ISW SPEZIAL-Nr.28, Juli 2016
- Aldi Nord, Aldi Süd, Edeka, Rewe und die Schwarz-Gruppe (Lidl und Kaufland) beherrschen zusammen 85 Prozent des deutschen Lebensmitteleinzelhandels. (....)
- Beim Getreidehandel z.B. kontrollieren die vier Unternehmen Archer Daniel Midland (ADM), Bunge, Cargill und Louis Dreyfus - die ABCD - fast drei Viertel des globalen Marktes. (...)
- Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto kürzere Mastzeiten sind möglich und umso größer ist der Gewinn. (...)
Fatal ist, das immer mehr Reserveantibiotika eingesetzt werden. Wenn sich auch gegen sie Resistenzen entwickeln, wird das viele Menschen das Leben kosten. (5) - Die Standards der Supermärkte sind so streng, auch in Bezug auf Einheitlichkeit und Just-intime-Lieferung, dass Kleinbauern sie nicht einhalten können. 2006 wurde der GlobalGAP(...)-Standard, ein privates Qualitätssicherungssystem für die Landwirtschaft eingeführt. Die Zahl kleinerer Gemüsebauern, die nach Europa exportierten, ging sofort um 40 Prozent zurück.
- Geht es direkt ums Agrobusiness, ist die Konzentration noch mächtiger: zehn Konzerne kontrollieren 95 Prozent der Pestizide.
- Die genetische Vielfalt steht zwischen uns und einer katastrophalen Hungersnot, wie wir sie uns nicht vorstellen können.
- (...) der berühmte Drehtüreffekt. Den gibt es auch beim BfR [Bundesamt für Risikobewertung]. Info Broer, seit 2008 in der BfR-Kommission für gentechnisch veränderte Futtermittel, war für Bayer bei der Patentanmeldung für herbizidtolerante Pflanzen tätig. (6)
- Das BfR hat bei der Bewertung des Totalherbizides Glyphosat, dessen Zulassung erneuert werden muss, kritische Studien unberücksichtigt gelassen.
- Ein anderes Beispiel ist das Europäische Patentamt in München. Es ist - anders als man denken mag - keine EU-Institution, sonder es lebt von den Gebühren der Patenterteilung, also von seinen Klienten, der Industrie. So werden auch Patente auf ganz normal gezüchtete Pflanzen gewährt, obwohl das die europäische Patentrichtlinie eigentlich nicht zulässt. Doch es gibt ein Schlupfloch: Es werden keine Sorten, sondern Eigenschaften patentiert. (...) Das europäische Parlament hat im Dezember 2015 zum zweiten Mal gefordert, solche Patentierungen zu unterbinden.
- (...) BayWa, des größten Agrarhändlers Deutschlands. (...) BayWa hat außerdem der Technischen Universität München eine Professur spendiert. Später wurde ihr Vorstandvorsitzender Klaus Josef Lutz Honorarprofessor für Agrarmarketing.
Die hier aufgezeigten Beispiele sind nur eine kleine exemplarische Auswahl. Die Verbindungen von Industrie, Behörden und Politik sind so ent, dass vom Versuch einer systematischen Einflussnahme auf staatliche Institutionen und die öffentliche Meinung auszugehen ist. (7)
Gentechnik
- Erst seit 150 Jahren gibt es kommerzielle Züchtung in Deutschland. Mittlerweile stammen fast das gesamte Saatgut von großen Konzernen. (...)
In gut drei Viertel der Fälle handelt es sich bei den Manipulationen um eine Herbizidresistenz. Die Pflanzen überleben damit die Behandlung mit einem Unkrautvernichtungsmittel (meist Glyphosat), das alle anderen Pflanzen abtötet. (7) - Bei Soja und Baumwolle werden zu 81 Prozent manipulierte Pflanzen angebaut. (...) Monsanto kontrolliert direkt oder durch diese Lizenzen 90 Prozent des weltweiten GVO-Saatgutmarktes. (8)
- Probleme bekommen auch kritische Wissenschaftlerinnen. Wenn ihre Studien negativ für Gentechnik oder Glyphosat ausfallen, werden sie diskreditiert und ausgegrenzt. Der Biochemiker Árpád Pusztai verlor seinen Posten am britischen Rowett Institutge, nachdem er im Fernsehen über seine Fütterungsstudie mit gentechnisch veränderten Kartoffeln berichtet hatte. Die Ratten hatten Veränderungen an den inneren Organen und ihr Immunsystem war geschwächt. Obwohl unabhängige Wissenschaftler später feststellten, dass seine Studie korrekt war, war seine wissenschaftliche Karriere beendet - und der Whistleblower-Preis der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler wohl nur ein kleiner Trost. (...)
