Michael Lüders, C.H.Beck München 2015
"Mossadegh, der 1951 die von Großbritannien kontrollierte iranische Erdölindustrie verstaatlicht hatte und dafür zwei Jahre später mit einem von britischen und US-Geheimdiensten inszenierten Putsch bezahlte, war der Erste, der im Westen als zweiter Hitler verteufelt wurde. Ihm folgte der ägyptische Präsident Nasser, der 1956 den Suezkanal verstaatlichte und damit den Zorn der britischen und französischen Investoren auf sich zog: Auch er ein Hitler, der mit Hilfe des Suezkrieges gestürzt werden sollte, ohne Erfolg. Die letzten vier auf dieser Liste: Saddam Hussein, der vormalige iranische Präsident Ahmadin-edschad, Baschar al-Assad, Wladimir Putin." (8)
"Die USA haben seit 2001 in sieben mehrheitlich muslimischen Ländern militärisch interveniert oder sie mit Drohnen angegriffen: Afghanistan, Irak, Somalia, den Jemen, Pakistan, Libyen, Syrien. In welchem dieser Staaten haben sich anschließend die Lebensbedingungen der Bewohner verbessert, zeichnen sich Stabilität und Sicherheit ab? Gibt es eine einzige militärische Intervention des Westens, die nicht Chaos, Diktatur, neue Gewalt zur Folge gehabt hätte?" (10)
"Die Entfernung Mossadeghs von der macht wurde am 19. August 1953 erfolgreich vollzogen (...).
Auf den Tag genau 60 Jahre später, am 19. August 2013 stellte stellte das National Security Archive der George-Washington-Universität in Washington die unter dem Freedom of Information Act erlangten damaligen CIA-Dokument ins Internet, soweit sich nicht weiterhin als streng geheim unter Verschluss gehalten wurden. (...) Im Zuge der Veröffentlichung sah sich die CIA veranlasst, erstmals öffentlich einzuräumen, dass der amerikanische Geheimdienst federführend am damaligen Staatsstreich beteiligt war." (13)
"Wie sehr jenes Ereignis, das dem kurzlebigen demokratischen Experiment im Iran ein Ende setzte und die Diktatur des Schahs begründete, der seinerseits 1979 von der islamischen Revolution hinweggefegt wurde, in der Gegenwart fortwirkt, zeigt auch die Rede des Präsidenten Obama, an die islamische Welt 2009 in Kairo. Darin räumte er ein: Mitten im Kalten Krieg spielten die Vereinigten Staaten eine Rolle beim Sturz einer demokratisch gewählten iranischen Regierung." (14)
"Die Briten besaßen das Monopol auf die iranische Ölindustrie seit deren Anfängen im Jahre 1909. Aus der Anglo-Persian Oil company wurde 1935 die Anglo-Iranian Oil Company, AIOC, 1953 British Petrolium, BP. Bis zum zweiten Weltkrieg waren etwas 800 Millionen Pfund Sterling Gewinn nach Großbritannien geflossen, während der Iran lediglich 105 Millionen Pfund erhielt. (...) Ende der 1940er Jahre formierte sich der politische Protest, forderte eine Gruppe von Parlamentariern die Explorationsverträge mit Großbritannien neue auszuhandeln. Ihr Wortführer war der in Frankreich und der Schweiz ausgebildete Rechtsanwalt Mohammed Mossadegh." (15)
"Als Mohammed Mossadegh im März 1951 Premierminister wurde, erkannte seine Gegner den Ernst der Lage. Die britische Regierung war entschlossen, an ihrer Ausbeutung der iranischen Rssourcen festzuhalten: Rund 90 Prozent des damals in Europa gehandelten Erdöls stammten aus der Raffinerie in Abadan." (16)
"Der Putsch im Jahre 1953 zeigt ein Grundmuster, das die USA und ihre Verbündeten noch immer bei angestrebten Regimewechseln anwenden: die Dämonisierung des Gegners im Vorfeld der eigentlichen Operation. Eden verglich Mossadegh wiederholt mit Hitler. Eines der 2013 veröffentlichten CIA-Dokumente beschreibt ihn einer Sprache, die sich später fast wortgleich gegenüber Diktatoren wie Saddam Hussein, Gaddafi oder Baschar al-Assad wiederfindet, (....)" (17)
"Mossadegh ist sicher die tragischste Figur in diesem Drama: Er war ein überzeugter Anhänger des Parlamentarismus, ein Bewunderer Mahatma Gadhis, von Abraham Lincoln und der amerikanischen Demokratie." (19)
