Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze

Veröffentlicht von

Gespräche im Umkreis der Atomphysik - München/Berlin 1969 (Piper)

Solche Gespräche bilden den Hauptinhalt des Buches. An ihnen soll deutlich gemacht werden, dass Wissenschaft im Gespräch entsteht. (7)

(...) wie das Zusammenwirken sehr verschiedener Menschen schließlich zu wissenschaftlichen Ergebnissen von großer Tragweite führt. (8)

Dabei ging für mich von der Vorstellung, dass man bei den kleinsten Teilen der Materie schließlich auf mathematische Formen stoßen sollte, eine gewisse Faszination aus. (17)

Denn ich hatte ja längst aus meinen Erfahrungen in Münchner Bürgerkrieg gelernt, dass man ein politische Richtung nie nach den Zielen beurteilen dar, die sie laut verkündet und vielleicht auch wirklich anstrebt, sonder nur nach den Mitteln, die sie zu ihrer Verwirklichung einsetzt. (58)

Sondern das schwerste an dieser Entdeckungsfahrt [Kolumbus] war sicher der Entschluss, alles bis dahin bekannte Land zu verlassen und so weit nach Westen zu segeln, dass mit den vorhandenen Vorräten eine Umkehr nicht mehr möglich war.
In ähnlicher Weise kann wirkliches Neuland in seiner Wissenschaft wohl nur gewonnen werden, wenn man an einer entscheidenden Stelle bereit ist, den Grund zu verlassen, auf dem die bisherige Wissenschaft ruht, und gewissermaßen ins Leer zu springen. Einstein hatte ein seiner Relativitätstheorie jenen Begriff der Gleichzeitigkeit aufgegeben, der zu den festen Grundlagen der früheren Physik gehört hatte, (...).
Wenn wirkliches Neuland betreten wird, kann es aber vorkommen, dass nicht nur neue Inhalte aufzunehmen sind, sondern dass sich die Struktur des Denkens ändern muss, wenn man das Neue verstehen will. Dazu sind offenbar viele nicht bereit und nicht in der Lage. (88)

Erst die Theorie entscheidet darüber, was man beobachten kann. [Einstein, zitiert nach Heisenberg] (96)

Die richtige Frage musst also lauten: Kann man in der Quantenmechanik eine Situation darstellen, in der sich ein Elektron ungefähr - das heißt mit einer gewissen Ungenauigkeit - an einem gegebenen Ort befindet und dabei ungefähr - das heißt wieder mit einer gewissen Ungenauigkeit - eine vorgegebene Geschwindigkeit besitzt, und kann man diese Ungenauigkeit so gering machen, dass man nicht in Schwierigkeiten mit dem Experiment gerät? (97)

Einstein war nicht bereit, den grundsätzlich statistischen Charakter der neuen Quantentheorie zu akzeptieren. (99)

Die relativistische Beschreibung ist aber doch insofern objektiv, als ja jeder Beobachter durch Umrechnung ermitteln kann, was der andere Beobachter wahrnehmen wird oder wahrgenommen hat. (...)
Aber die Prognose über das zukünftige Geschehen kann nicht ohne Bezugnahme auf den Beobachter oder das Beobachtungsmittel ausgesprochen werden. Insofern enthält in der heutigen Naturwissenschaft jeder physikalische Sachverhalt objektive und subjektive Züge. (108)

In der Mathematik können wir uns vom Inhalt der Behauptungen innerlich distanzieren. [Niels Bohr]. (110)

Es gibt bekanntlich biologische Zusammenhänge, die wir ihrem Wesen nach nicht kausal, sondern finalistisch, das heißt in Bezug auf ihr Ziel, beschreiben. (...)
Die finalistische Interpretation steht in einem typischen komplementären Verhältnis zu der Beschreibung nach den bekannten physikalisch-chemischen oder atomphysikalischen Gesetzen; (...)
Die beiden Beschreibungsweisen [final/kausal] schließen einander aus, aber sie stehen nicht notwendig im Widerspruch. (112)

Mit dem Grad von Genauigkeit, mit dem sich Erscheinungen mit sich Erscheinungen mit den Newtonschen Begriffen beschreiben lassen, gelten auch die Newtonschen Gesetze. (...) Dass der Messgenauigkeit eine prinzipielle Grenze gesetzt ist, so wie es in der Unbestimmtheitsrelation formuliert wird, das ist allerdings eine neue Erfahrung, die man erst im atomaren Bereich gemacht hat. (...)
Es genügt festzustellen, dass innerhalb der Messgenauigkeit die Newtonsche Mechanik wirklich gilt und auch in Zukunft gelten wird. (117)

Solange wir von einer scheinbar absoluten Zeit reden können, die vom Ort und vom Bewegungszustand des Beobachters unabhängig ist, solange wir es mit starren oder praktisch starren Körpern bestimmter Ausdehnung zu tun haben, so gelten auch die Newtonschen Gesetze. Aber wenn es sich um Vorgänge mit sehr hohen Geschwindigkeiten handelt, und wir dann sehr genau messen, so bemerken wir, dass die Begriffe der Newtonschen Mechanik nicht mehr recht auf die Erfahrung passen. Dass also zum Beispiel die Uhr eines bewegten Beobachters langsamer zu laufen scheint, als die eines ruhenden usw., und dann müssen wir zur relativistischen Mechanik übergehen. (18)

Niels pflegte zu sagen: Das Gegenteil einer richtigen Behauptung ist eine falsche Behauptung. Aber das Gegenteil einer tiefen Wahrheit kann wieder eine tiefe Wahrheit sein. (124)

