Ullstein Buchverlag GmbH, Berlin 2016
Weltweit gibt es derzeit 65 Millionen Flüchtlinge (...). Aber nicht alle Flüchtlinge haben ihre Heimat verlassen: Fast zwei Drittel, 40,8 Millionen, hielten sich Ende 2015 innerhalb der Grenzen ihres Staates auf; (13)
Die Genfer Flüchtlingskonvention hat aber auch ihre blinden Flecke: Binnenflüchtlinge, die innerhalb eines Landes fliehen, werden von ihr gar nicht erfasst. Menschen, die vor Krieg oder kriegsähnlichen Zuständen über Grenzen fliehen, werden nicht per se unter Schutz gestellt, falls nicht mindestens einer der genannten individuellen Fluchtgründe vorliegt. Die vielen Menschen, die vor existentieller wirtschaftlicher Not fliehen, haben keinen Anspruch auf besonderen Schutz. (20)
Viele Europäer - und insbesondere Deutsche - glauben, ihre Länder trugen die Hauptlast der weltweiten Flüchtlingsbewegung. Aber auch wenn im Jahr 2015 mehr als eine Million Flüchtlinge den Weg nach Europa fanden: 86 Prozent der Flüchtlinge weltweit befinden sich in Staaten mit niedrigen bis mittleren Einkommen außerhalb von Europa. (22)
Weltweit ist die Türkei mit rund 2,5 Millionen Flüchtlingen das größte Aufnahmeland, gefolgt von Pakistan (1,6 Millionen Flüchtlinge) und dem Libanon (1,2 Millionen Flüchtlinge) (...)
Fast 14 Millionen Flüchtlinge lebten Ende 2015 ins sogenannten Entwicklungsländern gegenüber 2,2, Millionen Flüchtlinge in den Industriestaaten. (23)
Der Unterschied zwischen (erzwungener) Flucht und (freiwilliger) Migration, zwischen den guten Flüchtlingen, den politisch Verfolgten, und den schlechten, den sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen, wird der Realität nicht gerecht. (32)
Es ist Afrikas Zukunft, die den Kontinent verlässt.
Die meisten Flüchtlinge, die sich nach Europa aufmachen, entstammen der unteren Mittelschicht. In ihren Familien wird das Geld gesammelt, damit sich die gefährliche Reise aufnehmen können. Für die Angehörigen ist es eine Investition in die Zukunft. Einer der Ihren, der gesund und robust ist, wird auf den Weg geschickt. Schafft er es nach Europa, so ihre Spekulation, wird er von dem Geld, das er dort verdient, den Großteil nach Hause schicken - und auf diese Weise alle ernähren können. (33)
Im November 1884 lud der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck 13 europäische Staaten und das Osmanische Reich zu einer Konferenz in Berlin ein. (...) Es gab keinen einzigen afrikanischen Teilnehmer auf dieser Konferenz - die Afrikaner waren das Objekt, nicht das Subjekt dieser bis heute beispiellosen handstreichartigen Okkupation eines ganzen Kontinents. Afrika wurde als selbstverständlicher Besitz Europas angesehen - und ungeniert teilte Europa die Beute unter sich auf. (48-49)
So kam es, dass Äthiopien - neben Liberia, wohin die USA ab den 1820er Jahren freigelassene Sklaven zu schicken begonnen hatte - das einzige Land Afrikas blieb, das sich dem Zugriff der europäischen Kolonialmächte entziehen konnte. (50)
Die Massaker an den Herero sind als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingegangen. (52)
Vom Prinzip her war der Senegal ebenso eine französische Provinz wie etwa die Normandie. (...) Wohl nirgendwo sonst wüteten die europäischen Kolonialisten so hemmungslos und brutal wie die Belgier im Kongo. Leopold II. predigte die Zivilisation, aber er brachte dei Barbarei. (54)
Als ein großes Kulturvolk hat das deutsche Volk das Recht und die Pflicht, an der wissenschaftlichen Erforschung der Welt und an der Erziehung unentwickelter Rassen mitzuarbeiten, schrieb die deutsche Regierung im Mai 1919 an die Siegermächte. (62)
Als der britische Premier Winston Churchill 1941 von den USA direkte militärische Unterstützung und Waffen verlangte, knüpfte Roosevelt dies an zwei Bedingungen: Großbritannien sollte der Aufgabe seiner Kolonien zustimmen und die USA am Handel mit Rohstoffen teilhaben lassen. (63)
Zwischen 1946 und 1949, innerhalb von drei Jahren, wurden neben Indien auch Pakistan, Burma, Ceylon und Indonesien unabhängig. (64)
Die als erste kamen, gingen als Letzte: Portugal unter der Diktatur António Salazares sträubte sich mit aller Macht gegen die Unabhängigkeit seiner Kolonien(...). (67)
Man setzte auf Zentralregierungen, ohne sich bewusst zu sein, dass mit Ausnahme Somalias alle afrikanischen Länder multiethisch geprägt waren (...). (70)
Viele afrikanische Länder, wie etwas Zaire, Gabun und Kamerun, erzielten in den 1960er und 1970er Jahren jährliche Wachstumsraten von zehn Prozent und mehr. (71)
Die Wurzeln dieses Völkermords, der mehr als 800.000 Tutsis das Leben kostete, reichen zurück in die Zeit der Kolonialisierung. Als Belgien Ruanda übernahm, bevorzugten die Kolonialherrn, getreu dem Prinzip Teile und herrsche, einseitig die Tutsis, die sie aufgrund ihres Wohlstandes als höherwertigere Ethnie einstuften, wärend sie in den Huto eine niedere Rasse sahen. (80)
Mimestens fünf Prozent der gesamten Ackerfläche Afrikas haben in den letzten Jahren ihren Besitzer gewechselt, Verhandlungen über weitere zwanzig bis dreißig Prozent des verfügbaren Ackerlandes werden derzeit geführt. (106)
Die Konzerne suchen gezielt nach Staaten mit schlechter Regierungsführung und schwachen Institutionen, um ihre Geschäfte durchzusetzen. sie profitieren dabei von unklaren Besitzverhältnissen und eignen sich Ländereien an, die jahrhundertelang nach Gewohnheitsrecht bebaut wurden. (109)
Inzwischen befinden sich 23 Prozent des gesamten Ackerlandes im Sudan in ausländischen Besitz, in Mosambik sind es 28 Prozent, in Sierra Leone 40 Prozent; in Gabun sogar 85 Prozent. (110)