"Kaum ein Historiker bezweifelt, dass die Islamische Revolution und die Machtübernahme Khomeinis die späte Antwort auf den Putsch von 1953 war: eine extreme, zeitversetzte Gegenreaktion. Die amerikanisch-britische Anmaßung hatte die Anfänge einer erfolgversprechenden, parlamentarischen Demokratie brutal beendet und gegen die Diktatur des Schahs eingetauscht, der im Westen als verlässlicher Partner galt, im Innern aber jeden Ansatz einer zivilgesellschaftlichen Entwicklung blockierte, - bis die Religion, der Islam, zum Sammelbecken der Unzufriedenen wurde, (...). (20)
"Seit Khomeini gilt das Land als Feind des Westens, löste der Islam schrittweise den Kommunismus als bevorzugtes Feindbild westlicher Gesellschaften ab." (22)
"Im 19. Jahrhundert wurde Afghanistan zum Spielball der konkurrierenden kolonialen Interessen von Russland und Großbritannien, nach 1979 zu einem Schlachtfeld der Geopolitik: auf der einen Seite die Sowjetunion, auf der anderen die USA, Saudi-Arabien und Pakistan." (23)
"Brezinski: Ja. Die offizielle Version lautet, dass die CIA-Hilfe für die Mudschahedin im Laufe des Jahres 1980 einsetzte, also nach dem sowjetischen Einmarsch am 24. Dezember 1979. Die Wirklichkeit aber, das wurde bisher geheim gehalten, sah anders aus. Am 3. Juli 1979 hat Präsident Carter die erste Direktive unterschrieben, um den Gegnern des pro-sowjetischen Regimes in Kabul still und leise Hilfezu leisten.(...)
Was ist für die Weltgeschichte von größerer Bedeutung? Die Taliban oder der Zusammenbruch des Sowjetreiches? Einige fanatisierte Muslime oder die Befreiung Zentraleuropas und das Ende des Kalten Krieges?" (25-26)
"Radikale Islamisten von Algerien bis Pakistan strömten zu Tausenden nach Afghanistan, finanziert maßgeblich aus Saudi-Arabien, und kämpften dort als Mudschahedin, als Glaubenskämpfer, gegen die Gottlosen". (26)
"In Saudi-Arabien ist der Islam Staatsreligion, genauer gesagt, eine erzkonservative, theokratische Strömung: Der Wahhabismus. Ihr Begründer war der Erewckungsprediger Mohammed Ibn Abd al-Wahhab (1703/04-1792)(...)
Die Wahhabiten hatten nunmehr Rückhalt durch eine starke Stammesdynastie gefunden, umgekehrt konnten die Al-Saud ihren eigenen Machtanspruch, die Unterwerfung anderer Stämme, religiös legitimieren. Bis heute ist der Wahhabismus das Rückgrat der saudischen Dynastie, weswegen beispielsweise Frauen in Saudi-Arabien nicht Auto fahren dürfen." (27)
"Weltanschaulich gibt es kaum einen Unterschied zwischen dem Wahhabismus, Osama bin Laden oder dem Islamischen Staat. (28)
"Die Al-Saud und die wahhabitischen Theologen führten auch den Märtyrergedanken in den Dschihad der Neuzeit ein: Den gefallenen Glaubenskämpfer erwartet der sofortige Eintritt ins Paradies." (29)
"Der Salafismus in seiner heutigen Form ist Wahhabismus light. (...) Seit Beginn der arabischen Revolte 2011 finanziert Saudi-Arabien salafistische Parteien mit Vorliebe dort, wo es demokratische Entwicklungen zu verhindern oder zu unterminieren gilt: in Tunesien, Ägypten, bis hin nach Indonesien." (31)
"Von der Stadt Kandahar im Süden aus traten die Taliban ihren Siegeszug an, (...). Die Taliban rekrutierten sich fast ausschließlich aus Paschtunen, der Mehrheitsbevölkerung in Afghanistan und Teilen Pakistans, ihre Hochburgen sind die zahlreichen religiösen Hochschulen, Madrasas, in Pakistan. Daher auch ihr Name: Taliban bedeutet Religionsstudenten." (35)
"Ohne Zweifel war Saddam Hussein ein verbrecherischer Despot. doch verdankte sich sein Aufstieg maßgeblich der Unterstützung, die er vor allem von den USA, aber auch von europäischer Seite und den Golfstaaten erfuhr." (37)
"Washington wollte um jeden Preis einen iranischen Sieg verhindern und beschloss, trotz offizieller Neutralität, Bagdad mit Waffen und Geld zu unterstützen. Hochrangige Beamte reisten in die irakische Hauptstadt, darunter Donald Rumsfeld, Sondergesandter Präsident Reagens. Das Foto seines Handschlages mit Saddam Hussein in Bagdad am 20. Dezember 1983 sollte knapp 20 Jahre später, da war Rumsfeld Verteidigungsminister unter Präsident George W. Bush und forcierte den Sturz Saddams, Furore machen: Als Symbol einer fragwürdigen US-Politik." (38)
"Außerdem wurde bekannt, dass die Contras über Jahre hinweg Kokain in die USA geschmuggelt hatten, tonnenweise, mit Wissen und Billigung des CIA.