- Pro Hektar erhält jeder Betrieb in Deutschland ca. 280 Euro. Dieses System fördert einseitig große Betriebe. Das Fünftel der Betriebe mit der meisten Fläche erhält 80 Prozent der Subventionen. Vier Fünftel müssen sich die verbleibenden 20 Prozent teilen. (...) Seit 1991 hat die Hälfte der Betriebe ihre Hoftore für immer geschlossen, mehr als 500.00 Arbeitsplätze gingen verloren. (9)
- Die EU ist auch im Agrarbereich auf den Export ausgerichtet. Statt Binnennachfrage ist Weltmarkteroberung die Devise. Um diesen, trotz unserer hohen Verbrauchs an tierischen Produkten, bedienen zu können, müssen wir aber Futtermittel, vor allem eiweißreiches Soja, importieren. Die eigenen Flächen reichen dafür nicht aus. (...)
- Die EU ist zu fast 80 Prozent von Eiweißfutterimporten abhängig. Heute kommen sie kaum mehr aus den USA, sondern hauptsächlich aus Südamerika. Wir nehmen dort 13 Millionen Hektar für Soja in Beschlag. Das entspricht der Ackerfläche Deutschlands ohne Bayern.
- (...) es gibt sogar schon Landnahme in Afrika, z.B. in Mosambik, für unser Tierfutter! (10)
- 26 Prozent der Milchexporte aus Europa gehen nach Afrika. (...) Diese Marktzerstörung und Gesundheitsschädigung ist das Produkt unserer exportorientierten Agrarpolitik in Kombination mit veränderten Ernährungsgewohnheiten. (11)
Spekulation mit Lebensmitteln
- Als die Finanz- und Immobilienmärkte zusammenbrachen, wurden neue lukrative Anlagemöglichkeiten für das vorhandene Kapital gesucht. (...) Heute sind 80 Prozent des Getreidehandels rein spekulativ und haben mit Warenaustausch nichts mehr zu tun. (12)
Freihandel und TTIP
- Bereits jetzt sind drei Viertel der verklagten Länder aus dem Globalen Süden. Exporte aus diesen Ländern werden in Zukunft durch den verstärkten Handel innerhalb der TTIP-Region verdrängt werden. (...)
- Wenn zwischen USA und EU die Zölle fallen, werden die relativen Markteintrittsbarrieren für Entwicklungsländer im Durchschnitt höher. (...)
- Freie Märkte führen nicht zu befreiten Bauern, sondern zur Befreiung ganzer Regionen von Bauern und zwar weltweit. (15)
Arbeitsbedingungen im Agrar- u. Lebensmittelbereich
- Die Nahrungsmittelkette erwirtschaftet in der EU sechs Prozent des BIP mit einem Fünftel der Beschäftigten in fast 17 Millionen Unternehmen. (...) Was viele Stationen entlang der Wertschöpfungskette verbindet, sind prekäre Beschäftigungen.
- Die meisten LandwirtInnen sind selbständig. Die wöchentliche Arbeitszeit liegt in der Regel über 60 Stunden mit nur wenigen freien Wochenenden im Jahr. Urlaub von mehr als zwei Wochen ist die absolute Ausnahme. Sie verdienen damit ca. 40.000 Euro pro Arbeitskraft im Jahr, in Süddeutschland sind es nur 30.000 Euro.
- [Kindersklaven] Da nur drei Firmen 40 Prozent des Kakaos verarbeiten, wäre es für sie sehr einfach etwas zu verändern. Auch die Schokoladenproduktion liegt zu 43 Prozent in der Hand von drei Konzernen: Kraf, Mars und Nestle. Dieses haben sich schon 2001 verpflichtet, ausbeuterische Kinderarbeit zu beenden. Allerdings wurden die Umsetzungsfristen immer wieder verlängert und es ist noch nicht klar, ab wann das Protokoll erfüllt sein muss. (16)
- Im südspanischen Almería sind 30.000 Hektar Land mit Plastikfolie überzogen. Es ist das wichtigste Gemüseanbaugebiet Europas. (...) Ungefähr 80.000 afrikanische Einwanderer, von denen nur die Hälfte Papiere hat, stellen als Tagelöhner das Rückrat Almerías. (17)