München 2011 (Heyne)
(...) Voltaire resignierte schon im 18. Jahrhundert: Je häufiger eine Dummheit wiederholt wird, desto mehr bekommt sie den Anschein von Klugheit. (129)
Das Land NRW hatte im Jahr davor in der Tat 2200 neue Vollzeitkräfte eingestellt, aber im gleichen Jahr waren 2500 ausgeschieden. Es ist also ratsam, das Eigenlob von Politikern auch dann zu überprüfen, wenn sie scheinbar unwiderlegbare Zahlen nennen. (17)
(...) meiner Zeit als Statistiker bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. (18)
1960 lag die durchschnittliche Liegedauer in westdeutschen Krankenhäusern bei 28,7 Tagen, 2004 nur noch bei 8,7 Tagen (20)
1995 bis 2007 ist die Entwicklung der Bruttolöhne und -gehälter in Deutschland gegenüber dem Durchschnitt der anderen Euro-Länder um 10 Prozent zurückgeblieben. Im privaten Dienstleistungssektor zum Beispiel lagen die Arbeitskosten 2007 in Deutschland bei 24,50 Euro pro Stunde damit ganz nah beim Durchschnitt der Eurozone, weit unter dem Niveau in Dänemark, Belgien, Frankreich und Holland. (22-23)
In der Fachsprache nennt man diese Form der Manipulation eine unvollständige oder abgeschnittene y-Achse. (33)
Wie deutlich sichtbar, haben die Gestalter der ursprünglichen Grafik ein Alpenmassiv zu einem Einzelgipfel zusammenschrumpfen lassen, dessen tief gezogene rechte Flanke auf beruhigende Weise Beherrschbarkeit signalisiert. (36)
Manipulationen an der x-Achse betreffen meist den Zeitablauf. (...) Die Drei-Jahres-Abschnitte zwischen 1994 und 2000 sind dabei genauso breit dargestellt wie die Fünf-Jahres-Abschnitte danach. (39)
Die nach oben weisende Pfeilspitze ist eine typische Seehilfe, die auch dem letzten Zauderer klarmachen soll, welche Wertentwicklung die Briefmarken (...) unweigerlich erzielen werden. (43)
Gerne lässt man den letzten großen Wert einer nicht gewünschten Entwicklung aus dem Rahmen der Grafik hinaustreten, um die Botschaft zu verbreiten, dass die Entwicklung den Rahmen aller Vernunft sprengt. (44)
Die Verwechslung von Ursache und Wirkung (...)
2004 fanden schwedische Forscher heraus, dass Kinder mit Asthma häufig in Haushalten leben, wo der Hausstaub überdurchschnittlich stark mit bestimmten chemischen Weichmachern (Phtalaten) belastet ist, die in PVC-Fußbodenbelägen enthalten sind. (...)
Der dänische Asthmatikerverband wies 2004 darauf hin, das es sich mit Ursache und Wirkung in diesem Fall auch umgekehrt verhalten könnte: Haushalte mit Kindern, die an Asthma leiden, statten ihre Wohnungen besonders häufig mit PVC-Fußbodenbelägen aus, um die Entstehung von Hausstaub zu verringern. (55)
Denn wer so denkt, wie wir es gerade geschildert haben, hat sich zumindest in drei der vier Fälle getäuscht, weil er etwas Wichtiges übersehen hat - den dritten Mann gewissermaßen. In drei Fällen gibt es eine Sache C, die die gemeinsame Ursache für die Sachen A und B ist. Statistiker nennen dieses C die (oft übersehene) Hintergrundvariable. (57)
Die Statistiker sprechen in diesem Fall von Äquivalenz: A ist die Ursache von B, aber zugleich ist B auch Ursache von A. (60)
Statistiker gehen bei ihren Untersuchungen oft von der Annahme aus, das zwei zufällig herausgegriffenen Variablen in 5 Prozent aller Fälle miteinander korreliert sind. (...) Deshalb können Sie, wenn Sie so wollen, aktiv nach Korrelationen suchen. (...)
Dann können Sie aus diesen zwanzig Variablen hundertneunzig Variablenpaare A und B bilden. Bei 5 Prozent Zufallskorrelationen sind das dann schon neun bis zehn zufällige, aber statistisch messbare Zusammenhänge. Suchen Sie einfach den merkwürdigsten heraus, zu den Ihnen eine logische Erklärung einfällt! (...) Fachleute nennen dieses unseriöse Verfahren Fishing for correlations. (...)
Man stellt dann immer wieder von Neuem fest, dass weltweit die Konjunktur anzieht, wenn in Japan die Röcke kürzer werden. (61-62)
Zunächst einmal aber zu den Hintergrundvariablen, (...).
1. das Alter: Kriminalität ist stärker ausgeprägt bei jungen Menschen. Unter den Migranten ist der Anteil der Jugendlichen überdurchschnittlich hoch, (...).
2. das Geschlecht: Die meisten Kriminellen sind männlich; (...).