1988 endete der irakisch-iranische Krieg mit einem Waffenstillstand entlang der alten Grenzen. Rund eine Million Menschen hatten den Waffengang mit ihrem Leben bezahlt, drei Viertel davon Iraner. Besaß der Irak 1979 noch Goldreserven in Höhe von 35 Milliarden Dollar, war das Land nach dem Krieg mit mehr als 80 Milliarden Dollar verschuldet." (40)
"Nach dem Überfall auf Kuweit griff das bereits bekannte Muster. Innerhalb kürzester Zeit stieg Saddam Hussein in der westlichen Politik und den Medien auf zur Verkörperung von Irrationalität, Fanatismus und Grausamkeit schlechthin. (42)
"Kurz vor Weihnachten 1999 verweigerte die Regierung in London den Export von Impfstoffen gegen Diphterie und Gelbfieber für irakische Kinder. Der könne, so die Befürchtung, für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen verwendet werden." (43)
"Von der westlichen Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, bezahlten weit mehr als eine Million Iraker die Sanktionspolitik mit dem Leben, mindestens die Hälfte davon Kinder. (....)
Die Ursache ist eine Verseuchung, deren genaue Ursache wir nicht kennen. Wir dürfen keine Geräte beziehen, mit denen sich eine ordnungsgemäße wissenschaftliche Untersuchung durchführen ließe, nicht einmal Messinstrumente, mit denen wir unsere eigene Verstrahlung feststellen könnten. (...)
Amerikaner und Briten haben angereicherte Uran-Munition während des Golfkrieges im Süden eingesetzt. (...) Gleichzeitig blockiert das Sanktionskomitee die Lieferung lebensnotwendiger Medikamente, Schmerzmittel ebenso wie Jodtabletten zur Chemotherapie." (44)
"Diese namentlich von den USA und Großbritannien vorsätzlich herbeigeführte Verelendung der irakischen Bevölkerung gehört zu den am wenigsten bekannten oder besser gesagt zur Kenntnis genommenen Verbrechen westlicher Politik nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie ist eine der wesentlichen Ursachen für den Zusammenbruch zivilisatorischer Werte im Irak wie auch des irakischen Staates. Auf diesen Zusammenbruch folgte, wenige Jahre und einen weiteren Krieg später, die Schreckensherrschaft der Milizen, allen voran des Islamischen Staates." (46)
"Der Irak ist eine nach dem Ende des Ersten Weltkrieges künstlich von den Kolonialmächten geschaffener Staat ohne einheitliches Staatsvolk. Drei Bevölkerungsgruppen sind prägend: im Norden die überwiegend sunnitischen Kurden, die keine Araber sind, sich aber wie diese in zahlreichen Stammesverbände und Clans unterteilen. Sie mache etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, ebenso die arabischen Sunniten im Zentrum des Iraks. Diese arabischen Sunniten, obgleich eine Minderheit, stellten sei der Frühzeit des Osmanischen Reichs, seit Jahrhunderten also, die Machtelite. Rund 60 Prozent der Bevölkerung entfallen auf arabische Schiiten, die überwiegend im Süden leben. Das irakische Erdöl befindet sich fast ausschließlich in den kurdischen und in den schiitischen Gebieten - die Sunniten gehen leer aus." (50)
"Vor allem die religiöse Zugehörigkeit, Sunnit oder Schiit, hatte im Alltag bis zum Sturz Saddams nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Mischehen waren weit verbreitet, gemeinsam bewohnte man dieselben Stadtviertel. Nunmehr wurde die Saat gelegt für die Konfessionalisierung des Landes, aus der wiederum, ein Jahr später, Al-Quaida im Irak erwuchs und 2006 die Vorläuferorganisation des Islamischen Staates." (53)
