Yuri Herrera: DER KÖNIG, DIE SONNE, DER TOD

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Mexikanische Trilogie

Fischer Verlag, Frankfurt 2014

  • Abgesang des Königs

Allseits Schweigen. Ein verwahrlostes Haus, in dem keine Worte gewechselt wurden. Seine Eltern waren zwei Menschen, die im selben Winkel gestrandet waren und sich nicht zu sagen hatten. Deshalb stauten sich Lobo die Worte auf den Lippen, später in der Hand. Bei seinem Blitzbesuch in der Schule erahnte er die Harmonie der Buchstaben, den Rythmus, der sie zusammen- und auseinandertrieb. Es war eine stille Heldentat, denn die Schrift an der Tafel verschwamm ihm vor den Augen, der Lehrer hielt ihn für einen Esel, und so verschloss er sich in der Einsamkeit des Schulhefts. Nur aus eigenem Antrieb konnte er  noch erlernen, welche Gewohnheiten die Silben und Akzente regierten, bevor man ihm auf die Straße schickte, damit er seinen Unterhalt verdiente, Reime gegen Mitleid und Münzen feilbot. (16)

Die werden Ihnen gefallen, sagte der Journalist, wem die Wörter schmecken, der kann sich das genüsslich mit den Ohren besaufen. (36)

Dass er das Gift rüberschaffte, nach dem man drüben verlangte, na wenn schon? Sollten sie's haben. Sollten sie's nehmen. Was hatten die schon für die Guten getan? (46)

Über hundert Mal hatte man ihn beleidigt, aber diesmal fühlte er sich nicht gedemütigt, sondern herausgefordert, bestärkt. Er biss die Zähne zusammen und merkte auf einmal, dass er mit äußerster Klarheit denken konnte. Die Ablehnung der anderen definierte ihn. Zur Hölle, ordentlich weh sollte es tun, wenn er für sie sänge, aber lieber wollte der Künstler seinem Publikum in die Augen schauen, ihm die Knochen auf der Tanzfläche durchschütteln, für echte Menschen singen. (58)

Müdigkeit ware dem König anzumerken, aber auch eine geballte Kraft. Er lächelte, und sein Lächeln war eine schützende Umarmung, die dem Künstler sagte: Weshalb willst du den Scheißkerlen die Ohren überzuckern? Uns muss es passen, wie wir sind. Sollen sie erschrecken, sollen sich die Anständigen wundern, zeigen Sie's Ihnen. Wozu sind Sie Künstler?  (61)

Alle sind sie tot. Die anderen. Sie verhusten, verspucken, verschwitzen ihren fauligen Tod voll eitlem Selbstbetrug, als schissen sie Diamanten. Sie lächeln mit gebleckten Zähnen wie Kadaver: wie Kadaver kalkulieren sie, dass ihnen nichts Böses widerfahren kann. (62)

Es hatte viel Mühe gekostet, an dem Lied zu feilen, vor allem am letzten Teil, wo den Kerlen nichts übrigblieb, als Schluss zu machen. Aber jetzt wurde es, und als es so weit war, blieb er auf der Dachterrasse stehen, schaute in die Runde, und das glühende Königreich fuhr ihm in die Augen, der Rutenhieb des endlosen Sandes, dann die Akazien, der Himmel, der unaufhörlich in alle Richtungen gleichzeitig galoppierte, auf der eine Seite noch blau, auf der anderen in flammenden Rosa, und er dachte: Wohin der Blick reicht, reicht auch der König und mit ihm mein Wort, und er fügte hinzu, wie flüsternd gedacht: Schweinehunde. (65)

Als gäbe es kein Recht auf Schönheit, dachte er und dachte weiter, dass man die Stadt von unten her in Brand stecken müsste, denn wo auch immer sich das Leben seinen Weg bahnte, wurde es sofort vergewaltigt. (//)

Sie liebten sich, als trotzten sie jedem Augenblick, in der Gewissheit, dass man nur auf diese Art lebendig ist. Und mit größter Langsamkeit: weder fürchteten noch ersehnten sie den Knoten am Ende des Seils. (80)

Was ist dahinter? Eine andere Welt, die der Sonne entgegenschaut? Grenze auf Grenze, eine sich fortlaufende Welle, die ein Stein im Wasser hinterlässt? (Das Leben als Stein im Wasser?). (82)

Und wieder kehrte er zurück in die Dreckstraße von früher. Er verstand es, unauffällig nach dem feindlichen Vize zu suchen, der ihn zur Feier eingeladen sollte. Niemand konnte es mit ihm aufnehmen in der Kunst, unbemerkt zu bleiben. Er musste bloß wachsam sein und unentwegt über dem Gemunkel kreisen wie ein Geier den es nach seinen Toten leckert, bis er die Spur in die richtige Höhle fand. (88)