(64)
Richtig ist, dass eine Prozentzahl, wenn man die absoluten Zahlen nicht kennt, einen Teil der Informationen verschweigt. 25 Prozent oder ein Viertel, das können 1 von 4 sein oder 8000 von 32000. (74)
Richtig wäre hier wider die relative Betrachtung, also: Wie viel Prozent unseres Wohlstands - meist gemessen als Bruttoinlandsprodukt (BIP) - entfallen auf staatliche Sozialausgaben? (81)
Trotz deutlich gestiegener Arbeitslosigkeit liegt die Sozialquote fast konstant bei etwa 30 Prozent. (...) Wenn die sozialen Probleme größer werden, wird für die Bewältigung aber einen stagnierenden Anteil des BIP ausgeben, müsste man da nicht eher von einem Abbau des Sozialstaates sprechen als von Wildwuchs. (82)
Bei einer Bundestagswahl können wir das Ergebnis der Partei "Große Klappe" mit 40 Prozent, aber fast genauso richtig auch mit 28 % angeben, zumindest bei einer Wahlbeteiligung von 70 %. Die Erklärung am einfachsten mit Zahlen: Gäbe es 100 Millionen Wahlberechtigte, von denen 70 Millionen zur Wahl gingen und 28 Millionen die "Große Klappe" wählten, so ergäben sich, bezogen die die Zahl der Wahlberechtigten, 28 Prozent, bezogen auf die Zahl der tatsächlichen Wähler aber 40 Prozent. Nach dem unseres Wissens in allen Ländern üblichen Verfahren werden die Prozentanteil der Parteien (...) oder Kandidaten immer auf die Zahl der tatsächlich abgegebenen, gültigen Stimmen bezogen. (...) Dennoch sollte man sich ab und zu klarmachen, wie wenig Wahlberechtigte den großen Wahlgewinner wirklich gewählt haben. (86)
Viele Journalisten neigen leider dazu, die Frage Prozent wovon? gar nicht erst zu stellen. sie behandeln Prozentzahlen so, als wäre Prozent eine Maßeinheit wie Zentimeter. (92)
(...) wen die Krankenkassenbeiträge von 14,9 auf 15,5 Prozent (der Bruttoeinkommen) steigen. Sie steigen dann nicht, wie so mancher Wirtschaftsredakteur zu schreiben pflegt, um 0,6 Prozent, sondern um 0,6 Prozentpunkte. Die Steigerungsrate ist vielmehr mit rund 4 Prozent deutlich höher. (93)
Vorsortierte Stichproben (95ff)
Es ist eine bittere Wahrheit, dass Schlüsse aus zu kleinen oder einseitig gewählten Stichproben hinter vielem stecken, was wir lesen oder zu wissen glauben. (99)
Aus ähnlichen Gründen spiegeln die meisten Internet-Umfragen zu aktuellen Streitfragen ein verzerrtes Meinungsbild wieder: In der Regel finden überwiegend jüngere, gebildete Leute die entsprechenden Seiten im Internet, und von denen beteiligen sich vor allem die, denen die jeweilige Streitfrage besonders wichtig ist. (107)
Deshalb wenden die Meinungsforscher Korrekturverfahren an, um die Stichprobenergebnisse zu glätten und dem beobachteten Zeittrend anzupassen. Das Ergebnis bezeichnen sie als gewichtete Zahlen. (120)
Solange die Meinungsforschungsinstitute ihre Gewichtungskriterien im Dunkeln lassen, können wir von außen nicht beurteilen, welche dieser Erklärungen am plausibelsten ist. (122)
Wenn wir solche Voraussagen für die Zukunft treffen, gehen wir meistens davon aus, dass Dinge, die in der Vergangenheit geklappt haben, auch in Zukunft gelingen werden. Wir sehen als einen Trend, eine bestimmte regelmäßige Entwicklung, und verlängern sie in die Zukunft. Die Erfahrung hat uns gelehrt, das das meistens stimmt. Allerdings nur dann, wir uns auf Voraussagen für einen kurzen Zeitraum beschränken (...). Sobald wir wesentlich längere Zeiträume ins Auge fassen, lässt die Zuverlässigkeit unserer Prognosen rapide nach - (...). (131)
Wenn ein Strukturbruch eintritt, taugen Prognosen fast nichts mehr. (132)
Oft sind die Prognosen selbst Faktoren der Entwicklung, die sie beobachten. die Prognose selbst beeinflusst also die zukünftige Entwicklung.
Die häufigste Form der Prognose ist die simple Trendextrapolation, (...). (137)
Die Spekulationen auf dem internationalen Finanzmarkt werden fast ausschließlich von Zukunftserwartungen der Investoren angetrieben. Es liegt als nahe, diese mit geschickt gestreuten Prognosen im Sinne bestimmter Akteure zu beeinflussen. (140)
Wir hoffen, Sie verstehen jetzt unserer Skepsis gegenüber dem öffentlichen Umgang mit Langfristprognosen. Meist lenken sie von heutigen Problemen ab oder verstecken aktuelle, kurzfristige Interessen im Nebel einer angeblichen Schau in die Zukunft. (143)
Die Tücke liegt eben nicht im Detail, sonder im groben Überblick. Haben sie zusammengefasste Daten von recht unterschiedlichen Gruppen vor sich, müssen Sie immer Vorsicht walten lassen. (...) Ähnlich wie beim Will-Rogers-Phänomen verdeckt die Zusammenfassung das, was im Einzelnen wirklich geschieht. (158)