"Der Aufstand gegen die amerikanische Besatzung (2003-2011) wurde vor allem von Sunniten getragen, wobei radikale Islamisten bald schon die Richtung vorgaben. Al-Quaida setzte sich im Irak fest, unter Führung des Jordaniers Abu Musab al-Sarawi. Nach dessen Tod 2006 durch eine amerikanische Bombe ging aus dem Umfeld von Al-Quaida im Irak eine neue Gruppe hervor, die erst Islamischer Staat im Irak, dann Islamischer Staat im Irak und der Levante hieß und sich seit Juni 2014 Islamischer Staat (IS) nennt." (56)
"Es ist sicher nicht falsch, von rund zwei Millionen getöteten Irakern seit der Kuweit-Invasion 1990 und den darauf folgenden Sanktionen auszugehen." (57)
"Heute werden gemäßigte Oppositionelle unterstützt. Mehrheitlich handelt es ich dabei um gewalterprobte Islamisten, die heute gegen Assad kämpfen und sich morgen auf die Seite des Islamischen Staates schlagen können. Geschwächt wird der IS dadurch nicht, vielmehr ist er der große Nutznießer dieses von den Amerikanern angerichteten Chaos. Ganz unabhängig davon, dass bei vielen Muslimen, auch gemäßigten, zunehmend der Eindruck entsteht, der Westen führe einen endlosen Krieg gegen den Islam - was wiederum Wasser auf die Mühlen der Dschihadisten ist. (...) Es war ein Fehler, Assad um jeden Preis stürzen zu wollen, erst recht mangels Alternative. Spätestens nach den Erfahrungen im Irak, in Afghanistan und in Libyen sollte klar geworden sein, dass sich ein demokratisches Modell von außen nicht erzwingen lässt." (75-76)
"Anstatt auf das Hirngespinst einer gemäßigten Opposition zu setzen, hätte es den Syrern viel Leid erspart, wären die Freunde des syrischen Volkes auf Moskau, Teheran und Peking zugegangen. (...) Die Absicht, Assad um jeden Preis zu stürzen, hat den IS in Syrien erst stark gemacht. Und wäre der Diktator tatsächlich gestürzt worden, wären heute in Damaskus die Gotteskrieger an der Macht." (78-79)
"Wiederholt haben irakische Regierungsvertreter beklagt, dass IS-Kämpfer im Irak Waffen einsetzen würden, die gute syrische Islamisten zuvor aus US-Beständen erhalten hätten.
Im Irak unterstützt Washington die dortige schiitische Regierung gegen sunnitische Dschihadisten und hilft, sie zu bekämpfen. In Syrien werden Dschihadisten derselben Couleur ermutigt, gegen die Regierung in Damaskus Krieg zu führen. Diese Schizophrenie hat den Islamischen Staat nicht geschwächt, sondern gestärkt. (...) Gute Islamisten, das sei in diesem Zusammenhang erwähnt, waren auch die Aufständischen in Libyen. Alle Hinweise, dass Teile von ihnen mit Al-Quaida sympathisierten, wurden von Washington heruntergespielt." (81)
"Nicht der Einsatz von Gewalt selbst wird infrage gestellt, es werden lediglich Strategie und Taktik den veränderten Verhältnissen angepasst. Großangelegte Bodenoffensiven sind erst einmal passé, nunmehr solle es Drohnen und Luftangriffe richten, in Verbindung mit fragwürdigen Bündnispartnern vor Ort. Rational ist das nicht, ohne Zweifel aber profitabel. So hat sich der Aktienkurs der größten US-Rüstungskonzerns, Lockheed Martin, zwischen Mitte 2010 und Mitte 2014 verdreifacht, allein zwischen Mitte 2013 und Mittel 2014 verdoppelt. (...) Die Aktionäre profitieren von den eskalierenden Konflikten weltweit. (...) Der Feldzug gegen den islamischen Staat beschert Amerikanischen Rüstungsschmieden volle Auftragsbücher und satte Gewinne." (82/83)
"Leon Panetta, ehemaliger CIA-Chef und Verteidigungsminister von 2011 bis 2013, kommentierte (...) im August 2014 mit den Worten: Ich denke, wir stehen vor einem neuen 30-jährigen Krieg. (...) Im Klartext: Wir führen Krieg ohne zeitliche oder räumliche Begrenzung, wann und wo wir es für erforderlich halten. Egal, welche Folgen es für die betreffenden Regionen und die dort lebenden Menschen hat. Der amerikanische Enthüllungsjournalist Glenn Greenwald meint: Es ist mittlerweile nicht mehr vorstellbar, dass sich die USA nicht im Krieg befinden." (83)