Wozu seine Zeit verschwenden, dachte er, denn eins hatte er gelernt: Mann muss an dem Platz bleiben, der einem zugewiesen wurde, bis man spürt, dass man nicht mehr hingehört. (95)

Blitzschnell sagte dem Künstler sein Instinkt, wer das Nordlicht und den Journalisten umgebracht hatte und weshalb, und er beschloss, dass er nicht mehr bloß Beobachter bleiben konnte. (97)

Als er ging, riefen ihm die Dünste draußen in Erinnerung, was für eine Art Sanftmut die Hexe ihm gezeigt hatte: Er hatte gesehen, wie die Kälber gestreichelt werden, bevor man sie schlachtet. (99)

Ein Wunder war es, spürte er, dass eine Frau sie diese stundenlang von jemandem wir ihm betrachtet werden konnte, Wunder nannte sich so was. (108)

Als der Morgen dämmerte, schlich er sich aus dem Zimmer. Er ging zu der Kneipe, in der er den König kennengelernt hatte. Es war eine Spelunke wie jede andere, das Gros Laufkundschaft und ein paar Stammgäste, die das Geschäft aufrechterhielten. Dunkel schwitzten die Wände, und die Zigarettenstummel verloren sich im Sägemehl wie im dichtem Gras. (109)

Wer war der König? Ein Allmächtiger. Ein Lichtstrahl, der den Rand erleuchtet hatte, den er bewohnte, weil es genauso sein musste, bis sich gezeigt hatte was er wirklich war. Ein erbärmlicher, verratener Kerl. Ein Tropfen im Meer der Männer mit ihren Geschichten. Ein Mann ohne Gewalt über das strahlende Erfindungswerk im Kopf des Künstlers. (Der Künstler erlaubte es sich, diese Macht auszukosten, so anders als die am Hof: das Geschick, mit dem er die Wörter von den Dingen trennte uns ein eigenständiges Gewebe, einen eigenständigen Körper schuf. Eine andere Wirklichkeit. (111)

Plötzliches Schweigen in der Spelunke führte seinen Blick zwischen Tischen und Pärchen hindurch, auf der Suche nach dem Grund. (114)

Der Künstler sah den letzten Leibwächter fortgehen und spürte, dass die schwingenden Türen den letzten Strich an die Wand machten. Von jetzt an gab keine König seinen Monaten mehr einen Namen. (116)

Das Rasiermesser der Morgensonne fuhr ihm  draußen in die Augen, und wieder hämmerte der Schmerz auf seinen Schädel. (117)

Der Schmerz pochte in seinen Schläfen, doch er verfluchte ihn nicht. Er war seiner. Wenn es der Tod war, war es sein Tod. Er war Herr seiner selbst, jedes einzelnen Teils, Herr seiner Worte, der Stadt, die er nun nicht mehr suchen musste, seiner Liebe, seiner Geduld und des Entschlusses, zurückzufinden zu ihrem Blut, in dem er wie einen Quell sein eigenes Blut gespürt hatte. (118-119)

  • Zeichen, die vom Weltende künden

Inmitten der Ebene aus Beton und Stahlstangen spürte sie jedoch bald eine andere Gegenwart, verstreut wie Nieten, die von einem Fenster gefallen waren: an den Ecken, auf den Gerüsten, den Gehsteigen, flüchtige Blicke des Erkennens, die sofort wieder abtauchten, sich tarnten. Die Landsleute, mit Lohnarbeit bewehrt: Maurer, Blumenverkäufer, Stauer, Fahrer. (173)

Makina war schleierhaft, was die Leute, die sich für anständig hielten, unter Familie verstanden. Kennengelernt hatte sie geteilte Familien, erweiterte, verbitterte, herzliche, hinterhältige, schwermütige, gastliche, ehrgeizige, aber niemals diese glückliche, von der so viel die Rede war und die so viele zu verteidigen schworen; alle Familien waren mehreres auf einmal oder glichen sich höchstens auf eine völlig andere Weise: keine war bloß ausgelassen oder bloß geizig, und die Geschichten, die zwei von ihnen fröhlich machten, hatten nichts gemeinsam.
Manche hatte sie fortgehen sehen, um die Familie zu retten, und manch anderen, um sich vor ihr zu retten. (195)

SIe verstand allerdings nicht, weshalb Ring, Standesbeamter und Trauzeuge so wichtig waren. Makina hatte immer bewundert, wie ungezwungen ihre so veranlagten Freunde waren, verglichen mit dem langweiligen Dünkel der vorgeblich normalen Ehe. (...)
Sie (...) hatte andere Arten von Liebe gesehen ... Und jetzt waren sie beim Gleichen gelandet. (197-198)

