu Versailles noch zum Nationalsozialismus, noch zu einem Hitler als Reichskanzler, noch zum Zweiten Weltkrieg gekommen. (653)

Der große Krieg, der zwischen 1939 und 1945 ausgetragen wird, hat seine mitteleuropäisch-deutsche, seine mediterran-italienische und seine pazifisch-japanische Dimension. (...)
Zur von den Siegern ausgesäten Zwietracht gehören außerdem noch 21 Millionen von ihren Heimatländern abgetrennte und fremden, ungeliebten Völkern unterstellte Deutsche, Österreicher, Ungarn, Weißrussen, Ukrainer, Litauer, Bosniaken, Slowenen und Albaner. (659)

Hitler, der mit dem geplanten neuerlichen Pakt mit Stalin eigentlich Großbritannien zu einem schon mehrfach angebotenen Frieden bringen wollte, sah sich plötzlich der Gefahr einer britisch-russischen Zange ausgesetzt. (...) Erst angesichts dieser neuen Gefahr beschloss Hitler den Angriff gegen die Sowjetunion. Der später so brutal geführte Krieg in der Sowjetunion, entsprang dieser Situation vom Oktober 1940. Von seiner Entstehung her gesehen, hatte auch der Krieg gegen die Sowjetunion zunächst nichts mit Hitlers Lebensraum-Vorstellung oder mit einem großen Plan zu tun. (670)