"Ein endloser Krieg rechtfertigt Geheimniskrämerei, den Machtzuwachs der Regierung und Aushöhlung von Bürgerrechten. Gleichzeitig werden Steuermittel in gewaltiger Höhe in die Homeland Security und die Waffenindustrie gesteckt." (84)
"Westliche Regierungen spielen die enge ideologischen und finanziellen Bande zwischen dem wahhabitischen Staatsislam und dem Dschihadismus in der Regel herunter." (85)
"Aber: Der Islamische Staat hat Saudi-Arabien indirekt den Krieg erklärt, indem dessen Anführer, Abu Bakr al-Baghdadi, am 29. Juni in Mossul ein Kalifat ausrief und sich selbst zum Kalifen ernannte. Damit forderte er den Führungsanspruch Saudi-Arabiens in der sunnitisch-islamischen Welt heraus, das sich selbst den Ehrentitel Kalifat der Gläubigen verliehen hat und den saudischen König als Hüter der beiden Heiligen Stätten apostrophieren lässt, also von Mekka und Medina." (86)
"Der IS verstand sich zunächst als rein irakische Gruppierung und entwickelte sich innerhalb von nur wenigen Jahren, 2006 bis 2010, zu einer schlagkräftigen Miliz und einem innerirakischen Machtfaktor. Der IS ist keine Neuerfindung, konnte vielmehr auf bereits vorhandene Strukturen zurückgreifen, jene von Al-Quaida, des Saddam-Regimes und der sunnitischen Stämme. (...) Da er von Anfang an viel Geld aus den Golfstaaten erhielt und damit Waffen kaufen konnte, außerdem militärisch erfolgreich war, schlossen sich ihm mehr und mehr sunnitische Aufständische an." (...)
Immer mehr Schiiten aus dem Irak und die schiitische Hisbollah kämpften auf Seiten Assads."(87)
"Einen schiitischen Osama bin Laden kann es eigentlich nicht geben." (89)
"Abu Bakr al-Baghadi, auch Kalif Iphramim genannt, ist in jeder Hinsicht skrupellos, allein auf Machtkonsolidierung fokussiert - und doch ein ebenso geschickter Stratege wie auch Menschenfänger. (...) Er war mit schwarzem Turban und Umhang bekleidet, wie sie auch Mohammed bei der Rückeroberung Mekkas im Jahr 630 getragen haben soll.
Deswegen auch die schwarze Fahne des Islamischen Staates und die häufig schwarze Kleidung seiner Kämpfer, die ebenfalls auf dies Rückeroberung anspielen. Mehr noch, schwarze Uniformen und Flaggen gehörten zur höfischen Etikette der Abbasiden im achten Jahrhundert und erinnern somit an das goldene Zeitalter des Islam." (91-92)
"Bemerkenswert am Siegeszug des Islamischen Staates in den sunnitischen Gebieten Iraks im Juni 2014 war (...) das Versagen der irakischen Armee. Die meisten der rund 100 000 Soldaten entlang der Frontlinie sind kampflos geflohen und ließen dabei ihre hochmodernen, amerikanischen Waffen zurück, darunter Panter und Flugzeuge. (...) Die New York Times bezifferte den Gesamtwert der vom IS erbeuteten Waffen im September 2014 auf mehrere hundert Millionen Dollar. Damit spätestens wurde er zu einem regionalen Machtfaktor, ist der Islamische Staat die am besten ausgerüstete Dschihadisten-Gruppierung weltweit." (93)
"Für IS-Kämpfer sind Vergewaltigungen ungläubiger Frauen, auch in Form von Zwangsprostitution, gang und gäbe. Das hat sich herumgesprochen und ist für junge Männer, die unter normalen Umständen keine Chance auf Sex außerhalb der Ehe haben und gleichzeitig zu arm sind, um zu heiraten, ein attraktives Angebot." (94)