Warum kommst du nicht zurück?
Nein, jetzt nicht mehr. Ich habe für die hier gekämpft. Da muss etwas sein, wofür sie so verbissen kämpfen. Deshalb bin ich bei der Armee geblieben, ich versuche herauszufinden, was es ist.(209)

Wir sind schuld an dieser Verheerung, wir, die wir eure Sprache nicht sprechen und nicht zu schweigen wissen. Wir, die wir nicht mit dem Schiff gekommen sind, die wir eure Hauseingänge verdrecken, die wir euren Stacheldraht durchbrechen. Wir, die wir euch die Arbeit wegnehmen, die wir begierig sind, eure Scheiße wegzuputzen, die wir so liebend gern Überstunden machen. Wir, die wir eure blitzenden Straßen mit Kochdünsten überfluten, die wir eine Gewalt hergebracht haben, die ihr nicht kanntet, die wir eure Heilmittel transportieren, die wir es verdienen, an Hals und Füßen gebunden zu werden; wir, denen es nichts ausmacht, für euch zu sterben, wie auch nicht? Wir, die wir weiß Gott was erwarten. Wir, die Dunklen, Gedrungenen, Schmierigen, Stummen, Dicken, Blutleeren. Wir, die Barbaren. (215/216)

  • Körperwanderung

(...) er war es gewöhnt, mit Unerwarteten fertigzuwerden, aber auch das Unerwartete hatte seine Grenzen, man konnte darauf bauen, dass sich die Welt morgens beim Türöffnen nicht von Menschen entleert hatte. Als wäre er in einem Aufzug eingeschlafen und beim Aufwachen in einem Stockwerk gelandet, von dessen Existenz er nichts geahnt hatte. (230)

Loyal, der Mezcal, das destillierte Dreckszeug wusch einem das Dreckszeug innen aus. (242)

(...), und doch war er eine Kanaille, weil die Worte wie Schmiergeld waren, das man einem Bullen bezahlt. Aber die Gelegenheit durfte er sich nicht entgehen lassen. Dennoch war er eine Kanaille. (247)

Der Kose-Korridor beherbergte acht Puffs, die die Bedürfnisse verschiedener Gruppen abdeckten: eine Edelpuff für Capos und Kanaillen mit Geld, sogar Champagner wurde dort serviert, Fräulein bedienten, die angeblich schon in Telenovelas zu sehen gewesen waren, (...) (258)

Züge fuhren so gut wie nie, seit man sie vor Jahren privatisiert hatte. Dieser Zug hatte acht versiegelte Waggons und schlich langsam über die Gleise. Transportierte er die Gesunden oder die Kranken? (262)

Dabei hatte der Alfaki gelernt, dass sein Ding weniger die Verwegenheit war, als zu begreifen, welche Art von Kühnheit jede Zwickmühle erforderte. (268)

Deshalb werden die Freunde zu Feinden, sobald wir uns von ihnen lösen, dachte er, die Fehler gehören ihnen dann allein, nicht mehr beiden. Vielleicht bekommen einem kurze Freundschaften am besten; wenn man sich schnell genug aus dem Staub macht, kann man sie mit den Fehlern sitzen lassen. (272)

Aber keine Sorge, und bei diesen Worten tätschelte Vicky dem Neandertal das Gesicht, keine Sorge, ich spreche Machosprache und verstehe, dass du kein schlechter Kerl sein willst, du hast bloß das Organ nicht unter Kontrolle, das Blödheit absondert. (280)

Wer ein Kind verliert, den darf man nicht trösten, die Eltern sterben, um den Kindern Platz zu machen, nicht umgekehrt. (291)

Nein, du hast null Ahnung. Die Männer können einen Stuhl vögeln und sei es ein Schemel, aber wenn die Frauen einen hässlichen Kerl vögeln oder einen Schwachkopf, dann eben nicht, weile wir egal was vögeln wollen, sondern weil wir wissen, das ist nur der Anfang, es gibt noch mehr. Das begreift ihr erst Jahre später, wenn ihr euch nicht mehr auf alles schwingt, was euch über den Weg läuft. (298)

In manchen Nächten, wenn der schwarze Hund fort war, stellte er sich vor, dass er im Bauch eines anderen Tieres schlief, geschützt vor der Kälte. In dieser Nacht war er nicht fort. (305)

Wer weiß, warum man uns hier als Pfand zurückbehält, dachte er. Womöglich verhandelt gerade ein anderer Alfaki über unser Lösegeld. (307)

So viel steinerne Worte hatten sie sich an den Kopf geworfen, dass die Straße in Trümmern lag. (...)
Wann haben wir aufgehört, die, die wir lieben, mit eigenen Händen zu begraben?, dachte er. Was zum Teufel kann man von Menschen wie uns erwarten? (345)

Draußen vor der Villa debütierte ein Sturm. (347)

Schwatz und Schwanz, mehr habe ich nicht, dachte er, und manchmal den Schrecken. (348)