Wir können nicht beobachten, ohne das zu beobachtende Phänomen zu stören, und die Quanteneffekte, die sich am Beobachtungsmittel auswirken, führen von selbst zu einer Unbestimmtheit in dem zu beobachtenden Phänomen. (126)

Jede Wahrnehmung bezieht sich auf eine Bobachtungssituation, die angegeben werden muss, wenn aus Wahrnehmung auch Erfahrung folgen soll. (...)
Aber wenn Kant die Anschauungsform Raum und Zeit und die Kategorie Kausalität als a priori zur Erfahrung bezeichnet, so begibt er sich damit in die Gefahr, sie gleichzeitig absolut zu setzen und zu behaupten, dass sie auch inhaltlich in beliebigen physikalischen Theorien der Erscheinungen in gleicher Form auftreten müssten. Dies ist aber nicht der Fall, wie durch Relativitätstheorie und Quantentheorie erwiesen wird. (146)

Wenn wir aus den atomaren Erscheinungen auf Gesetzmäßigkeiten schließen wollen, so stellt sich heraus, dass wir nicht mehr objektive Vorgänge in Raum und Zeit gesetzmäßig verknüpfen können, sondern - um einen vorsichtigeren Ausdruck zu gebrauchen - Beobachtungssituationen. Nur für diese erhalten wir empirische Gesetzmäßigkeiten. (147)

(...) Kant mit seinem a priori die Erkenntnissituation der damaligen Naturwissenschaft richtig analysiert habe, dass wir aber in der heutigen Atomphysik vor einer neuen Erkenntnissituation stünden, (....). (148)

Aber man muss sich doch gleichzeitig vor Augen halten, dass sich mit der historischen Entwicklung auch die Struktur des menschlichen Denkens ändert. Der Fortschritt der Wissenschaft vollzieht sich nicht nur dadurch, dass uns neue Tatsachen bekannt und verständlich werden, sondern auch dadurch, dass wir immer wieder neu lernen, was das Wort Verstehen bedeuten kann. (149)

[Niels Bohr] Naturwissenschaft besteht darin, dass man Phänomene beobachtet und das Ergebnis anderen mitteilt, damit sie es kontrollieren können. (155)

[Niels Bohr] Wenn Sie nicht zurücktreten und hier bleiben, haben Sie eine Aufgabe ganz anderer Art. Sie können die Katastrophe nicht aufhalten und müssen, um überleben zu können, sogar immer wieder irgendwelche Kompromisse schließen. Aber Sie können versuchen, mit anderen zusammen Inseln des Bestandes zu bilden. (179)

Ich meine, dass alle, die etwas ausrichten können und die nicht, zum Beispiel durch ihre Rasse, einfach gezwungen sind auszuwandern, versuchen sollten hierzubleiben und eine fernere Zukunft vorzubereiten. (...)
Aber in einer solchen entsetzlichen Situation, wie wir sie jetzt in Deutschland vorfinden, kann man nicht mehr richtig handeln. Bei jeder Entscheidung, die man zu treffen hat, beteiligt man sich an irgendeiner Art von Unrecht. (180)

So suchte ich im Frühjahr 1939 für meine Familie ein Landhaus im Gebirge, in das meine Frau und die Kinder flüchten könnten, wenn die Städte zerstört würden. Ich fand es in Urfeld am Walchensee, am Südhang etwas hundert Meter oberhalb jener Straße, auf der seinerzeit Wolfgang Pauli, Otto Laporte und ich als junge Menschen bei einer Radtour im Anblick des Karwendels über die Quantentheorie diskutiert hatten. Das Haus war im Besitz des Malers Lovis Corinth gewesen, und ich kannten den Blick von der Terrasse schon aus seinen Walchenseelandschaften, die mir gelegentlich in Ausstellungen begegnet waren. (199)

Aber die Vertreter der Wissenschaft haben in Deutschland eigentlich immer in hohem Ansehen gestanden, sie sind gehört worden, und ihre Art zu denken könte doch Einfluss auf viel weitere Kreise ausüben. (217)

Man wird hier, so führte Carl Friedrich die Gedanken weiter fort, wohl einen grundsätzlichen Unterschied machen müssen zwischen dem Entdecker und dem Erfinder. (230)

Es wird doch zum Beispiel immer wieder gesagt, dass die Quantentheorie unbefriedigend sei, weil sie nur eine dualistische Beschreibung der Natur mit den komplementären Begriffen Welle und Teilchen gestattete. Wer die Quantentheorie wirklich verstanden hat, würde aber gar nicht auf den Gedanken kommen, hier von einem Dualismus zu sprechen. (...)
Die Quantentheorie ist so ein wunderbares Beispiel dafür, das man einen Sachverhalt in völliger Klarheit verstanden haben kann und gleichzeitig doch weiß, dass man nur in Bildern und Gleichnissen von ihm reden kann. (246)

Ein Fachmann ist ein Mann, der einige der gröbsten Fehler kennt, die man in dem betreffenden Fach machen kann und der sie deshalb zu vermeiden versteht. (...)
Mir ist an dieser Stelle wichtig, dass man nicht versuchen darf, den Abgrund, in dem die Wahrheit wohnt, einfach wegzureden. Man dar es sich an keiner Stelle zu leicht machen. (247)

Für den Positivisten gibt es dann eine einfache Lösung: Die Welt ist einzuteilen in das, was man klar sagen kann, und das, worüber man schweigen muss. Also müsste man hier eben schweigen. Aber es gibt wohl keine unsinnigere Philosophie als diese. Denn man kann ja fast nichts klar sagen. Wenn man alles Unklare ausgemerzt hat, bleiben wahrscheinlich nur völlig uninteressante Tautologien übrig. (250)