"Sunniten, die den Herrschaftsanspruch und die damit einhergehende Ideologie des IS anerkennen, haben nichts zu befürchten. Angehörige religiöser Minderheiten werden aufgefordert zum Islam zu konvertieren. Christen können, wenn sie Glück haben, alternativ eine Kopfsteuer entrichten. Lassen sie sich nicht darauf ein, riskieren sie ihren Tod. Schiiten, die dem IS in die Hände fallen, werden ebenso wie gefangengenommene Regimesoldaten oder kurdische Kämpfer in aller Regel sofort erschossen, oft genug zu Hunderten." (95)
"Der IS erhebt Steuern und hat eine Wehrpflicht eingeführt. (...) an Geld fehlt es nicht. Vor allem der Verkauf von Erdöl bringt Devisen, ein weiterer Faktor sind finanzielle Zuwendungen aus den Golfstaaten, von reichen Privatiers und religiösen Stiftungen." (95)
"Der IS ist die Quittung für den ebenso völkerrechstwidrigen wie sinnlosen, US-geführten Einmarsch im Irak 2003 und die nachfolgende Zerstörung irakischer Zentralstaatlichkeit sowie den Krieg in Syrien, der gleichermaßen Bürger- und Stellvertreterkrieg ausländischer Interessen ist. Der gescheiterte Versuch, Baschar al-Assad zu stürzen, vor allem mit Hilfe guter Dschihadisten, hat erst die Grundlage für den Siegeszug des IS in Syrien geschaffen. Umfassende Militäreinsätze können den Islamischen Staat möglicherweise schwächen, aber nicht beseitigen." (99)
"Den schiitischen Iran als einen der wichtigsten, regionalen Akteure auch weiterhin auf Distanz zu halten, obwohl er ein natürlicher Verbündeter gegen sunnitische Extremisten wäre, ist ideologisch motivierter Unsinn und falscher Rücksichtnahme Israel und den Golfstaaten gegenüber geschuldet." (100)
"Die Geister, die der Wahhabismus gerufen hat, sind mittlerweile in der Lage, den Lehrmeister vom Thron zu stürzen.
Die Lage ist so verfahren, dass westliche Regierungen mit allen Beteiligten reden und verhandeln müssten. Das schließt Russland und China ausdrücklich mit ein. (100)
"Noch immer unterhält der IS Rekrutierungsbüros für Dschihadisten aus aller Welt in der Türkei, werden verletzte IS-Kämpfer in türkischen Krankenhäusern behandelt. Nach wie vor besteht ein enger Grenzhandel, pflegen der türkische Geheimdienst wie auch die Armee gute Kontakte in Richtung IS, vor allem ehemaligen Saddam-Leuten." (107)
"Weil die Wahhabiten in den deutlich gemäßigteren Muslimbrüdern einen gefährlichen Konkurrenten sehen und in der arabischen Revolte generell eine Bedrohung." (112)
"Zu Gaddafis Herschaftssystem gehörten Milizen, darunter auch Söldnermilizen, (...) Nach dessen Sturz kehrten die nunmehr arbeitslosen Söldner in ihre Heimatländer zurück, (...) Sowohl die drastische Zunahme terroristischer Übergriffe seitens der Dschihad-Gruppierung Boko Haram in Nigeria seit 2012 wie auch der zeitgleich erfolgte Vormarsch von Tuareg-Rebellen und Dschihadisten im Norden Malis sind beide ursächlich auf diese mardodierenden Ex-Sölder zurückzuführen." (115)
"Der Versuch, mit militärischen Mitteln eine feudale Ordnung zwangsweise zu demokratisieren, schafft beinahe naturgesetzlich ein Machtvakuum, das anschießend von gewalttätigen Gruppen gefüllt wird, ob mit oder ohne Islam im Wappen. Das Ergebnis ist stets dasselbe: Staatszerfall und Milizenherrschaft." (115)
"In allen arabischen Ländern, man kann es nicht oft genug betonen, ist die Mittelschicht zu schwach, um den Wandel zu vollziehen und ein parlamentarisches System, das mehr wäre als Fassade, mit Leben zu füllen. (117)
