Wolfgang Herrndorf: Sand

Veröffentlicht von

Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg 2013

Anfangs vor allem sprachlich begeisterndes Buch von Herrndorf, das in 5 Büchern die Geschichten von mehreren Morden erzählt und sich am Ende irgendwie als Spionage-Thriller entpuppt.

"Wer mit den Idealen des persönlichen Verdienstes, der Leistung, des Herausragens als Kind nicht ausreichend vertraut gemacht worden ist, wird das Bewusstsein blasser Durchschnittlichkeit vielleicht hinnehmen wie eine zu große Nase oder zu dünnes Haar. Andere wiederum reagieren darauf mit den bekannten Fluchtbewegungen, die von exzentrischer Kleidung über exzentrisches Leben bis hin zur ehrgeizigen Suche nach einem Selbst reichen könnten, das im eigenen Innern vermutet wird wie ein prächtiger verborgener Schatz, welchen die gnädige Pychoanalyse auch dem letzten Trottel zugesteht. Und die Sensiblen reagieren mit einer Depression." (11)

"Uns so war der Tag nach der Filmvorführung ein ganz besondere Tag für Michelle. Es war der erste und einige Tag, an dem sie ihre Freundin schwach sah. Ein Häuflein Elend kam da in weißem Bademantel in ihr Zimmer geschlurft und verlangte nach Kräutertee und Zuwendung." (39)

"Die Idee, eine Party der High Societey einem Abend unter Freunden vorzuziehen, wäre ihm nie gekommen, und wie alle, denen gesellschaftliche Eitelkeit unbekannt ist, hatte Polidirio Mühe, sie sich als Triebfeder in anderen vorzustellen." (50)

"Sie stieg in ihr Auto, atmete durch und fuhr, so schnell sie konnte, durch die Wüste zurück in Richtung ihres Schicksals, von dem sie zu diesem Zeitpunkt noch annahm, dass es die Hotelbar sein würde." (131)

"Ich habe dich drei Tage und drei Nächte erlebt. Besonders die Nächte. Du bis kein Verbrecher. Wenn du es genau wissen willst: Du bist ein Häschen. Du kannst keiner Fliege etwas tun. Das ist jetzt so, und das war schätzungsweise auch vorher so. Die Grundzüge der Persönlichkeit ändern sich durch eine Amnesie nicht.
Woher weißt du das?
Weiß ich halt.
Er sah sie lange zweifelnd an, und schließlich stand sie auf, packte die Handtücher zusammen und nickte ihm zu. Es war auch nicht Liebe. Es war irgendwas Schlimmeres." (144)

"Der Mann ohne Gedächtnis hatte sein Gesicht dem Fenster zugewandt und die Augen geschlossen. Einfältige Gedanken von Ewigkeit und erhabener Größe, die er mit der eigenen Unwichtigkeit kontrastierte, spülten durch sein nächtlich müdes Hirn, und mit Schmerzen am ganzen Körper erwachte er." (165)

"Ganz vergessen. Musst du auch noch machen, flüsterte der General. Weil du mich ja ständig unterbrechen musstest. Aber da ist so ein Fellache, der seine zwei Söhne vermisst. Angeblich ermordet. In der Wüste. Einer erschossen, der andere erschlagen. Steht alles auf dem Zettel da. Die Straße nach Tindirma, die alte Scheune, wo sie früher immer den Schnaps gebrannt haben. Und da fährst du erst kurz vorbei. Und dann Amnadou. Capisce?" (249)

"Neunundneunzig Prozent, das wir hier den Weltfrieden sichern. Neunundneunzig Prozent, dass unsere kleine Untersuchung einem friedlichen Zusammenleben ohne Atomwaffen dient. Neunundneunzig Prozent für das Fortbestehen des Staates Israel, für glückliche Kinder, grasende Kühe  und den ganzen anderen Scheiß. Neunundneunzig Prozent, dass es hier nicht um ein Menschenleben geht, sondern um Millionen. Neunundneunzig Prozent  für die Sache von Aufklärung und Humanismus und nur ein Prozent, dass unser peinliches Verhör einen Rückfall ins Mittelalter darstellt. Mahl ehrlich, sagte Helen, hob sanft sein Kinn mit zwei Fingern an und sah ihm in die Augen. Hundert zu eins. Oder eine Million zu eins." (428/429)

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