"Nicht nur in Ägypten, auch in den übrigen arabischen Ländern sind Parteien in der Regel reine Klientelbündnisse, die nicht aufgrund ihrer Programme, sondern in Erwartung der Wohltaten gewählt wurden, die sie ihren Anhängern verheißen. (...) In Ägypten, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung unterhalb oder am Rande der Armutsgrenze lebt und es der Staat nie als seine Aufgabe angesehen hat, auch nur ein Minimum an sozialer Gerechtigkeit anzustreben, blieb es den Muslimbründern vorbehalten, Suppenküchen einzurichten und Menschen in Not zu unterstützen. Kein Wunder, dass der Kandidat der Muslimbrüder, Mohammed Mursi, bei den ersten freien Präsidentschaftswahlen im Juni 2012 fast 52 Prozent der Stimmen errang." (118)
"Warum auch, denn Sisi ist pro-westlich und genießt die uneingeschränkte Unterstützung der Golfstaaten. Ägypten ist mit zwei Milliarden Dollar jährlich der weltweit größte Empfänger amerikanischer Finanzhilfen - nach Israel, wobei ein Großeteil des Geldes für Waffeneinkäufe in den USA verwendet wird." (124)
"Amerikas Freunde im Nahen Osten, Ägypten, Saudi-Arabien, Kuweit und die Vereinigten Arabischen Emirate, bilden eine reaktionäre politische Allianz, die im Namen der Terrorbekämpfung jeden Ansatz demokratischen Aufbegehrens in der Region zu unterdrücken sucht: nie wieder ein arabischer Frühling." (126)
2Was im Westen missfällt, muss nicht unbedingt auch im Orient missfallen. Zu einen sind die Menschen dort grundsätzlich sehr viel religiöser eingestellt als etwa im protestantischen Teil Europas, zum anderen bietet der Islam den größten gemeinsamen Nenner von Oppositionsbewegungen in einem repressiven Umfeld. Säkulare Bewegungen können sich erst im Kontext einer Industriegesellschaft durchsetzen, in der arabisch-islamischen Welt dominieren aber feudalstaatliche Elemente. Anders gesagt: eine Protestpartei oder Bewegung, die sich nicht auf den vorherrschenden Bezugsrahmen von Identität und Glauben bezieht, die nicht erkennbar islamisch verwurzelt ist, schafft es niemals an die Macht." (128)
"Wer den Wahhabismus, Al-Quaida oder den Islamischen Staat geschwächt sehen möchte, tut gut daran, in den Muslimbrüdern eine Alternative zu erkennen." (130)
"Dort, wo die arabische Revolte im Dezember 2010 ihren Anfang genommen hatte, zog die Ennahda- (Renaissance-) Partei, die tunesische Variante der Muslimbrüder, im Oktober 2011 als stärkste Fraktion in die gewählte Verfassungsversammlung ein, die gleichzeitig als Übergangsregierung diente. (...)
Die Ennahda-Partei unter Führung von Rashid al-Ghannouchi, (...), hat die im Januar 2014 ratifizierte Verfassung, die fortschrittlichste in der arabisch-islamischen Welt, maßgeblich mitgetragen. Ausdrücklich beruft sie sich auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als eine ihrer Säulen, ebenso auf einen offenen wie toleranten Islam. Die Verfassung garantiert alle Bürgern Glaubensfreiheit." (131)
"Westliche Politik begeht einen großen Fehler, indem sie den Wahhabismus gewähren lässt, die Muslimbrüder hingegen als Bedrohung sieht. Richtig wäre es andersherum. Der zweite große Fehler besteht in der irrigen Annahme, eine sunnitische Koalition der Golfstaaten und der Türkei wäre in der Lage, den Islamischen Staat zu besiegen." (133)
"Die Grundsatzstrategie im Umgang mit dem Iran legten Israel und AIPAC (...), die größte Lobbyorganisation Israels in Washington, bereits im April 1995 vor, (...). Ein Plädoyer also für umfassende US-Sanktionen gegen den Iran." (135)
"Müssten irgendwo auf der Welt Menschen jüdischen Glaubens unter ähnlichen Bedingungen leben wie Palästinenser unter israelischer Besatzung, würden sie Vergleichbares durchleiden wie die Bewohner des Gazastreifens im Sommer 2014, gäbe es einen Aufschrei des Entsetzens in westlicher Politik und Publizistik. (..)
Die einseitige Parteinahme für Israel hat Folgen. Sie entwertet Begriffe wie Demokratie und Menschenrechte im Orient, die als Synonyme gelten für Heuchelei und Doppelmoral. Sie schwächt die Gemäßigten unter den Arabern, sie stärkt islamistische Bewegungen uns die trägt bei zur Radikalisierung der Straße, nicht zuletzt unter muslimischen Einwanderern." (144-145)
"Amerika und die EU haben sich auf schamlose Weise Israel angedient, indem sie die Hamas-Regierung verfemten und dämonisierten, (...). Auf diese Weise ist eine völlig absurde Situatione entstanden, dass ein beträchtlicher Teil der internationalen Gemeinschaft Wirtschaftssanktionen nicht etwas gegen den Besatzer verhängt, sondern gegen diejenigen, der unter Besatzung lebt. Nicht gegen die Unterdrücker, sondern gegen die Unterdrückten. Wie schon so oft in der tragischen Geschichte Palästinas wurden die Opfer für ihr Unglück selbst verantwortlich gemacht." (153)
"UN-Generalsekretär Bank Ki-moon bezeichnete die Zerstörungen im Gazastreifen bei eine Besuch im Oktober 2014 als jenseits jeglicher Beschreibung. Etwa 2200 Tote, mehr als 10 000 Verletzte, ganze Stadtteile dem Erdboden gleich gemacht, 175 Fabriken zerstört. Riesige Trümmerberge, geschätzte vier Millionen Tonnen Schutt, ohne Chance auf Entsorgung." (157)
"Die Europäische Union hat seit Oslo 1993 Hunderte Millionen Euro in die Infrastruktur des Gazastreifens investiert, einschließlich des Baus eines Flughafens. Alles zerstört, stets mit der Begründung: Die Hamas nutze sie für terroristische Zwecke. Nie hat die Europäische Union Israel dafür die Rechnung gestellt oder rote Linien aufgezeichnet. (...)
Im Juli 2014 verlangten sechs Friedensnobelpreisträger, (....) und mit ihnen Hunderte von Intellektuellen aus allen Teilen der Welt (...) als Reaktion auf Israels Vorgehen im Gazastreifen jedwede militärische Zusammenarbeit mit dem jüdischen Staat zu beenden. Die Bundesregierung geht den entgegengesetzten Weg. Im Oktober beschloss sie, Tel Aviv zwei Korvetten zu verkaufen. Sie kosten eigentlich eine Milliarde Euro, aber eingedenk der besonderen historischen Verantwortung gegenüber Israel gewährte Berlin eine Preisnachlass von 300 Millionen Euro aus Steuergeldern. Rechnet man die Subventionen für den Verkauf von insgesamt acht U-Booten an Israel seit Beginn der 2000er Jahre hinzu, hat sich der hiesige Steuerzahler mit knapp zwei Milliarden Euro an Rüstungsgeschäften mit Israel beteiligt - obwohl Berlin offiziell keine Waffen in Kriegsgebiete verkauft." (159)
"Von wenigen Ausnahmen abgesehen waren die Medien wie gleichgeschaltet, bejubelten den Waffengang und ersparten ihren Leseren und Zuschauern Bilder des menschlichen Elends im Gazastreifen." (163)
"Innerhalb der frühen zionistischen Bewegung gab es bis Anfang der 1930er Jahre zwei Strömungen. Die eine, die Minderheit, wollte den jüdischen Staat gemeinsam mit den Palästinensern aufbauen. (...) Die Mehrheitsströmung aber verlangte die Eroberung der Arbeit und die Eroberung des Bodens unter Ausgrenzung und Aussiedlung der Palästinenser. Die sogenannten Revisionisten, die geistigen Vorläufer der heutigen Ultranationalisten, waren im Zuge der Staatsgründung Israels 1948 maßgeblich verantwortlich für die Vertreibung von rund 800 000 Palästinenser aus ihrer Heimat, fast die Hälfte der Bevölkerung, auch mit Hilfe von gezielten Massakern. Diese Ursünde ist bis heute ein Tabu und wird nur von einigen wenigen israelischen Historikern und Intellektuellen thematisiert." (165-166)
"Vor diesem Hintergrund spielt sich die jüngste Eskalationsstufe ab, die Verlagerung des nationalen Konflikts zwischen Israel und Palästinensern auf eine religiöse Ebene. Streitpunkt wird zunehmend der Tempelberg. Jüdische Extremisten erheben den Anspruch, auf dem Geländer der Al-Aqsa-Mosche beten zu dürfen. (168)
"Zunächst einmal sticht die große Kluft hervor zwischen dem Freiheitsversprechen westlicher Demokratien und der breiten Blutspur, die sich durch den Orient zieht, als Ergebnis westlicher Militärinterventionen, wirtschaftlicher Strangulierung, der engen Zusammenarbeit noch mit den übelsten Diktaturen, solange sir nur pro-westlich sind." (169)